# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 06 18_S84 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 84 peln“ menschlicher irriger Gedanken (1 Cor. 3, 11—15), so daß auch die Kirche täglich bitten muß: „Vergib uns unsere Schuld“, aber diese ihre Irrthümer sind so beschaffen, daß sie nicht nur den Grund nicht umstoßen, sondern auch von ihnen nicht hartnäckig festgehalten werden; wie wir dies z. B. an den lieben Aposteln sehen, welche oft irrten, aber sich weisen zu lassen, stets willig und bereit waren. Denn wo nicht nur Irrthümer gepredigt, sondern auch hartnäckig festgehalten werden, da ist Christi Kirche nicht, da wird nicht die wahre Kirche, sondern die falsche oder eine Secte sichtbar. „Wer von Gott ist,“ spricht Christus, „der höret Gottes Wort: darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott. Meine Schafe hören meine Stimme. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.“ Joh. 8, 47. 10, 27. 18, 37. Und Johannes bezeugt: „Wer übertritt, und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott.“ 2 Joh. 9. vergl. Tit. 3, 10. 11. Daher schreibt der selige Luther: „Wobei sollte man sonst Unterschied nehmen, welches die rechte Kirche Christi und welche des Teufels Kirche sei, ohne bei dem Gehorsam und Ungehorsam gegen Christum; sonderlich so der Ungehorsam öffentlich erkannt und verstanden, sich frevelich und frechlich entschuldigt und recht haben will. Denn die heil. Kirche sündiget und strauchelt oder irret auch wohl, wie das Vaterunser lehrt; aber sie vertheidiget, noch entschuldiget sich nicht, sondern bittet demüthiglich um Vergebung, und bessert sich, wie sie immer kann: so ist's ihr vergeben; daß alsdann ihre Sünde nicht mehr Sünde gerechnet wird. Wenn ich nun bei dem Gehorsam und verstockten Ungehorsam nicht soll erkennen, noch unterscheiden die rechte Kirche von der falschen, so weiß ich von keiner Kirche mehr zu sagen.“ (Brief wegen des Buchs von der Winkelmesse. W. H. XIX, 1579.) An einer andern Stelle spricht Luther ferner: „Wie St. Augustinus von sich spricht: Errare potero, haereticus non ero: ich mag irren, aber ein Ketzer will ich nicht werden. Ursach, Ketzer irren nicht allein, sondern wollen sich nicht weisen lassen, vertheidigen ihren Irrthum für recht, und streiten wider die erkannte Wahrheit und wider ihr eigen Gewissen. Von solchen sagt St. Paulus Tit. 3, 10. 11.: Einen Ketzer sollst du meiden, wenn er eins oder zweier ermahnt ist, und sollst wissen, daß ein solcher verkehrt ist und sündiget autocatacritos, d. i. der muthwilliglich und wissentlich will in Irrthum verdammt bleiben. Aber St. Augustinus will seinen Irrthum gern bekennen und ihm sagen lassen. Darum kann er kein Ketzer sein, wenn er gleich irrte. Also thun alle andere Heilige auch, und geben ihr Heu, Stroh und Holz gern von sich in's Feuer, damit sie auf dem Grunde der Seligkeit bleiben. Wie wir auch gethan haben und noch thun.“ (Von Conciliis und Kirchen. W. H. XVI, 2664.) Endlich sagt Luther: „Sie unterscheiden nicht: Irren und im Irrthum bleiben. Irren schadet der Kirche nichts, aber im Irrthum bleiben, das ist unmöglich; wie Christus spricht Matth. 24, 23., daß auch die Auserwählten in Irrthum geführt würden, wo es möglich wäre.“ (Von der Winkelmesse. W. XIX, 1515.) Fassen wir nun das Gesagte noch einmal zusammen, so ist also die Kirche das Eine über den ganzen Erdboden ausgebreitete Volk Gottes, die Versammlung aller gläubigen und durch den heil. Geist geheiligten Seelen, welche den Augen der Menschen meist ganz verborgen bleiben und allein Gott bekannt sind, die jedoch auch vor Menschen offenbar werden, wo Gottes Wort rein gepredigt wird und die heiligen Sacramente nach Christi Einsetzung verwaltet werden. Dies ist die einzige Kirche, von welcher wir wissen, von der wir bisher in unserem Blatte geredet haben und für die wir kämpfen wollen; und wenn wir Lutheraner sein wollen, so wollen wir uns mit diesem Namen zu keiner besondern Partei, noch zu irgend einer andern, als eben zu dieser einigen allgemeinen (katholischen) christlichen und apostolischen Kirche bekennen, wie Luther und alle seine treuen Nachfolger gethan haben. Wird nun zwar auch der ganze Haufe der Berufenen und Getauften die Kirche genannt, wird ferner von Landeskirchen, Nationalkirchen, Particularkirchen und dergleichen geredet, so geschieht dies nur in einem uneigentlichen Sinne, und nur darum, weil unter diesen sichtbaren Haufen die Kirche Christi verborgen liegt, weil die Auserwählten nur unter den Berufenen zu finden sind. Auch Ketzer, die hartnäckig irren und wichtige in der heiligen Schrift enthaltene Wahrheiten halsstarrig bestreiten, stehen zwar äußerlich in Gemeinschaft mit der Kirche, aber darum sind sie nicht mit ihrem Anhange die Kirche; wiewohl auch unter den Haufen, die die Ketzer an sich gelockt haben, Glieder der Kirche verborgen liegen, die die Wahrheit