# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 01 08_S151 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) gelungen, zumal bei uns in Baiern. Zwar gibts allenthalben deutſch-katholiſche Gemeinden, in Nürnberg, Erlangen, Fürth, Wunſiedel, Schwa⸗ bach ꝛc.; aber das iſt freilich nicht im Geringſten zu beklagen, vielmehr wünſchen alle treuen Glie⸗ der der Kirche von Herzen, daß noch mehr ſolche Gemeinden zuſammenkommen, damit die Ungläu⸗ bigen, die bisher inmitten unſerer Kirche lebten und manche verführten, doch Veranlaſſung bekä⸗ men, auszuſcheiden und ſich zu Ihresgleichen zu halten. Im Sächſiſchen ſcheint der Deutſchkatho⸗ licismus beſſere Geſchäfte zu machen, doch iſt's auch da nicht heftig; ebenſo in Preußen und Würtemberg. Es braucht ſich bis jetzt weder eine proteſtantiſche, noch die katholiſche Kirche vor ihm zu fürchten. Doch das müſſen Sie in Ihrer jetzigen Heimath, dem Lande der Secten, viel beſſer wiſſen, als ich, daß eine Secte der Kirche nichts ſchaden, ſondern nur nützen kann — auch wenn es manchmal vor unſern Augen anders ausſieht. Zum dritten Male ſetze ich jetzt bei dieſem Briefe an, nachdem ich zweimal an der Beendigung desſelben verhindert worden war; hoffe aber dies⸗ mal zum Schluſſe zu kommen. Was ich Ihnen gern noch ſagen möchte, ſind ein paar Worte über die „innere Miſſion“. Vermuthlich haben Sie auch ſchon davon gehört, ſich wohl auch ſchon über dieſen wunderlichen, ſich ſelbſt widerſprechenden Ausdruck verwundert. So werden Sie denn auch ſchon wiſſen, daß dieſes Werk, welches eine „Durchdringung der innerhalb der chriſtlichen Kirche lebenden, aber vom Glauben abgefallenen Maſſen mit chriſtlichen Elementen“ und zugleich auch leibliche Hilfe für Arme und Kranke zum Ziele hat, vornehmlich durch Wichern, den Vor⸗ ſteher und Gründer der Anſtalt im „rauhen Hauſe“ zu Horn bei Hamburg, aufs Tapet gebracht und aufs eifrigſte befördert wird. Ich habe Ihnen vorher Wicherns Namen gelegentlich der Witten⸗ berger Conföderation genannt, und daraus wer⸗ den Sie ſchließen — wenn Sie's auch nicht ſchon gehört haben — daß dies Werk der innern Miſ⸗ ſion das Haupt-Liebesweri iſt, durch welches jene Herren die verſchiedenen Kirchen zuſammen⸗ koppeln wollen, und dem iſt auch alſo. Es hat ſich in Wittenberg ein Central⸗Ausſchuß für in⸗ nere Miſſion conſtituirt, um welchen ſich nun eine große Menge einzelner Vereine ſammelt. Seit etwa anderthalb Jahren iſt ganz Deutſch⸗ land mit dem Geſchrei von der inn ern Miſſion erfüllt, welches Geſchrei ſeit dem letzten Nürnber⸗ ger Miſſionsfeſte auch in Baiern einen ſehr ge⸗ waltigen Wiederhall gefunden hat. Bei demſel⸗ ben war nemlich auch Wichern zugegen, der durch ſeine liebenswürdige Perſönlichkeit, ſo wie durch ſeine hinreißende Beredſamkeit Aller Herzen für ſeine Sache gewann. Da ging's denn an ein Rennen und Laufen, an ein Reden und Schreiben und Geldſammeln und Conferenzhalten und Rathſchlagen, daß man ſich wundern mußte, wie nicht bereits alle geiſtliche und leibliche Noth in Baiern gehoben iſt, wenn man nicht wüßte, was Röm. 9, 16. geſchrieben