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Der Junge Lutheraner Frankfurt am Main — September 1950, Seite 33
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Der Junge Lutheraner
AUF NICHTS SOLLEN WIR UNS VERLASSEN NOCH TROTZEN/
OHNE AUF DEN HERRN JESUM CHRISTUM ✝ LUTHER ✝
Nummer 9 September 1950 Jahrgang 3
Schicksalsglaube oder Heilsgewißheit?
Es ist vieles für und gegen den Film „Nachtwache“
geredet und geschrieben worden — auch im „Jungen
Lutheraner“. Der Film war bestimmt besser als so
mancher Detektivreißer oder Liebesfilm, die sonst geboten
werden. Aber gerade wenn ein Film ein christliches
Thema behandelt, müssen wir uns ein klares und
gesundes Urteil darüber bilden.
Wir wollen den Film weder zerreden noch zerpflücken.
Aber wir müssen doch erkennen, was falsch daran war,
sonst ist es mit unserer eigenen Glaubenserkenntnis
nicht sehr weit her, und wir stehen in der Gefahr, daß
wir auch durch solchen an sich ernsten und guten Film
Schaden an unserem Glaubensleben nehmen.
Darum wollen wir hier eins herausgreifen, worin
wir bei diesem Film eine Gefahr sehen:
Die Turmszene
Ein evangelischer Pastor kämpft mit Selbstmordgedanken
. Wollen wir uns darüber entrüsten, wenn
einem Menschen, der sein einziges Kind plötzlich verliert
, solche Gedanken kommen, nachdem sein Letztes,
was er noch an irdischem Glück und Sonnenschein in
diesem Leben hatte, ihm genommen worden ist? Ich
meine, nur wer selbst ein ähnliches Schicksal erleben
mußte und in die Tiefe der Anfechtung geführt wurde,
wird hier mitfühlen können. Es ist etwas anderes, ob
jemand mit solcher Anfechtung ringt — auch Hiob
hat in der Tiefe seines Leids den Tag seiner Geburt
verflucht —, oder ob er darin erliegt. Aber Selbstmordgedanken
sind immer unrecht und eine Sünde vor
Gott, und das Spiel mit dem Gedanken des Selbstmords
ist immer eine furchtbare Gefahr. Wenn dazu
nicht das rechte Wort gesagt wird, kann nur ein sehr
verhängnisvoller Schaden angerichtet werden.
Wie löst der Film „Nachtwache“ diese Frage? Pastor
Heger überwindet die Anfechtung oder wird vielmehr
herausgerissen, als er wahrnimmt, daß der Schauspieler
Gorgas dasselbe wirklich tun will, wozu er selbst versucht
worden war. Aber wo Pastor Heger dann mit
dem Schauspieler redet und ihm schließlich sagt: „Sich
hier fallen lassen, das wäre nicht schwer, aber sich in
Gottes Hände fallen lassen mit und trotz allem, was
geschieht, das ist schwer“, da müssen wir als lutherische
Christen fragen: Ist damit genug gesagt? Denn hier
ist der Pastor nicht mehr mit sich allein in seinem persönlichen
Leid, sondern hier steht er als Christ und
Seelsorger einem andern Menschen gegenüber, der ohne
Glauben ist und unter der Last seiner Schuld zusammenzubrechen
droht. Und da hat er diesem Menschen
, der keine andere Zuflucht kennt als den Selbstmord
, nicht mehr zu sagen? Hier mußte doch das
Zeugnis der göttlichen Wahrheit ganz klar und ganz
deutlich ausgesprochen werden.
Wo wird in der Bibel gesagt, daß es schwer sei, sich
in Gottes Hände fallen zu lassen? Dieser Ausspruch
ist nicht christliche Glaubenswahrheit, sondern ein ganz
verschwommener, farbloser Schicksalsglaube, mit dem
ein so verzweifelter Mensch wie der Schauspieler Gorgas
in seinem Schuldgefühl gar nichts anfangen kann.
Warum wollte Gorgas sich das Leben nehmen? Doch
nicht, weil er etwas tun wollte, was schwer war, sondern
weil er fliehen wollte vor dem, was ihm zu
schwer wurde, weil er im Selbstmord seinem Schuldgefühl
entfliehen wollte.
