# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 11 08_S162 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Der Cutheraner. „Gottes Mlort unl Xuthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Synode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten. Belligirt von C. H. W. Walther. Zahrgang 6. Hl. Jouis, Mo., den 11. Zuni 1850. No. 21. Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den jährlichen Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche denſelben vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Nur die Briefe, welche Mittheilungen für das Blatt enthalten, ſind an den Redacteur, enthalten, unter der Adreſſe: Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W. Walther, St. Louis, Mo., anher zu ſenden. alle anderen aber, we Iche Geſchäftliches, Beſtellungen, Abbeſtellungen, Gelder ꝛc. Rede bei Gelegenheit der feierlichen Legung des Grundſteins zu dem deutſchen evang.⸗luth. Collegium⸗ und Seminar⸗Gebäude zu St. Louis, Mo., gehalten den 8. November 1849.5 Vielgeehrte Anweſende! So lange die Kirche ihr Beſtehen in der Welt hat, iſt ihr von einer gewiſſen Seite her der Vor⸗ wurf gemacht worden, daß ſie das Licht ſcheue, eine Feindin aller Aufklärung, ja, eine Feindin der Kunſt und Wiſſenſchaft ſei. Der Grund dieſes Vorwurfs iſt ohne Zweifel ein zwiefacher; abgeſehen von der Geſinnung derjenigen, welche dieſen Vorwurf machen, liegt derſelbe theils in den Grundſätzen, welche die Kirche zu allen Zei⸗ ten ſelbſt unverhohlen ausgeſprochen hat, theils in gewiſſen Auswüchſen, die ſich von Zeit zu Zeit an den Baum der Kirche angeſetzt haben. Allerdings hat die Kirche immer und immer dagegen proteſtirt, wenn man unter Aufklärung die Beſeitigung der geoffenbarten Religion und ihrer Glaubensgeheimniſſe, oder Naturalismus verſtand; allerdings hat die Kirche ferner je und je bekannt, daß Kunſt und Wiſſenſchaft nicht das Ziel der menſchlichen Beſtimmung ſelbſt, kurz, nicht Zweck, ſondern allein Mittel zum Zwecke ſei; allerdings hat endlich die Kirche fort und fort bekannt, daß alle Wiſſenſchaft, ſoweit ſie des Menſchen eigenes Product iſt, nur für dieſe, nicht für jene Welt iſt; daß ſie keinen Weg zu Gott weiß und keinen untrüglichen Aufſchluß über das Jenſeits geben, die ewigen Bedürfniſſe des menſchlichen Geiſtes daher nimmer befriedigen und der ewigen Gottesweisheit nur als Dienerin zur Seite gehen kann, ja, daß alle menſchliche Weisheit zur Thorheit wird, wenn ſie wider die göttliche Weisheit des Evangeliums als deſſen Gegnerin oder Meiſterin auftritt. Sollte aber die Kirche darum eine Feindin menſchlicher Weis⸗ heit ſein, weil ſie dieſelbe in die Sphäre, in das Gebiet zurückweiſet, welches dieſelbe allein hat? Es beurkundet dies ſo wenig eine Feindſchaft gegen Kunſt und Wiſſenſchaft, ſo wenig derjenige . 9 Mitgetheilt auf mehrſeitiges Verlangen. — D. R. ſich der Verachtung der Lehre von den Natur⸗ körpern verdächtig macht, welcher die Geſetze der Naturlehre nicht auf dem Gebiete der Seelenlehre gelten laſſen will. Es iſt jedoch allerdings ferner nicht zu leugnen, daß ſich zu Zeiten mitten in der Kirche einer wiſ⸗ ſenſchaftlichen Bildung feindliche Elemente ge⸗ zeigt haben. In alter und neuer Zeit hat es Chriſten, und zwar oft ganze Parteien gegeben, welche in falſchgeiſtlicher, ſchwärmeriſcher Rich⸗ tung und im Mißverſtand gewiſſer bibliſcher Aus⸗ ſprüche alle weltliche Wiſſenſchaften als fleiſchliche Dinge verworfen, das Studium derſelben für ſchädlich und verderblich erklärt und hohe Schulen für die Quellen alles Verderbens in