Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 26 › Seite 205

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-08-03, Seite 205

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ſie dem Gläubigen zugerechnet wird, ſo daß die
Gerechtigkeit des Gläubigen vor Gott und allen
Engeln immer eine vollkommene iſt, und nicht
mehr wachſen und zunehmen kann. Somit iſt
die Rechtfertigung als das Werk des alleinigen
Gottes vollkommen. Daß aber die Heiligung
des Menſchen in dieſem Leben keine vollkom⸗
mene iſt, kommt daher, weil die Heiligung nicht
kloh Gottes, ſondern zum Theil auch unſer
Werk iſt, ſofern der Wille des wiedergeborenen
Nenſchen in allen Werken des heil. Geiſtes, die
er durch uns thut, und ſo auch in der Tödtung
des alten Adams mitwirkt. Da nun unſer
Mitwirken in keinem Augenblicke ein vollendetes
iſt wegen der uns immer anklebenden Sünde,
ſo kann auch unſere Heiligung in dieſem Leben
keine volllommene werden.
Dieſes leugnen die Methodiſten-Prediger
und behaupten, der Menſch konne ſchon in die⸗
ſeu Leben zu fündloſer Heiligkeit gelangen.
Allein dieſen Irrthum widerlegt Gottes Wort
mit unzähligen klaren Sprüchen. So heißt es
Job. 1, 8. 9.: „So wir ſagen, wir haben
kine Sünde, ſo verführen wir uns ſelbſt, und
die Wahrheit iſt nicht in uns. So wir aber
unſere Sünden bekennen, fo iſt er treu und ge⸗
recht, vaß er uns die Sünden vergiedt und rei⸗
niget uns von aller Untugend.“ Mit dieſen
Worten bekennet der heil. Apoſtel ſich für einen
armen Sünder, bekennt, daß in ihm noch Sünde
ſei und nennt denjenigen einen Lügner und
Verführer, der ſich für einen ſündloſen Heiligen
rühmt. Doch Herr M. fragt mich: „Wenn
Gon uns alſo reinigt von aller Untugend, und
Untugend nach 1 Joh. 5, 17. Sände iſt, ſo
möchte ich gerne von dem gelehrten Herrm wiſſen,
wir viel Sünde nach der Reinigung durch Chri—
ſo noch im Herzen übrig bleiben darf.“ Mit
vieſer Frage beweiſt Herr M. nur, daß er we⸗
der weiß, was Rechtfertigung, noch was Heili⸗
gung iſt. Die Worte: „Chriſtus reiniget uns
von aller untu gend“, ſind ein erklärender Zu⸗
ſatz zu: „er vergiebt uns die Sünden“ wie
renn die Rechtfertigung ſehr oft als Reinigung
und Abwaſchung von der Sünde mit dem Blute
Chriſti beſchrieben wird. Gott reiniget uns
övon aller Untugend, indem er den Unflath aller
„ unſerer Untugend durch Chriſti heiliges Blut
hinwegnimmt, d. h. indem er uns Chriſti Ge⸗
rechtigkeit zurechnet und uns deßhalb alle Sünde
vergiebt. Darum bleibt in uns nach der Recht⸗
fertigung keine verdammliche Sünde, keine
Sündenſchuld mehr übrig; auch die Sünden,
welche wir täglich aus Schwachheit begehen,
verdammen uns nicht, wenn wir nur durch den

ſpricht: „So iſt nun nichts Verdammliches an
kenen, die in Chriſto Jeſu ſind.“ Röm. 8, 1.
Wenn aber Jemand dieſe Worte auf die Heili⸗
gung beziehen wollte, dann würde nach dem
Zuſammenhange der hl. Schrift dies der Sinn
ſein: Gott reiniget uns von aller

in uns die Sünde ertödtet, welche Ertödtung
der Sünde in dieſem Leben zwar noch unvoll⸗
kommen bleibt, in jener Welt aber vollendet