Das Wort von der Vergebung
Gerade in dem Zwiegespräch auf dem Turm wäre es
möglich und notwendig gewesen, das Wort von
der Vergebung zur Geltung zu bringen. Das aber hat
gefehlt, und darum ist auch der Ausspruch: „Es ist
schwer, sich in Gottes Hände fallen zu lassen“ ein
Wort, das für einen ungläubigen Menschen mit seiner
Schuld auf dem Gewissen nicht ausreicht. Denn was
weiß er von Gottes Händen? Muß da nicht ein solches
Wort ihn erst recht in die Verzweiflung und in
die Verdammnis treiben? Sagt doch die Heilige
Schrift selbst: „Schrecklich ist es, in die Hände des
lebendigen Gottes zu fallen.“ (Hebr. 10, 31) Und das
ist das einzige, was ein Ungläubiger in seinem Gewissen
von Gottes Händen weiß oder ahnt.
Hast du schon einmal Gelegenheit gehabt, mit einem
Menschen zu reden, der sich in seiner Verzweiflung mit
Selbstmordgedanken trug? Glaubst du, es sei das
Richtige, ihm zu sagen, was schwer ist? Muß ihm nicht
vielmehr gesagt werden, daß der Selbstmord die letzte
und furchtbarste Sünde ist, die er noch tun kann, und
die ihn aus dem Dunkel seiner zeitlichen Not nur in
die Nacht der ewigen Verzweiflung und Verdammnis
führen wird? Und muß ihm nicht gesagt werden:
„Auch du hast in aller deiner Lebens⸗ und Gewissensnot
einen Heiland und Erlöser, der dich liebt und selig
machen will, und der dir zuruft: Wenn deine Sünde
gleich blutrot wäre, soll sie doch schneeweiß werden;
und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch
wie Wolle werden. Ich, ich tilge deine Übertretung
um meinetwillen und gedenke deiner Sünde nicht.
Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöset, ich habe dich
bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“?“
In Gottes Hände zu fallen, ist nur tröstlich für den,
der an die Vergebung seiner Sünden glaubt und der
Gnade Gottes gewiß ist. Ja, wer sich im Glauben an
seinen Heiland der Vergebung seiner Sünden tröstet,
der weiß sich bereits geborgen in Gottes Hand. Er
braucht gar nicht mehr etwas zu tun, was schwer ist.
Er braucht sich garnicht erst in Gottes Hände fallen
zu lassen; denn er ist gewiß, daß er in Gottes Hand
steht, und daß nichts, nichts mehr ihn aus Gottes
Hand reißen kann. „Niemand wird sie aus meiner
Hand reißen“, sagt der HErr Jesus und fügt bekräftigend
hinzu: „Niemand kann sie aus meines Vaters
Hand reißen.“ Das muß auch einem Ungläubigen
gesagt werden, der in seiner Not oder unter seiner
Schuld verzweifeln will, damit er gewiß wird, daß die
errettende und vergebende, bewahrende und selig
machende Liebe seines Gottes und Heilandes auch ihm
gilt.
Sieghafte Heilsgewißheit
Das ist die sieghafte Heilsgewißheit, die Gottes Wort
uns durch den Glauben schenkt, und die wir Christen
dem verschwommenen und unklaren Schicksalsglauben
entgegenstellen müssen, der sich nur irgendwie in Gottes
Hände fallen lassen will und lauter trostlose Ungewißheit
ist. Wenn ein Mensch unter der Last seiner
Schuld oder in der Angst seiner Not verzweifeln will,
dann muß ihm doch das gesagt werden, was die unerträglich
schwere Last wirklich von ihm nimmt und seine
Angst wahrhaft stillt. Er muß zu der Heilsgewißheit
geführt werden, die alles Schwere überwindet, daß er
mit den gläubigen Kindern Gottes sprechen lernt:
„Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal
oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder
Blöße oder Fährlichkeit oder Schwert? Aber in dem
allen überwinden wir weit um des willen, der uns geliebet
hat.“
Hätte der Film „Nachtwache“ das gebracht und bezeugt
, dann hätte er den Menschen, die ihn gesehen
haben, wirklich etwas Bleibendes mitgegeben. Dann
aber wäre auch der Gegensatz zwischen katholischer
Frömmigkeit und evangelischer Glaubensüberzeugung
ganz von selbst deutlicher und schärfer hervorgetreten;
denn der römisch⸗katholische Glaube kennt im Gegensatz
zur evangelisch⸗lutherischen Glaubensüberzeugung
keine Heilsgewißheit, die allein auf Gottes Gnade gegründet
ist.
