# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 16_S100 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Gnadenmittel, dieſer gewiſſen und wahrhaftigen, für einen Jeden ausgeſtreckten Hände Gottes trei⸗ ben oder was als durch ſolches Ergreifen der Gnade von dem Heiligen Geiſt gewirkte Frucht der Begnadigung auf den Gebrauch der Gnaden⸗ mittel folgen ſoll, in ungehöriger Weiſe ſo in die Lehre von den Gnadenmitteln und ihrem Ge— brauch verwebt und gewirrt, daß es nur der gnädigen Hand Gottes, des Heiligen Geiſtes, die trotz ſolcher unreinen Lehre iin Worte ſelbſt die Seele ſeiner Kraft verſichert und in dem aus die⸗ ſer ewigen Quelle ihr friſch zuſtrömenden lebendi⸗ gen Waſſer reinigt und geſund macht, zuzuſchrei⸗ ben iſt, wenn nicht alle an den in ſchwärmeriſcher Fieberhitze unkräftig gewordenen und mit allerlei menſchlichen Zweifeln an der göttlichen Rede und durch menſchliche Meinungen über die Geheim⸗ niſſe des Himmels verkochten Stücken und Flicken der Wahrheit verkrüppeln und verderben? Unſere Zeit, die echt kainitiſch in Erfindungen rieſenmäßig fortſchreitet, gibt in geiſtlicher Er⸗ kenntniß von ihrer beklagenswerth en Unwiſſenheit dadurch wiederum ein deutliches Zeugniß, daß eine Zeitſchrift, die ihr ohne Beweis aufbinden darf, es ſeien diejenigen Lehren, in welchen alle evangeliſchen Kirchenabtheilungen übereinſtimmen, hinreichend, um Seelen für das Reich Gottes zu gewinnen, ſo daß man ihretwegen „nach keiner Confeſſion zu fragen“, alſo auch die Irrthümer gewiſſer Confeſſionen nicht zu rügen brauche, zahlreiche Leſer findet. Möchte man nun auch in dieſer unſerer Zeit ſchon wagen können, um an⸗ derer Unterſcheidungslehren willen die beſondere gegenſätzliche Geſtaltung der einzelnen Kirchenab⸗ theilungen nicht hoch anzuſchlagen; von dieſen beiden Lehren, der Rechtfertigung und den Gna⸗ denmitteln, wird doch auch der weniger Unter⸗ richtete keinen Zweifel hegen, daß ſie in dem Ge⸗ webe eines Lehrbegriffs nothwendig, je nachdem ſie ſo oder anders gefaßt werden, auch allen andern Lehren dieſe oder eine andere Geſtalt geben müſſen. Es ſei indeß denen, die nicht begreifen, wie auch Gott in unſrer Vorſtellung ein Andrer wird, wenn wir die Art und Weiſe, wie er die Sünder begnadigt und ſich ihnen mittheilt, anders auffaſſen, als uns nach ſeinem Wort gebührt, dies noch zugeſtanden, daß die Lehren von dem Weſen des dreieinigen Gottes als ſolche Grund⸗ wahrheiten des Chriſtenthums anzuſehen ſeien, in denen „alle evangeliſchen Kirchenabtheilun— gen“ übereinſtimmen; ſo muß der doch ein ſehr genügſames Herz haben, der hierin eine Berechti⸗ gung finden kann, ſich dem Kampf der verſchiede⸗ nen evangeliſchen Kirchenabtheilungen, die ſammt und ſonders ihre abweichenden Lehren des Strei⸗ tes werth und ohne Schlichtung desſelben völlige Kirchengemeinſchaft unter einander für ein Ding der Unmöglichkeit halten,“) zu entziehen; ein ſo *) Es müßte ſonſt ſchon die eine oder die andere den Lehrbegriff aufgegeben haben, deſſen Bekenntniß und Ver⸗ theidigung ihr das Daſein gegeben hat; ſolch ein Zuſtand aber entzieht ſich, wenn nicht ein offener und ehrlicher