# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 03 19_S117 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) muß man es recht verſtehen, wenn Chriſtus ſpricht: „„Welchen ihr die Sünden erlaſſet, denen ſind ſie erlaſſen““ ꝛc., daß da nicht wird eingeſetzet die Gewalt deß, der da ſpricht, ſon⸗ dern deren, die da gläuben.“ (Predigt über das Ev. am Sonntag Quaſimod. in der Kir⸗ chenpoſtille.) Was thun alſo diejenigen, welche den Predi⸗ gern des Evangeliums die Macht abſprechen, auf Erden Sünden zu vergeben? Sie ſprechen ihnen damit nicht etwa nur einen Vorzug ab, den ſie vermöge ihres Amtes zu haben vermeinten, nein, ſie ſprechen ihnen damit nichts Geringeres ab, als die Macht, das Evangelium in ſei⸗ nem wahren Sinne den Menſchen zu predi⸗ gen, und verleugnen ſomit die Vollkommenheit der Erlöſung Chriſti. Ja, der Glaube daran und die rechte Erkenntniß davon iſt es, die de⸗ nen fehlt, welche die Macht, Sünden zu vergeben auf Erden, verwerfen. Wer von Herzen glaubt, daß Chriſtus aller Menſchen Sünden ſchon ge⸗ ilgt hat, wie kann der ſich daran ſtoßen, daß inem Menſchen, inſonderheit wenn derſelbe Chri⸗ tum annehmen zu wollen erklärt, zugerufen vird: Deine Sünden ſind dir vergeben? Wer bon Herzen glaubt, daß Chriſtus allen Menſchen Gnade erworben hat, wie kann der ſich daran ſtoßen, daß einem Menſchen, der daran zu glau⸗ den bekennt, auch verſichert wird: Auch du haſt Gnade gefunden? Wer von Herzen glaubt, daß ſchon alle Menſchen durch Chriſti Tod verſöhnt und durch ſeine Auferſtehung gerechtfertigt ſind, und daß Gott die Welt alſo geliebt habe, daß er ihr ſeinen lieben Sohn mit allem ſeinem Ver⸗ dienſte bereits „gegeben“ und geſchenkt hat, wie kaun es den befremden, daß dies einem Menſchen auch wirklich im Namen Gottes durch die Abſolu⸗ tion zugeſprochen und zugeſichert, und daß von ihm nichts begehrt wird, als daß er dies im Glau⸗ ben alſo annehme, als hörte er die Stimme Got⸗ tes vom Himmel ſelbſt? Erkenne hieraus, lieber Leſer: eben darum, weil unſere Kirche den Artikel ſo lauter und rein und in ſeiner ganzen Fülle hat: daß Chriſtus alle Menſchen vollkommen erlöſet hat und daß daher der Menſch allein aus Gnaden durch den Glauben vor Gott gerecht und ſelig wird — eben darum hat auch unſere Kirche die theure Lehre von der Abſolution von Anfang an ſo feſt ge⸗ halten. Und ſo lange dieſe Sonne, nemlich die Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, in unſrer Kirche nicht untergeht und helle leuchtet, ſo lange wird ſie auch den Troſt der heiligen Abſolution ſich nicht nehmen laſſen; wäre es aber möglich, daß jene Sonne in unſerer Kirche einmal nicht mehr ſchiene, da würde frei⸗ lich hölliſche Finſterniß auch über unſere Kirche hereinbrechen, die Lehre von der Abſolution darin fallen und mit derſelben die Lehre von der Voll⸗ kommenheit der Erlöſung IEſu Chriſti. Dieſelbe Bewandtniß aber, welche es mit der ganzen Kirche hat, die hat es auch mit jedem einzelnen Gliede derſelben. Iſt ein Lutheraner wohl gegründet in der Lehre von der Rechtfertigung, ſo wird alles Geſchwätz der Schwärmer gegen die Kraft der 11⁶ Abſolution ihm zu nichts weiter dienen, als zu einem klaren Beweiſe, wie blind und unwiſſend dieſe