Die Gefahr der Irreführung
Aber diesen Unterschied wollte man wohl gar nicht
hervortreten lassen. Daher kommt es, daß beide Geistliche
in dem Film — der evangelische wie der katholische
— dem ratlosen und verzweifelten Schauspieler
praktisch nichts gesagt und gegeben haben, was einen
verzweifelten Menschen wirklich aus seiner Not herausreißen
kann. Es war ganz offensichtlich die Absicht des
Films, daß ein klarer und entschiedener Glaubensstandpunkt
nicht vertreten, sondern vorsichtig vermieden
werden sollte, damit nicht das Trennende, sondern
das Gemeinsame der beiden Konfessionen zutage trete.
Und das ist eine sehr gefährliche Irreführung der
breiten Masse. Das ist der Tod aller Entschiedenheit
in Glaubensfragen, das Ende aller Dankbarkeit für
Gottes tröstliche und seligmachende Wahrheit und der
Keim und Anfang aller Gleichgültigkeit und Lauheit,
die heute in so erschreckendem Umfang die breiten
Massen in unserm Volk ergriffen hat und beherrscht.
Der Film „Nachtwache“ kann darum nicht als christlich
, sondern allenfalls als ein religiöser Tendenzfilm
bezeichnet werden. Wir aber müssen uns darüber klar
sein, daß nicht ein farbloser religiöser Schicksalsglaube
uns in allen unsern Nöten helfen kann, sondern allein
die christliche Heilsgewißheit, die uns durch Gottes
Wort geschenkt wird, und die wir nun auch mit aller
Kraft und Entschiedenheit den Menschen unserer Zeit
bezeugen wollen.
Hch. Huebener.
[Bild: Zierrahmen mit Zitat]
Es kann niemand sagen oder glauben
, wie es so ein schwer Ding sei,
wo man ein verzagt Herz und Gewissen
, das in Traurigkeit gar ersoffen
ist, aufrichten und wiederum
auferwecken soll. Die ohne Anfechtung
sind, können leicht fröhlich sein;
aber das ist Mühe und Arbeit, wenn
man den, so mit geistlicher Traurigkeit
und Betrübnis darnieder liegt,
wiederum dahin bringen soll, daß er
zu rechter Erkenntnis und Glauben
kommen, und sich der Gnade Gottes
und seiner Güte trösten könne.
MARTIN LUTHER
English translation AI translation
Der Junge Lutheraner
WE SHALL RELY ON NOTHING AND DEFY NOTHING/
EXCEPT ON THE LORD JESUS CHRIST ✝ LUTHER ✝
Number 9 September 1950 Volume 3
Fatalism or Certainty of Salvation?
Much has been said and written for and against the film "Nachtwache" [Night Watch] — including in the "Junge Lutheraner." The film was certainly better than many a detective thriller or love story otherwise on offer. But precisely when a film deals with a Christian theme, we must form a clear and sound judgment about it.
We do not wish to tear the film apart or pick it to pieces. But we must recognize what was wrong with it; otherwise our own understanding of the faith is not very deep, and we stand in danger of taking harm to our life of faith even through such a fundamentally serious and good film.
Therefore we want to single out one thing here in which we see a danger in this film:
The Tower Scene
A Protestant pastor struggles with thoughts of suicide. Shall we be indignant if such thoughts come to a person who suddenly loses his only child, after his last remaining earthly happiness and sunshine in this life has been taken from him? I think only someone who has himself had to experience a similar fate and been led into the depths of temptation will be able to sympathize here. It is one thing whether someone wrestles with such temptation — even Job, in the depths of his suffering, cursed the day of his birth — or whether he succumbs to it. But thoughts of suicide are always wrong and a sin before God, and toying with the thought of suicide is always a terrible danger. If the right word is not spoken in response, only very disastrous harm can result.
How does the film "Nachtwache" resolve this question? Pastor Heger overcomes the temptation, or rather is torn out of it, when he perceives that the actor Gorgas really intends to do the same thing he himself had been tempted to do. But when Pastor Heger then speaks with the actor and finally tells him: "To let yourself fall here, that would not be hard, but to let yourself fall into God's hands with and despite everything that happens, that is hard" — there we as Lutheran Christians must ask: Has enough been said with that? For here the pastor is no longer alone with himself in his personal suffering, but here he stands as a Christian and pastor before another person who is without faith and threatens to break down under the weight of his guilt. And does he have nothing more to say to this person, who knows no other refuge than suicide? Here surely the testimony of divine truth had to be spoken quite clearly and quite distinctly.
