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Der Junge Lutheraner Frankfurt am Main — Januar 1950, Seite 1
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Der Junge Lutheraner
AUF NICHTS SOLLEN WIR UNS VERLASSEN NOCH TROTZEN,
OHNE AUF DEN HERRN JESUM CHRISTUM † LUTHER†
Nummer 1
Januar 1950
Jahrgang 3
Es ist später, als du denkst
„Weil wir solches wissen, nämlich die Zeit,
daß die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf,
sintemal unser Heil jetzt näher ist, denn da
wirs glaubten." Röm. 13, 11.
Mit einem Satz fährt der Langschläfer aus dem
Bett und ist entsetzt darüber, daß es schon viel
später ist, als er dachte; denn er darf doch nicht
zu spät kommen. — Wie oft ist es uns schon so
ergangen, wenn wir einmal verschlafen hatten und
doch pünktlich im Dienst oder am Zug sein mußten.
Wie wichtig ist es in unserem Alltagsleben, doch
ja die Zeit nicht zu versäumen. Wie steht es in unserem
Glaubensleben damit? Was von unserem Tageslauf
gilt, sollte das nicht für unseren Lebenslauf noch eine
viel höhere Bedeutung haben? Warum erinnert
Gottes Wort uns so oft daran, daß die Zeit so schnell
dahineilt? Warum heißt es im 90. Psalm, daß unser
Leben schnell dahinfährt, „als flögen wir davon"?
Wie spät ist es in unserem Leben?
Weißt Du, wie spät es ist in deinem Leben? Ein
Blick — nicht auf die Uhr, sondern auf den Kalender
— sollte eigentlich genügen. Aber was besagt das
schon für viele unter uns? Sie sind noch so jung.
Das Leben liegt noch so lang und so verheißungsvoll
vor ihnen. Ist es da schon Zeit, besorgt und fragend
einen Blick auf die Uhr — die Lebensuhr zu werfen?
Nun — es ist schon später als du denkst.
Wir schreiben jetzt das Jahr 1950. Ein halbes
Jahrhundert ist wieder dahingegangen. Was hat es
der Welt gebracht? Noch sind in unser aller Erinne⸗
rung die zwei furchtbarsten Kriege, die die Welt
je erlebt hat. Zwischen dem Ende des ersten und dem
Ausbruch des zweiten Weltkrieges liegt die kurze Zeit
von 21 Jahren — genau die Zeit, die ein Mensch
braucht, um mündig zu werden. Und diese beiden
Kriege haben über den weiten Erdkreis hin die Blüte
der Jugend dahingerafft. Junge Menschen, die noch
viele Jahre das Leben zu genießen hofften, mußten
plötzlich dahin „gleich wie ein Gras, das frühe blühet
und bald welk wird." Mußten sie nicht alle plötzlich
erkennen, daß es in ihrem Leben schon sehr viel später
war, als sie gedacht hatten? Ihr Leben hat schneller
ein Ende gefunden, als sie es vorher ahnten.
Wird es im nächsten halben Jahrhundert, in das wir
jetzt eintreten, damit anders sein und besser werden
auf Erden? Alle Welt sehnt sich zwar danach, daß der
Friede auf Erden nicht wieder gestört werde. Aber
traust du diesem Frieden?
Doch ob Krieg oder Friede, das ist unerheblich für
die Frage: „Wie spät ist es in unserem Leben?" Es
gibt genug andere Tatsachen, die uns an der Schwelle
eines neuen Jahres aufrütteln sollten aus unserer
Schläfrigkeit und Trägheit und uns sagen: „Die
Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf!"
Beunruhigende Zahlen
Einige Zahlen mögen das belegen. Im Jahre 1946,
das kein Kriegsjahr mehr war, starben 29 877 120
Menschen auf Erden. Das bedeutet, daß täglich
82 080, stündlich 3 420 und in jeder Minute 57
Menschen starben, also nahezu 1 Mensch in jeder
Sekunde. Mit jedem Sekundenschlag der Uhr hört
also irgendwo in der weiten Welt ein Menschenherz
zu schlagen auf. Wann wird dein Herz seinen letzten
Schlag tun? Oder glaubst du immer noch, du seiest
zu jung, um darüber nachzudenken und mit dem
greisen Moses zu beten: „HErr, lehre uns bedenken,
daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden."?
