# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 07 20_S190 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Es iſt aber doch köſtlich, daß Gottes Wort ſo klar und deutlich iſt. Der Apologete hat ſich nun ſchon lange abgequält, um zu beweiſen, daß der Menſch ſchon auf Erden von der Sünde frei wer⸗ den könne. Doch vergebens. Dieſer Spruch iſt ſo hell, wie die liebe Sonne, davor müſſen alle Nebel und Dünſte des Schwarmgeiſtes verſchwin⸗ den, daß man nicht einmal weiß, wo ſie bleiben. Denn wenn ich auch ſo gern beweiſen wollte, wir könnten hier auf Erden ſchon heilig und ſündlos werden: ich kann's nicht, dieſer Spruch iſt gar zu deutlich und zu ſcharf, denn er erklärt geradezu alle diejenigen für Verführer und Lügner, welche ſich hier ſündlos halten. Darum, ihr Methodi⸗ ſten, aufrichtig geſagt, das Beſte für Euch wäre, wenn Ihr offenherzig bekennetet: „Wir haben gröblich geirret, indem wir meinten, daß der Menſch ſchon auf Erden ſündenfrei werden könne.“ Wenn Ihr das thätet, dann wäret Ihr die Sie⸗ ger, Ihr ſiegtet nemlich über Euren Irrthum, und über das gegen Euch herrſchende Vorurtheil, als verſtocktet Ihr Euch gegen die Wahrheit. (Fortſetzung folgt.) 2 Des evangeliſch⸗lutheriſchen Chriſten Glaube, Kirche und Miſſion.*) 1. Mein Glaube. Ich bin ein evangeliſch⸗ lutheriſcher Chriſt; ich bin es aus Ueberzeugung. In dieſer Ueberzeugung habe ich Seligkeit gefun⸗ den, und finde darin immer wieder die wahre Ruhe der Seele; denn durch den evang.⸗luth. Glauben hab' ich JEſum Chriſtum, den HErrn, in Wort und Sacrament. Dieſer wortgemäße Glaube, der nicht auf ſich ſelbſt, ſondern auf Gottes Thaten in Tauf und Abendmahl gründet, ſchützt mich gegen die Vern unftſchwärmerei, welche nur ſolchen reli⸗ giöſen Dingen nachhängt, welche die natürliche Vernunft begreifen, erklären und richten kann. Jener wortgemäße Glaube ſchützt mich auch gegen die Gefühls ſchwärmerei, welche die Erlöſung auf meine innere, veränderliche Gefühlswelt gründen möchte. Jener Glaube errettet mich aus einer ſchwärmeriſchen Rechtfertigung des Sünders vor Gott, nach welcher unſere Rechtfertigung nicht zuerſt und immer wieder auf Chriſtum für uns, ſondern auf einen Chriſtus in uns gebaut wäre. Die erkrankten Juden in der Wüſte wur⸗ den vom HErrn nicht angeleitet, auf Etwas in ihnen, ſondern auf Etwas außer ihnen zu ſchauen, und, die es thaten, die fanden Geneſung. So auch jetzt noch; denn „wie Moſes in der Wüſte eine Schlange erhöhte, alſo muß des Men⸗ ſchen Sohn erhöht werden, auf daß Alle, die an Ihn (den außer ihnen Erhöhten) glauben, nicht verloren gehen, ſondern das ewige Leben haben.