Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 12 › Seite 94
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-02-02, Seite 94
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
—
2*
folgenden Vergleich: Alle Artikel des Glaubens
ſind wie eine goldene Kette mit einander verbun⸗
den und verſchlungen, daher wird, wenn nur
ein Ring zerbricht, die ganze Kette zerriſſen.
Wenn es alſo der Teufel dahin bringt, daß nur
in einem einzigen Artikel ſeiner Verführung
Raum gegeben wird, ſo iſt er ſchon Sieger ge⸗
worden, denn es iſt daſſelbe, als wenn er uns
alle Artikel entriſſen hätte, weil er die übrigen
dann mit leichter Mühe verderben und uns ent⸗
rei ßen kann.
Ein lebendiges Beiſpiel davon bieten uns das
vorige und das gegenwärtige Jahrhundert in
den Anhängern Zwinglis und Calvins;
denn dieſe leugneten zuerſt die wahre, weſentliche
und übernatürliche Gegenwart des Leibes und
Blutes Chriſti im Abendmahl; aus dieſem einen
Irrthume ſind ſie in mehrere andere gefallen.
Als die Unſern darauf drangen, daß der Wille
Chriſti, des Gottmenſchen, aus den Einſetzungs⸗
worten offenbar ſei, über die Macht aber denen
kein Zweifel bleibe, die da glauben, Chriſtus ſei
der allmächtige Sohn des allmächtigen Vaters;
ſo wurde von den Widerſachern geantwortet,
Gott könne mit aller ſeiner Macht nicht bewir⸗
ken, daß der Leib Chriſti zugleich und auf einmal
zu einer und derſelben Zeit an mehreren Orten
weſentlich gegenwärtig ſei. So wurde alſo
die Reinheit des Artikels von Gott angetaſtet.
Um die Abweſenheit des Leibes Chriſti beim
Abendmahle behaupten zu können, wurde von
den Gegnern der Beweis von der Himmelfahrt
Chriſti hergenommen. Die Unſrigen antworte⸗
ten, der Himmelfahrt ſei das Sitzen zur Rechten
des Vaters gefolgt, durch welche Chriſto alle Ge⸗
walt im Himmel und auf Erden und volle Herr⸗
ſchaft über alle Dinge zugefallen ſei; deshalb
ſei es ihm ſehr leicht, zu leiſten, was er verſpro⸗
chen habe. Hier fingen die Widerſacher an, ge⸗
gen die Mittheilung der göttlichen Eigenſchaften
zu ſtreiten und legten das Sitzen zur Rechten
Gottes von einem beſtimmten Orte des Himmels
aus.) So wurde mithin die Reinheit des Ar⸗
tikels von der Perſon Chriſti verderbt. Als die
Unſern behaupteten, St. Paulus habe mit aus⸗
drücklichen Worten gelehrt, daß die Unwürdigen
im Abendmahl den Leib und das Blut Chriſti
genießen, und daraus die wahre und weſentliche
Gegenwart des Leibes und Blutes Chriſti im
heil. Abendmahle bewieſen; ſo antworteten die
Gegner, die Gottloſen, wahrer Reue und wah⸗
ren Glaubens ermangelnd, hätten weder geiſt⸗
lich (was wahr iſt), noch auch ſaeramentlich
Theil an dem Leibe und Blute Chriſti im heil.
Abendmahl, indem ſie durch einen unbedingten
Rathſchluß Gottes verworfen und nicht durch
das Blut Chriſti erlöſet ſeien.) Somit wurde
daher die Reinheit des Artikels von der Gnaden⸗
wahl angetaſtet. Als zur Behauptung der Ge⸗
genwart des Leibes und Blutes Chriſti im
3) Martyr. Dial. de Pantachorisie p. 6. f. 94. Tigurini
in resp. ad Testam. Brent. Collocutores adversae partis
in coll. Mompelg. p.
4) Bulling. in tract. de verb. coenae. Beza volum.
Th 6ol. I. P. 601.
5) Colloqu. Mompelg. fol. 717. Zanch. iniscell. fol.
