# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 06 28_S87 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 87 sind in Lehre, Zucht und Leben; — darum sollen wir, heißt es weiter, „keine Gemeinschaft, die noch Theil hat am apostolischen Glaubensbekenntniß, gänzlich verwerfen.“ Von dieser „heil. christlichen Kirche“ unterscheidet nun im Folgenden Hr. N. mit Hrn. Stier „die Gemeine der Heiligen,“ welche er „die eigentliche rechte Kirche des HErrn“ nennt. — Einen tiefen Blick in die Ansichten Hrn. N's. von der Kirche gibt ein langes Citat aus der Schrift eines gewissen Hrn. Saxer, womit Hr. N. die seinige sogleich im Anfange schmückt. Saxer sagt da u. a. selbst, das letzte Ergebniß seiner Untersuchungen über die Entwicklung der Kirche sei dieses: „daß es zur Zeit der Reformation mit der Kirche zu Ende gegangen sei,“ (S. 9) während „sie sich bis zur Zeit der Reformation immer glänzender entwickelt habe.“ S. 8. Von dem Reformationszeitalter sagt Hr. N. mit Hrn. Sarer ferner: „Der ganze Zustand war doch eben nur ein verfassungsloser; die Kirche aber ist ein (äußerlich?) wohlgeordneter Organismus, in welchem alle Glieder in einander greifen. Die unsichtbare Kirche war also auf eine solche Weise sichtbar geworden, daß sie dennoch keine wahre Kirche zu bilden im Stande war.“ S. 11. Nicht undeutlich wird zugleich die Ansicht der reformirten Kirche daselbst gebilligt, daß die verschiedenen Secten nur „verschiedene Erscheinungsformen“ der wahren Kirche seien. Daselbst. Wir müssen bekennen, mühen wir uns auch noch so sehr ab, uns nach solchen Aeußerungen von Hrn. N's. Gedanken über die Kirche ein klares Bild zu machen, so wird uns nichts vollkommen klar, als Hrn. N's. Unklarheit, worüber derselbe mit ungemeinem Muthe hier eine schriftliche Urkunde ausgestellt hat. Hr. N. wird sich freilich damit entschuldigen, daß er ja das, was die Hauptsache betreffe, nicht selbst geschrieben, sondern darüber Auszüge aus den Schriften berühmter Männer unserer Zeit gegeben habe. Getraute sich aber Hr. N. nicht, das, was er beweisen wollte und worauf es eigentlich in seiner Schrift ankam, mit eignen Worten darzustellen, so sollte er doch mindestens das Fremde erst einigermaßen geprüft haben, ob es auch mit dem von ihm erst festgestellten Grundsatze übereinstimme. Das hat aber Hr. N. nicht gethan. So lautet denn nach den oben angeführten Aeußerungen sein Bekenntniß von der Kirche u. a. folgendermaßen: „Ich glaube nach dem dritten Artikel zwei Kirchen, eine sichtbare und eine unsichtbare, nehmlich 1. die heil. christliche Kirche, und 2. die Gemeine der Heiligen, denn diese dürfen nicht verschmolzen werden. S. 6. Die unsichtbare Kirche ist die Menge der Gläubigen in der ganzen Welt, die allein die Verheißung hat, die unverfälschte Lehre Christi zu behalten. S. 27. Die sichtbare Kirche ist die Gesammtheit aller, die sich äußerlich zur Lehre Christi bekennen, obgleich sie davon sehr abgehen. Diese sichtbare Kirche hatte zwar vor der Reformation die wahre Gestalt der Kirche Christi, besonders als sie im vierten Jahrhundert der Kaiser Constantin und später der Pabst in ein großes organisches Ganze vereinigte, unter welchen günstigen Verhältnissen sie sich immer glänzender entwickelte und die Eine große weltgeschichtliche Erscheinung blieb, in welcher Christus sich und seine Herrlichkeit der Welt offenbarte.“ S. 8. Leider! aber wurde die Kirche zur Zeit der Reformation „all ihrer Herrlichkeit und Schöne von Gott aus gerechtem Gerichte beraubt und ihre hohe majestätische Gestalt zerschlagen. Die Kirche ist nicht mehr! Sie ist ausgerottet von der Erde wie einst Christus ausgerottet wurde.“ (Daselbst.) Die Schuld war — „der verfassungslose Zustand;“ davon „war das Ergebniß dieses: die alte Kirche wurde zerschlagen und theilte sich in Secten.“ S. 11. Unter allen diesen Secten hat die römische Kirche „vor andern kirchlichen Parteien den Charakter der Kirche behauptet.“ S. 10. Die andern Secten weichen zwar mehr oder minder von Gottes Wort ab, doch wäre es unrecht, sie (wie die pharisäischen starren Lutheraner wollen) nicht alle mit dem Titel rechtgläubiger Kirchen zu beehren, weil sie alle Anstalten Gottes zur Seligkeit, auf Christum und das Evangelium gegründet und nur verschiedene Erscheinungsformen der wahren Kirche sind, die zwar nicht völlig gleich zu achten sind, aber ebensowohl wie die luth. Kirche den Glauben rein und rund bekennen, denn zum rechten Bekenntniß gehört nicht, daß man die reine Lehre des Evangeliums, sondern daß man bloß Christum bekenne. S. 32. Die beste unter allen Kirchen, die ich mir, da ich eine so große Auswahl habe, ausgesucht, ist endlich die neue Evangelische, „die das Evangelium wieder am reinsten gelehrt hat,“ doch müssen leider diejenigen, welche dazu gehören, „den ersten rechten Grund der apostolischen Kirche immer völliger wieder zu finden trachten.