# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 09 28_S212 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) daß jede Particularkirche noch hat“, erhält, von da aus tiefer in die ganze Wahrheit einführt, und vor den ſeelenverderbenden Irrthümern der falſchen Lehren gnädig bewahrt. Denn mit demſelben Rechte könnte man ſonſt auch be⸗ haupten, daß die katholiſche Kirche mit der refor⸗ mirten und lutheriſchen in „allen zur Seligkeit nothwendigen Punkten übereinſtimme“, was doch erweislich nicht der Fall iſt. Ja jede chriſt⸗ liche Secte könnte denſelben Grund für ihre völlige Uebereinſtimmung in den zur Seligkeit nothwendigen Lehren mit jeder andern geltend machen; und es iſt auf dieſe Weiſe gar kein Grund abzuſehen, warum der evangeliſche Ver⸗ ein ſich ſo engherzige Schranken geſetzt hat, und nicht ſagt: ſein Bekenntniß ſei der consensus aller Bekenntniſſe aller chriſtlichen Secten der ganzen Welt. — So ein Nichts nun auch das Bekenntniß des evangeliſchen Vereins an ſich iſt, ſo iſt es doch, da es ein Deckmantel unlautern Sinnes und unlau⸗ terer Handlungsweiſe iſt, eine gefährliche Waffe des Verführers und Mörders von Anfang an, ein ſchlimmes Zeichen der Zeit, ein öffentliches Lügenbekenntniß. Denn was thun die Glieder des evangeliſchen Vereins, wie überhaupt der ganzen evangeliſchen Kirche? Sie bekennen ſich als evangeliſch, aber ſie ſind reformirt in Theorie und Praxis. Der böſe Feind hat ſich aufge⸗ macht, um unter der gleißenden, verführeriſchen „evangeliſchen“ Maske die lutheriſche Kirche zu untergraben, ſie ihres Kleinods und ihrer Krone, ihres Kindesgehorſams gegen das Wort Gottes zu berauben. Gerade den entſchieden lutheriſchen, rein bibliſchen, antireformirten Lehren gilt es, die ſollen fallen, gegen die ſteht der Geiſt der evange⸗ liſchen Kirche, ſo laut er auch ſchreit: Union, Union! Friede, Friede!*) *) Hr. F. B., welcher am Schluß auf das von hieſiger Gemeinde herausgegebene Geſangbuch kommt, ſagt u. A.: „Nicht nur ſprachliche, ſondern auch den Sinn betreffende Aenderungen, die ſich in manchen Liedern finden, ſcheinen anzuzeigen, daß die Herausgeber keineswegs den Grund⸗ ſatz hatten, dit Lieder unverändert zu geben. So iſt z. B. in Luthers: „„Nun komm, der Heiden Heiland““, Vers 6 in dem Paſſus: „„Daß dein ewig Goties Gewalt in uns das krank Fleiſch enthalt““ das letzte Wort in das gerade entgegengeſetzte „„erhalt““ verändert. Wir geſtehen willig ein, daß dieſe, wie eine zweite von Hrn. F. B. ge⸗ rügte Veränderung Fehler, jedoch nur aus Verſehen ge⸗ machte Fehler ſind, und ſind daher dem Herrn Correſpon- denten für Aufdeckung derſelben herzlich dankbar. Wenn derſelbt aber meint, daß das Wort „erhalt“ dem alten „enthalt“ gerade enigegengeſetzt iſt, ſo iſt das ein Irrthum, zu welchem den lieben Mann vielleicht Mangel an Beleſen⸗ heit in alten Schriften geführt hat. Wir erinnern nur an folgende in älteren Bibelausgaben vorkommende Stellen: „Indeß enthalt uns dein Wort.“ Jer. 15, 16. „Der freudige Geiſt enthalte (Samach, hyposterizei, sustentat) mich.“ Pſ. 51, 14. „Der HErr enthält (wie oben) die Gerechten.