# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 09 14_S206 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Fortgange der Zeit ſo jämmerlich verderbt wor⸗ den iſt. Das unglückliche Loos, das ſeit An⸗ fang des vorigen Jahrhunderts, und wohl ſchon früher, alle unſere ſchönen Kirchenmelodien be⸗ troffen hat, nemlich die Entfernung alles Unter⸗ ſchiedes in der Zeitdauer der Töne, ſo daß man z. B. lauter halbe Noten ſang, wo doch nach dem urſprünglichen Rhythmus halbe mit ganzen, Viertel⸗ und Achtel⸗Noten in bald langſamerer, bald raſcherer Bewegung wechſelten — dieſes unglückliche Loos traf natürlich auch die Melo⸗ die: Wachet auf ꝛc. Nun iſt zwar ſchon die Melodie an ſich ſo mächtig und ergreifend, daß ſie auch da ſich nicht verleugnen kann, wo ihr die Füße zum munteren freudigen Daherſchreiten, oder noch beſſer, zum Freudentanze Davids (2 Sam. 6, 14.) gebunden und gelähmt worden ſind, und man ihrer Sehnſucht, dem HErrn ent⸗ gegenzueilen, den ſonderbaren Contraſt eines ſich mühſam fortſchleppenden Ganges wider die Na⸗ tur aufgezwungen hat; aber wie ganz anders würde ſie ihre Kraft, Majeſtät und lebensvolle Friſche zeigen können, wenn ſie wieder nach ihrem urſprünglichen Rhythmus geſungen würde. In dem evangeliſchen Monatsblatt für Weſtphalen vom Februar 1845 heißt es von dieſer Melodie: „Ihr rhythmiſcher Bau iſt im Fortgang der Zeit unkenntlich geworden, und entbehrt jetzt der majeſtätiſchen Breite und Pracht, womit gleich der Anfang in ihrer urſprünglichen Geſtalt ſich ankündigt, und durch welche ſpäter die Aus⸗ rufe: Wohlauf, der Bräut gam kömmt, Steht auf, die Lampen nehmt, Hallelujah! Macht euch bereit zu der Hochzeit, im zweiten Theil ſich auszeichnen, wo dann der raſchere und doch feierliche Fortſchritt des Fol⸗ genden eine eigenthümliche Belebtheit gewinnt.“ Darauf folgt im beſagten Blatt ein Abdruck der Melodie mit ihrem urſprünglichen Rhyth⸗ mus aus dem Original der Soeſter Stadt⸗ bibliothek. (Fortſetzung folgt.) Chriſtian Rugust Hauſens, Stadtpredigers in Dresden, Gutachten über die Heidenbekehrung, gezogen aus deſſen Religionsprüfung ꝛc. Anno 1723, ediret et. Pag. 337. — 397. Von der Chriſten Pflichten, die Hei— den zu bekehren. Es fragt ſich demnach erſtlich: Ob Chriſten ſorgen ſollen, daß die noch übrigen Heiden auch zum Chriſtenthume bekehret werden? Daran läſſet uns folgende Vorſtellung nicht zweifeln. Im Alten Teſtamente gebeut Gott der HErr: Daß, ſo einer ſeines Nächſten Ochſen oder Eſel ſehe irre gehen, ſo ſoll er denſelben ſeinem Herrn wieder zufüh— ren. 2 Moſ. 23, 4. Darinnen liegt auch der Befehl mit enthalten, daß wir viel mehr irren⸗ 205 den Nebenmenſchen, dergleichen ja die Heiden ſein, ſollen zurechte helfen. Im Neuen Teſta⸗ mente ſagt unſer Heiland zu Petro: Wenn du dermaleinſt dich bekehreſt, ſo ſtärke deine Brüder, Luc. 22, 32. Paulus ermah⸗ net alle Chriſten: Lieben Brüder, ſo ein Menſch etwa von einem Fehl übereilet würde, ſo helfet ihm wieder zurecht mit ſanftmüthigem Geiſt, die ihr geiſtig ſeid, Gal. 6, 1. Jacobus läßt ſich hören: Lieben Brüder, ſo jemand unter euch irren würde von der Wahrheit, und jemand bekehrete ihn, der ſoll wiſſen, daß, wer den Sünder bekehret hat von dem Irrthum ſeines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen, und wird bedecken die Menge der Sünden, Jac. 5, 19. 20. Ja, wir werden auch darzu an⸗ gewieſen in unſerm Vater⸗Unſer: in demſelben heißt uns unſer Heiland beten: daß Gottes Name geheiligt werde, Gottes Reich komme, und Gottes Wille geſchehe, Matth. 6, 9. 10. Damit werden wir zugleich ermahnet, auch das unſre darzu zu thun, und beizutragen, gleichwie wir, wenn wir um das tägliche Brod bitten, vor uns ſelbſten ver— ſtehen, daß wir auch darzu die Arbeit thun müſſen, die nöthig iſt. Wodurch kann Gottes Name aber mehr geheiliget, Seines Reiches Zu⸗ kunft befördert und ausgebreitet, Sein Wille vollbracht werden, als wenn wir bemühet ſein, auch den Namen Gottes unter den Heiden be⸗ kannt zu machen, und dahin trachten, daß das geiſtliche Gnadenreich unter denſelben aufgerich⸗ tet, und der göttliche Wille nach der geſchehenen gnadenreichen Offenbarung vollbracht werde? Darinnen ſind uns die Gläubigen aller Zeiten