# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 05_S91 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 5 Lande! Sie haben alles, was ſie brauchen, ſchöne Felder, Gärten und Häuſer; aber das werthvollſte und nöthigſte fehlt ihnen, nemlich Kirche und Schule. Iſt's nicht eine jedes Chriſtenherz em⸗ pörende Thatſache, daß manches Städtlein im Lande bei einem Ueberfluß von Bier⸗ und Trink⸗ häuſern keine Kirche und Schule hat? Das kommt daher, weil niemand Hand anlegen will, ſondern lieber dem andern die Sorge dafür über⸗ läßt. Muß da nicht das Blut aller der Seelen, die durch die Predigt des göttlichen Wortes geret⸗ tet werden könnten, über diejenigen kommen, die entweder aus Verachtung oder Gleichgültig⸗ keit für Aufrichtung des Predigtamts nichts thun wollten? Gebh. Dem kann ich nicht widerſprechen. Es iſt unverantwortlich, wie oft ganze Anſiedelungen ſo hinleben wie die Heiden, ohne Predigt und Sacrament, und die arme Jugend ganz verwil⸗ dern laſſen. Gotth. Nun ſiehe, du thuſt durch dein „für dich Alleinſtehen“ die nemliche Sünde, aus welcher jene ſchreienden Uebel kommen. Aber laß mich noch mehr anführen. Die Kirche hat auch andere wichtige Zwecke, die einer allein ohne Mitwirkung anderer Chriſten nicht erreichen kann. Es müſſen Anſtalten ſein, worin die Prediger zum Dienſt des Wortes erzogen und gebildet werden. Gebh. Ja freilich thut dies beſonders hier noth. Denn die von Deutſchland herüberkommen, können den Mangel nicht ausfüllen, und ſind auch mehrentheils mit dem auf den deutſchen Univer⸗ ſitäten herrſchenden Gift des Unglaubens ange⸗ ſteckt — Gotth. und, magſt du noch hinzufügen, die im Lande herumſchwärmenden methodiſtiſchen Be⸗ kehrer ſind von der Art, daß ſie das Predigtamt vollends in Verachtung bringen, weil es ganz un⸗ gebildete Laien ſind, die kaum die erſten Buch⸗ ſtaben göttlichen Wortes wiſſen, geſchweige, daß ſie ſollten eine gründliche Erkenntniß der reinen Lehre haben. Gebh. Aber wie ſollen ſolche Auſtalten hier zu Stande kommen, die etwas Tüchtiges leiſten? Der Staat bekümmert ſich nicht darum; andere Hilfsquellen aus Kapitalien, liegenden Gründen und dergleichen, wie ſie in Deutſchland vorhanden waren, fehlen hier auch. Sollen nun die meiſt armen und kleinen Gemeinden die Koſten dazu aus ihren eigenen Mitteln aufbringen, ſo wird's ſchwer halten. Gotth. Nicht ſo ſchwer, als du meinſt. Wenn nur ein jeder lutheriſche Chriſt die Wichtigkeit des Zweckes und die großen Segnungen, die daraus hervorgehen, bedächte, ſo hätte es nicht Noth; denn dann würde er gern aus ſeinen Mitteln ge⸗ ben, was er vermöchte. Um des irdiſchen Brods willen wird wohl mehr gethan. Ich habe es zum Beiſpiel erlebt, daß, als einſt in einem kleinen Städichen die Dampfmühle abgebrannt war, ſie in kurzer Zeit bloß durch die Beiträge der umlie⸗ genden Farmer ſchöner und größer wieder aufge⸗ baut wurde. Chriſten wiſſen aber, daß an dem himmliſchen Brod unendlich mehr gelegen iſt, 9¹ warum ſollten ſie nicht gleiches, ja noch mehr thun können? Ich muß dich indeß noch eins fragen: Hältſt du es für eines jeden Chriſten Pflicht, dafür zu ſorgen, daß auch den Heiden das Evangelium gepredigt werde? ö Gebh. Das iſt eine ſeltſame Frage. Natürlich muß ein jeder Chriſt, der da weiß, daß nur in Einem Heil und Seligkeit iſt, von Herzen wün⸗ ſchen, daß auch dieſe armen Kinder der Finſterniß zur Erkenntniß ihres Seligmachers IEſu Chriſti gelangen; aber die Sorge dafür liegt doch nicht einem allein ob. Gotth. Freilich nicht. Es iſt die Geſammt⸗ ſorge der Kirche, die ihr Licht auch in der armen blinden Heidenwelt leuchten laſſen ſoll. Du ſiehſt abermals daraus, daß die wichtigſten Zwecke der Kirche ohne Zuſammenwirken aller ihrer Glieder nicht erreicht werden können. Du kannſt freilich nicht hingehen und den Heiden das Evangelium predigen, aber als Glied der Kirche kannſt du in Gemeinſchaft mit andern dahin wirken, daß auch ſie, die Heiden, der Gnade und Seligkeit theilhaf⸗ tig werden, die du in Chriſto haſt. Du wirſt mir's nicht übel nehmen, wenn ich dich einmal auf's Gewiſſen frage, ob du ſchon für die chriſtlichen Lehranſtalten oder für die armen Heiden etwas gethan haſt? Gebh. Ich habe dies freilich bisher noch nicht ſo bedacht, und darun auch noch nichts gethan. Ich hätte aber auch noch nicht viel thun können, denn ich bin noch nicht lange im Lande und da geht es, wie du weißt, anfangs hart; ich