# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 05_S92 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Gotth. Hört die Gemeinde nicht auf Gottes Wort, mag es nun von vielen oder von einem allein geſagt werden, ſo ſagt ſie ſich vom Worte Gottes los. Dann magſt und ſollſt du auch das Band mit ihr zerreißen nach Pſ. 1, 1.: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rath der Gottloſen.“ Entzieheſt du aber der Gemeinde deine beſſeren Gaben der Erkenntniß, des Glaubens, u. ſ. w. durch eigenſinnige Abſonderung von ihr, ſo ver⸗ gräbſt du das Pfund, das dir anvertraut iſt, und haſt auch keinen Nutzen von den geiſtlichen Gaben, die andern gegeben ſind. Denn „in einem jeg⸗ lichen“, ſagt der Apoſtel 1 Cor. 12, 7., „erzeigen ich die Gaben des Geiſtes zum gemeinen Nutzen.“ Ohne und außer der Gemeinſchaft mit andern Chriſten können daher die Gaben des Geiſtes hren reichen und mannigfaltigen Nutzen nicht rzeigen. Ich könnte dir genug lebendige Exem⸗ hel anführen, wie diejenigen in ihrer Erkenntniß, nn ihrem Glauben und in allen chriſtlichen Tu⸗ zenden gefördert worden ſind, welche durch ihren Beitritt zur Gemeinde in engere Verbindung mit indern geförderten Chriſten gekommen ſind; wie hald die hingegen erkaltet und allmählich gar erſtorben ſind, welche von chriſtlicher Gemeinſchaft abgeſondert lebten. Darum wird auch ein Chriſt, der es treu meint mit Gott und ſeiner eignen Seele, lieber auf manche irdiſche Vortheile ver⸗ ichten, wenn er nur die Gemeinſchaft der Brüder zenießen kann, und wird um keinen Preis ſo ab⸗ zeſchnitten und losgeriſſen daſtehen wollen. Man nuß es in der That den Weltkindern einräumen, daß ſie ſich auf ihren Vortheil beſſer verſtehen, als die Chriſten. Sie werden gern Mitglieder ihrer weltlichen Vereine, als z. B. der Freimaurer, theils weil ſie es für eine Ehre halten, theils weil ſie ſich davon manche Vortheile verſprechen. Ein Chriſt ſollte es für unendlich größere Ehre und für unendlich größeren Vortheil achten, Mitglied einer chriſtlichen Gemeinde zu ſein, aber leider! trifft das Wort auch hier ein: „Die Kinder dieſer Welt ſind klüger als die Kinder des Lichts in ihrem Geſchlechte.“ Gebh. Wenn ich auch das alles zugebe, ſo muß ich doch geſtehen, daß ich mich nicht gern binden möchte. Ich habe ein gewiſſes Grauen und eine geheime Abneigung vor dem Gedanken, mich in meiner Freiheit beſchränken zu laſſen. Ich will nicht frei ſein von Gottes Geſetz, aber doch möchte ich mir nicht ein menſchliches Joch aufladen. Gotth. Das heißt mit andern Worten: du willſt dich nicht der Ordnung unterwerfen, die natürlich in jeder chriſtlichen Gemeinde ſein muß. Wenn dies bei dir aus einem ſolchen ſtolzen, eigenwilligen, widerſpenſtigen Sinne hervorginge, wie er ſich leider! bei den meiſten unſerer durch Unglauben verwilderten deutſchen Leute zeigt, ſo wollte ich kein Wort mehr verſchwenden, um dich zum Anſchluß an die Gemeinde zu bewegen. Ich will aber lieber glauben, daß es nur ein Vor⸗ urheil iſt, welches daher kommt, daß du eine ſolche Gemeindeordnung für etwas ganz anderes anſiehſt, als ſie wirklich iſt. Gebh. Daß Ordnung ſein muß, leugne ich 9² nicht, aber das Unterſchreiben derſelben ſieht mir aus wie ein geſetzlicher Zwang. Gotth. Wie magſt du doch das einen geſetz⸗ lichen Zwang nennen? Du kannſt ja erſt leſen und prüfen, was dir zur Unterſchrift vorgelegt wird, und haſt alſo vollkommenſte Freiheit, deine Unterſchrift zu geben oder nicht. Du wirſt nicht gezwungen, dich der Ordnung zu unterwerfen, wenn du es nicht aus der freien Ueberzeugung thuſt, daß ſie recht und gut und dem Worte Got⸗ tes gemäß iſt. Wohl aber iſt die Gemeindeord⸗ nung ein heilſamer nöthiger Zaum gegen ſolche zucht⸗ und zügelloſe Leute, die, wenn ſie in die Kirche hereinbrächen, bald ein Babel und Sodom aus ihr machen würden. Gebh. Da wir auf die Gemeindeordnung gekommen ſind, ſo iſt gerade in der eurigen ein Punkt, der mich immer etwas zurückgeſtoßen hat. Gotth. Nun ſage doch, was das für einer iſt. Gebh. Das iſt die Anmeldung vor der Com⸗ munion, daß jeder, der das heilige Abendmahl nehmen will, zuvor zum Paſtor kommen ſoll. Es war dies nicht einmal überall in Deutſchland ein⸗ geführt, und noch viel weniger bei den andern Kirchen hier in Amerika. Ich habe es nur bei den Lutheriſchen gefunden. Gotth. In der lutheriſchen Kirche Deutſch⸗ lands war früher nicht allein die Anmeldung, ſondern auch die Privatbeichte im Brauch. Daß aber jetzt aller Orten viele gute Gebräuche gefal⸗ len ſind, iſt ein trauriger