Warum ruft Gottes Wort uns so eindringlich zu:
„Heute, wie gesagt ist, heute, so ihr seine
Stimme hören werdet, so verstocket eure Herzen
nicht."?
Eine dringende Aufgabe
Wie spät ist es? So fragen wir nicht nur, wenn
wir morgens rechtzeitig aufstehen wollen. So fragen
wir auch oft während der Arbeit, um festzustellen,
ob wir noch genug Zeit haben, die uns gestellte
Aufgabe zu erfüllen. Und wir erschrecken wohl auch
zuweilen, wenn wir bei einer dringenden Arbeit mer⸗
ken, daß es schon später ist, als wir dachten. Werden
wir die Arbeit noch schaffen?
Auch als Christen haben wir, solange wir auf Erden
leben, eine Aufgabe und sind — auch jetzt schon in
unserer Jugend — vor die Mahnung gestellt: „Kaufet
die Zeit aus!" Denken wir an das Wort unseres
Heilandes: „Ich muß wirken die Werke des, der mich
gesandt hat, solange es Tag ist, es kommt die Nacht,
da niemand wirken kann." Er ruft uns zu: „Gleich⸗
wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch."
Wissen wir, wie lange es für uns noch Tag ist,
daß wir in dieser uns gestellten Aufgabe wirken
können? Und müssen wir nicht beschämt zurückdenken
an das vergangene Jahr? Wieviel kostbare Zeit haben
wir da nutzlos vertan?
Oder verkennen wir die Größe der uns gestellten
Aufgabe, daß wir meinen, träge und müßig sein zu
dürfen?
Nochmals Zahlen
Man schätzt die Bevölkerung der Erde auf über
2 Milliarden Menschen. Davon sollen etwa 700
Millionen Menschen sich zum Christentum bekennen.
Wenn dem wirklich so ist, dann sind nur etwa ein
Drittel aller Menschen Christen, womit noch nicht
gesagt ist, daß diese auch alle den rechten seligmachen⸗
den Glauben im Herzen tragen; denn wieviele be⸗
gnügen sich heute damit, daß sie nur äußerlich den
Christennamen tragen. 20 Millionen Menschen aber
sterben jährlich, ohne überhaupt etwas von dem Weg
zum ewigen Leben zu wissen, das sind von den
57 Menschen, die in jeder Minute in die Ewigkeit
abberufen werden, 38 Menschen, die Jesum Christum
nicht kennen. Warum diese Unwissenheit bei so vielen
Menschen? Liegt es nicht daran, daß die meisten
Christen überall in der Welt ihre Zeit nicht aus⸗
kaufen? Du hast im Glauben an deinen Heiland die
Der Jüngling zu Nain
Gewißheit des ewigen Lebens. Was tust du, damit
auch andere es hören und erkennen: „Es ist in
keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name
den Menschen gegeben, darinnen sie sollen selig
werden"?
Ehe es zu spät ist
Die „Zeichen der Zeit" deuten immer eindringlicher
darauf hin, daß der Tag Christi nahe ist. Wir müssen
aus allem Zeitgeschehen immer klarer erkennen, daß
jetzt die Zeit ist, von der es in der Heiligen Schrift
heißt: „Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird
Satanas los werden aus seinem Gefängnis." Und
warnend wird von ihm gesagt: „Er hat einen großen
Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat." Er weiß,
was er will.
Wir aber stehen mitten in der großen Auseinander⸗
setzung und sind noch so träge und gleichgültig. Wir
lassen uns nicht gern an beunruhigende Tatsachen
erinnern, sondern setzen uns gern über alle Beun⸗
ruhigung hinweg mit dem Gedanken, daß es noch
nicht so spät ist und wir noch reichlich Zeit haben.