— 4—
Abendmahle von den Unſrigen ein Unterſchied
zwiſchen den Saceramenten des A. und denen
des N. Teſt. angegeben wurde, daß nämlich jene
nur den Schatten, dieſe aber das Weſen der
himmliſchen Güter hätten; ſo antworteten die
Gegner, die Sacramente des A. und N. Teſt.
ſeien dem Weſen nach dieſelben, der Unterſchied
derſelben beſtehe nur in einigen zufälligen Ne⸗
bendingen, als in Zeichen und Gebräuchen, in
der Weiſe abzubilden, in der Dauer, im Um⸗
fang, in der Klarheit u. ſ. w. ) Somit wurde
alſo die Reinheit des Artikels von den Sacra—
menten vernichtet. Als die Unſern behaupteten,
die äußeren Zeichen in den Sacramenten des N.
Teſt. bedeuteten nicht, ſondern theilten die himm⸗
liſchen Güter mit, und ſolches an dem Beiſpiel
der Taufe nachwieſen, die da iſt das Bad der
Wiedergeburt und Erneuerung Tit. 3, 5., nicht
aber ihr bloßes Zeichen; ſo antworteten die Geg⸗
ner, das ſeien uneigentliche und figürliche Rede⸗
weiſen, daß die Taufe ſei die Abwaſchung von
Sünden und das Bad der Wiedergeburt; die
eigentliche Art zu reden ſei: ſie iſt das Zeichen
der Abwaſchung von Sünden.) Somit wurde
alſo die Reinheit des Artikels von der Taufe
verderbt. Um zu erhalten, daß das Verhältniß
der äußerlichen Zeichen der Sacramente zu ihrem
Inhalte in dem bloßen Bedeuten beſtehe, nah⸗
men die Gegner den Beweis vom Brechen des
Brodtes. Wie das Brechen des Brodtes die
Kreuzigung Chriſti bedeutet, ſo bedeutet das
Brodt im heil. Abendmahle den Leib Chriſti.
Die Unſrigen antworteten, Chriſtus habe bei
der Verwaltung des erſten Abendmahls das
Brodt nicht gebrochen, um etwas dadurch vor—
zuſtellen, ſondern der Austheilung wegen, wozu
das unzertheilte Brodt auf dieſe Weiſe ſei zube⸗
reitet worden; daraus entſtanden die Streitig⸗
keiten über die Nothwendigkeit und den Zweck
des Brodtbrechens.
Aus dieſen Irrthümern ſind weiter nachher
mehrere andere hervorgegangen. Wie viel Irrthü—
mer hat nicht jener einzige Rathſchluß der abſo⸗
uten Verwerfung in der Schule der Widerſacher
erzeugt? Gewißlich ſind aus jenem Grundſatz
die Lehrſätze gefloſſen, Bott habe nicht nur zur
Verdammung, ſondern auch zu den Urſachen der
Verdammung, nämlich zu den Sünden, einige
Menſchen vorher beſtimmt; der Wille des Zei⸗
chens ſei von dem Willen des Wohlgefallens,
der geoffenbarte Wille von dem verborgenen
verſchieden; was Gott im Worte bezeuge, daß er
wolle, daß alle ſelig werden, und zur Erkenntniß
der Wahrheit kommen, das ſei von dem Willen
des Zeichens und dem geoffenbarten Willen zu
verſtehen, ein anderer aber und davon verſchie⸗
dener ſei der Wille des Wohlgefallens und der
verborgene Wille, vermöge deſſen Gott nach ſeiner
vollkommen freien Willkür, die allen Urſachen
vorhergehe, den größten Theil der Menſchen der
ewigen Verdammniß abſolut und ſchlechthin zu⸗
geſprochen habe; Chriſtus ſei nicht für die Sün⸗
6) Orthod. consens. p. 63. Bucan. 1o0 46. pag. 603.
7) Beza p. 2 resp. ad coll. Mompelg. p. 115 Ursinus
in compend p. 532.
