Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 11 › Seite 44
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1845-01-25, Seite 44
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lehre. — Falſche Lehrer 14 · Union 2
44
durch unsere Sicherheit, Trägheit, und Schläfrigkeit die theure Beilage der reinen Lehre hier verloren geht, die unsere glaubenstreuen frommen Väter in so vielen schweren Kämpfen und so oft mit Darangabe von Gut und Blut errungen und uns vererbt haben.
Wohl wissen wir, daß hier die Evangelischen fast ebenso von allen äußerlichen Mitteln entblößt sind, wie die Lutheraner, aber dürfen wir übersehen, wie viel einer Kirche zu ihrer Verbreitung zu statten kommt, wenn sie, wie die evangelische, gerade in den Lehren geschmeidig und menschengefällig nachgibt, welche dem Menschen, seiner Vernunft und seinem Herzen ärgerlich sind? — Das, l. Brüder, laßt uns bedenken, so werden wir nicht gleichgültig und sorglos zusehen, wie eine solche Kirche hier sich zu bauen anfängt, die die scharfen Steine des Anstoßes abgeschliffen hat.
Das Erste, was eine unirte Kirche zu allen Zeiten unterstützt und ihr einen reißenden Fortgang sichert, ist der natürliche Sinn jedes Menschen. Jeder Mensch schätzt nehmlich nach seiner natürlichen Gesinnung die göttliche Wahrheit gering, alles Genaunehmen mit der Lehre, alles strenge Festhalten an dem Worte Gottes, alles entschiedene Verwerfen menschlicher Weisheit und ihrer Zusätze, alles Kämpfen besonders um einen einzigen Glaubensartikel ist jedem Menschen, wie er von Geburt beschaffen ist, verhaßt. Thue recht, und glaube was du willst, diesen Grundsatz tragen wir alle in unserem Herzen, wenn wir auf die Welt kommen. Diese angeborne Gleichgültigkeit des gefallenen Menschen gegen die Wahrheit kommt daher einer unirten Kirche, wie sie jetzt gestiftet worden ist, herrlich zu statten. Wenn ein Ungläubiger nichts daran lobt, so lobt er doch ihre Nachgiebigkeit und spricht: das ist doch vernünftig.
Hierzu kommt noch, daß jetzt offenbar jene letzte Zeit gekommen ist, von welcher die h. Schrift vorausverkündigt hat, daß man da „die Liebe zur Wahrheit nicht annehmen“ werde (2 Thess. 2, 10.) Es ist unleugbar, wir leben in einer Zeit, wo entweder der gröbste Unglaube herrscht oder wo man höchstens auf eine gewisse Heiligkeit des Lebens dringt, aber treues Feststehen auf dem geschriebenen Worte Gottes für ein todtes elendes Buchstabenchristenthum ansieht. Wer jetzt nur einige wichtige christliche Wahrheiten annimmt und bekennt, der gilt für einen Gläubigen; wer aber damit nicht zufrieden ist, wer eine völlige Unterwerfung des Menschen unter Gottes h. Wort verlangt und hier nicht mit sich mäkeln lassen, sich nichts abhandeln lassen und keinen Buchstaben (Matth. 5, 18.) des ihm anvertrauten Wortes Gottes verrathen und überliefern will, sondern darob mit aller Treue kämpft, der gilt für einen lieblosen Wortzänker und ladet den Haß und die Verfolgung der sogenannten Gläubigen und der Ungläubigen auf sich. In einer solchen Zeit ist freilich eine Union „zeitgemäß,“ bei welcher man die streitigen Lehren auf sich beruhen und einen jeden glauben läßt, wie es ihm gut däucht. In einer solchen Zeit ist es daher auch freilich kein Wunder, wenn man in die neue evangel. Kirche zu Schaaren eingeht, da sie die enge Pforte so weit macht, daß auch diejenigen wohlgemuth durch dieselbe hinein lustwandeln können, die ihr Haupt noch nicht beugen wollen vor dem Creuze Christi, das den selbstgerechten Juden ein Aergerniß und den selbstklugen Heiden eine Thorheit ist. Dieselbe Art einer kirchlichen Vereinigung ist nun schon seit 300 Jahren zu vielen Malen versucht worden, aber jeder Versuch hatte doch nur einen sehr geringen Erfolg, — bis das neunzehnte Jahrhundert anbrach. — Warum? — Weil es bis dahin noch immer viele treue Knechte Gottes gegeben hatte, welche sich nicht für Herren des Wortes Gottes ansahen, die damit nach Gefallen schalten und walten könnten, sondern für Diener des Wortes (Luc. 1, 2.), die keine Macht hätten, daran auch nur das Geringste, auch nur einen Tüttel (Matth. 