ſtehet. Doch muß man ſagen, daß es nicht blos beim Reden blieb, man griff auch zur That: nicht ferne von hier im 150⁰ gräflich Caſtelliſchen wurde — oder genauer: wird, denn man iſt noch nicht fertig — das erſte Rettungshaus für verwahrloste Kinder gegründet, dann in Erlangen, in Naila, in Weißenburg und (irre ich nicht) in Fürth, — kurz, es iſt jetzt in⸗ nere Miſſion Mode geworden und wer für „chriſt⸗ lich“ d. i. pietiſtiſch-chriſtlich, gelten will, der muß für innere Miſſion reden und wirken, wenn nicht ſein Chriſtenthum ſtark angezweifelt werden ſoll. Da hielts denn auch Herr Pfarrer Löhe für gut, wenn wir, die wir dieſe pietiſtiſche, werkſüch⸗ tige Betreibung der innern Miſſion, geſchweige denn deren Dienſtbarkeit für die Conföderation, nicht billigten, dennoch uns zu einer „Geſellſchaft für innere Miſſion“, aber „im Sinne der luthe⸗ riſchen Kirche“ zuſammenſchlöſſen, und das, was bisher ſchon einzeln geſchehen iſt, etwas planmä⸗ ßiger betrieben, damit diejenigen unter Geiſtlichen und Laien, die durch das allgemeine Geſchrei von innerer Miſſion ein wenig in Bewegung und Le⸗ ben verſetzt worden ſeien, nicht geradezu jener verkehrten Weiſe, ſie zu betreiben, zufielen und vielleicht gar mit in den Strudel der Confödera⸗ tion gezogen würden, ſondern an unſerer Geſell⸗ ſchaft erkennen möchten, wie dieſe Sache auch gut lutheriſch betrieben werden könne, und damit Je⸗ dermann erkenne, daß die Orthodorie der lutheri⸗ ſchen Kirche keine todte iſt, wie man ihr ſonſt ſo gerne vorzuwerfen beliebt. Dieſe Geſellſchaft kam denn auch wirklich zu Stande, und ihr Werk ge⸗ winnt jetzt einen guten Fortgang. Den Plan derſelben und ihren Wirkungskreis Ihnen mitzu⸗ theilen, behalte ich mir auf einen nächſten Brief vor, wo ich dann vielleicht auch gleich von einigem Erfolge ſchreiben kann. — Was Sie mir von dem indifferenten Treiben und Gebahren der Glieder der Generalſynode ſchreiben, wundert mich gar nicht, denn es geht bei uns um kein Haar beſſer. Aber freilich, weh thut's einem treuen Herzen, wenn man ſeine liebe Mutter von denen, die für ihre eigenen Kinder wollen gehalten ſein, alſo muß ins Angeſicht ſchlagen ſehen. Nicht das iſt ein Jammer für die Kirche, wenn ſie von ihren Feinden geplagt und verfolgt wird mit Schrift und Wort und That, aber das iſt ein großes Herzeleid für ſie, wenn ihre Kinder ſelber ſich entzweien, und Babel in ihre Mitte einzieht — und ſo iſts bei uns in Baiern. Wie gut lutheriſch wollen doch die Nürn⸗ berger und Fürther Pfarrer und die Erlanger Profeſſoren ſein — und ſiehe da, ſie haben eine größere Bosheit auf uns, als irgend ein reformir⸗ ter Pfarrer. Ach daß der HErr ein Dreinſehen hätte und allen Hochmuth und alles, was ſonſt die rechte Einigkeit im Geiſte hindert, aus unſer aller Herzen hinwegnähme! Laſſen Sie uns be⸗ ten, Einer für den andern, Sie für die baieriſche, ich für die amerikaniſch lutheriſche Kirche, damit Er helfe, denn Menſchenhülje iſt hier kein nütze. Mit herzlicher Liebe Ihr treuer Freund und Bruder: G. MRAm Möge dieſer Brief, den ich, ſo weit er auf die kirchlichen Zuſtände