# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 08 03_S182 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) nrrrrr und verſtopfen ihre Ohren gar, ſitzen da als taube, ja, als todte Menſchen, denen gleichſam eine Leichenpredigt gehalten wird. Darüber eifert nun mancher gottſelige Prediger ſo ſehr, daß ihm das Herz im Leibe davon wehe thut. Er rufet und ſchreiet: „Wachet auf, ihr Todten (ihr Kirchenſchläfer), auf daß euch Chriſtus erleuchte. Ja, ſchlafet noch ein wenig, ſchlummert noch ein wenig, ſo wird euch die Strafe Gottes ereilen!“ Es ſeufzet der Prediger, wenn er nicht lebenden, ſondern todten Menſchen predigen und nur in die Luft reden ſoll. Man möchte aber fragen, woher es doch komme, daß der Kirchenſchlaf an vielen Orten ſo gar gemein iſt? Der vornehmſten Ur⸗ ſachen eine iſt, daß das Schlafen unter der Pre⸗ digt göttlichen Worts für keine, oder doch gar ge⸗ ringe Sünde, die nur aus Schwachheit herrühre und nicht viel zu bedeuten habe, geachtet wird, und zwar um ſo viel mehr, weil ja zuweilen auch chriſtliche und andächtige Zuhörer, wie dem Euty⸗ chus widerfahren ſei, in ſolchen Schlaf zu ſinken pflegen, ſo kann auch dieſes eine Miturſache ſein, weil wider den Kirchenſchläfer von manchen Pre⸗ digern nicht gebührend geeifert wird. Daß aber der Kirchenſchlaf Gott mißfällig, ſündlich, ärger⸗ lich und daher von allen und jeden Kirchen⸗ gängern und Zuhörern mit Fleiß zu vermeiden ſei, ſolches ſoll in folgendem Capitel kürzlich dar⸗ gethan und nach Nothdurft erwieſen werden. Das andere Capitel. der Sündlichkeit des Kirchen⸗ ſchlafs. Daß das, heutiges Tages ſehr gemeine Schlum⸗ mern und Schlafen unter der Predigt des gött⸗ lichen Wortes und dem öffentlichen Gottesdienſte eine Sünde ſei, darf keines beſondern Beweiſes. Wer nur ein wenig in ſein Herz gehet und er⸗ wäget, zu was Ende man in den Tempel des HErrn gehen und dem Gottesdienſte beiwohnen ſoll, der wird bald finden, daß der Kirchenſchlaf ganz gewiß böſe und ſündlich ſei. Wir wollen gleichwohl um der Einfältigen willen ein und anderes zum Beweisthum anführen und mit der Autorität einiger chriſtlichen Theologen beſtärken. Erſtlich iſt unleugbar, daß die geiſtliche Schlafſucht im Chriſtenthum nicht allein gefähr⸗ lich, ſondern auch an ſich ſelber ſündlich und un⸗ verantwortlich iſt. Der Geiſt des HErrn befieh⸗ let ernſtlich, daß man allezeit munter und wach⸗ ſam ſein ſolle. „Wachet“, ſagt der Apoſtel, „ſtehet im Glauben, ſeid männlich und ſeid ſtark.“ „Wachet und betet“, vermahnet der Heiland, „daß ihr nicht in Anfechtung fallet.“ Nun iſt aber der Kirchen ſchlaf ein Stück ſolcher Faulheit, Trägheit und Schläfrigkeit, davor ein jedweder, dem ſein Chriſtenthum ein Ernſt iſt, ſich mit gan⸗ zem Fleiß hütet, und von demſelben ſich nicht überwältigen läſſet. Zum andern wird durch den Kirchenſchlaf Gottes Bethaus zum Schlafhauſe gemacht. Wie nun Chriſtus, der Sohn Gottes, in den Tagen ſeines Fleiſches wider die Juden, die im Tempel des HErrn Krämerei trieben, auf das heftigſte eiferte, die Käufer und Verkäufer mit Gewalt Von 18¹ herausjagte und der Wechsler Tiſche und die Stühle der Taubenkrämer umſtieß und ihnen ſolch unziemendes Thun hart verwies, ſagend: „Es ſtehet geſchrieben: Mein Haus ſoll ein Bethaus heißen, ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht“ (Matth. 11, 12.); alſo kann der Hei⸗ land zu den Kirchenſchläfern, die nur nach Ge⸗ wohnheit zur Kirche gehen und die halbe oder ganze Predigt durch, auch wohl gar unter dem Gebet und Singen, ſchlafen und ſchnarchen, mit Fug ſagen und ſie ſchelten: „Mein Haus iſt ein Bethaus, ihr aber machet es zum Schlaf⸗ haus.“ Drittens vermahnet der Heiland, daß man wohl zuſehen ſolle, wie man Gottes Wort höre. „Sehet darauf (ſagt er Lue. 8, 18.), wie ihr zuhöret; denn wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, von dem wird genommen, auch das er meinet zu haben.