5, 18.) zu vergeben und nachzulassen. So dachte ein Luther; gerade er, dieser unbestechliche Zeuge der Wahrheit, wird freilich oft des Eigensinnes beschuldigt, weil er in der Lehre vom h. Abendmahle so unbeugsam fest stand; aber wohl ihm! — er hat seinen Lohn hier nicht dahin nehmen sollen; Gott hat es sich allein vorbehalten, diesen treuen Streiter für sein Wort zu krönen. Mag er selbst reden, was ihn bewogen habe, nicht zu weichen; er schreibt 1524: „Das bekenne ich, wo D. Carlstadt oder jemand anders vor fünf Jahren mich hätte möcht berichten, daß im Sacrament nichts denn Brod und Wein wäre, der hätte mir einen großen Dienst gethan. Ich habe wohl so harte Anfechtung da erlitten, und mich gerungen und gewunden, daß ich gerne herausgewesen wäre, weil ich wohl sahe, daß ich damit dem Pabstthum hätte den größten Puff geben können. .. Ja wenn noch heutiges Tages möcht geschehen, daß jemand mit beständigem Grunde beweisete, daß schlecht Brod und Wein da wäre, man dürft mich nicht so antasten mit Grimm. Ich bin leider allzugeneigt dazu, so viel ich einen Adam spüre. . . Aber ich bin gefangen, kann nicht heraus: der Text ist zu gewaltig da und will sich mit Worten nicht lassen aus dem Sinn reißen.“ (XV. 2448.) Ferner schreibt Luther an den damals reformirtgesinnten Bucer: „Ihr könnet mir glauben, daß ich diese Mißhelligkeit zu beruhigen und zu stillen wünschte, sollte ich auch mein Leben dreimal aufsetzen. Denn ich habe gesehen, wie nöthig uns eure Gesellschaft sei, was sie (nehmlich die Spaltung) dem Evangelio vor Ungemach bisher gebracht und noch bringe, so daß ich gewiß bin, daß alle Pforten der Hölle, das ganze Pabstthum, der ganze Türke, die ganze Welt, das ganze Fleisch, und was überall böses ist, dem Evangelio nicht so viel hätten schaden können, wenn wir einig wären. . . Ihr werdet es also nicht meiner Härtigkeit, sondern, wo ihr anders rechtschaffen handeln wollt, meinem wahrhaften Gewissen und der Nothwendigkeit meines Glaubens zuschreiben, daß ich diese Eintracht verweigere. . . Der HErr JEsus erleuchte uns und mache uns vollkommen einig! Dies bitte ich, darnach jammere, darnach seufze ich.“ (XVII, 2396.) — Und so waren alle die gottseligen und beständigen Bekenner des reinen Evangeliums gesinnt, die der Schmuck unserer Kirche waren und denen selbst unsere Widersacher das Zeugniß geben müssen, daß sie nicht sich, sondern Christo dienten und mit ihren Schriften der Christenheit unvergängliche Schätze der Lehre und Erbauung hinterließen, wie ein Chemnitz, ein Brenz, ein Johann Gerhard u. a.
Aber die Zeit unserer glaubenstreuen Väter ist dahin; alle die Wächter auf den Zinnen unseres lutherischen Zions, denen keine die Heerde bedrohende Gefahr entging, haben nun ihre Augen geschlossen; der Mund derer ist nun verstummet, die durch nichts zum Schweigen gebracht werden konnten, wenn es galt zu reden, damit die reine Lehre des Evangeliums bewahrt werde; sie ruhen bereits längst alle aus von ihrer Arbeit in ihren Gräbern. Kein Wunder daher, wenn nun die getrost hervortreten und ungestört ihr Werk treiben können, denen die reine Lehre kein unantastbares Heiligthum ist, die daher bald von dieser, bald von jener Lehre eigenmächtig entbinden. Die alten Glaubenshelden sind ja todt; sie dürfen sich nicht mehr fürchten vor dem göttlichen Eifer, mit welchem diese das ihnen anvertraute Volk vor aller falschen Lehre und Religionsmengerei warnten. Ungehindert können nun auch junge unerfahrene Männer, über ihre erleuchteten Väter sich erhebend, eine neue schönere weitere Kirche machen nach ihres Herzens Gedanken; mit mitleidigem Lächeln sehen sie auf die wenigen Lutheraner herab, die nach ihren Gedanken noch so beschränkt, so einseitig, so befangen sind, die alten Fesseln noch tragen zu wollen. Sie fühlen sich stark — denn die Gleichgültigkeit und das Verderben des ganzen jetzt lebenden Geschlechts steht mit ihnen im Bunde. —
(Fortsetzung folgt.)