hoffe aber, es ſoll inskünftige beſſer werden, und dann werde auch ich nicht zurückbleiben. Gotth. Wie aber, wenn du ſchon weit hinter andern zurückgeblieben wäreſt, die von ihrer Ar⸗ muth willig geopfert haben für Gottes Wort? Denke nur an die arme Wittwe im Evangelio mit ihren zwei Scherflein. Das war ein großes Opfer vor Gott. Es zeugt von ſchlechter Dankbarkeit ge⸗ gen die theure Gabe des Evangeliums, wenn man erſt warten will, bis man von ſeinem Ueberfluß geben kann. Und wie viel von dem Ueberfluß ge⸗ geben wird, das ſieht man wohl; da fallen mei⸗ ſtentheils kaum ein paar kärgliche Brocken für Chriſtum ab. Für Staat, Pracht, Eſſen, Trinken und allerlei Luxus werden keine Koſten geſpart, aber für den edlen, theuren Schatz des göttlichen Wortes ſind auch die geringſten Koſten zu viel. Wie ganz anders könnte das Wort Gottes geför⸗ dert werden, wenn der Geiz und Undank gegen das Evangelium nicht die Herzen verſchlöſſe. Jakob gab Gott den Zehnten von allem, das er ihm gegeben hatte, und ward dadurch nicht zum armen Manne; ja ſelbſt der geizige Phariſäer (Luc. 19.) konnte den Zehnten von allem geben, und jetzt kann mancher nicht den Fünfzigſten ge⸗ ben. Ja Viele entziehen ſich bloß darum der kirchlichen Gemeinſchaft, weil ſie fürchten, etwas geben zu müſſen. Gebh. Es iſt Unrecht von mir, ich geſtehe es, daß ich noch ſo wenig für Gottes Wort gethan habe. Ich ſchäme mich, daß ich in dieſem Punkt ſo nachläſſig und gleichgültig geweſen bin; doch, glaube mir, daß ich meinen Anſchluß an die Kirche nicht aus dem Grunde unterlaſſen habe, daß ich nur nichts geben müſſe. Denn Geben iſt ſeliger, denn Nehmen, das iſt auch mein Grundſatz. Gotth. Nun, iſt's denn noch etwas anderes, das dich abgehalten hat? Gebh. Nun ja — doch ich wollte das nicht gerne berühren. Gotth. Sage es doch ehrlich heraus, was ſchadet's denn? Vielleicht machſt du dir einen unnöthigen Serupel? Gebh. Wohl, ich will es ſagen. Mir kann es durchaus nicht gefallen, wenn ſich einer ſo viel um den andern bekümmert und ſich zum Richter über den andern aufwirft. Dieſes leidige Split⸗ terrichten ſcheint — du wirſt mir es nicht übel nehmen — bei euch ſehr in der Gewohnheit zu ſein; jeder Tritt und Schritt wird ſo genau beobachtet, auf jedes Wort ſo ſcharf geſehen, daß, wenn einer einmal einen Fehler begeht, er ſich bald einen ſcharfen Tadel zuzieht. Gotth. Du fürchteſt dich alſo vor der brüder⸗ lichen Beſtrafung? Daß dieſe für deinen alten Menſchen etwas Läſtiges und Unangenehmes iſt, glaube ich dir gern. Aber ſoll ich dir denn erſt aus Gottes Wort beweiſen, daß man den ange⸗ bornen Stolz und Hochmuth verleugnen und willig und demüthig ſich ſtrafen laſſen ſoll, ja, daß die brüderliche Beſtrafung wie ein köſtlicher Balſam iſt? denn Pſ. 141, 5. ſtehet: „Der Ge⸗ rechte ſchlage mich freundlich und ſtrafe mich; das wird mir ſo wohl thun, als ein Balſam auf mei⸗ nem Haupt.“ Iſt dir die Falſchheit der Welt lieber, die dir in's Angeſicht ſchmeichelt und dich im Rücken verleumdet, als die Aufrichtigkeit wah⸗ rer Freunde und Brüder, die auf dein Seelen⸗ heil ſehen und eben darum dich ſtrafen, wenn es nöthig iſt? Gebh. Ich wollte mich wohl gern aus Got⸗ tes Wort ſtrafen laſſen; aber das kann ich nicht leiden, wenn eine jede Kleinigkeit beim Paſtor angebracht wird, nemlich von ſolchen unlautern Seelen, welche dadurch ſich bei demſelben in Gunſt zu ſetzen ſuchen. Gotth. Und meinſt du wirklich, daß ein red⸗ licher Diener Gottes ſolche Verleumder und Oh⸗ renbläſer hört? Im Gegentheil, ſie werden damit nicht Gunſt, ſondern Ungunſt verdienen; denn der rechtſchaffene Paſtor wird ſie mit der emſten Weiſung heimſenden, die Regel Chriſti Matth. 18, 15. zu befolgen und ernſtlich den fehlenden Bruder unter vier Augen zu ſtrafen, ehe ſie ſich unterſtehen, ſeine Fehler weiter auszutragen. Gebh. Ja, wenn das Strafen in der Ord⸗ nung geſchähe, wie Matth. 18, 15. ff. geſchrieben ſteht, ſo wollte ich mich wohl gern dieſer Ordnung unterwerfen, aber wo geſchieht ſolches! Gotth. So ſoll und muß es in einer chriſt⸗ lichen Gemeinde zugehen, ſonſt iſt es Sünde und Greuel vor Gott. Und geht es nicht ſo zu, ſo hat auch ein jedes Gemeindeglied nicht bloß das Recht, ſondern auch die heilige Pflicht, die ganze Gemeinde darüber zu ſtrafen. ö Gebh. Wie ſagſt du? Einer allein ſoll die ganze Gemeinde ſtrafen? Ich möchte wohl die Gemeinde ſehen, die ſich dieſes gefallen ließe.