“ Die Kirchen⸗ ſchläfer aber ſehen gar nicht darauf, wie ſie zu⸗ hören, ſondern laſſen den Prediger immerhin rufen und ſchreien. Sie verſtopfen ihre Ohren durch den Schlaf, wie eine taube Otter. Es iſt fürwahr ſehr erſchrecklich, was der Sohn Got⸗ tes an berührtem Orte weiter ſagt, daß nemlich der Teufel komme und nehme das Wort von den Herzen der Zuhörer, die an dem Wege ſind, auf daß ſie nicht glauben und ſelig werden. Daß aber nicht aller Schlaf in der Kirchen natürlich ſei, ſondern manchmal von dem Satan herrühre, bezeugt der chriſtliche Theolog Dr. Arnd an einem Orte, wie drunten mit Mehrerem angeführt wer⸗ den ſoll. Viertens thun die Kirchenſchläfer wider die Vermahnung des Apoſtels Jacobi, da er ſagt: „Seid nicht Hörer allein des Worts, da⸗ mit ihr euch ſelbſt betrüget. Denn ſo Jemand iſt ein vergeßlicher Hörer des Worts und nicht ein Thäter, der iſt gleich einem Manne, der ſein leiblich Angeſicht im Spiegel beſchauet, denn nachdem er ſich beſchauet hat, geht er von Stund an davon und vergiſſet, wie er geſtaltet war“; iſt alſo ein Kirchenſchläfer ſo gut, ja noch ſchlim⸗ mer, wie ein vergeßlicher Hörer. Denn dieſer höret das Wort, wiewohl nur äußerlich; jener aber höret gar nichts, ſintemal ein ſchlafender Menſch mehr einem Todten, denn einem Leben⸗ den zu vergleichen iſt. Fünftens ſagt der Weiſe: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hauſe des HErrn geheſt, daß du kommeſt und höreſt.“ Die Kirchenſchläfer aber thun ganz das Widerſpiel. Denn ob ſie gleich auf Befragen daraus nicht geſiehen dürf⸗ ten, daß ſie Schlafens halber in die Kirchen gehen, ſondern vielmehr bejahen würden, ſie kämen Be⸗ tens, Singens, Predigthörens wegen, ſich im Glauben und Chriſtenthum zu erbauen, zur öf⸗ fentlichen Kirchenverſammlung, ſo ſiehet man doch aus dem darauf folgenden Kirchenſchlaf, daß es ihnen kein rechter Ernſt geweſen, denn ſie ſonſt des Schlafens ſich wohl würden enthalten haben. Sechstens verurſachen die Kirchenſchläfer, zumalen diejenigen, die gewohnt ſind, faſt die ganze Predigt durch zu ſchlummern und zu ſchla⸗ fen, daß fromme und getreue Prediger und Seelenhirten darüber klagen und ſeufzen müſſen. Dr. Müller ſchreibet an einem Orte: „Es wäre nicht Wunder, daß Gott mit Blitz und Donner, ja, mit allen Türken und Teufeln aus der Hölle dreinſchlüge. Es wäre kein Wunder, daß Deutſch⸗ land längſt zu Grunde gegangen, oder von Tür⸗ ken und Tartern zu Grund verderbet wäre über ſolche verdammte Vergeſſenheit und Verachtung der großen Gnade, des Wortes Gottes und Evangelii.“ Nun vermahnet der heilige Apoſtel, daß die Zuhörer ſich alſo verhalten ſollen, daß Lehrer und Prediger ihr Amt mit Freuden und nicht mit Seufzen thun, denn dieſes iſt ihnen nicht gut. (Ebr. 13, 18.) Zum Siebenten iſt der Kirchenſchlaf är⸗ gerlich. Die Kirchenſchläfer ärgern ihre Neben⸗ chriſten, die nahe um ſie ſitzen, wenn dieſelben vor Augen ſehen, wie bald dieſer oder jener den Kopf hänget, ſchläfet und ſchnarchet, wodurch dann der Nachbar je zuweilen zum Schlaf auch gereizet und veranlaſſet wird. Wehe aber dem, der Aergerniß gibt, ſagt der Heiland, wenn zumal Eltern, Herren und Frauen es thun und ihre Kinder und Geſinde es mit anſehen müſſen. Achtens geſchieht der vorſätzliche Kirchen⸗ ſchlaf nicht ohne Mißachtung der hohen Majeſtät Gottes und ſondern Verachtung ſeines göttlichen Wortes. Niemand wird leugnen, daß Gott der HErr in ſeinem Tempel gegenwärtig ſei. „Wo ihrer zwei oder drei“, ſagt der Heiland, „bei⸗ ſammen ſind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Wenn nun ſolches ge⸗ glaubt wird, wie kann der Menſch vor Gott, der durch den Prediger, ſeinen Diener, mit ihm redet, vermittelſt des Schlafs ſeine Ohren verſtopfen? Lehrer und Prediger ſind ja an Gottes Statt, ſie reden zum Volke nicht ihr, ſondern ihres HErrn Wort, der ſie geſandt hat! Neuntens iſt der Kirchenſchlaf wider die Gewohnheit und Andacht anderer Religionen. Man bedenke, wie andächtig und eifrig Juden, Türken und Heiden in ihren Synagogen, Mo⸗ ſcheen, Tempeln und Kirchen bei ihrem Gottes⸗ dienſt ſich bezeigen. Dieſe alle beſchämen die Chriſten in ihren ſo ſchlechten und ſchläfrigen An⸗ dachten, ſie würden ſich auch ſehr daran ſtoßen und ärgern, wenn ſie in eine Chriſtenkirche kom⸗ men und ſo viel Schläfer unter der Predigt des Wortes Gottes ſehen ſollten. Das dritte Capitel. Vonetlichen Zeugniſſen frommer Theo⸗ logen, daß der Kirchenſchlaf eine Sünde ſei. — Obgleich angeführte Argumente ſtark genug ſind, die Kirchenſchläfer, zumal diejenigen, die aus dem Kirchenſchlaf eine Gewohnheit machen, zu überzeugen, daß ſie ſich an Gott und ſeinem Wort verſündigen, ſo wollen wir doch auch etli⸗ cher vornehmer Theologen Gedanken darüber hö⸗ ren. Der heilige Auguſtinus ſchreibet in der 16. Homilie von den nachläſſigen Hörern Gottes Worts ſehr nachdenklich alſo: „Ich frage euch,