Glauben in Chriſto bleiben; denn der ApoſtelI

Untugend, indem er durch ſeinen heiligen Geiſt

— 205̃—

wird. Unmöglich aber können dieſt Worte:
Gott reiniget uns von aller Untugend — den
Sinn haben, welchen Herr M. will, nämlich:
Gott macht uns ſchon in dieſem Leben zu voll⸗
kommenen Heiligen, in denen keine Sünde mehr
übrig iſt. Denn wer, von ſeinem Hochmuthe
verblendet, dieſe Stelle ſo mißverſteht und ſagt:
ich habe keine Sünde mehr, — der iſt nach
dem vorhergehenden Verſe ein Lügner und Ver⸗
führer.

Der heilige Apoſtel Johannes, der doch be⸗
kehrt war, wie das auch Herr M. zugeben
wird, weiß nichts von der methodiſtiſchen Hei⸗

ligungs⸗Gnade; er bekennt ſich für einen armen

Sünder; ja er ſtraft den als einen Lügner und
Verführer, der da ſagt, er habe keine Sünde.
Doch hören wir den heil. Apoſtel Paulus, der
doch gewiß auch bekehrt war, ob der nicht
vielleicht eiwas von der Heiligungs-Gnade ſagt,
wovon die Methodiſten⸗Prediger ſo viel Rüh⸗
mens machen. Der Apoſtel ſagt 1 Tim. 1,
15.: „Das iſt je gewißlich wahr und ein theuer
werthes Wort, daß Chriſtus Jeſus gekommen
iſt in die Welt, die Sünder ſelig zu machen,
unter welchen ich der vornehmſte bin.“
Wenn irgend einer von den heiligen Apoſte lun
die methodiſtiſche Heiligungs-Gnade gehabt hat,
ſo ſollte man erwarten, der heil. Paulus müßte
ſie haben, der in Wahrheit von ſich ſagen konn⸗
te: „Ich habe viel mehr gearbeitet, denn ſie
alle, nicht aber ich, ſondern die Gnade Gottes,
die mit mir iſt.“ 1 Cor. 15, 10. Was aber
ſagt der Apoſtel? Sagt er etwa: Ich bin vor
vielen Jahren einmal der vornehmſte unter den
Sündern geweſen, jetzt aber, ſeitdem ich die
Heiligungsgnade erlangt habe, ſtrahle ich im
Glanze fleckenloſer Heiligkeit.? Dann hätte
freilich Herr M. mit ſeiner Heiligungs-Gnade
Recht. Allein der hl. Apoſtel ſagt gerade das
Gegentheilz er ſpricht: ich bin der vornehmſte
unter den Sündern —, womit er auf das Klar⸗

ſte bezeugt, daß er nicht bloß früher viele große

Sünden begangen habe, ſondern daß er auch
jetzt noch ein Sünder ſei, indem er auch jetzt
noch Sünde in ſich habe und täglich aus
Schwachheit viel ſündige, wie das alle Wieder⸗
geborenen mit David bekennen: „Wer kann
merken, wie oft er fehle? Verzeihe mir die ver⸗
borgenen Fehler.“ Pſ. 19, 13.

Doch Herr M. wendet Folgendes ein: „Fer⸗
ner fand ich, daß St. Paulus 1 Theſſ. 5, 23.
betet: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige
euch durch und durch, und euer Geiſt ganz,
ſammt der Seele und dem Leib, müſſe behalten
werden unſträflich auf die Zukunft unſeres Herrn
eſu Chriſti. Getreu iſt er, der euch ruft, wel⸗
cher wird es auch thun.“ Nun mchte ich doch
gerne von dem Herrn Einſender Belehrung ha⸗
ben über folgende drei Punkte: 1., Ob der
Apoſtel dieſes Gebet durch die Eingebung des
heiligen Geiſtes gebetet; 2., ob er erhört wur⸗
de, und 3., wann er erhört wurde.“