“ Pſ. 37, 17. „Enthalten“ hat hier nicht die Bedeutung von continere, ſich enthalten, zurückhalten, ein⸗ ſchränken, ſondern sustentare, ürmare, halten, unter⸗ ſtützen; und das iſt der Fall auch in unſerem Liede, welches eine Ueberſetzung iſt des berühmten Am broſianiſchen Hym- nus: „Veni redemtor gentium“, worin es Vers 6. heißt: „Acqualis aeterno patri, carnis trophaeo accin- gero, infirma nostri corporis virtute firmans per- petim.“ Da „der evangeliſche Verein die Aufgabe zu löſen ſuchen wird, einen dem Sinn und mit Berückſichti⸗ gung der Verhältniſſe auch der Sprache nach mög⸗ 3 Was nun die Schlußanmerkung des Herrn Herausgebers anbetrifft, ſo ge— hört dieſelbe in die oben angeführte Kategorie der verhüllten Unaufrichtigkeit. Er ſagt: er habe dieſe „intereſſante“ Correſpondenz unverän⸗ dert aufgenommen, weil er anerkannten Mitar⸗ beitern freien Spielraum laſſe, die „Verant⸗ wortlichkeit der darin enthaltenen Polemik gegen das Altlutherthum“ müſſe er aber von ſich ab⸗ weiſen, und zwar wegen des conſervativen und ireniſchen Charakters ſeines Journals. Der Charakter eines Journals wird nun aber bedingt durch den Charakter der Aufſätze, die in demſel⸗ ben enthalten ſind, ein polemiſcher Aufſatz wird nun aber dadurch nicht ireniſch, wenn der Her⸗ ausgeber des Journals die Verantwortlichkeit der Polemik von ſich abweiſ't. Das iſt ja lächer⸗ lich, iſt gerade, als wenn jemand den Schlag, den er einem Andern verſetzte, damit entſchuldi⸗ gen wollte, daß er den Schlag nicht gegeben habe, ſondern ſeine Hand. Auch wird eine Polemik dadurch nicht eine „durchaus würdig gehaltene, und von aller Perſönlichkeit ſich frei haltende“, wenn das der Herr Herausgeber in einer Anmerkung betheuert, die Polemik ſelbſt aber Sachen vorbringt wie dieſe: „Die Taktik der Angreifenden (im „Lutheraner“) beſteht nicht ſelten darin, daß man die evangeliſchen Geiſtlichen durch den Vorwurf der Unredlichkeit und Täuſcherei vor den Gemeinden verdächtig zu machen ſucht“, und Guericke als einen Mann darſtellt, der „nicht übel Luſt hatte, die Köthener Lichtfreunde und die Berliner Barrikadenhelden als Racheengel zu begrüßen, welche geſandt ſeien, das preußiſche Königshaus zu ſtrafen ob ſeines reformirten Bekenntniſſes und ob ſeiner Vorliebe für Union“. Wozu eine ireniſche Maske tragen, welche die polemiſche Ungeduld doch nur ſchlecht verdeckt? Im offenen Kampfe kommt man weiter! — B—. (Eingeſandt von Paſtor Fürbringer.) Von den verbotenen Ehegraden. Die göttliche Ordnung der Ehe unterſcheidet ſich von jeder andern menſchlichen Gemeinſchaft dadurch, daß ſie eine geſchlechtliche Vereinigung iſt; aber was ſie über die Befriedigung thieri⸗ ſcher Wolluſttriebe erhebt, iſt, daß eine Erfül⸗ lung derſelben im Chriſtenthume nicht gedacht werden kann ohne jene geiſtige Schätzung, auf deren Grund ſie eine wahlfreie Vereinigung zweier gottesbildlicher Weſen und zugleich die Theilnahme am perſönlichen Berufe für die ganze Lebensdauer iſt. Es bleibt daher die Hauptbe⸗ dingung, unter welcher dieſe Art der Lebensge⸗ meinſchaft eingegangen werden ſoll, die leiblich⸗ geiſtige Anziehung und natürliche Herzensnei⸗ gung eines geſchlechtlich unterſchiedenen Men⸗ lichſt reinen Text herzuſtellen“, ſo dürfte, nach der angegebenen