Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 19 › Seite 112

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-05-11, Seite 112

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dazu ſagen, wie ich daran glaube, ob ſo, wie
die Katholiken, oder wie die Reformirten, oder
wie die Lichtfreunde und ſo fort. Daher war es
gleich Anfangs, da Luther auftrat und viele
Fürſten und viel Volks ihm zufiel, gar noth—
wendig, eine runde Erklärung abzugeben und
kurz zuſammen zu faſſen, in welcher Weiſe die
Evan geliſchen an die heilige Schrift glaubten
und daher zogen ſie daraus, aus Gottes Wort,
eine kurze Summe ihres Glaubens und ſo ent⸗
ſtanden die erſten Bekenntnißſchriften. Die ent⸗
halten nichts Neues, von Menſchen gemachtes,
ſondern was von Alters her in Gottes Wort ge—
ſtanden hat und bei vielen frommen und gläubi⸗
gen Leuten gegolten, das ſtellen ſie kurz zuſam⸗
men; ſie ſollen und wollen nichts anders ſein,
als eine aus Gottes Wort gezogene und damit
beſtätigte und bekräftigte kurze Zuſammenſtel⸗
lung unſtes reinen Glaubens. Weiſeſt du mich
bin auf dieſe Bekenntnißſchriften, etwa auf den
kleinen Kntechismus oder die Augsburgiſche
Confeſſion, als auf deine Glaubensbücher, dann
weiß ich gleich, wen ich vor mir habe, d. i. ei⸗
nen Lutheraner und nicht einen Katholiken, noch.
Reformirten, noch Baptiſten ꝛc.

Sich, darum iſt's nicht genug zu bekennen:
ich glaube an die Bibel, weil damit noch nicht
geſagt iſt, zu welcher von den vielen Kirchen
und Secten, die eben ſo ſprechen, du gehörſt.

Zum zweiten, — auch darum iſt's nicht
genug, weil heut zu Tage die Bibel
gar ſehr verdreht und mit allerlei
Menſchenfündlein verderbt wird.

Wir haben ſchon vorhin darüber geſprochen,
wie ſo Viele aus der heiligen Schrift wegſtrei⸗
chen was ihnen nicht gefällt. Es iſt zum Er—
barmen, wenn man dem Ding ſo zu ſieht. Da
ſieht der volle herrliche Baum der heil. Schrift
mit ſeinem reichen Blätterſchmuck und ſtreckt ſei⸗
ne friſchen Zweige, daran goldene Aepfel in ſil⸗
bernen Schalen die Menge hängen, weit hin—
aus, — es iſt eine Luſt für ein Chriſtenherz den
beiligen Baum des Lebens in ſeiner ganzen
Herrlichkeit zu ſehen. Da kommen nun die armen
Menſchlein her und der Baum iſt ihnen zu groß;
da nehmen ſie eine Baumſäge und ein ſcharfes

Meſſer, welches ſind ihr armer Menſchenver⸗

ſtand und die ſogenannte Vernunft, die aber ei⸗

gentlich Unvernunft iſt, und ſägen und ſchneiden
einen Zweig und Aſt an dem großen heiligen
Baum nach dem anderen ab und zerhauen den
Stamm dazu, — bis zuletzt ein armer Stumpf
vor ihnen ſteht, den man kaum noch erkennt.
Dann ſpringen ſie fröhlich darum herum und
meinen einen gar übermäßig ſchlauen Streich
gemacht zu haben. Iſt dir's nicht auch manch—
mal ſchon ſo vorgekommen?

Die geſchickten Leute können aber noch mehr;
ſie können die klarſten, deutlichſten Worte der
peiligen Schrift versrehen, daß es zum Erſtau—
nen iſt. Da macht ein Jeder ſich Gottes Wort
zurecht, wie es ihm behagt, dreht es bald ſo,
bald ſo, — ganz nach Belieben.