“ Und dieſer Blick auf das, was außer mir und ohne mich geſchah und vollendet wurde, zieht alle Gnade, die von Chriſto ausgehet, auch je mehr und mehr in mich hinein. Das Kreuz Chriſti — der gekreuzigte und auf⸗ erſtandene Chriſtus, ſteht nun in Taufe und ) Wieder ein Elſäſſiſcher Tractat. D. R. — 189 Abendmahl. Was das Wort mir ankündigt, wird in Taufe und Abendmahl mir ausgetheilt nach der Ordnung, welche der HErr des Him⸗ melreichs ſelbſt feſtgeſetzt hat; denn er hat keinen ſacramentloſen Glauben predigen laſſen. Die Vernunſtſchwärmerei wie die Gefühlsſchwärmerei höhlen aber die Sacramente zu bloßen Formen oder Zeichen, Abſchattungen, aus, während das Chriſtenthum der Kirche Gottes, bei uns evangeliſch-lutheriſch genannt, mir dieſelben wortgemäß als Gnadenmittel zu erkennen gibt. Getauft, habe ich Chriſtum empfangen, ſonſt hätte ich ihn nicht können anziehen (Gal. 3, 27.). Den ich aber in der Taufe an⸗ gezogen und im Glauben behalte, iſt derſelbe, der für mich geſtorben und auferſtanden. Iſt Jemand in Chriſto (iſt dieſer Chriſtus etwa nur eine Form 2), ſo iſt er eine neue Creatur. Das Alte iſt vergangen. Siehe, es iſt Alles (in Chriſto) neu geworden. Glaube ich in dieſen mir „ge⸗ gebenen“ Chriſtum; nehme ich ihn an; ſtoße ich ihn nicht beharrlich durch Herzenshärtigkeit und Unglauben zurück, ſo nimmt die neue Creatur in mir zu — ich aber nehme ab. Die Glieder, die von unten ſind, müſſen ſterben; aber die Glieder, die von oben ſind, leben. Chriſtus gewinnt je mehr und mehr eine Geſtalt in mir, ſo daß ich auch verkündigen kann die Tugenden deß, der mich berufen hat aus der Finſterniß zum Licht, und aus der Gewalt des Satans in Gottes ſelige Liebesgewalt; daß ich, der ich durch „Einen Geiſt getauft bin zu Einem Leibe“ (1 Cor. 12, 13.), auch an dieſem Leibe als ein Glied Chriſti ge⸗ heiligt werde durch den Glauben an IEſum. Im Abendmahle aber, wo ich nicht nur geiſt⸗ lich IEſum im Worte genieße, ſondern auch wirklich ſeinen Opferleib und ſein Opferblut em⸗ pfange, da wird je mehr und mehr mein ſchwa⸗ cher Glaube geſtärkter und gewiſſer, daß ich in Ihm bleibe und Er in mir (Joh. 6, 56.). Auf Tauf und Abendmahl, dieſe zwei diamantnen Säulen, welche der kluge Baumeiſter ſelbſt ge⸗ ſtiftet, und in ſeiner Gottesthat auf das tiefſte gegründet hat, ruht das Haus, von Gott erbauet, in dem meine Seele, ſo ſie im Glauben beharret, ewiglich leben wird. 2. Meine Kirche. Wie nun der evang.⸗ lutheriſche Glaube es iſt, der meine Seele befrie⸗ digt — ſo iſt es auch die evangeliſch-luthe— riſche Kirche, welche ich als die Roſe unter den Dornen erkannt habe. Sie, als die Kirche Gottes in reinem Wort und Sacrament, bewahrt mich zunächſt vor der römiſch-päbſtlichen Kirche des Zuſatzes zu Gottes Wort; aber auch vor den reformirten Kirchen und Secten, da man abſchnei⸗ det von Gottes Wort; dort, beſonders, die Schwärmerei des unkirchlichen eigenmächtigen Zuſetzens; hier, die Schwärmerei des unkirchlichen eigenmächtigen Abſchneidens. Was wird abge⸗ ſchnitten im Secten-Chriſtenthun? Worte Gottes, die Geiſt und Leben ſind. Taufe und Abendmahl, heißt es, ſeien nur Gnadenzeichen, äußerlich angehängt, nicht aber Wiederge— burt wirkend aus Waſſer und Geiſt, nicht „wahrer