ſprachlichen Kritik eines Vereinsgliedes zu ur⸗ theilen, die Empfehlung eines vorherigen tieferen hiſtori⸗ ſchen Sprachſtudiums wohl am Orte ſein. Die Redaction. ſchenpaares zu einander, die in der Einigung beider Perſonen mit Ausſchluß aller andern ſich bethätigt und ihr Ziel findet, wozu das Bewußt⸗ ſein der Gnaden- und Glaubensgemeinſchaft als der alleinigen Quelle wahrhaftigen Vertrauens und lauterer Liebe, wie ſie gottgemäß iſt und auch im Jenſeit nimmer aufhört, nothwendiger Weiſe hinzukommt. Wie das eheliche Verhält⸗ niß, auch ob unter Berückſichtigung der für den andern Theil ſich eignenden Gaben, der Führung Gottes und des elterlichen Willens oder nicht, iſt angeknüpft worden, davon wird das nach⸗ herige Lebensgeſchick in demſelben weſentlich be⸗ dingt; und es iſt nicht allemal gegeben, ſpäter wiederum gut zu machen, was hier Uebles ge⸗ ſchah. Die Frucht der Gemeinſchaft, die Kinder⸗ erzeugung, iſt als Frucht und Wirkung nicht ſowohl der nächſte Zweck — denn dieſer iſt die volle Ergänzung zweigetheilter Bedürfniſſe, 1 Moſ. 2, 18.—, als der hinzugefügte göttliche Segen der Ehe, die in ſich eine Gott wohlgefällige ſein kann, ohne daß ſie von Fruchtbarkeit begleitet iſt. Es wird ein Menſch Vater und Mutter verlaſſen und an ſeinem Weibe hangen, und werden dieſe zwei Ein Fleiſch ſein — das iſt die göttliche in⸗ haltsvolle Beſtimmung für die vollkommenſte per⸗ ſönliche Vereinigungsform, als Abbild eines höhern Geheimniſſes, auf Erden, die zwar der Boden der Sünde, aber auch des Heils geworden iſt, welches der lebendigmachende Geiſt dem ge⸗ fallenen natürlichen Menſchen bereitet. Sie erweitert ſich zu einer Gemeinſchaft Meh⸗ rerer, ja Vieler in durch Gott geordneter Abhän⸗ gigkeit von den Gründern des Geſchlechts, und der Beſtand ſolcher Familien iſt die natürliche Wirkung und Folge der Ehe. Innerhalb dieſes Kreiſes aber werden die gegenſeitigen Beziehun⸗ gen nicht durch freiwilliges Eingehn geſetzt, viel⸗ mehr iſt es angeborne Naturbeſtimmtheit allein und ein angeborner Geiſt der Hinneigung und Dependenz, welcher hier von Gotteswegen zuſam⸗ menfügt und ſcheidet, über deſſen Begrenzungen der Menſch nicht in Willensfreiheit hinausgehn darf. Die Vernachläſſigung weiſer Strenge und Zucht in der Gerechtigkeit, oder die nur Zorn und knechtiſche Scheu wirkende Härte auf der einen, und auf der andern Seite der Mangel an Ehrerbietung gegen die Familienhäupter, wie an ſelbſtverleugnender Liebe untereinander — „denn iſt Gehorſam im Gemüthe, wird nicht fern die Liebe ſein“, — ſie ſind die fluchesvolle Ausſaat der Zerrüttung von Geſchlechtern, wie von gan⸗ zen Völkern. Eine beſondere Art nun, die von Gott geſetz⸗ ten Schranken zwiſchen Eltern, Kindern, Ge⸗ ſchwiſtern ꝛc. durch unnatürliche Zuneigung zu durchbrechen, iſt das Eingehn von Ehen, welche bereits durch Blutsverwandtſchaft mit einander verknüpfte Glieder eines Familienſtammes, die eben hiermit ehelich von einander geſchieden wa⸗ ren, zu entweihender Geſchlechtsgemeinſchaft verbinden. Wer ſollte nicht wünſchen, daß die⸗ ſelben nur im Gedanken und dem Namen nach unter den Menſchen vorhanden wären, ſo daß man ſie kaum der Erwähnung bedürftig erachtete,