# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 08 03_S178 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Der Cutheraner. „Gottes Mort und Kuthers Kehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben non der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Synode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten. Belligirt von C. H. W. Walther. Zahrgang 6. H. Louis, Mo., den 9. Zuli 1850. No. 23. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zvei Wochen einmal für den jährlichen Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche denſelben vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Nur die Briefe, welche Mittheilungen für das Blatt enthalten, ſind an den Redacteur, alle anderen aber, welche Geſchäftliches, Beſtellungen, Abbeſtellungen, Gelder ꝛc. enthalten, unter der Adreſſe: Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W. Walther, St. Louis, Mo., anher zu ſenden. Bartholomäus Ziegenbalg, einer der beiden erſten Miſſionare der evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche in Tranquebar“). Bartholomäus Ziegenbalg war gebo— ren am 24. Juni 1683 zu Pulsnitz in der Ober⸗ lauſitz, wo ſein Vater ein Handelsmann war. Frühe aber ſollte dieſe zum Lohn eines Erſtlinges berufene Seele es erfahren und lernen, was das heiße: Du biſt meine Hoffnung, HErr, HErr, meine Zuverſicht von meiner Jugend an. Auf dich habe ich mich verlaſſen von Mutterleibe an (Pſalm 71, V. 5. und 6.). Denn das erſte, woran der Selige aus ſeiner früheſten Kindheit ſich erinnern konnte, das war der Tod ſeiner bei⸗ den Eltern, ſo daß man wohl ſagen kann: der⸗ ſelbe hatte früher weinen gelernt als lachen. Das Städtlein war in Brand gerathen, die Flammen ſchlugen ſchon über dem elterlichen Haus zuſam⸗ men; der Vater aber lag an einer Krankheit ſchwer darnieder. Da legten die Träger, welche zur Rettung des Hausgeräthes herbeigekommen waren, den todkranken Mann in den Sarg hinein, den ſich derſelbe, nach damaliger frommer Sitte, ſchon in geſunden Tagen zur Erinnerung an ſeinen Tod hatte fertigen laſſen, und trugen ihn auf den offenen Markt hinaus. Und als nun die Angſt vor der Feuersbrunſt faſt vorbei war, da ſtarb der Vater. Da nun auch die Mutter zum Tode ſich gelegt und jetzt ſchon am Sterben war, hat ſie alle ihre Kinder, und unter ihnen auch den jüngſtgebornen Bartholomäus, welcher damals noch kaum die Menſchenrede ver⸗ ſtanden, an ihr Bette kommen laſſen und zu ihnen geſagt: „Lieben Kinder! ich habe euch einen gro⸗ ßen Schatz geſammelt; einen ſehr großen Schatz habe ich euch geſammelt.“ Die älteſte Tochter fragte hierauf: „Liebe Mutter! wo habt ihr den Schatz?“ Da antwortete die ſterbende Mutter: „Suchet in der Bibel, meine lieben Kinder! dort werdet ihr ihn finden; denn ich habe ein jedes Blatt mit meinen Thränen genetzt.“ Als nun die gute Mutter geſtorben und begraben war, da ) Däniſche Beſitzung in Oſtindien. übernahm die älteſte Tochter nach ihrem Vermö⸗ gen die Zucht und Pflege der jüngeren Geſchwi⸗ ſter und dieſelbe hielt auch ihren jüngſtgebornen Bruder Bartholomäus fleißig zur Schule und zur Leſung des göttlichen Wortes an. Wenn denn dieſes Waislein auch nicht äußerlich, durch Ge⸗ ſchenke, welche etwa begüterte Eltern ihren Kin⸗ dern am Weihnachtsfeſte geben, zur Freude an der Geburt ſeines HErrn iſt aufgeregt worden, ſo hat ihm Gott dieſen Mangel durch innerliche Ga⸗ ben erſetzt. Denn er hat frühe, und ſobald er zu denken angefangen, Gedanken und Freuden des Himmels in ſeinem Herzen getragen und der Geiſt der Gnade hat Mutterſtelle bei ihm vertre⸗ ten, indem er ihn immer, wo er etwas gefehlt, an ſein Vergehen erinnerte und darob ſtrafte. Auch hatte ihm Gott durch die Begebenheiten ſeiner Kindheit frühe ein ernſtes Andenken an Tod und Ewigkeit beſchert, ſo daß er jedesmal, wenn im Städtlein wieder jemand geſtorben war, in ſeinem Herzen fragte: „Wo mag dieſe Seele jetzt hingekommen und was mag ihr Schickſal ſein?