# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 05 11_S143 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) anderes thun, als daß ſie der Liebe zu Gottes reinem und klarem Worte alle andere Liebe hint⸗ anſetzen, die Menſchelei und Liebedienerei der Unioniſten als ſchriftwidrig ſtrafen und nicht wider die Perſonen, ſondern deren böſe Sache eifern, da dieſe Gottes Wort und Ehre zuwider⸗ läuft und zum Verderben der Unkundigen, ja, der irrenden Glaubesmenger ſelber ausſchlägt. — W. Sihler, P. * (Eingeſandt.) Correſpondenz aus Deutſchland. Vielleicht dürfte es den lieben Leſern des „Lu⸗ theraner“ nicht unerfreulich ſein, wieder einmal etwas von den kirchlichen Zuſtänden Deutſch⸗ lands zu vernehmen. Da ich nun ſoeben von einem theuren Bruder in dieſem unſerm alten Vaterlande durch einen beſonders in dieſer Be⸗ ziehung ſehr inhaltsreichen Brief erfreuet wurde, und hoffen darf, daß denſelben auch andere, ins⸗ beſondere aber, weil er vorzugsweiſe von den kirchlichen Verhältniſſen Bayerns handelt, die⸗ jenigen, welche dies Land als ihr Vaterland ehren, mit Intereſſe leſen würden, wenn ihnen derſelbe zu Gebote ſtünde, ſo habe ich mich ent⸗ ſchloſſen, ihn mit Hinweglaſſung deſſen, was auf mich Bezug hat, durch den „Lutheraner“ zu ver⸗ öffentlichen, um ihn ſo allen Leſern dieſes Blattes zugänglich zu machen. Er lautet, wie folgt: Stoff zum Schreiben gibts freilich genug und übergenug. Iſt doch ſeit einer langen Reihe von Jahren für Europa keine Zeit ſo wichtig und be⸗ reutungsvoll geweſen, wie die letzten zwei Jahre. Auf einen äußeren, oberflächlichen Anblick hin ſollte man freilich meinen, es ſei die in dieſen Jahren geſchehene Umwälzung nicht ſo gar be⸗ deutend geweſen. Denn einmal iſt verhältniß⸗ mäßig (3. B. im Vergleich mit der franzöſiſchen Revolution von 1789) wenig Blut gefloſſen und die Inſurgenten haben es nirgends (höchſtens ein wenig in Ungarn) zu größeren Vortheilen über ihre Feinde gebracht; und darum beſtehen denn auch zum andern die Königreiche, Fürſten⸗ thümer ꝛc. nach wie vor. Aber wer die Sache näher anſehen will, der wird finden, daß die letzte Umwälzung doch eine nicht geringe iſt. Denn ſie iſt durchaus nicht auf vereinzelte Uebelſtände, durchaus nicht auf einzelne Einrichtungen in den Staaten oder in der Kirche, nicht auf Con— ſequenzen, ſondern auf Principien gerichtet. Das Princip des Königthums iſt angegriffen durch die allenthalben — wenn auch nicht immer mit dem gewünſchten Erfolg — proclamirte Souveränität des Volkes. Nicht minder ging man auf das Princip der Kirche los — aber freilich konnte da noch weniger ausgerichtet werden, als gegen den Staat. Die Herren im Frankfurter Reichstag meinten, wenn vollkommene Religionsfreiheil ge⸗ währt und die Kirche vom Staate getrennt würde, ſo müſſe dieſe — als ihres Haltes beraubt — nothwendig zerfallen. Während doch gerade das ein Heilmittel für die Schäden der Kirche iſt und von allen lebendigen Gliedern derſelben ernſtlich und brünſtig vom HErrn IEſus erfleht wird. 142 Ja freilich, Religionsfreiheit ſollten wir haben, vom Staate