„Den höret!“
So schreibt Luther in seiner letzten in Wittenberg gehaltenen Predigt:
Ich habe mehr denn dreißig Rottengeister vor mir gehabt, die mich haben wollen lehren; aber ich widerlegte all' ihr Ding mit diesem Spruche Matth. 17, 5.: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe; den höret!“ Und mit diesem Spruch habe ich mich durch Gottes Gnade bisher erhalten; sonst hätte ich müssen dreißigerlei Glauben annehmen. Die Ketzer suchen allerwegen Ränke, daß wir ihnen sollen weichen, nachlassen, zugeben; aber wir wollen es mit Gottes Hülfe nicht thun. So sprechen sie denn: Ihr seid stolze Tropfen. Ich will gern allerlei Scheltworte hören, aber nicht eines Fingers breit weichen von deß Munde, der da saget: Diesen höret! (XII, 1533.)
Der „Lutheraner“ ist stets zu haben in der Wohnung des Herumträgers, Hrn. Gräbers (südliche fünfte Straße, der Oelmühle gegenüber), ferner bei Hrn. Quast (Olive-Straße, zwischen der zweiten und dritten, unterhalb des Theaters) und bei dem Herausgeber.
Gedruckt bei Weber und Olshausen.
English translation AI translation
through our complacency, laziness, and drowsiness, the precious deposit of pure doctrine should be lost here, which our faithful, godly forefathers won through so many hard struggles, and so often at the cost of goods and blood, and have bequeathed to us.
We are well aware that here the Evangelicals are almost as destitute of all outward means as the Lutherans; but may we overlook how much it benefits a church's spread when, like the Evangelical church, it yields in a supple and man-pleasing way precisely on those doctrines that are offensive to man, to his reason, and to his heart? Let us consider this, dear brothers, so that we will not look on with indifference and carelessness as such a church begins to build itself up here, having ground smooth the sharp stones of offense.
The first thing that at all times supports a united church and secures for it a rapid advance is the natural disposition of every human being. For every human being, according to his natural inclination, esteems divine truth lightly; all strict precision in doctrine, all rigorous adherence to the Word of God, all resolute rejection of human wisdom and its additions, all contending especially for a single article of faith, is hateful to every human being, by nature, from birth. Do right, and believe what you will — this principle we all carry in our hearts when we come into the world. This inborn indifference of fallen man toward the truth accordingly serves a united church, as it has now been established, splendidly well. Even if an unbeliever praises nothing else about it, he still praises its accommodating spirit and says: that, after all, is reasonable.
To this is added the fact that plainly that last time has now come of which Holy Scripture foretold, that men would then "not receive the love of the truth" (2 Thessalonians 2:10). It is undeniable that we live in a time in which either the crudest unbelief prevails, or in which at most a certain outward holiness of life is insisted upon, while faithful adherence to the written Word of God is regarded as a dead, miserable letter-Christianity. Whoever nowadays accepts and confesses only a few important Christian truths passes for a believer; but whoever is not satisfied with that, whoever demands complete submission of man to God's Holy Word, and will not haggle over it, will not let anything be bargained away, and will not betray or surrender a single letter (Matthew 5:18) of the Word of God entrusted to him, but fights for it with all faithfulness — he passes for a loveless wrangler over words and brings upon himself the hatred and persecution of both the so-called believers and the unbelievers. In such a time, to be sure, a union is "timely," one in which the disputed doctrines are left alone and each person is allowed to believe as seems good to him. In such a time it is therefore also no wonder if people go over to the new Evangelical church in droves, since it makes the narrow gate so wide that even those can stroll cheerfully through it who are not yet willing to bow their heads before the cross of Christ, which is an offense to the self-righteous Jew and foolishness to the self-clever Gentile.