Wir geben dem Herrn M. uit Freuden die
gewünſchte Belehrung; möchte er diefelbe nur
treulich annehmen, da es die Wahrheit iſt.
Auf ſeine beiden erſten Fragen antworten wir

natitrlich mit Ja, auf die driue: Bei der Wit⸗
derfunft Chriſti wird der Apoſtel erhört werden.
Der Apoſtel ſchreibt Gott keine beſtimmte Zeit
vor; er ſagt nicht, binnen 4 Wochen oder bin⸗
nen Jahresfriſt heilige Gott euch durch und
durch, ſondern er betet zunächſt im Allgemeinen,
daß Gott ſie durch und durch heiligen möge.
Und dieß Gebet hat Gott gewiß erhört. Er
wird jene Chriſten durch ſeinen heiligen Geiſt
von Tage zu Tage immer mehr erleuchtet haben,
daß ſie ihr ſündliches Verderben immer bußfer—
tiger erkannten, vor dem Orrthum, als hätten
ſie keine Sünde, ſich wie vor dem Teufel ſelber
hüteten, und im Glauben an Chriſtum immer
reicher an allen chriſtlichen Tugenden und gu—
ten Werken wurden. Indem dann der Apoſtel
fortfährt: „und euer Geiſt ganz ſaumt der
Seele und dem Leibe müſſe behalten werden
unſträflich auf die Zukunft unſeres Herrn Jeſu
Chriſti,“ ſo offenbart er damit, wann dir Heili⸗
gung der Gläubigen zur Vollendung kommen
werde, nämlich am jüngſten Tage bei der Wie—
derkunft Chriſti. Denn dann wird auch die
letzte Folge des Sündenfalles, der Tod, aufge⸗
hoben werden, dann werden die Seelen der
Gläubigen in der Auferſtehung ſich wieder mit
ihren Leibern vereinigen, dann werden die
Gläubigen an Leib, Seele und Geiſt durch
und durch heilig, vollkommen und unſträflich
ſein.
Schluß folgt.
(Eingeſandt).

Rührende Nächſtenliebe der freien Männer.

Nro. 19 der „Freien Blätter“ enthält die Ver⸗
faſſung des Unterſtützungs-Vereins der Freien
Männer. Darin lautet 8§ Y buchſtäblich alſo:
„Sollte eine und dieſelbe Krankheit eines Mit—
gliedes länger als gewöhnlich dauern, ſo zahlt
der Verein, während der erſten drei Monate die
volle wöchentliche Unterſtützung, während der
nächſten drei Monate die Hälfte davon und nach
ſechs Monaten hört die Unterſtützuug
ganz auf. Da nun nach 9 7 die volle wö⸗
chenttiche Unterſtützung ſich auf vier Dollars be⸗
käuft, ſo beträgt die geſammte Unterſtützung,
welche der Verein der freien Männer einem kran⸗
ken Mitbruder während ſechs Monate gewährt,
höchſtens 80 Dollars. Dann hört ſie auf; mag
das Mitglied dann auch noch ferner kranken,
mag es mit ſeiner Familie in Hunger und Elend
verſchmachten: — Die Unterſtützung hört auf.
Nach der Verfaſſung dieſes Vereins wird alſo
ein freier Mann 80 Dollars werth geſchätzt, ſo
viel, als ein mittelmäßiges Pferd koſtet. Rüh⸗
rende Selbſterniedrigung, rührende Liebe, die
für den kranken Mitbruder nur 80, ſage achtzig
Dollars giebt und ihn dann ſeinem Elende über⸗
läßt.

Dieſe unmenſchliche Hartherzigkeit, welche je⸗
der Menſchenfreund verabſcheut, ſei er nun Heide
oder Türke, folgt übrigens ganz conſequent aus
der neuen koſtbaren Religion des Herrn Schmidt,
welcher bekanntlich das Daſein Gottes und die
Fortdaner der Seele nach dem Tode läugnet.

English translation

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