Where in the Bible is it said that it is hard to let oneself fall into God's hands? This statement is not Christian truth of faith, but a wholly vague, colorless fatalism, with which a person as desperate as the actor Gorgas, in his sense of guilt, can do absolutely nothing. Why did Gorgas want to take his own life? Surely not because he wanted to do something that was hard, but because he wanted to flee from what had become too hard for him, because through suicide he wanted to escape his sense of guilt.
The Word of Forgiveness
Precisely in the dialogue on the tower it would have been possible and necessary to bring the word of forgiveness to bear. But this was lacking, and therefore the statement, "It is hard to let oneself fall into God's hands," is a word that is not sufficient for an unbelieving person with guilt on his conscience. For what does he know of God's hands? Must not such a word drive him all the more into despair and damnation? For Holy Scripture itself says: "It is a fearful thing to fall into the hands of the living God." (Hebrews 10:31) And that is the only thing an unbeliever knows or suspects in his conscience about God's hands.
Have you ever had occasion to speak with a person who, in his despair, carried thoughts of suicide? Do you believe it is right to tell him what is hard? Must he not rather be told that suicide is the last and most terrible sin he can still commit, and that it will lead him out of the darkness of his temporal distress only into the night of eternal despair and damnation? And must he not be told: "You too have, in all your distress of life and conscience, a Savior and Redeemer who loves you and wants to save you, and who calls out to you: Though your sins be as scarlet, they shall be white as snow; though they be red like crimson, they shall be as wool. I, I blot out your transgressions for my own sake and remember your sins no more. Fear not, I have redeemed you, I have called you by your name, you are mine."?
To fall into God's hands is comforting only for the one who believes in the forgiveness of his sins and is certain of God's grace. Indeed, whoever comforts himself in faith in his Savior with the forgiveness of his sins already knows himself secure in God's hand. He no longer needs to do anything that is hard. He does not need to let himself fall into God's hands at all; for he is certain that he stands in God's hand, and that nothing, nothing more can tear him from God's hand. "No one shall pluck them out of my hand," says the Lord Jesus, and adds emphatically: "No one is able to pluck them out of my Father's hand." This too must be said to an unbeliever who wants to despair in his distress or under his guilt, so that he may become certain that the saving and forgiving, preserving and redeeming love of his God and Savior applies to him as well.
Victorious Certainty of Salvation
That is the victorious certainty of salvation which God's Word gives us through faith, and which we Christians must set against the vague and unclear fatalism that only wants somehow to let itself fall into God's hands and is nothing but comfortless uncertainty. If a person wants to despair under the weight of his guilt or in the fear of his distress, then he must be told what truly takes the unbearably heavy burden from him and truly stills his fear. He must be led to the certainty of salvation that overcomes everything hard, so that he learns to speak with the believing children of God:
"Who shall separate us from the love of God? Tribulation, or distress, or persecution, or famine, or nakedness, or peril, or sword? Nay, in all these things we are more than conquerors through him that loved us."
Had the film "Nachtwache" presented and testified to this, it would truly have given the people who saw it something lasting. But then the contrast between Catholic piety and Protestant conviction of faith would also have emerged, quite of itself, more clearly and sharply; for the Roman Catholic faith, in contrast to the Protestant Lutheran conviction of faith, knows no certainty of salvation grounded solely in God's grace.
The Danger of Misleading
But this distinction, it seems, was not meant to emerge at all. Hence it comes about that both clergymen in the film — the Protestant as well as the Catholic — practically said and gave nothing to the helpless and desperate actor that could truly tear a desperate person out of his distress. It was quite evidently the intention of the film that a clear and decided position of faith should not be represented, but should be carefully avoided, so that not what divides but what is common to the two confessions would come to light. And that is a very dangerous misleading of the broad masses. That is the death of all decisiveness in matters of faith, the end of all gratitude for God's comforting and saving truth, and the seed and beginning of all the indifference and lukewarmness that today, to such an alarming extent, has seized and dominates the broad masses of our people.
The film "Nachtwache" cannot therefore be called Christian, but at most a religious tendentious film. But we must be clear that it is not a colorless religious fatalism that can help us in all our distresses, but alone the Christian certainty of salvation that is given to us through God's Word, and which we now also want to testify to the people of our time with all strength and decisiveness.
Hch. Huebener.
[Image: ornamental frame with quotation]
No one can say or believe how hard a thing it is to raise up and awaken again a faint heart and conscience that is utterly drowned in sorrow. Those who are without temptation can easily be cheerful; but it is trouble and labor when one who lies prostrate with spiritual sorrow and affliction is to be brought once more to true knowledge and faith, and to be able to comfort himself with the grace of God and his goodness.
MARTIN LUTHER