# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 16_S102 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) hielt. Da ſie, ſtatt über ihre Seelen zu wachen und über ihre Gemeinden, ſtatt zu beten für ſich und die heilige Kirche („Wachet und Betet“! ſprach der HErr), lieber disputirten, hat ſie der Teufel mit Gaukelwerk irdiſcher Weisheit betro⸗ gen, — in große Anfechtung fielen ſie dahin und in der Anfechtung fielen ſie ſelber vom Glauben ab. In England kam die Freidenkerei auf, — und unſre Deutſchen, die immer nicht be⸗ halten, was ſie haben, ſondern nach den verbo⸗ tenen Früchten anderer Nationen haſchen, nah⸗ men eben da auch die Freidenkerei auf wie einen Engel des Lichts. Sie merkten nicht, daß ſie aller Wahrheit Gottes entkleidet wurden; erſt da ſie nackt und bloß waren und ihre Armuth ſahen, fingen ſie an, ſich mit Heva zu ſchämen. Von Frankreich her predigten viele, an ihrer Spitze ein lüderlicher Schwätzer, Namens Voltaire (lies: Woltär), die böſen Sitten, die wir an den Franzoſen hernach haben kennen lernen. Da unſre Deutſchen leider gerne nachthun und nach⸗ ahmen, was man ihnen vorthut; ſo haben ſie von den Franzoſen leider die böſen, böſen Ge⸗ ſchwätze, welche gute Sitten verderben, auch an⸗ genommen — — und an ihrer Spitze war ein deutſcher König, den man um ſeiner Regierungs⸗ weisheit und Kriegsthaten willen groß, ja, gar „den Einzigen“ genannt hat. Der elende Vol⸗ taire hat wohl in ſeinem Sterben die Angſt der Feinde Gottes empfunden und hätte gern Troſt von der Religion angenommen, die er in ſeinem Leben verſpottet und untergraben hatte, — — „der Einzige“ hätte am Grabe wohl gerne ſeine beßte Schlacht drum gegeben, wenn er den Glau⸗ ben in ſeinem Lande wieder hätte herſtellen kön⸗ nen, wie er zur Zeit ſeines Vaters geweſen war; aber — aber — die Saat war geſtreut und wu⸗ chernd aufgegangen mit Schrecken, die Dämme waren gebrochen, die Waſſer des Unglaubens überſtrömten das Land, wie die Städte, — und das Verderben ward allgemein, wie die Erde von den Gipfeln der hohen Berge bis in die tiefen Thäler durch die Sündfluth verderbt ward. Fromme Männer, wie es noch einige gab, wur⸗ den im Getöſe der Ueberſchwemmung gar nicht mehr gehört — und es waren wenige, die in der Arche der heiligen Kirche durchs Waſſer entrinnen mochten. Wie weit der Unglaube und ſeine Frechheit ſeitdem ging, das wollen wir unſern Leſern ein⸗ mal in einigen Beiſpielen vorlegen! Es ging ſo weit, als mans jetzt, Gott Lob! gar nicht mehr glaubt. — Anfangs war der Unglaube vornehm⸗ lich unter den Gelehrten, von denen verbreitete er ſich auf alle die höheren Stände; am längſten blieb er von Dörfern und Weilern entfernt. Die Bürger und Bauern aber trinken gegenwärtig noch an der Hefe des Unglaubens; das Böſe, wie das Gute, hält ſich bei ihnen am längſten auf. Aber es wird auch, je länger, je mehr die Mor⸗ genröthe aufgehen und der HErr, wie unter den andern Ständen, ſo auch unter ihnen, unter den Bürgern und Bauern ein größeres Volk haben! Denn Gott iſt ein Gott aller Menſchen und er⸗ barmt ſich aller ſeiner Werke. 10² 6. Du gibſt mir nun wohl zu, daß die Aufklärerei und der Rationalismus nicht durch ihr Alter die Wahrheit überwanden in dem vorigen Jahrhun⸗ derte. Du wirſt vielmehr mit mir alle Tage mehr inne werden, daß die Wahrheit die Lüge über⸗ windet. Das muß auch ſein. Denn die Wahr⸗ heit iſt von dem ewigen Gott, die Lüge aber iſt von dem Vater, dem Teufel, der nicht von Ewig⸗ keit, ſondern von einem Anfang her iſt, — und ſo wenig der Satan Gott überwindet, ſo wenig kann die Lüge den endlichen Sieg über die Wahr⸗ heit erhalten. Aber Eins iſt dir wunderlich, wie die Lüge einen ſolchen Anhang hat finden können — unter den Pfarrern und unter den Andern. Das kann indeß leicht erklären, wer Gottes Wort und ſein eigenes Herz ein wenig erkennt. Der Menſch iſt von Geburt an verderbten Her⸗ zens, hat Luſt und Neigung und Ungeſtüm zum Böſen, hingegen hat er keine Luſt und keine Kraft zum Guten. Wenn ihm nun der Lügner von Anfang naht und ihm die Thorheit in Geſtalt der Weisheit, die Bosheit in Geſtalt der Tugend zeigt; ſo fühlt das arme menſchliche Herz einen Zug zu den Anerbietungen des Böſewichts und willigt in's Böſe, als wäre es gut. So ging es im vorigen Jahrhundert mit der Aufklärerei auch, zumal da Gott eine Stunde und Macht der Fin⸗ ſterniß überließ, zur Strafe der elenden Welt, die lange vorher Ihm für ſeine Offenbarungen weder Preis, noch Dank geſagt hatte. Der Weg, der zum Verderben führt, iſt