Leib und Blut“ Chriſti; nicht geben ſie ein gegen wärtiges Gut; ſondern ein zukünf⸗ tiges Gut nur verſiegeln ſie und deuten es an. Daß der Sohn Gottes in das Fleiſch gekom⸗ men, und nun alſo durch ſeine Menſchheit, in der die Fülle der Gottheit wohnet, immer noch im Abendmahl zu uns, und als der zweite Adam in uns herein kommt, — das iſt den Secten⸗Kir⸗ chen eine Thorheit. Chriſtus wirkt ihnen nur in Kräften. Die wahre Menſchheit des Sohnes Gottes, als des zweiten Adam, iſt ihnen verflüch⸗ tigt, verdunſtet: die Taufe gibt keinen ganzen Chriſtus zum Anziehen in dem Waſſerbad der Wiedergeburt, höchſtens Kräfte und Keime. Dieſe Decke taugt nicht zu Kleidern, dieß Gewirke iſt durchſichtige Spinnwebe. Man ſucht die Wie⸗ dergeburt immer, und hat ſie doch nie: denn ſie läuft vorher wie ein Irrlicht. Die Bekehrung verwechſeln eben ſolche Gemeinſchaften mit der Wiedergeburt; darum geberden ſich ihre Lehrer, als hätten wir, in Sünden todte Menſchenkinder (Epheſ. 2, 5.), auch mitzuwirken zu unſerer Neu⸗ Schöpfung. Freilich, wenn Adam mitgewirkt hätte zu ſeiner erſten Schöpfung; wenn er ſeine Hand zum Mitwirken gerührt, ehe ſie geſchaffen: — dann fönnte der „in Sünden todte“ Adam auch mitwirken, daß er neu geſchaffen und wiedergeboren werde. Dann hätten die Wieder⸗ täufer Recht, welche die Kindertaufe verwerfen. Solche irrthümliche Unklarheit kennt unſere evan⸗ geliſch⸗-lutheriſche Kirche nicht. So laßt uns wandeln im Lichte der evangeliſch-luthe⸗ riſchen Kirche! In ihr ſtehen wir im tiefſten Kerne des Chri⸗ ſtenthums und nicht in leeren „Formen“. In ihr leuchtet uns der „Morgenſtern“ hell und klar ohné nebelhafte Verdunklung. In ihren Kate⸗ chismen, in ihren unverſtümmelten und unver⸗ fälſchten Liedern, in ihren Bekenntniſſen, von der augsburgiſchen Confeſſion bis zur rein⸗ lichen Eintrachtsformel, — und einſtens auch wie⸗ der in ihren ſchönen Gottesdienſten, deren duf⸗ tende Krone das Abendmahl iſt, ſpiegelt ſich des HErrn volle Klarheit. Mag ſie ärmer werden an äußern Gütern: in der Armuth und Knechtsgeſtalt auch wird ſie doch Viele reich machen. Durch die Taufe in Chriſtum wird die allgemeine Chriſtenheit geſtiftet; durch das Abendmahl aber, wo es als Sacrament des Leibes und Blutes Chriſti gehalten wird, die wahre Kirche Gottes in ihrer Erſcheinung be⸗ ſtimmt, genährt, geſtärkt, getröſtet und gereinigt. In der Taufe oͤffnet ſich der Kirche Mutterſchooß; durch das Abendmahl, wo es dem göttlichen Worte gemäß geſpendet wird, reicht ſie die Mutterbruſt. Für dieſe Kirche laßt uns mit den geiſtlichen Waffen kämpfen. Das iſt ein ſchöner großer Kampf. Für die Leibesnahrung, für Beſitz, für die Angehörigen kämpft ja ſchon das Thier; der natürliche Menſch kämpft für natürliche Vernunft⸗ Ideen, für natürlichen Glauben und Ueberzeu⸗ gung. Der Chriſt kämpft für die Wahrheit und ihren Sieg, in ſich wie in Anderen, den ſchönen großen Kampf: er kämpft für die Kirche