im Herzen festhalten, die darin entweder wider den Irrthum zeugen oder aus Schwachheit der Erkenntniß ihre falschen Propheten nicht durchschauen, von der Rotte oder Secte äußerlich gefangen gehalten werden, aber im Herzen in Gemeinschaft mit der wahren Kirche stehen. — Dies sei für diesmal genug. Wir empfehlen diese kurze Auseinandersetzung der sorgfältigsten Erwägung unserer Leser; denn nur dann, wenn man diese wenigen aus der Bibel gezogenen einfachen Sätze recht festhält und alle andern diese Sätze verschiebenden oder umstoßenden Vorstellungen von der Kirche, (sollte man sie auch vielleicht aus sogenannten lutherischen Büchern bekommen haben,) fahren läßt: nur dann wird man zu einer gesunden Lehre über diesen Artikel und zu einer klaren Einsicht in den Zusammenhang desselben mit dem ganzen christlichen Lehrgebäude kommen, und die verschiedenen Erscheinungen in der Christenheit recht zu beurtheilen wissen. Der Leser lasse es sich nicht verdrießen, die liebe Bibel zur Hand zu nehmen und das oben von uns gegebene Bild der Kirche mit dem Typus (Vorbild) der heilsamen Lehre zu vergleichen, so wird er, wenn er an die Bibel glaubt, seine Beistimmung nicht versagen können und auch gewiß, wie wir, mit freudiger Ueberraschung, wahrnehmen, daß die biblische Lehre von der Kirche auf das reinste, lauterste, wahrste und treuste in den symbolischen Büchern der luth. Kirche, insonderheit in der Augsb. Confession und deren Apologie wiedergegeben und ihr durchaus nichts Sectiererisches beigemischt wird. Der christliche Leser wird bei seiner Vergleichung finden, daß Herr Nollau bei seiner Lehre von der Kirche nicht die Bibel zum Grunde gelegt, sondern seine Lehre darnach abgeformt hat, welchergestalt er die Kirche mit seinen Augen zu sehen glaubte; anstatt umgekehrt, das, was er sah, nach dem Worte Gottes zu prüfen und zu beurtheilen. Für menschliche Vernunft ist es freilich einleuchtender und annehmbarer, wenn man, wie Herr Nollau thut, nach dem Grundsatz geht: „Wir müssen die Kirche betrachten, nicht wie sie sein sollte, sondern wie sie ist.“ (S. 27.) Aber wenn wir nach Herrn N. die Kirche nicht mehr darnach beurtheilen sollen, wie sie nach der Bibel sein soll, sondern wie sie nach unseren Gedanken einmal ist, so wissen wir in der That nicht, wozu die Bibel nach Herrn N's Gedanken da ist. Wir müssen jedoch aus Mangel an Raum in dieser Nummer unsere Leser auf die nächste verweisen, wo wir den Maßstab der heiligen Schrift an Herrn N.'s ausgesprochene Meinungen legen werden. (Fortsetzung folgt.) Der eigene Dünkel in der Schrift. Mit gewissen starken Sprüchen muß man die Ketzer fahen, sonst entwischen sie uns und fahren durchhin, wie die Fische durch ein Netz wischen. Es ist ein schlüpfrig Ding um die Ketzer; man kann sie schwerlich halten, und sind leichtfertig in göttlicher Schrift zu handeln. Das macht alles, daß sie ihren Gutdünkel in die Schrift tragen, und die Schrift muß sich nach ihrem Kopf und Verstand richten, beugen und lenken lassen. Derohalben sollen wir Gottes Wort mit Furcht hören, und mit Demuth drinnen handeln, und nicht mit unserem Gutdünkel drein plumpen. Du möchtest lieber in alle Sünde fallen, denn in deinen eignen Dünkel, so ein geführliches, schädliches Ding ist es. Denn es ist mit Gottes Wort nicht zu scherzen. Kannst du es nicht verstehen, so zeuch den Hut vor ihm ab. Es leidet keinen Schimpf, noch keine menschliche Deutung; sondern es ist lauter Ernst da, und will geehret und verhalten sein. Derohalben hüte dich beileibe, daß du nicht mit deinem Dünkel darein fällest. Wenn diese Seuche eingewurzelt, so reite sie der Teufel heraus, ich nicht. Darum spricht St. Paulus wohl zu Tito, 3, 10: „Einen abtrünnigen Menschen meide, wenn er einmal und abermal ermahnet ist, und wisse, daß ein solcher verkehret ist, und sündiget, als der sich selbst verurtheilt hat.“ Derohalben so hüte dich vor den Secten. Es ist bald hineinzukommen, aber schwerlich wieder heraus. Glaube mir, du kannst nicht so leichtlich wieder herauskommen, als hinein. — Luther über 23, 5—8. Verachtung der Laien (Nichtpriester) in der papistischen Kirche. Im Jahre 1662 kam zu Würzburg ein Buch in einer zweiten Auflage unter dem (lateinischen) Titel heraus: „Das allen Weltlichen verschlossene Heiligthum oder Abhandlung von dem Verbote der heil. Schrift in der Volks- oder Muttersprache, von Nicolaus le Maire, einem französischen Rath und Almosenpfleger.“ Der Verfasser war ein eifriger Papist; sein Buch hatte daher folgendes Titelkupfer: Ein prachtvoller Tempel, aus welchem ein Hundepeitscher die Hunde jagt; die Ueberschrift ist: „Hinaus mit den Hunden!“ (Foras canes!) — Sehet, ihr armen Laien, so seid ihr bei euren Priestern angesehen; darum verbieten sie euch das Bibellesen. So klingt's, wenn ein Mann, wie le Maire, aus der Karte eurer geistlichen Väter schwatzt. Gedruckt bei Weber und Olshausen.