“ S. 26. — Das ist das Glaubensbekenntniß Hrn. N's. von der Kirche. Der Leser schlage das Buch selbst auf, und er wird finden, daß wir nichts entstellt, sondern das in Hrn. N's. Schrift hie und da Gesagte nur so zusammengestellt haben, daß das von ihm entworfene Bild doch einigermaßen anschaulich und übersichtlich werde. Der Leser ersieht hieraus, erstlich, daß Hr. N. wider Gottes Wort zwei Kirchen macht, indem er die unsichtbare Kirche von der sichtbaren scheidet, während es nach Gottes Wort nur Eine wahre Kirche gibt, die Einen Geist, Einen Glauben, Eine Taufe ꝛc. hat und durch nichts anderes als durch Gottes Wort oder das Bekenntniß der Wahrheit sichtbar oder offenbar wird. Wohl sind nun zwar nach der h. Schrift die Ketzer und Secten auch äußerlich mitten in der wahren Kirche, in welcher nach St. Paulo selbst der Antichrist sitzt, aber, wir wiederholen es, darum sind nicht, wie Hr. N. schließt, die Secten die Kirche, darum gehören sie nicht etwa zu ihr und sind nicht derselben ein Theil! Denn Christi Reich ist ein Reich des Lichts und der Wahrheit, nicht der Finsterniß und des Irrthums. Der Leser ersieht zweitens, daß durch jene falsche Scheidung der sichtbaren und unsichtbaren Kirche bei Herrn N. der Irrthum entstanden ist, es gebe entweder gar keine rechtgläubige Kirche auf Erden, oder man müsse den Ruhm, eine solche zu sein, allen Parteien in der Christenheit lassen; daher denn auch Hr. N. das Letztere thut und jede Secte für einen Theil der wahren christlichen Kirche anerkannt wissen will. Durch dieses öffentliche Bekenntniß hat Hr. N. unsere Beschuldigung, daß die Evangelischen dem Indifferentismus (Religionsgleichgültigkeit) von ganzem Herzen huldigen, nehmlich auf den Unterschied zwischen reiner und falscher Lehre nichts geben, vollkommen selbst gerechtfertigt. Es fehlt nur noch, daß Hr. N. hinzusetze, daß auch zwischen Christen, Heiden, Juden und Türken kein Unterschied sei, wenn sie nur „der Heiligung nachjagen und nicht nachschleichen“ (S. 56), so ist die Grundlage zu dem großen über die ganze Welt gebauten Unionstempel fertig, zu dessen Aufbau gegenwärtig bereits die „Evangelisch-Protestantischen“ (das heißt jetzt auf deutsch: solche Menschen, die wider das Evangelium protestiren) die Vorarbeiten liefern. Was sagt nun aber Herr N. zu folgenden Ermahnungen: „Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, daß ihr aufsehet auf die, die da Zertrennung und Aergerniß anrichten, neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von denselbigen“? Röm. 16, 17. „Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die der Heerde nicht verschonen werden. Auch aus euch selbst werden aufstehen Männer, die da verkehrte Lehre reden, die Jünger an sich zu ziehen. Darum seid wacker“? Apg. 20, 29. 30. Oder wenn der HErr spricht: „Es werden sich viele falsche Propheten erheben, und werden viele verführen. So alsdann jemand zu euch wird sagen: Siehe, hier ist Christus, oder da; so sollt ihr es nicht glauben. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen, und große Zeichen und Wunder thun, daß verführt werden in den Irrthum, wo es möglich wäre, auch die Auserwählten“? Matth. 24, 11. 23. 24. Warum antwortet Hr. N. auf solche und ähnliche Stellen, die von der falschen Kirche handeln, und die wir angeführt hatten, nichts? Warum geht er an ihnen wie der Fuchs vor dem Platze vorbei, wo er eine Falle wittert? Ei, ei! es ist ein gar böses Zeichen, daß Hr. N. darüber auch nicht ein Wort verliert und sich in seiner Schrift nicht anders geberdet, als stünden jene Warnungen vor falscher Lehre und den dadurch gestifteten Secten für die Herrn Evangelischen so gut wie nicht in der Bibel! Eben das war ja der Punct, wo Hr. N. seine Kunst beweisen, und zeigen sollte, daß es entweder gar keine falsche Kirche oder Secte geben könne, oder daß doch wenigstens die Evangelischen nicht dazu gehörten. Mögen dieselben aber die Warnungen vor falschen Propheten und ihrer Gemeinschaft, die so häufig in der Bibel vorkommen, aus leicht begreiflichen Gründen mit Stillschweigen übergehen und ihren Lesern so viel möglich aus den Augen zu rücken suchen,