Beweis von dem Un⸗ glauben der Zeit. Die Anmeldung iſt beinahe noch das einzige Mittel, das uns geblieben iſt, dem entſetzlichen Mißbrauch des heiligen Abend⸗ mahls einigermaßen zu ſteuern und zu wehren. Ich frage dich nur dies eine, ob der Paſtor nicht dafür verantwortlich iſt, wem er das heilige Abendmahl reicht? Gebh. Wenn der Paſtor in der dem heiligen Abendmahl vorhergehenden allgemeinen Beichte deutlich aus Gottes Wort zeigt, wer würdig oder unwürdig iſt, und die letzteren warnt, ſo hat er ſeinem Amt und Beruf genug gethan; denn in das Herz kann er niemandem ſehen. Gotth. Wenn aber nun der Paſtor aufs be⸗ ſtimmteſte weiß, daß unter denen, die zur Beichte kommen, der und jener in groben Sünden lebt, woraus ſoll er denn nun ſchließen, daß er buß⸗ fertig iſt? Gibt's nicht die Erfahrung, daß Tau⸗ ſende unbußfertig zum Sacrament gehen, indem ſie darnach immer wieder in denſelben Sünden fortfahren? Gebh. Geht jemand unbußfertig zur Beichte und zum Sacrament, ſo heuchelt er Gott und Gott wird ihn richten. Gotth. Soll denn aber der Seelſorger nicht aus allen Kräften ſolcher elender Leute Gericht zu hindern ſuchen, und zwar eben dadurch, daß er ſie einzeln und insbeſondere vor unbußfertigem Abendmahlgehen warnt und ſie durch Vorhaltung ihres Seelenzuſtandes zu einer aufrichtigen Buße zu bewegen ſucht? Beim Propheten Heſekiel ſpricht Gott Cap. 33, 8. 9.: „Wenn ich nun zu dem Gottloſen ſage: du Gottloſer mußt des Todes ſterben; und du ſagſt ihm ſolches nicht, daß ſich der Gottloſe warnen laſſe vor ſeinem Weſen: ſo wird wohl der Gottloſe um ſeines gottloſen Weſens willen ſterben, aber ſein Blut will ich von deiner Hand fordern. Warneſt du aber den Gottloſen vor ſeinem Weſen, daß er ſich davon bekehre, und er ſich nicht will von ſeinem Weſen bekehren: ſo wird er um ſeiner Sünde willen ſterben; und du haſt deine Seele errettet.“ Wie kann der Paſtor Angeſichts ſolcher ſchreck⸗ lichen Worte ſein Gewiſſen damit zufrieden ſtellen, daß Läſterer, Gottesverächter, Trunkenbolde, Spie⸗ ler, Hurer, Wucherer, Diebe, Verleumder, Unver⸗ ſöhnliche u. ſ. w. kein anderes Zeichen ihrer Buß⸗ fertigkeit vor dem Genuß des heiligen Abend⸗ mahls von ſich geben, als daß ſie zu der in ihrem Namen geſprochenen öffentlichen Beichte ein heuchleriſches Ja ſprechen? Geſetzt aber, es iſt jemand ein rechtſchaffener Chriſt, wird es ihm nicht lieb ſein, bei der Anmeldung Gelegenheit zu bekommen, ſich des Rathes oder Troſtes ſeines Seelſorgers in beſonderen Anliegen und Herzens⸗ Angelegenheiten zu bedienen? Noch vielweniger aber wird es einem rechtſchaffenen Chriſten eine Laſt ſein, eine Orvnung zu beobachten, welche den unermeßlichen ſchrecklichen Mißbrauch des Sacra⸗ ments einigermaßen einſchränkt. Würde von Allen, die Diener des Worts und Haushalter über Gottes Geheimniſſe ſind, in dieſem Punkte gewiſſenhafter gehandelt, ſo würde das allergrößte Heiligthum, der Leib und Blut des Sohnes Got⸗ tes, nicht ſo ſchmählich und ſchändlich entweiht werden. Die lutheriſche Kirche handelt hierin gewiſſenhafter, als die Secten, weil ſie es glaubt, daß es der Leib und Blut des Sohnes Gottes iſt; dieſe aber nicht. Gebh. Du haſt wahr geſprochen — es iſt ſo. Mich hat auch hauptſächlich nur dies eine gegen die Anmeldung eingenommen, weil ſie von vielen für eine Art Ohrenbeichte gehalten wird. Gotth. Von vielen unverſtändigen und bös⸗ willigen Lenten, hätteſt du ſagen ſollen; aber wenn wir uns nach jedem Narren richten wollten, ſo wären wir ſelbſt die größten Narren. Ich hoffe übrigens, daß nun alle deine Bedenken gehoben ſind, die dich bisher noch an dem kirchlichen An⸗ ſchluß gehindert haben. Es iſt dies wahrlich keine gleichgültige Sache, die du thun oder laſſen kannſt, ſondern es iſt das klare göttliche Gebot. Wie kannſt du dem göttlichen Gebot nachkom⸗ men: „Gehorchet euern Lehrern und folget ihnen“ ꝛc., wenn du keinen Seelſorger haſt? Wie kannſt du dem göttlichen Gebot nachkommen: „Seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geiſt durch das Band des Friedens“, wenn du keine chriſtliche Gemeinſchaft ſuchſt? Iſt's nicht ein Widerſpruch, im 3. Artikel eine Gemeinſchaft der Heiligen bekennen, und doch von ihrer Gemeinſchaft ſich abſondern? Wie kannſt du das Geſetz Chriſti erfüllen: „Einer trage des Andern Laſt“, wenn du die Sorgen und Laſten des Ge⸗ meindeweſens andern überläſſeſt, und gleichwohl Predigt und Sacrament mitgenießen willſt? Es iſt nicht fein, wenn man nur ernten, aber nicht ſäen, die Frucht genießen, aber nicht arbei⸗ ten will.