ſollte die Kirche getrennt, aus der ſchmählichen Knechtſchaft des Staates ſollte ſie erlöſet ſein — da könnte man dann Wunder ſchauen, wie ſie ſich entwickelte, ſtark nach innen, kräftig gegen außen, gläubig — demüthig vor ihrem HErrn, herrlich vor den Augen aller Se⸗ henden! Und ohne Zweifel kommen wir auch noch zu dieſer Religionsfreiheit, da ſie ja ohne⸗ dies in vielen deutſchen Staaten bereits beſtehet; aber bis jetzt haben wir ſie in Bayern noch nicht ganz, wenigſtens unſere lutheriſche Kirche hat ſie nicht. Und warum nicht? Weil es die Hoch⸗ würdige Generalſynode vom Jahre 1848 (die aber erſt im Februar 1849 verſammelt war) nicht für heilſam erkannte, daß dem römiſch⸗katholi⸗ ſchen Könige das oberſte Episcopat über die lutheriſche Kirche abgenommen würde; ſie meinte, in einen gar zu großen Wirrwarr und Beunruhi⸗ gung zu gerathen, wenn es kein „königliches“ Oberconſiſtorium, Conſiſtorium, Decanat und kein „königliches“ Pfarramt mehr gebe. Ja, man behauptet ſteif und feſt, gerade das ſei echt lutheriſch, daß der Landesherr das Negiment über die Kirche habe und übe; und man wußte viel von den Wohlthaten zu rühmen, welche unſere Kirche von dem Summepiscopat des römiſchen Königs erhalten habe (an die Kniebeugungs⸗ geſchichte, an Redenbachers Abſetzung und ähn⸗ liche Stücklein dachte man dabei freilich nicht). So bat man denn den König, er möge das Kir⸗ chenregiment behalten, aber dem Oberconſiſtorium doch möglichſt freien Raum laſſen und demſelben, wie das in der Beilage II. zur Verfaſſungs⸗ urkunde ausgeſprochen ſei, wirkliche Selbſtſtän⸗ digkeit gewähren. Was ſoll man zu einem ſol⸗ chen Beſchluß einer lutheriſchen Synode ſagen? Aber freilich, wer die Landeskirche Bayerns kennt, konnte es nicht anders erwarten. Es iſt zu wundern, daß ſich die Generalſynode nur ſo gehalten hat, wie ſie es that. Viele unter denen, die es ihrerſeits treu mit der lutheriſchen Kirche meinen und ſich darum enge und feſt an unſere guten Bekenntniſſe halten, glaubten nicht anders, als daß es bei der Generalſynode zu einer Spal⸗ tung kommen müſſe, da ja die ertremſten Grund⸗ ſätze bei ihr vertreten waren. Sie kennen z. B. den vormaligen Pfarrer Liek in Konradsreuth, der jetzt Decan in Kirchenlamitz iſt, ein ganz vulgärer Rationaliſt C(und es waren noch ärgere Rationaliſten, als er, dabei) — und Herr Aſſeſſor Hommel: welche Divergenz in ihren Anſichten! Wie ſollte man da nicht in einer ſo aufgeregten Zeit ein Hervortreten des innerlich ohnedies ſchon Geſchiedenen erwarten müſſen — zumal wenn eine Veranlaſſung dazu ſo beſtimmt gegeben iſt, wie die in der von Herrn Pfarrer Löhe verfaßten und von gegen 300 Perſonen geiſtlichen und weltlichen Standes unterſchriebenen Adreſſe? (Dieſe Adreſſe begehrte hauptſächlich die thatſäch⸗ liche Einführung der bisher auf die Seite geſcho⸗ benen lutheriſchen Bekenntnißſchriften in die ihr ge⸗ bührenden Rechte.) Wir Unterzeichner der Adreſſe dachten ſo: entweder geht die Generalſynode auf etliche Punkte der Adreſſe ein, und man gewinnt dadurch einen materiellen Boden, auf welchem man dann weiter