der Kirche angeſehen haben. Bald behauptete man, welt⸗ liche Gelehrſamkeit vertrage ſich nicht mit der Demuth und der Weltverleugnung, wozu ein Chriſt berufen ſei, welcher alle ſeine Wiſſenſchaft ohne menſchlichen Unterricht, allein in der gehei⸗ men Schule des Geiſtes erlangt habe. Derglei⸗ chen überſpannte Ideen haben ſich nicht nur vor der Reformation unter den Gliedern mancher mönchiſcher Vereine bekundet, ſelbſt bei dem An⸗ bruche eines neuen Tages für die Kirche vor dreihundert Jahren kamen ſolche krankhafte Rich⸗ tungen alsbald mit zu Tage. Ich erinnere nur an die ſogenannten himmliſchen Propheten und anabaptiſtiſchen Gemeinſchaften, einen Carlſtadt und Thomas Münzer an der Spitze. Ihre Ge⸗ ſinnungsgenoſſen in unſeren Tagen ſind bekannt. Auf andere Weiſe, jedoch eben ſo einer allge⸗ meinen wiſſenſchafilichen Bildung feind, hat man ſich inmitten der Kirche in den Zeiten erwieſen, wo gewiſſe Stände zwar das Feld der Wiſſen⸗ ſchaft anbauten, aber dieſelbe als ein Privilegium ihrer Kaſte betrachteten und dazu benutzten, ſich unentbehrlich zu machen, die einflußreichſten Aem⸗ ier der Geſellſchaft einzunehmen und das Volk in Unmündigkeit zu erhalten, für ihre Zwecke zu erziehen und nach Gefallen zu gängeln. Es waren dies eine gewiſſe Claſſe von Prieſtern und Ordensgliedern der römiſchen Kirche. Sie wa⸗ ren es jedoch nicht allein, ſie ſind es auch, die noch jetzt Kunſt und Wiſſenſchaft allein zu einem Mittel für ihre Zwecke benutzen; und gerade unſer gegenwärtiges neues Vaterland iſt es, wo jene Diener eines großen, über die ganze Welt verbreiteten Prieſterſtaates veimittelſt der Pflege der Kunſt und der Wiſſenſchaften zum Theil die Erziehung ſelbſt der proteſtantiſchen Jugend ſich in die Hände geſpielt und ſo einen mächtigen, ent⸗ ſchiedenen Einfluß auf die Geſinnung und Geſtal⸗ tung der proteſtantiſchen Welt ſich geſichert haben. Sollte aber wegen dieſer Vorkommniſſe inner⸗ halb der Kirche derſelben der Vorwurf mit Recht ge⸗ macht werden können, daß ſie entweder der Förde⸗ rung der Kunſt und Wiſſenſchaft hindernd entge⸗ gen trete oder beides nur dazu benutze, die Glieder der Geſellſchaft zu bevormunden? — Ich antworte mit vollſter Zuverſicht hierauf: Nein! Denn was könnte ungerechter ſein, als alles das die Kirche entgelten zu laſſen, was in ihrer Mitte, ihren eigenen Grundſätzen zuwider und zum Theil von ihren eigenen Feinden, die ſie in ihrem Buſen trägt, geſchieht? Nein! mögen wir nun auf die Geſchichte der Kirche und ihres Einfluſſes auf Volksbildung, oder auf ihre eigenen wichtigſten Intereſſen, oder endlich auf die Aufgabe ſehen, welche die Kirche hat, jede dieſer Betrachtungen muß uns in der Ueberzeugung befeſtigen: daß die Kirche eine treue, aufrichtige Freundin und Pflegerin der Kunſt und Wiſſenſchaft immer geweſen iſt und ihrem Weſen und ihrem Berufe nach immer ſein mußte. Bei dieſer Betrachtung jetzt einige Zeit mit mir zu verweilen, erlaube ich mir die vielgeehrte gegenwärtige Verſammlung aufzufordern, da in dieſer Stunde, wie bewußt, der Grundſtein zu einem Baue gelegt werden ſoll, welcher, von Gliedern der evangeliſch-lutheriſchen Kirche unter⸗ nommen, nicht nur zu einer Pflanzſchule künftiger Diener der Kirche, ſondern auch zu einer Pflege⸗ anſtalt inſonderheir deutſcher Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft in dieſem fernen Abendlande der neuen Welt dienen ſoll. Möge denn meine ſchlichte Rede etwas dazu beitragen, die rechte Stimmung zu dieſem feierlichen Acte hervorzurufen und die freudige Hoffnung in den Herzen meiner geehrten