allezeit breit und voll; in ſolchen finſtern Zeiten des Gerichts aber drängt ſichs auf ihm, als gings zum ewigen Le⸗ ben. Die Pfarrer aber ſind auch Menſchen und über ſie kam das Gericht am erſten, da ihre Leh⸗ rer auf den Univerſitäten, die gelehrten Profeſſo⸗ ren, die erſten waren, welche der Satan verblen⸗ dete. Blinde Leiter leiteten die blinden Schüler, erzogen blinde Pfarrer und die waren dann, wie ehedem und auch jetzt wieder immer mehr Gottes Diener, ſo damals die wirkſamſten Werkzeuge des Satans, die Menſchen zu verführen. Die ganze hirtenloſe Heerde — voran die blinden Hirten, d. i. die Verführer der Gemeinden, wandelte mit⸗ einander ohne Licht und Recht, ohne Feuer⸗ und Wolkenſäule, ſie ſahen allein auf ihren Weg, den ſie erdacht und erwählt hatten. Lieber Leſer! Unſre Zeit iſt eine Zeit der Stim⸗ menmehrheit. Durch Stimmenmehrheit werden die Dinge der Erde beſchloſſen und feſtgeſetzt, und weil die Leiter der Menge die Menſchheit in ihrer großen Mehrheit für inſpirirt halten, für unfehl⸗ bar im Treffen und Wählen des Beßten; ſo meinen ſie, wenn man nur Alles durch Stimmen⸗ mehrheit thue, ſo ſei man auch immer im Fort⸗ ſchritt zum Beſſern begriffen. Wage du es, klü⸗ ger zu ſein, als ſo! Frage nicht, wie viele reden, ſondern wer redet, und noch mehr, was geredet wird. Frage überall nach den beſten Stimmen — und in Religionsſachen, da ſteh nur vollends von dem Grundſatz ab, der Mehrzahl zu folgen, da höre auf Gottes Stimme, die in ſeinem Worte offenbar iſt. Gottes Stimme wiegt alle Stim⸗ men auf, und wer ihr folgt, fährt am beßten, und er hat ſelbſt die gewichtigſte Stimme. Mö⸗ geſt du die finden! Zwei Ohren haſt du, die verſchiedenen Pfarrer zu hören, aus deren Predigt dein Glaube oder Unglaube geboren werden könnte; aber auch zwei Augen haſt du, um nach der Schrift das Gehörte zu prüfen. Auch iſt Gott und Sein Geiſt allen nahe, die Ihn ſuchen, und die Ihn frühe ſuchen, finden ihn bald. Er iſt am nächſten denen, die Gottes Wort gerne hören und lernen — und nach dem Worte Gottes alles prüfen und das Beßte behalten. Er ſei dir nahe, lieber Leſer, und helfe dir, den richtigen Unterſchied unter den Pfarrern machen! An Mitteln ſehlts ihm nicht. Biſt du ein Chriſt, ſo ſei auch fröhlich und gu⸗ tes Muths in allen Dingen. Denn das weißt du ja dann, daß Gott es gar treu und väterlich mit dir meinet, und dir gewiß gerne helfen und geben wird, was dir frommt. Hat er ſeines eige⸗ nen Sohnes nicht verſchonet, ſondern ihn für uns Alle dahingegeben, wie ſollte er uns mit ihm nicht alles ſchenken? Und auch das ſollſt du wiſ— ſen, daß er dir nicht nur gerne helfen und alles Gute geben will, ſondern daß er es auch auf das Herrlichſte kann. Thut er doch, was er will, im Himmel, auf Erden, im Meer und in allen Tie⸗ fen (Pſ. 135, 5. 6.)! Müſſen doch alle Kräfte ihm unterthan ſein und alle Creaturen ihm die⸗ nen, weil er alle Dinge geſchaffen hat, und durch ſeinen Willen haben ſie das Weſen und ſind ge⸗ ſchaffen (Offenb. Joh. 4, 11.)! Und ſo müſſen ſie auch zu deinem Dienſte ſein, ſo bald Gott will; und die höchſten wie die geringſten Creatu⸗ ren gebraucht Gott als Werkzeuge, durch die er ſeinen Kindern Gutes thut. Die Engel, dieſe ſtarken Helden (Pſ. 103, 20.), laſſen ſich als dienſtbare Geiſter ausſenden zum Dienſt um derer willen, die ererben ſollen die Seligkeit (Hebr. 1, 14. Sind nicht des HErrn Engel nach Sodom gekommen, den Lot zu erretten? (1 Moſ. 19, 1. ff.) Hat nicht der Knabe des Propheten, als ihm die Augen aufgethan wurden, den ganzen Berg voll feuriger Wagen und Roſſe um Eliſa her geſehen und alſo erkannt, daß viel Mehrere für ihn, als gegen ihn waren? (2 Kön. 6, 16. ff.) Mußte nicht Petrus ausrufen: Nun weiß ich wahrhaftig, daß der HErr ſeinen Engel geſandt hat und mich errettet aus der Hand Herodis und von allem Warten des jüdiſchen Volks! (Apg. 12, 11.) Aber nicht etwa nur vor Alters hat ſich der Engel des HErrn um die her gelagert, die ihn fürchteten, und hat ihnen ausge⸗ holfen (Pſ. 34, 8.); auch heut zu Tage noch dürfen ſich die Gottesfürchtigen des Schutzes der heiligen Engel getröſten. Es ging einmal ein Schultheiß nach einem Berufsgeſchäfte des Abends ganz allein von der Amtsſtadt nach Hauſe. In der Nähe eines Getreidefeldes überfiel ihn plötz⸗ lich eine große Angſt. Aber als ein Mann, der wohl wußte, wohin er mit allen ſeinen Sorgen und Anliegen ſich zu wenden habe, fing er an herzlich zu beten und hielt auch mit Flehen an, bis er zu Hauſe war, wo die Angſt wieder ver⸗