Schwärmer gerade in dem Grundartikel des chriſtlichen Glaubens ſind; iſt hingegen ein ſoge⸗ nannter Lutheraner in der Lehre von der Recht⸗ fertigung eines armen Sünders vor Gott ſelbſt nicht zu Hauſe, fremd und unbefeſtigt, dann wird er freilich als ein Kind, das ſich wägen und wiegen läßt von allerlei Wind der Lehre, durch Schalkheit der Menſchen und Täuſcherei, damit ſie uns er⸗ ſchleichen zu verführen, ſich leicht überreden laſſen, die Abſolution ſei ein Ueberbleibſel des Pabſt⸗ thums und eine Erfindung hochmüthiger Pfaffen zu Vermehrung ihres Anſehens. Hier haſt du aber, lieber Leſer, auch auf's neue den Beweis dafür, wie wahr es iſt, wenn Luther von der Lehre von Chriſto und dem Glauben ſchreibt: „Alle andern Stücke mögen bei falſchen Chriſten und Heuchlern auch gleißen: wo das aber nicht bleibet, da iſt es nicht möglich, daß man einigem Irrthum oder Rottengeiſt wehren möge. Das weiß ich fürwahr, und habe es ver⸗ ſucht alſo viel, daß ich weder der Türken noch Jü⸗ den Glauben könnte verlegen (widerlegen), wo ich ohne dies Stück ſollte handeln. Und wo auch Rotten aufkommen, oder anfahen, da habe du keinen Zweifel, daß ſie gewißlich von dieſem Hauptſtück gefallen ſind, unangeſehen, daß ſie mit dem Maule viel von Chriſto plaudern, und ſich faſt putzen und ſchmücken. Denn dies Stück läſſet keine Rotten aufkommen; ſintemal es nicht kann ſein, der Heilige Geiſt muß auch da ſein, der nicht Rotten läßt anfahen, ſondern Eintracht gibt und erhält.“ (Auslegung des 117. Pſalms gegen das Ende.) — Doch, lieber Leſer, noch Eins iſt es, worauf ich dich aufmerkſam machen und woran ich dir zeigen muß, wie groß und verderblich der Irrthum der⸗ jenigen ſei, welche den Predigern des Evange⸗ liums die Macht abſprechen, auf Erden Sünden zu vergeben, es iſt dies: daß ſie damit, ſo viel an ihnen iſt, den Chriſten den höchſten und nöthig⸗ ſten Troſt rauben. Es ſcheint freilich, als bliebe, auch wenn die Abſolution verworfen werde, den Menſchen immer noch Troſt genug; denn haben die Gegner der Abſolution nicht auch das Evangelium? haben ſie nicht auch die Taufe? haben ſie nicht auch das heilige Abendmahl? — Es iſt wahr, ſie ha⸗ ben dies; aber indem ſie die durch Menſchen ge⸗ ſprochene Abſolution verwerfen, ſo nehmen ſie den Troſt, der in jenen Gnadenmitteln liegt, heraus. Denn was iſt der Troſt, der in dem Evangelio liegt, anders, als daß in demſelben die Abſolution enthalten iſt, oder daß das geleſene oder gehörte Evangelium Vergebung der Sünden gibt Allen, die daran glauben? Was iſt der Troſt, der in der Taufe liegt, anders, als daß in derſelben die Abſolution enthalten iſt, oder daß die Taufe „wirket Vergebung der Sünden, erlöſet von Tod und Teufel, und gibt die ewige Seligkeit Allen, die es gläuben, wie die Worte und Verheißung Gottes lauten“? Was iſt endlich der Troſt, der in dem heiligen Abendmahle liegt, anders, als daß in demſelben die Abſolution enthalten iſt, oder „daß uns im Sacrament Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit durch ſolche Worte: „„Für euch gegeben und vergoſſen zur Verge⸗ bung der Sünden““, gegeben wird“? Dieſen Troſt, als den rechten Kern, nehmen die Gegner der Abſolution aus allen dieſen Gnadenmitteln heraus, und laſſen, ſo viel an ihnen iſt, ihren Zuhörern nichts, als die leere Schale. Meine nicht, lieber Leſer, daß hiermit den Predi⸗ gern der Secten etwas aufgebürdet werde, deſſen ſie ſich nicht ſchuldig machten. Es iſt leider! nur zu wahr. Sprechen ſie es nicht ſelbſt ohne Hehl aus: Wer ſich auf das bloße Wort verlaſſe, der habe einen todten Glauben, denn der Buchſtabe ſei todt, der Geiſt, der Geiſt müſſe es thun, der mache allein lebendig?