Aber die Frage des Heilandes: „Wenn des Menschen
Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde
Glauben finden auf Erden?" sollte uns doch sehr
nachdenklich machen, daß wir uns selbst prüfen und
nicht auf morgen verschieben, was wir heute an⸗
greifen und ausrichten sollen: „Ermahnet euch selbst
alle Tage", ruft die Schrift uns zu, „solange
es heute heißt."
Aus der beunruhigenden Feststellung: „Es ist schon
später, als wir dachten", kann einmal ganz plötzlich
die erschreckende Feststellung werden: „Es ist zu spät!"
Kennst du die Geschichte von dem König Belsazar?
Bei einem Festmahl wurden durch eine geheimnisvolle
Hand vor seinen erschrockenen Augen die Worte an
die Wand geschrieben: „Mene, mene, tekel, upharsin."
(Daniel 6, 25—28). Es half dem Belsazar nichts,
daß er noch schnell den Daniel, der ihm diese ge⸗
heimnisvolle Schrift deutete, in Purpur kleiden und
mit goldenen Ketten schmücken ließ. Die Geschichte
endet mit den Worten: „Aber des Nachts ward der
Chaldäer König getötet."
Auch wir sollen nicht meinen, daß wir in letzter
Stunde noch nachholen können, was wir Jahre hin⸗
durch versäumt haben. Darum wollen wir uns in
der Jugend nicht aufs Alter vertrösten, sondern ins
neue Jahr die Mahnung des Heilands mitnehmen:
„Darum wachet, denn ihr wisset nicht, welche Stunde
euer HErr kommen wird."
Heinrich Huebener
„Man soll arbeiten,
als wollte man
ewig leben, und
doch also gesinnet
sein, als sollten wir
diese Stunde sterben."
Luther
English translation AI translation
The Young Lutheran
WE SHOULD RELY ON NOTHING NOR PRESUME UPON ANYTHING, EXCEPT THE LORD JESUS CHRIST † LUTHER †
Number 1
January 1950
Volume 3
It Is Later Than You Think
"And do this, knowing the time, that the hour has come to wake from sleep; for our salvation is nearer now than when we first believed." Romans 13:11.
With a single motion the late sleeper springs out of bed, horrified to find that it is already much later than he thought; for he must not be late. How often has this happened to us, when we had overslept and yet had to be punctual for work or for the train. How important it is in our everyday life not to let the time slip away. How does it stand with this in our life of faith? Should what applies to the course of our day not have a far higher significance for the course of our life? Why does God's Word remind us so often that time hurries by so quickly? Why does it say in Psalm 90 that our life passes swiftly away, "as though we flew away"?
How Late Is It in Our Life?
Do you know how late it is in your life? A glance — not at the clock, but at the calendar — ought really to be enough. But what does that mean yet for many among us? They are still so young. Life still lies before them, so long and so full of promise. Is it already time to cast an anxious, questioning glance at the clock — the clock of life? Well — it is already later than you think. We are now writing the year 1950. Half a century has once again passed away. What has it brought the world? Still fresh in all our memories are the two most terrible wars the world has ever experienced. Between the end of the first and the outbreak of the second World War lies the short span of twenty-one years — exactly the time a person needs to come of age. And these two wars carried off the flower of youth across the whole wide world. Young people who still hoped to enjoy many more years of life suddenly had to perish, "like grass that flourishes early and soon withers." Did they not all have to recognize suddenly that in their lives it was already much later than they had thought? Their lives came to an end sooner than they had ever imagined. Will it be any different, and better, on earth in the next half century that we are now entering? To be sure, all the world longs for peace on earth not to be disturbed again. But do you trust this peace? Yet whether war or peace, that is beside the point for the question: "How late is it in our life?" There are plenty of other facts that ought to rouse us, at the threshold of a new year, out of our drowsiness and sluggishness, and tell us: "The hour has come to rise from sleep!"