“ Als er nun kaum zum Knabenalter angewach⸗ ſen war, da entſchloß er ſich, mit Gottes Hülfe beim Studiren zu bleiben. Zu dieſer Zeit ging er öfters ins Feld hinaus oder auf die benachbar⸗ ten Berge, fiel da in der Einſamkeit auf ſeine Kniee und bat Gott um die rechte Weisheit. Und dieſe mütterlich führende, züchtigende Weisheit iſt es geweſen, die ihn auf der Schule zu Camenz, wohin ſeine Verwandten ihn zuerſt gebracht hat⸗ ten, vor den Gefahren ſündlicher Verſuchungen bewahrte; ſie iſt es geweſen, die ihn, als er in ſeinem 16ten Jahre das Gymnaſium zu Görlitz beſuchte und hier eifrig der Mufik oblag, in Be⸗ kanntſchaft und brüderliche Verbindung mit einem frommen Jüngling führte, welcher ihn lehrte, daß die Muſik zwar eine herrliche Kunſt ſei, daß ſie aber von keinem Andern könne recht geübt werden, als von einem Solchem, der mit Gott und mit ſich ſelber in geiſtlicher Harmonie ſtünde. Der natürliche Menſch, ſo wie derſelbe nach dem Sündenfall be⸗ ſchaffen ſei, wäre fern aus dieſer Harmonie herausgerathen; IEſus, der Erlöſer allein, könne das Gemüth wieder zum göttlichen Einklang ord⸗ nen. Hierüber gewann unſer ſeliger Bartholo⸗ mäus ſeinen frommen Mitſchüler ſehr lieb und nahm ihn zu einem lieben Gefährten und erfahr⸗ neren Vorgänger auf dem Weg des Lebens willig an. Jener Mitſchüler aber, welchem der treue Gott auch eine wahrhaft mütterliche zärtliche Liebe zu dem verlaſſenen und verwaiſeten Knaben ins Herz gab, betete täglich mit ihm, handelte mit ihm aus Gottes Wort und führte ihn dabei „auf das Buch der Natur“. Als nun Bartholomäus mit redlichem Eifer ſich zu Gott wendete, mußte er ſchon damals den herben Spott ſeiner Mit⸗ ſchüler erfahren. Sein frommer Freund fürchtete, der Knabe möchte hierdurch ſich irre machen laſ⸗ ſen, und nahm denſelben deßhalb mit ſich auf eine Reiſe, auf welcher Bartholomäus ſo viel inner⸗ liche Freudigkeit und Stärkung empfing, daß er nun auch, da ſein Freund die Schule verlaſſen hatte, ſeinen angefangenen guten Weg in der Einſamkeit getroſt fortwandelte. In ſeiner Ar⸗ muth und Verlaſſenheit gewährten ihm das Ge⸗ bet und das liebe Bibelbuch mehr Freude und Erquickung, als den Andern, welche „viel Korn und Moſt haben“, alle ihre Güter geben können. Oefters gedachte er jetzt an die Worte ſeiner ſter⸗ benden Mutter und ermahnte auch in allen Brie⸗ fen ſeine Schweſtern, ſie möchten doch mit ihm ſich befleißigen, die im Worte Gottes befindlichen Schätze zu ſuchen. — Eben dieſe Schätze des Er⸗ kenntniſſes der geoffenbarten Wahrheit waren es auch, die ihn jetzt aufrichteten und erquickten, als Gott ihn zuerſt in eine Schule der innern Leiden und Schwermuth führte, wo ihm jedes Gefühl von Freudigkeit entzogen war, und nur noch das feſte Anhalten des Verſtändniſſes am Wort ihm zurück blieb, und als darauf bei dem Tod einer ſeiner Schweſtern auch eine ſchwere langwierige Krankheit des Leibes über ihn verhängt wurde, deren Folgen von nun an ihn niemals wieder ganz verließen. Denn als er nach ſeiner Wie⸗ dergeneſung gen Berlin gekommen war, wo der Freund des ſeligen Auguſt Hermann Franke, Baron Canſtein, ihn mit einem Stipendium un⸗ terſtützte, und als er hier kaum angefangen hatte,