44
This same kind of ecclesiastical union has already been attempted many times over the past three hundred years, but every attempt met with only very slight success — until the nineteenth century dawned. — Why? — Because until then there had still always been many faithful servants of God who did not regard themselves as lords over the Word of God, able to manage and dispose of it as they pleased, but as servants of the Word (Luke 1:2), who had no authority to give up or relax even the smallest thing about it, not even one jot (Matthew 5:18). So thought a Luther; indeed he, this incorruptible witness of the truth, is of course often accused of stubbornness because he stood so unbendingly firm in the doctrine of the Holy Supper; but well for him! — he was not to receive his reward for this here; God has reserved for himself alone the crowning of this faithful champion of his Word. Let him speak for himself as to what moved him not to yield; he writes in 1524: "I confess this, that if Dr. Carlstadt or anyone else had been able to convince me five years ago that in the Sacrament there is nothing but bread and wine, he would have done me a great service. I suffered such hard temptation over it, and wrestled and struggled with myself, that I would gladly have gotten out of it, because I clearly saw that by doing so I could have dealt popery the greatest blow. .. Indeed, if it could still happen today that someone should prove with solid grounds that there is only plain bread and wine there, one would not need to attack me so fiercely over it. I am, alas, only too inclined toward that, so far as I sense an Adam in myself. .. But I am captive, I cannot get out: the text is too powerful there, and will not let itself be torn from its meaning by mere words." (XV, 2448.)
Furthermore, Luther writes to Bucer, who at that time held Reformed views: "You may believe me that I wish to calm and quiet this discord, even if I had to stake my life on it three times over. For I have seen how necessary your fellowship is to us, and what distress this (namely, the division) has brought and still brings upon the Gospel, so that I am certain that all the gates of hell, the whole papacy, the whole Turk, the whole world, all the flesh, and whatever else is evil anywhere, could not have harmed the Gospel as much as they have, if we had been united. .. You will therefore ascribe it not to my harshness, but — if you wish to act honestly otherwise — to my true conscience and the necessity of my faith, that I refuse this concord. .. May the Lord Jesus enlighten us and make us perfectly one! This I pray for, for this I grieve, for this I sigh." (XVII, 2396.) — And such was the disposition of all the godly and steadfast confessors of the pure Gospel, who were the ornament of our church and to whom even our adversaries must bear witness that they served not themselves but Christ, and left behind for Christendom, through their writings, imperishable treasures of doctrine and edification, such as a Chemnitz, a Brenz, a Johann Gerhard, and others.
But the time of our faithful forefathers is past; all the watchmen on the battlements of our Lutheran Zion, from whom no danger threatening the flock escaped notice, have now closed their eyes; the mouths of those who could be silenced by nothing, when it was necessary to speak so that the pure doctrine of the Gospel might be preserved, are now stilled; they have all long since rested from their labor in their graves. It is therefore no wonder that those to whom pure doctrine is no untouchable sanctuary can now step forward confidently and pursue their work undisturbed, arbitrarily releasing people now from this doctrine, now from that. The old heroes of the faith are indeed dead; these newcomers no longer need fear the godly zeal with which the old heroes warned the people entrusted to them against all false doctrine and mingling of religions. Unhindered, young and inexperienced men can now also raise themselves above their enlightened forefathers and fashion a new, finer, broader church after the thoughts of their own hearts; with a pitying smile they look down on the few Lutherans who, in their view, are still so narrow, so one-sided, so prejudiced as to still wish to wear the old fetters. They feel themselves strong — for the indifference and the corruption of the whole generation now living stands in league with them.
(To be continued.)
"Hear Him!"
Thus writes Luther in his last sermon preached in Wittenberg:
"I have had more than thirty factious spirits before me who wanted to teach me; but I refuted all their doings with this saying, Matthew 17:5: 'This is my beloved Son, in whom I am well pleased; hear him!' And by this saying I have, through God's grace, sustained myself until now; otherwise I would have had to adopt thirty different faiths. The heretics seek every kind of trick everywhere, that we should yield to them, give way, concede; but with God's help we will not do it. So they say: You are proud fellows. I am glad to hear all sorts of abusive words, but I will not yield a finger's breadth from the mouth of him who says: Hear this one! (XII, 1533.)"
"Der Lutheraner" is always available at the residence of the distributor, Mr. Gräber (South Fifth Street, opposite the oil mill), further at Mr. Quast's (Olive Street, between Second and Third, below the theater), and at the publisher's.
Printed by Weber and Olshausen.