Steht in der heil. Schrift: „Ich und der Vater
ſind eins (Joh. 10, 30) oder: „Wer mich
ſiehet, der ſiehet den, der mich geſandi hat“

Iun 111171.—

—111—

(Joh. 12, 45.) — ſo heißt es: das iſt ſo ei⸗
gentlich nicht gemeint, — das ſoll nur bedeu—
ten: ich habe eine beſondere Erleuchtung von
Gott.

Spricht der Herr: „Mir iſt gegeben alle Ge—
walt im Himmel und auf Erden“ (Matth. 28,
18) — ſo verſteht das jeder einfache Chriſten⸗
menſch alſo, wie es da wirklich lautet, daß Chri—
ſtus ſich hier für allmächtig erkärt; die
Hochweiſen aber ſprechen: das iſt nicht ſo ge—
meint, ſondern das heißt nur, Chriſtus iſt der
Führer der Menſchheit in dieſem und in jenem
Leben! Ich hab's mit eigenen Ohren gehört
wie ein Pfarrer das große Wort ſo zurecht
gemacht und verdreht hat, — und der Menſch
will Chriſtum predigen, ſo er doch des Herrn
eigen Wort nicht will gelten laſſen? Das nenne
ich doch einen Wolf in Schaafskleidern!

Spricht der Herr Joh. 5, 23: „Auf daß ſie
alle den Sohn ehren, wie ſie den Vater ehren.
Wer den Sohn nicht ehret, der ehret auch den
Vater nicht, der ihn geſandt hat“, — ſo verſteht
jeder einfache Chriſt darunter, daß Chriſtus
will geehrt ſein wiſe der Vater, d. h. gerade ſo
hoch und viel. Die ſchlauen Wordverdreher
machen daraus aber: man ſoll ihn, Chriſtum,
als einen gar frommen Menſchen freilich ehren
aber doch iſt und bleibt er ein Menſch. Daß
Chriſtus hier göttliche Ehrt von uns ver⸗
langt, wollen ſie nicht merken. — Spricht Chri⸗
ſtus: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der
Welt Ende!, — (Matth. 28, 20) ſo ſoll das
Ich hier heißen: mein Wort oder meine Kraft.
Ei, hat denn der Herr Chriſtus etwa nicht recht
ſprechen können? Wenn er hätte ſagen wollen:
mein Wort iſt bei euch, — nun ſo hätte er's
ja wol gekonnt; aber er wollte ſprechen und hat
geſprochen: Ich bin bei euch, — das iſt Er,
der Herr ſelbſt will bei uns ſein, nicht nur ſein
Wort, ſeine Kraft. Verheißt der Herr Marc.
21, 27. „Und alsdann werden ſie ſehen des
Menſchen Sohn kommen in der Wolke mit gro⸗
ßer Kraft und Herrlichkeit“ — ſo ſoll das bild—
lich geredet ſein.

Erklärt der Herr Joh. 6, 53—56 viermal
hintereinander Sein Fleiſch un d Blut für die
rechte Speiſe und den rechten Trank zum ewigen
Leben, ſo ſoll das wieder bedeuten: ſeine Lehre.
Schlage die Worte nur einmal auf und lies ſie
aufmerkſam, damit du recht merkeſt wie thöricht
und lächerlich die Menſchen reden, dit da ſpre⸗
chen Chriſti Fleiſch und Blut das ſei Seine
Lehre gemeint. Es iſt wirklich jammervoll,
wie die Leute Chriſti einfache Worte verdrehen
und deuteln.

Sagt der Herr bei der Einſetzung des heili—
gen Abendmahls: „das iſt mein Leib“ und
„das iſt mein Blut“ — ſo ſoll Er damit haben
ſagen wollen: das bedeutet, — als ob Er das
nicht recht gut hätte ſagen können, wenn Er es
ſo gewollt hätte.