agiren kann, oder es muß ſich an dem Begehren nach thatſächlicher Anerkennung der ſymboliſchen Bücher der ganze Haufe theilen, alſo daß der eine Haufe lutheriſch bleibt, der andere ſich irgendwo anders hinwendet und alſo die Kirche gereiniget wird. Allein die Generalſynode fand noch ein Drittes, und juſt das paßte für ſie, nem⸗ lich die Adreſſe gar nicht zu hören. Erſt in den letzten zwei Stunden der allerletzten Sitzung, da man ſchon etliche Stunden debattirt hatte und ganz müde war, wurde noch über unſere Petition berathen und unter zehn Punkten anderthalb min⸗ der weſentliche Stücke davon halb und halb ange⸗ nommen. Was nun zu machen? Das war natür⸗ lich die nächſte Frage der Unterzeichner, denen es ja ernſtlich um das Heil unſerer Kirche zu thun war, und die nicht aus Zeitvertreib jene Adreſſe an die Generalſynode gerichtet hatten. Drei Wochen vor Oſtern (1849) kamen ſie in Nürn⸗ berg zuſammen, um über dieſe Frage zu berathen. Herr Pfarrer Löhe hatte die ganze Generalſynode in ihrem Verhalten gegen unſere Petition beleuchtet, und in dieſer Beleuchtung beſonders hervorgehoben, wie in unſerer Kirche ſo ganz verſchiedener Glaube geduldet werde, daß man nicht einmal den Hau⸗ fen Lichtfreunde, die ihren Sinn ganz offen in einer Petition an die Generalſynode ausgeſprochen hatten, aus der Kirchengemeinſchaft ausſchließen möge, auch nachdem die Generalſynode ganz be⸗ ſonders und dringend von uns darum gebeten worden ſei. Dieſe und andere Uebelſtände nun, zuſammengehalten mit jenen klaren Stellen der heiligen Schrift, wo geboten iſt, einen ketzeriſchen Menſchen zu meiden (Tit. 3, 10.), zu weichen von denen, die Zertrennung und Aergern iß anrichten (Röm. 16, 17.; 2 Joh. 10.; 2 Cor. 6, 14. ff.; 1 Tim. 6, 3. 4. 5.) u. ſ. w. bewogen uns zu dem Beſchluſſe, aus der bairiſchen Landeskirche auszutreten. Doch hielt man's für gut, den Aus⸗ tritt nicht alsbald zu vollziehen, ſondern ſich noch einige Friſt zu nehmen, um ſich mit ſeinem Gotte deſto fleißiger zu berathen, ſeiner Sacht deſto ge⸗ wiſſer zu werden, und mit rechter Freudigkeit des Gewiſſens den wichtigen Schritt auszuführen. Am Mittwoch nach Quaſimodogeniti wollte man wieder zuſammen kommen, um den endlichen Be⸗ ſchluß zu faſſen und dann alsbald auch auszufüh⸗ ren, und man kam auch am beſtimmten Tage wie⸗ der zuſammen — aber zum Austritt kam es nicht, da ein ganz unerwarteter Zwiſchenfall eingetreten war. Die Erlanger theologiſche Facultät hatte von miſerm Vorhaben gehört und beſchloß alsbald, zu interveniren. Durch Herrn Profeſſor Thomaſius wurde zwiſchen ihm und Profeſſor Hofmann einer⸗ ſeits und Löhe andrerſeits (den aber Pfarrer Müller von Immeldorf begleitete) eine Conferenz veran⸗ ſtaltet, die kurz vor unſerer zweiten Zuſammen⸗ kunft in Nürnberg im Hauſe des Herrn v. Tucher gehalten wurde. Da erklärte denn Thomaſius, wie er ganz und gar mit Löhe übereinſtimme, bis auf den Austritt; austreten ſolle man ja nicht, und damit man das nicht nöthig habe, ſo wolle er und Prof. Hofmann die Facultät veranlaſſen, eine Petition ans Oberconſiſtorium einzureichen, *