Deutſchlands Bezug hat, voll⸗ ſtändig mitgetheilt habe, alle treuen Glieder un⸗ * ſerer lutheriſchen Kirche hieſigen Landes bewegen, fleißig ihrer Brüder, ja, der ganzen Kirche jenſeits des Oceans zu gedenken, wenn ſie ſich bittend, betend, dankſagend und fürbittend vor dem Throne Gottes, gehüllt in Chriſti Gerechtigkeit, nieder⸗ werfen; dieſes wünſcht, bittet und flehet ihr mit ihrem Gebete ſich vom ganzen Herzen verbindender geringer Mitpilger zur Stadt des lebendigen Gottes J. Seidel. (eingeſandt.) Der Weyl'ſche Kirchenbote.“) In Nro. 6 des Weyl'ſchen Kirchenboten hat ein Herr Theophilus wieder eine Lanze gegen die Altlutheraner eingelegt und großſprecheriſch zum Voraus den Sieg verheißen, daß er uns der In⸗ conſequenz überführen werde, wir mögen gleich antworten, wie wir wollen. Sein unfehlbares Dilemma iſt: entweder müßten wir den Satz an⸗ nehmen, nicht die heilige Schrift allein, ſondern die heilige Schrift und die Erblehre (Tradition) zuſammen ſeien Gottes Wort und einzige Regel und Richtſchnur, nach welcher zugleich alle Lehren gerichtet und geurtheilt werden ſollen, — oder die heilige Schrift allein iſt die einzige Regel und Richtſchnur der Lehren ꝛc. Wie wir Lutheraner nun mit unſerer Antwort hierauf in die große Verlegenheit kommen ſollen, daß wir uns, wir mögen uns drehen und wenden, wie wir wollen, der Inconſequenz ſchuldig geben und bekennen müßten: Lehre und Praris ſtimme bei uns nicht überein, wird ſich freilich kein Einfältiger unter uns denken können. Und ſo muß ich euch deun, liebe Leſer, wieder einmal langweilen und euch die ſauberen Theophiliſchen Beweiſe ſelber vor⸗ führen, von denen ich lieber geſchwiegen hätte, wenn ich nicht zur Steuer der Wahrheit reden müßte. Herr Theophilus meint nämlich: Wenn man, wie die Lutheraner, ſo eine abgedrechſelte und ſcharf zugeſchnittene Dogmatik habe, als ſie in der Concordienformel ſtehe (er nennt ſie in vermeintlichem Witz die „Knabendreiformel“ und hält ſie, wie ihr ſeht, für eine Art Dogmatik), ſo gehöre nicht viel dazu, gleich den Römiſchen ex cathedra zu erkennen: Wer da ſagt ꝛc., der ſei im Bann. Nun wären wir zwar entſetzlich con⸗ ſequent darin, die unirten und reformirten Kir⸗ chen dieſes Landes der Ketzerei zu beſchuldigen, in ſo fern ſie in ihren Lehren von der Auffaſſung des Concordienbuches abwichen, aber inconſe⸗ quent ſeien wir darin, daß wir ſofort nicht auch das Concordienbuch ausgeſprochener Maßen zum Anſehen der heiligen Schrift erhöben. Da könn⸗ ten wir von den Römiſchen lernen, die doch in ihrem Katechismus gerade heraus ſagten: das Wort Gottes werde eingetheilt in die heilige Schrift und in die Erblehre; ein römiſch⸗katho⸗ liſcher Chriſt müſſe alſo alles glauben, was die *) Die letzte Nummer dieſes vortrefflichen Blattes, welche uns zugekommen iſt, iſt die vierte von Mitte debruar d. J. Wahrſcheinlich bewegt Herrn Weyl ſeine welt⸗ bekannte chriſtliche Liebe dazu, uns durch Nichtzuſendung der Blätter, worin wir angegriffen werden, eine Kränkung und die Mühe, eine Entgegnung ſchreiben zu müſſen, zu erſparen. Das treue liebe Herz! D. Red.