Ab⸗ fall von dem früheren Irrthum zu der in einer andern Be⸗ kennerſchaft bekannten Wahrheit, folglich ein Uebertritt zu der Kirche von der Secte ſtattgefunden hat, aller Beurthei- lung, weil er, wie der der Union, nach Otternart, weder zu 100 genügſames Herz, daß man ihm kaum den Hoch⸗ muth zutrauen ſollte, der ſich in der willkürlichen Unterſcheidung der von dem Heiligen Geiſt im Wort als gleichberechtigt und weſentlich offenbar⸗ ten Heilswahrheiten in Grund-⸗ und Nebenlehren zu erkennen gibt. Man möchte eine ſtaunens⸗ werthe Großmuth darin finden, der hungrigen Seele alle irgendwo beſtrittenen Broſamen des heiligen Wortes zu verſagen und auf die Gefahr hin, am Ende ganz ums geiſtliche Brod zu kom⸗ men, das, was die vom Geiſt dieſer Zeit erzeug⸗ ten Kinder von dem väterlichen Erbtheil überzu⸗ laſſen ſich bewogen finden wollen, als Mindeſt⸗ und Altvatertheil fügſam anzunehmen, wenn dieſe großmüthige Genügſamkeit nicht wiederum mit der ſeltſamen Einladung an ſo Viele gepaart wäre, ſich mit von dieſen, noch dazu ſo wenig verbürgten, Ueberbleibſeln ſpeiſen zu laſſen; denn dadurch geſtaltet ſich die heldenmüthige Entſagung zu einer höchſt unedlen Ungerechtigkeit gegen die geladenen Gäſte. — Wie übrigens bei ſolcher Zufriedenheit mit unſerer heutigen Kirchenwelt und ſolcher Friedensliebe die geiſtliche Wachſam⸗ keit beſtehen kann, wird Jedem, der Gottes Wort nicht etwa nur dazu gebraucht wiſſen will, Ty⸗ rannei und Pabſtthum zu bekriegen, ſondern es vor allen Dingen als vom Heiligen Geiſt zur Er⸗ bauung eines geſunden Lehrgebäudes gegeben anſieht, ein kurzes Sprüchlein desſelben lehren, jenes Wort des Apoſtels: „Ein wenig Sauerteig verſäuert den ganzen Teig“. Gal. 5, 9. Doch, was ſollen noch die Apoſtel des HErrn Chriſtus unſere heutigen Apoſtel lehren? Sie ſind Schulknaben geworden. Unſere Meiſter ha⸗ ben gelernt, Lehren gering zu achten. Das iſt auch viel vornehmer und beſonders in Amerika weit faſhionabler. „Durch Erkenntniß des Heils gerecht machen“ (Jeſ. 53, 11.) und darum ir⸗ gend welches Unrichtige in der Erkenntniß für ſeelengefährlich anſehen, iſt eine alte, verlebte Sache. Man ſchreitet fort, d. h. man reißt die Pfähle aus, die in der Lehre der Apoſtel und Propheten der Kirche geſtecket worden ſind, damit auch der Mann dieſer Zeit gar bequem hinein⸗ ſchreiten kann und ſeinen Vernunftkopf ja nicht an der „engen Pforte“ ſtößt. Das wäre! einen Hymenäus auszuſtoßen, wie der Apoſtel Paulus that und blos um der Lehre willen und zwar um der einzigen Lehre von der Auferſtehung des Flei⸗ ſches willen (2 Tim. 2, 17. 1 Tim. 1, 20.)? — Nein, ſo etwas läßt man ſich nicht mehr gefallen. Solche Paulus mögen nur ferne bleiben, auch die Paulus⸗Schüler, wie der Luther war. Solche Leute fluchen und verdammen (Gal. 1, 8.). Wir wiſſen fein den Berg Ebal von Garizim zu ſcheiden. Wir halten dem lieben Gott, deſſen Geiſt fluchen lehrt, mit faſhionabler Handbewe— gung den Mund zu. — Darum iſts einem auch ſo wohl in dieſer Zeit. Da iſt ſo viele Arbeit um Wachsthum in der Erkenntniß Gottes gar nicht der einen noch zu der andern „evangeliſchen Kirchenabthei⸗ lung“ gezählt