# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 07 20_S174 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Reſten menſchlicher Leiber, und ſeinen majeſtäti⸗ ſchen Fuß umgaben unregelmäßige Haufen ſcheuß⸗ licher Schädel, welche ſich dort ſeit vielen Jahren aufgeſammelt hatten. Tauſende von Geiern, welche unſere unwillkommene Annäherung ge⸗ ſcheucht hatte, ſchwebten in Kreiſen über ihrem ekelhaften Fraße und ſtießen dann und wann furchtlos nieder auf einen halb verzehrten Schen⸗ kel oder Arm.“ Iſt das nicht greulich? Aber das Bedauer⸗ lichſte dabei iſt, daß ſie mit derlei grauſamen Opfern Gott einen Dienſt zu thun vermeinen. Bei andern heidniſchen Völkern wiederum gehen die Menſchenopfer weniger im Schwange, aber ſie quälen ihren Leib auf eine gräßliche Weiſe, um ihr verſchuldetes Gewiſſen, das nach Frieden ſchreiet, ſtille zu machen. So berichtet uns einer unſerer Miſſionare, der unter den Heiden in Oſt⸗ indien am Evangelio arbeitet: „Ganz nahe an der Stadt liegt ein Dörfchen am Meeresſtrande, das von Fiſchern bewohnt wird. Dieſe bilden eine eigene Kaſte (Abthei⸗ lung) und halten ein eignes Feſt zur Ehre ihres Götzen. Dasſelbe begann Abends um 5 Uhr und zwar damit, daß ſechs mit Blumenkränzen und mit Bändern geſchmückte Männer unter Fechten und Tanzen in die auf dem Feſtplatze gelegenen Pagoden (indiſche Götzentempel) gin⸗ gen. Ihnen folgten Weiber mit Opferſpeiſen auf dem Kopfe; auch eine Ziege wurde hinein⸗ geführt. Nachdem das Blut derſelben geopfert worden, wurde der Rumpf wieder herausgeſchleift. Ich trat in den Vorhof der Pagode. Bald kamen einige von den ſechs Männern, die ſich zum Feſte geweiht hatten, an die Thür. Sie ſahen mager und eingefallen aus, denn ſie hatten ſich durch achttägiges Faſten vorbereiten müſſen. Sie bück⸗ ten ſich nun zur Hälfte nieder; der Rücken wurde ihnen mit heiliger Aſche aus der Pagode einge⸗ rieben. Dann trat ein Mann herzu, faßte die Haut auf der einen Seite des Rückens mit beiden Händen und zog ſie in die Höhe, ein anderer ſtand mit einem Haken zur Seite, den er durch die fingerdicke Hautfalte ſteckte. Gleicherweiſe wurde auf der andern Hälfte des Rückens ver⸗ fahren. Die beiden Haken waren an einem Strick befeſtigt, und an dieſem wurde der Mann gehal⸗ ten und geführt. So oft ein Haken angebracht wurde, erhob die umſtehende Menge ein Geſchrei, und der Mann ſprang auf und fing wie unſin⸗ nig mit einem andern zu fechten und zu tanzen an. Hierauf wurde derſelbe zur Schwung⸗ maſchine geführt, zu einem Baume von 50—60 Fuß Höhe, darüber ein Querballen gelegt war. An dem einen Ende desſelben wurde der Mann an dem Stricke aufgehangen, ſo daß er an den beiden Haken, beinahe wagerecht ſchwebend, in der Luft hing. Sodann wurde er in die Höhe geſchnellt, indem man das andere Ende des Quer⸗ balkens zur Erde zog. Nun wurde der Balken in dem Kreiſe herumgeführt, wozu es ungefähr zehn Minuten brauchte, und während dieſer gan⸗ zen Zeit ſang der Aufgehängte immer fort und ſchlug mit Händen und Füßen den Tact dazu ꝛc.“ Das iſt aber nur ein einzelnes und noch dazu 173 ſehr gewöhnliches Beiſpiel von ſolcher unſinnigen Selbſtquälerei. Andere hängen ſich mit den Füßen an einem Baume auf und laſſen den Kopf baumeln; noch andere begraben ſich bis an den Hals in die Erde, wieder andere ſtrecken beide Arme in die Höhe, bis ſie ganz erſtarren und ab⸗ ſterben, und das Alles, — um ihre Sünden los zu werden. Du mußt aber nicht denken, lieber Leſer, daß dieſe armen Creaturen nun einmal doch keinen Geſchmack finden würden an dem ſüßen Evan⸗ gelio von Chriſto. Ach nein, es ſind gar manche unter ihnen, die das Wort vom Sünderheilande nur zu hören brauchen, um dem Evangelio zuzu⸗ fallen. So hören wir z. B. einen unſrer ſchwar⸗ zen Brüder, der die Gnade Gottes in JEſu Chriſto an ſeinem Herzen erfahren hat, an der Nordſpitze von Afrika, ſehnſüchtig klagen: „War⸗ um ſchicken uns die Weißen nicht mehr Miſſio⸗ nare? warum kommen ſie nicht?“ — Und eine arme Mutter auf den Südſeeinſeln, die, ehe ſie noch das Evangelium aus dem Munde der Miſ⸗ ſionare vernommen, ihre neun Kinder mit eigner Hand gemordet hatte, ſehen wir vor die Miſſio⸗ nare treten, und hören ſie in ihrem großen Schmerze jammern: „Warum ſeid ihr nicht früher hierher gekom⸗ men? ich habe neun Kinder gehabt, und habe alle neun mit eigner Hand gemordet! Nun bin ich eine elende, kinderloſe Wittwe! Wäret ihr frü⸗ her gekommen, ſo wäre ich jetzt eine glückliche Mutter, und wollte meine neun gemordeten Kin⸗ der dem HErrn erziehen! Ach, warum ſeid ihr nicht früher gekommen?