In Summa, — ſo verdrehen und deuteln die
traurigen, hochweiſen Wortverdreher dieſer Zeit
in gelehrten Büchern, auf Kanzeln und in
Schulen die einfachen, feſten, großen Worte
unſres lieben Heilandes Jeſu Chriſti, machen

2.

den, welcher der wahrhaftige Gott und das ewi⸗
ge Leben iſt (1. Joh. 5, 20.), zu einem armen
Menſchenkinde, ziehen Ihn von dem Throne
Seiner Herrlichkeit herab in den Staub, —
und ſtellen ſich dann doch hin und ſprechen:
ich glaube an die Bibel!

(Fortſetzung folgt.)

Aus einer Privatcorrespondenz ⸗

Ein Prediger der luther. Kirche Preußens
ſchreibt u. A. Folgendes:

„Daß Wedemann's Schwager Haſert, Pa⸗
ſtor in Bunzlau, von der luther. Kirche abge⸗
fallen und ſich der römiſchen Kirche zugewendet,
werden Sie auch erfahren haben. Dieſen letz⸗
teren hat Satanas verblendet und ſein eignes
arges, ſelbſtgerechtes Herz; nicht aber iſt der ſe⸗
lige Wedemann an ſeinem Abfalle Schuld, wie
er dieſen jetzt im Grabe beſchuldigen und ſich
ſelbſt entſchuldigen möchte. Allerdings hat We—
demann in manchen Lehren (insbeſondere von
der Taufe und dem geiſtlichen Amte) Anſchau⸗
ungen gehabt, die nicht fern von der römiſchen
Lehre in dieſen Stücken zu ſein ſchienen, und ſo
hätte er wohl zu der (ſ. g.) katholiſchen Mei—
nunz über dieſe Lehren gelangen können, aber
damit noch lange nicht zu der katholiſchen Kir—
ch e, deren vielfache Irrthümer und Abweichun—
gen von Gottes Wort er wohl erkannte und ver⸗
abſcheute.“)) Er lebte und ſtarb in der luth.
Kirche. Das Oberkirchencollegium hat in Fol⸗
ge des Haſert'ſchen Abfalls und mit Rückſicht
darauf, daß Haſert den ſel. Wedemann in dem
kath. Kirchenblatte als erſten Veranlaſſer ſeines
Schrittes unwahr darſtellt, in unſerem Kir⸗
chenblatte ein Schreiben an die luth. Gemein—⸗
den ergehen laſſen, worin es den wahren Sach⸗
verhalt darſtellt. Frau Haſert iſt durch Gottes
Gnade der luth. Kirche ireu, obgleich Haſert
jetzt bereits alle Ueberredungskraft u. -Kunſt
daranſetzt, ſie zur kath. Kirche hinüberzuziehen.
Der Satan wüthet gar ſehr gegen unſere Kir⸗
che, die ihm ſo viel Abbruch und Schaden zu—
fügt und ihn u. ſeine Dienerſchaft in der Welt
beim rechten Namen nennt. . In Baden dau⸗
ert die Verfolgung der Lutheraner fort. Paſtor
Eichhorn iſt in ſeinen Geburtsort Kembach
verbannt dort einſam, und dazu noch mit Ge—
fängniß belegt — ohne Hoffnung, daß es bald
anders werden wird. Die Kinder werden dort
täglich in den unirten Religionsunterricht durch
Polizeidiener —geſchlagenl wenn ſie nicht freiwil⸗
lig gehen —abgeführt. Unſer erſtes Synodal⸗
ſendchreiben an die Gemeinden, welches zur
Erweckung des überall ſehr geſunkenen geiſtli⸗

*) Es iſt leider! nur zu gewiß, daß, wenn Ein Irrthum
des Pabſithums oder einer anderen Sekte mit Bewußtſein
aufgenommen wird, dann die noch übrige Scheu vor den
anderen Gräueln des Pabſithums nicht mehr vor Abfall
ſchützt. Ein wenig Sauerteig vervirbt den ganzen Teig! —
Manche freilich lehren papiſtiſch und eifern doch gegen das
römiſche Pabſitbum, well es ihnen eben bequemer iſt, ſelbſt
dit Päbſte zu ſpielen, als in der römiſchen Kirche eine dann
untergeordnete Rolle zu ſpitlen.

D. R.

English translation

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