mit ihrem rühmlichen Exempel voran gegangen. Abraham hat ſeinem Hauſe, darinnen zweifels⸗ ohne viel heidniſche Knechte aus den Cananitern geweſen, die Wege des HErrn gelehrt, 1 Moſ. 18, 19. Ja kob ſprach zu den Seini⸗ gen: Thut von euch die fremden Götter, ſo unter euch ſind, und reiniget euch, und ändert eure Kleider, 1 Moſ. 35, 2. Joſeph unterweiſete die Fürſten in Egypten nach ſeiner Weiſe, und lehrte den Aelteſten Weisheit (nemlich die himm— liſche), Pſ. 105, 22. David ſagt: Ich will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß ſich die Sünder zu dir bekehren, Pſ. 51, 15. Wer will zweifeln, daß, da Sa⸗ lomo nicht allein mit dem Tyrier Könige in gu⸗ ter Freundſchaft geſtanden, ſondern auch Schiffe gen Ophir, das iſt, in die heidniſchen Länder, ge⸗ ſendet, er auch zugleich die Erkenntniß des wahren Gottes damit werde unter die Heiden gebracht haben? Von Joſia meldet Sirach: daß er große Gnade gehabt, das Volk zu be— kehren, und die Greuel der Abgötterei abzuthun, Sir. 49, 3. Im Neuen Teſta⸗ mente hat das ſamaritiſche Weib, als ſie. Chriſtum für den Meſſiam erkannt, auch Ihm ihre Mitbürger zu Sichem zugeführet, Joh. 4, 28 — 30. Nachdem unſer Heiland Seinen Jüngern befohlen, auszugehen in alle Welt und zu lehren alle Heiden, Matth. 28, 19. 20. Marc. 16, 15. 16. Act. 1, 8., ſo haben ſie das aufs fleißigſte auch bewerkſtelliget, Röm. 10, 18. Col. 1, 23. Act. Cap. 17.*), welchen die heiligen Kirchenväter der erſten Jahr⸗ hunderte gefolget, derer ſchönen Schriften, wider die heidniſche Abgötterei und andere Greuel, zu danken iſt, daß zur Zeit Constantini Magni das Heidenthum dergeſtalt gefallen, daß die chriſtliche Wahrheit, an deſſen Statt, faſt in der ganzen Welt angenommen worden, und dieſelbe mit ihrem Licht erfüllet hat. Was ſollen wir ſagen von dem löblichen Kaiſer Carolo M.? durch deſ⸗ ſen Fleiß das Chriſtenthum in unſer Deutſchland und in die nordiſchen Reiche gebracht worden, nach welches Exempel auch ſich in folgenden Zei⸗ ten, ſowohl löbliche Regenten, als auch treue Leh⸗ rer gefunden, die in dieſer Ernte rühmlichen Fleiß erwieſen, wie man durch alle Secnla durch aus der Kirchenhiſtorie weiß, was maßen die folgenden Heidenbekehrungen nach und nach fort⸗ geſetzet worden. Dieſes alles weiſet, daß rechte Chriſten auch noch jetzo mitwirken ſollen, daß die Fülle der Heiden immer mehr und mehr eingehen möge. Daß allen und jeden evangeliſchen Predigern zuzumuthen, ihre Gemeinden zu verlaſſen, und ſie zu den Heiden zu wandern gehalten ſein ſoll⸗ ten, kann mit Recht nicht geſagt werden. Denn ja auch zur Zeit der Apoſtel ſich nicht alle Lehrer in fremde Länder begaben, ſondern Paulus hat ſeinem Tito befohlen, hier und da in den Kirchen der Inſel Creta Aelteſte zu ordnen, die bei denen ihnen anvertrauten Gemeinden ihre anbe⸗ fohlenen Amtsverrichtungen gehabt, Tit. 1, 5. Der Apoſtel Amt, welches ertraordinär geweſen, gibt keinen Schluß, daß alle ihnen folgen müſ⸗ ſen; denn wenn das Gott haben wollte, ſo würde Er auch die apoſtoliſchen Gaben, ſonder⸗ lich derer fremden Sprachen, Seiner Kirche noch mittheilen. Es dependiren Lehrer und Prediger jetzo in ihrem Amte von der Gemeinde und Obrigkeit; wo ſich nun Obrigkeit befindet, die keine Commercia in die Länder über Meer hat, ſo ſind ſowohl ſie, als ihre Prediger entſchuldigt, wenn ſie wegen „Mangel der Gelegenheit“ die Heidenbekehrung nicht können befördern. Es ge⸗ hören auch zu ſolchen Dingen Mittel, ohne Fe⸗ dern kann niemand fliegen. Indeſſen wünſchen alle fromme Herzen, daß doch, wie unter allen, alſo auch unter evangeliſchen Potentaten, auf Mittel gedacht werden möchte, die den armen Heiden in ihrer Blindheit zu Statten kommen. Hierzu würde viel Gutes geſchafft werden, wenn große Herren, ſtatt ſie ſo viel auf unnöthige Dinge, als Luſtbarkeiten und unnöthigen Staat, wenden, einen Theil ihrer Einkünfte dazu an⸗ wendeten, daß ſolche Seminaria angerichtet wür— den, in welchen junge Leute, die ſich darzu ſchicken, in denen fremden Völkerſprachen unterrichtet wür⸗ den. Ja wenn man ſie auch ließe fein metho- *) Die Leſer dieſes Blattes werden freundlich gebeten, die angeführten Bibelſtellen ſelber aufzuſchlagen und ſorg⸗ fältig durchzugehen.