“ Endlich macht ein bekehrter Heide in Oſtindien, der nun dort den Miſſionaren bereits hilft, ſeinem nach England heimgekehrten Lehrer, Miſſionar Wilkinſon, folgende Beſtellung an uns Chriſten in Europa: „Vor allem ſage ihnen, daß William Churrun (ſo heißt der bekehrte Heide), nun durch Gottes Gnade ein Knecht IEſu Chriſti, einſt ein Knecht der Sünde war, und noch immer ein Knecht der Sünde ſein würde, hätten ſie dich nicht geſandt, mir von dem für die Sünder ge⸗ kreuzigten Heiland der Welt zu ſagen. Sage ihnen dafür meines Herzens innigſten Dank. — Sodann ſage ihnen, daß ich mich wundere, daß ſie nur einen oder zwei Miſſionare ſenden. Was ſind Einer oder Zwei? Wiſſen ſie nicht, daß noch viele Millionen meiner armen Heidenbrüder ohne Gott ſind? O ſage ihnen, daß William, der ihnen ſeinetwegen dankt, ſie doch Anderer wegen anklagen muß. Du haſt mir geſagt, daß viele Millionen Leute in England wohnen, und da denk' ich: gut, viele Millionen! und nur einer oder zwei Miſſionare kommen nach Indien, um die Millionen zu retten, die in Sünden verloren gehen! Sage ihnen, daß wir dreihundert und dreißig Millionen Götter haben, deren Sclaven wir ſind. Und ſage ihnen, daß, wenn auch dieſe Götter nie zuvor ge⸗ ſprochen haben, doch am Tage des Ge— richts der Gott der Chriſten, der da iſt der Gott der ganzen Welt, einem jeden dieſer Götter eine Zunge geben wird, um ſie anzuklagen, daß ſie nicht mehr Miſſionare nach Indien geſandt haben.“ Aus dem Allem ſieheſt du auch, lieber Leſer, daß die unter die Heiden ausgeſandten Miſſio⸗ nare, obwohl unter großen Schwierigkeiten, doch nicht etwa erfolglos arbeiten. Ich könnte dir ganze Inſeln nennen, die ihre Götzen weggewor⸗ fen, ſich zu dem lebendigen Gotte bekehrt haben, ganze Volksſtämme, die aus Müßiggängern, Wollüſtlingen, Menſchenfreſſern Diener JEéſu Chriſti geworden ſind und nun ein ſtilles und geruhiges Leben führen und das Ihre ſchaffen in aller Gottſeligkeit und Ehrbarkeit. Aber dazu iſt auf dieſen wenigen Blättern kein Raum. Ich begnüge mich, dir noch eine Stelle aus einer heidniſchen Zeitung, die zu Calcutta in Oſtindien erſcheint, mitzutheilen. Darin wehklagt ein dem Evangelio feindſelig geſinnter Heide, daß die Miſſionare durch ihre Predigt vom Evangelio ſeine Hindu⸗Religion um ihr Anſehen bringen und zu nichte machen. Höre, wie er die ihm gleichgeſinnten Feinde des Evangeliums unter den Hindus anredet: „O ihr heiligen Leute, rühmet euch deſſen nicht länger, daß ihr Hindus ſeid. Meinet ihr, eure Kinder werden der Religion ihrer Väter (der Hindu⸗Religion nämlich) getreu bleiben? — O, gebet ſolche Hoffnung auf! Die Miſſionsmänner, die ihr Vaterland verlaſſen haben und nach In⸗ dien gekommen ſind, ziehen nun in Schaaren durch alle Straßen und Gaſſen, um die Hindu⸗ Religion zu vernichten, — und thörichte Knaben laſſen ſich, wie gierige Fiſche, durch ihre Zauberei angeln und fangen. (Die Miſſionare nemlich richten ihr Augenmerk vornehmlich auf die unbe⸗ fangene Jugend, indem ſie Schulen anlegen.) Viele Knaben haben ihre Familien, ihre Kaſte, ihre Religion aufgegeben, ſind in die Familie JEſu eingetreten, haben ſich in die Geheimniſſe der Bibel einweihen laſſen, und haben ihre eigene Würde dadurch geſchändet, daß ſie ſich unterrich⸗ ten ließen. Der Leopard des Waldes (damit ſcheint er den eifrigen Miſſionar zu vergleichen) verſchlingt einen nach dem andern von dieſen Knaben, die an Verſtand den Thieren gleich ſind. In der letzten Woche erhob abernals ein Kind ſeine Flügel, und flog auf den Baum der Liebe IEſu. (Die Kinder nemlich beſuchen ſehr gern die chriſtlichen Schulen.) Niemand weiß, was noch weiter geſchehen wird. Wie der Opferblock zu Kaligat, ſo ſind die Opferblöcke der Miſſions⸗ männer Tag und Nacht bereit, und wo ſie eine Gelegenheit finden, bringen ſie ihre Schlachtopfer dar, und tödten es (d. h. entreißen es dem Hei⸗ denthum). Wir fürchten uns vor ihnen mehr, als vor Cholera, Fieber und Schlangenbiß; denn dieſe mögen geheilt werden durch Zaubermittel und Arznei, aber für die Krankheit (ſo nennt er die Neigung zum Evangelio), welche die Miſſio⸗ nare beibringen, hilft weder Zaubermittel noch Arznei. Sie ſind gelehrte Leute und verſtehen ſich auf den Unterricht gut: iſt es zu verwundern, wenn ſinnloſe Kinder durch ſie betrogen werden