Disturbing Numbers
Some figures may bear this out. In the year 1946, which was no longer a year of war, 29,877,120 people died on earth. That means that 82,080 people died every day, 3,420 every hour, and 57 every minute — that is, nearly one person every second. So with every tick of the second hand, somewhere in the wide world a human heart stops beating. When will your heart take its last beat? Or do you still believe you are too young to think about this, and to pray with the aged Moses: "Lord, teach us to number our days, that we may apply our hearts unto wisdom"?
Why does God's Word call out to us so urgently: "Today, as it is said, today, if you will hear his voice, harden not your hearts"?
An Urgent Task
How late is it? We do not ask this only when we want to get up on time in the morning. We also often ask it during our work, to determine whether we still have enough time to complete the task set before us. And we are sometimes startled, too, when in the midst of urgent work we notice that it is already later than we thought. Will we still get the work done?
As Christians too, for as long as we live on earth, we have a task, and we are confronted — even now, already in our youth — with the admonition: "Redeem the time!" Let us think of the word of our Savior: "I must work the works of him who sent me, while it is day; the night comes, when no one can work." He calls out to us: "As the Father has sent me, so I send you." Do we know how much longer it will be day for us, so that we can labor at the task set before us? And must we not think back with shame on the past year? How much precious time have we squandered uselessly? Or do we fail to recognize the greatness of the task set before us, imagining that we may be idle and slothful?
Numbers Again
It is estimated that the population of the earth is more than 2 billion people. Of these, about 700 million people are said to profess Christianity. If this is really so, then only about a third of all people are Christians — and even this does not yet say that all of them also carry the true, saving faith in their hearts; for how many today content themselves with bearing only the outward name of Christian. But 20 million people die every year without knowing anything at all of the way to eternal life — that is, of the 57 people who are called into eternity every minute, 38 people who do not know Jesus Christ. Why this ignorance among so many people? Is it not because most Christians everywhere in the world fail to redeem their time? You have, through faith in your Savior, the
[Image: Der Jüngling zu Nain — "The Young Man of Nain"]
certainty of eternal life. What are you doing, so that others too may hear and recognize: "There is salvation in no one else, for there is no other name given among men by which we must be saved"?
Before It Is Too Late
The "signs of the times" point ever more urgently to the fact that the day of Christ is near. From everything happening in our time we must recognize ever more clearly that this is now the time of which Holy Scripture says: "And when the thousand years are finished, Satan will be loosed out of his prison." And it is said of him, as a warning: "He has great wrath, knowing that he has but a short time." He knows what he wants.
But we ourselves stand in the midst of the great conflict and are still so sluggish and indifferent. We do not like to be reminded of disturbing facts, but gladly set aside all disquiet with the thought that it is not yet so late and that we still have plenty of time. But the Savior's question: "When the Son of Man comes, will he find faith on the earth?" ought indeed to make us very thoughtful, so that we examine ourselves and do not put off until tomorrow what we ought to take up and accomplish today: "Exhort yourselves daily," Scripture calls out to us, "while it is still called today." Out of the disquieting realization, "It is already later than we thought," there can suddenly arise, all at once, the terrifying realization: "It is too late!" Do you know the story of King Belshazzar? At a banquet, a mysterious hand wrote the words on the wall before his terrified eyes: "Mene, mene, tekel, upharsin" (Daniel 6:25–28). It did Belshazzar no good that he hastily had Daniel — who interpreted this mysterious writing for him — clothed in purple and adorned with golden chains. The story ends with the words: "But in that night was the Chaldean king slain." We too should not imagine that at the last hour we can still make up for what we have neglected for years. Therefore, let us not put off our youth in hope of old age, but instead carry with us into the new year the Savior's admonition: "Watch therefore, for you do not know at what hour your Lord will come."
Heinrich Huebener
"One should work as though one wanted to live forever, and yet be so minded as though we were to die this very hour."
Luther