*) Reden ſie nicht eben ſo läſterlich von der heiligen Taufe? Sagen ſie nicht: Was ſoll dir das Waſchen mit Waſſer helfen? das iſt eine kraftloſe Ceremonie; die Taufe des Gei⸗ ſtes mußt du erfahren!? Und reden ſie endlich nicht eben ſo verächtlich auch vom heiligen Abend⸗ mahle? Sagen ſie nicht: was ſoll dir das münd⸗ liche Eſſen und Trinken des Leibes und Blutes Chriſti nützen? Fleiſch iſt kein nütze!x“) Das geiſtliche Abendmahl im Herzen, das du in der Stille deiner Kammer oder am Betaltar feierſt, das, das macht's. — Glaube daher nicht, daß es ſich bei der Verwerfung der Abſolution nur darum handle, ob ein Prediger die Worte ſagen dürfe: „Ich vergebe dir deine Sünde an Chriſti Statt“; oder daß man nur die Anmaßung der Prediger, eine Art Mittler zwiſchen Gott und Menſchen zu ſein, und den hierarchiſchen Grundſatz abweiſen wolle, daß die Macht, Sünden zu vergeben, ein Privilegium der Pfaffen und eine nur in ihrem Amte ruhende Gewalt ſei und daß daher ein Laie, wenn er Vergebung erlangen wolle, dazu eines Predigers und ſeiner amtlichen Losſprechung be⸗ dürfe. Dieß lehrt wohl die Römiſche Kirche; es heißt z. B. in dem Römiſchen Katechismus: „Wie Niemand in einen (befeſtigten und hochgelegenen) Ort ohne Hilfe deſſen, dem die Schlüſſel anver⸗ traut ſind, eintreten kann; ſo begreifen wir wohl, daß auch Niemand in den Himmel eingelaſſen *) Es iſt eine greuliche und recht läſterliche Schriftver⸗ drehung, das Wort Gottes einen todten Buchſtaben zu nennen. Wenn der heilige Apoſtel ſchreibt: „Der Buch⸗ ſtabe tödtet, aber der Geiſt macht lebendig“ (2 Cor. 3, 6.), ſo lehrt der Zuſammenhang, daß unter dem Buchſtaben das Geſetz und unter dem Geiſt das Evangelium zu verſtehen ſei. Uebrigens iſt hiernach auch das Geſetz kein todter, ſondern ein tödtender Buchſtabe; was aber tödten kann, muß lebendig und kräftig ſein. Gottes Worte ſind Geiſt und ſind Leben, wer die in ſeinem Herzen trägt, der hat den Geiſt, wenn er ihn auch nicht fühlt; wer aber anſtatt des Wortes Gottes nur eigene Gedanken im Herzen trägt, mag der auch immerhin ſeinem Gefühl nach ganz und gar voll Geiſtes ſein, der iſt doch ein blinder, todter, geiſtloſer Menſch. Chriſtus ſpricht: „Die Worte, die Ich rede, ſind Geiſt und ſind Leben.“ Joh. 6, 63. **) Wenn Chriſtus ſpricht: „Der Geiſt iſt es, der da lebeudig macht, das Fleiſch iſt kein nütze“, Joh. 6, 63., ſo meint er mit „das Fleiſch“ nicht Sein Fleiſch, denn dieſes iſt wohl etwas nütze; ja, dies gibt, wie Chriſtus kurz vorher geſagt hatte,‚ „der Welt das Leben“ (Joh. 6, 33.51.). Chriſtus ſtraft mit dem Wort: „Das Fleiſch iſt kein nütze“, die fleiſchlichen Gedanken der Capernaiten, welche meinten, Chriſtus wolle ſein Fleiſch als eine Speiſe für den Leib zum Zerkauen und Verdauen geben.