und doch auch für ſich ſelbſt wegen ſeines un⸗ ſichern, unbeſtimmten und bekenutnißloſen Weſens nicht aufgefaßt werden kann. mehr nöthig. Man betet ein wenig. Man freut ſich, daß es einem bang wird, denn das iſt Zeug⸗ niß genug, daß man gerettet worden iſt. Man redet und ſchreibt etwas von Chriſto, ſo im All⸗ gemeinen, daß man ja nirgends anſtößt. Dann reibt man ſich die Hände und freut ſich des köſt⸗ lichen Berufs, ſeine Friedenswege ſo friedlich zu gehen. Die einfältigen Apoſtel! Sie ſahen auf die, welche verkehrte Lehre trieben (Apoſtelgeſch. 20, 30. 31.). Sie prüften jede Meinung, ob ſie auch nicht abwich von dem Einen heiligen Evangelium, und war ein Tüttel anders, ſo lie⸗ ßen ſie nicht nach mit Lehren und Warnen, ja auch, wenns noth that, mit Fluchen und Ban⸗ nen, bis ſie den reinen ſtrahlenden Glaubensſchild vor dem drohenden Stäublein, und den reinen, goldenen Wein des Evangeliums vor dem Tröpf⸗ lein Gift bewahrt hatten (1 Cor. 1, 10., 1 Joh. 4, 1.). Hätten die Thoren dafür doch Mäßig⸗ keitsvereine geſtiftet, ſo hätten ſie die ehrbaren Heiden zu Freunden und Gehilfen bekommen. Oder gab's unter den Heiden keine Laſter zu be⸗ kriegen, daß ſie ſo viel Zeit und Kraft für die Lehre übrig hatten? Wie hat Luther ſich ſo ver⸗ gebliche Mühe gemacht, daß er mit dreißigerlei verſchiedenen Irrgeiſtern ſich immerfort in Streit einließ und durchaus nicht einwilligen wollte, um der paar Worte „das iſt“ willen, mit den Zwinglianern Gemeinſchaft zu machen? Hätte er doch lieber etwas Anderes gethan, als noch kurz vor ſeinem Tode ein ſo dickes Buch zu ſchrei⸗ ben, wie das große Bekenntniß vom heiligen Abendmahl iſt, bloß um keine Verantwortung zu haben, wenn man nach ihm mit den ſchweizeri⸗ ſchen Reformatoren, den Leuten, welche „einen andern Geiſt“ hatten, in eine Kirchengemeinſchaft ſich einließe! Er iſt ein elender Streitkopf gewe⸗ ſen. Sein Winſeln, Beten, Schreien und Weh⸗ ren um den Buchſtaben der Wahrheit war ein kindiſches Spiel, um das man ihn höchſtens be⸗ mitleiden kann. Gut, daß er todt iſt. Noch beſſer, daß die Apoſtel nicht mehr leben. Viel beſſer noch, daß der Heilige Geiſt nicht mehr durch lebendige Werkzeuge unmittelbar redet und die lebendigen Hunde vor den todten Löwen Frieden haben. Ja, was wäre daran gelegen, wenn auch der Dreieinige Gott ſelbſt todt wäre, der zu uns geredet hat? Wenn wir nur leben, wir neuen Geiſter, wir Botſchafter in der Zeit der Eiſenbahnen und Dampfſchiffe, wir Prediger einer Weisheit, die man in beſſeren Zeiten für gefährlichen Indifferentismus hielt, wir, die wir erſt wiſſen, was Liebe iſt, nachdem wir gelernt haben, auch das zu lieben, was Gott haßt, die Pfützen des Irrthums und der Lüge des „Sollte Gott wohl geſagt haben?“ eben ſo innig wie die volle reine Wahrheit, wir, die wir ſelig in der Weite, die wir gefunden haben, von Allen be⸗ grüßt, den ſchönſten Traum träumen, daß wir des Heiligen Geiſtes voll ſeien, wenn dieſe Liebt uns wonnig durchſtrömt — wenn wir nur leben und reden können, die wir verſtum⸗ men müßten, ſo ER ſich aufmachte, deſſen Wort wir uns nach unſerm Dünken zu kürzen und zu deuten unterfangen.