— — .5
1
—
den aller Menſchen geſtorben; die Verheißungen
des Evangelii ſeien nicht allgemein: Alles ge⸗
ſchehe nach einem nothwendigen, unveränderli⸗
chen Rathſchluß Gottes; die Menſchen werden
von Gott gezwungen, angetrieben, bewegt und
geneigt gemacht zu ſündigen; der erſte Menſch
ſei nothwendiger Weiſe gefallen; Gott habe Ei⸗
nige zu ewiger Verdammniß erſchaffen; Viele
werden durch das Wort berufen, von denen Gott
ſchlechthin und abſolut will, daß ſie nicht kommen;
daß man bekehrt und ſelig gemacht werde, ſei nicht
der Wirkung des Worts und der Sacramente
zuzuſchreiben; der wahre Glaube werde nicht
einmal durch Sünden wider das Gewiſſen ver⸗
loren u. ſ. w. Dies iſt der lange Schweif der
Irrthümer, den jener einzige Rathſchluß abſolu⸗
ter Verwerfung nach ſich zieht. Dasſelbe wäre
auch leicht in den übrigen Capiteln zu zeigen, wie
ergiebig nämlich und fruchtbar der Irrthum ſei,
wie er da, wo er angefangen, nicht aufhöre; wor⸗
aus man leicht ſieht, daß jenes Syſtem der ab⸗
ſoluten Verwerfung nicht eine goldene Kette des
Heils, ſondern vielmehr ein verderblicher Strick
der Verzweiflung iſt.
Was werden ſie denn einem Menſchen, der im
Gefühl ſeiner Sünde geängſtet iſt, oder der über
Schwachheit des Glaubens klagt, oder der mit
Gedanken, daß er verworfen ſei, angefochten iſt,
als Troſt geben können? Werden ſie ihn auf die
unbegrenzte Barmherzigkeit Gottes verweiſen?
Aber der Angefochtene wird jenen ſchrecklichen
Rathſchluß von der Verwerfung, wie Calvin')
ihn nennt, entgegen halten, durch den der Barm⸗
herzigkeit Gottes nicht wenig genommen wird.—
Oder auf das Verdienſt Chriſti? Aber der An⸗
gefochtene wird entgegnen, Chriſtus ſei allein für
die Auserwählten geſtorben, und er ſei nicht ge—
wiß, ob er unter der Zahl der Erwählten ſei.
Ja, da in den Schulen der Gegner gelehrt wird,
nur die menſchliche NaturChriſti, nicht die ganze
Perſon habe geltitten, ſo wird er mit Calvin“)
antworten: „Ich bekenne, daß, wenn Jemand
Chriſtum, wie er an und für ſich iſt, dem Gerichte
Gottes entgegenſetzen wollte, für das Verdienſt
kein Platz ſein würde, weil in dem Menſchen
(Chriſto) keine Würdigkeit gefunden wird, durch
welche Gott könnte verdient werden. — Oder
auf die Berufung durch das Wort? Aber der
Angefochtene wird erwiedern, eine andere ſei die
innerliche Berufung, eine andere die äußerliche;
Viele würden äußerlich durch das Wort berufen,
die Gott innerlich nach ſeinem abſoluten Rath⸗
ſchluß verworfen habe, und von denen er deshalb
nicht wolle, daß ſie kämen. — Oder auf die
Verheißungen des Evangelii? Aber der Ange⸗
fochtene wird einwenden, dieſelben ſeien nicht all⸗
gemein und bezögen ſich allein auf die Auser—
wählten, die Gnaͤde werde nur Einigen angebo⸗
ten mit der Abficht, ſie mitzutheilen, wie Pisca⸗
tor ſchreibt). — Oder auf die Taufe, darin er
von Sünden abgewaſchen, vom heiligen Geiſte
wiedergeboren und in den Bund Gottes aufge⸗
nommen ſei? Aber der Angefochtene wird mit
8) Lib. 3 instit. cap. 23 97. 9) Lib. 2 institut. c. 17
8. 1. 10) In disp. de prædest. th. 85.
English translation
Not yet translated.