# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 01 19_S84 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Veränderungen in der Welt keinen höheren Zweck haben, als dem Evangelio und Reiche Chriſti allenthalbenhin Bahn zu machen. Da es nun aber auf dieſe Weiſe in unſeren Tagen immer leichter geworden iſt, Herolde des Evangeliums nach allen Zonen der Erde hin zu ſenden, ſo wächſt nun auch mit jedem Tage die Schuld der Chriſten, das Werk der Bekehrung der Heiden mit allem Eifer zu betreiben. Da Gott in unſeren Tagen ſichtlich eilt, die Fülle der Heiden in ſein Gnadenreich einzubringen, ſo ſind denn auch die Chriſten jetzt doppelt verpflichtet, dieſe nun ange⸗ brochene Zeit einer großen Gnadenheimſuchung zur Einführung der verlorenen Schafe in Chriſti Schafſtall immer treuer und ſorgſamer zu be⸗ nutzen. Und da inſonderheit ſelbſt mitten in dem Lande, das wir bewohnen, Heidenboten arbeiten, die allein dann, wenn wir unſere milden Hände aufthun, fortfahren können, wie wollten wir uns einſt vor Gott entſchuldigen, wenn wir zur Voll⸗ endung des wichtigſten und ſeligſten Werkes, das uns als Chriſten anvertraut iſt und das dieſe Boten betreiben, nichts gethan hätten! O wie viele tauſend Chriſten würden vor 300 Jahren Gott mit Freudenthränen gedankt haben, wenn ihnen eine ſo herrliche Gelegenheit dargeboten ge⸗ weſen wäre, ein Scherflein zur Bekehrung der armen blinden Heiden beizutragen! Doch, meine Lieben, es hat nicht nur Zeiten gegeben, wo die Chriſten keine Gelegenheit hatten, an dieſem Werke Theil zu nehmen; es hat auch Zeiten gegeben und gibt noch jetzt, wo Tauſende von eifrigen Chriſten keine Mittel dazu hatten. O wie viele Chriſten mag es ge⸗ genwärtig geben, die, von Eifer brennend, ihren verlorenen Brüdern nach dem Fleiſch zu Hülfe zu kommen, von bitterer Armuth gedrückt, auch den kleinſten Beitrag dazu nicht entbehren kön⸗ nen! O wie manchen Hausvater mag es inſon⸗ derheit in unſerem durch Krieg und Revolution und andere ſchwere Drangſale immer ausgeſoge⸗ nen alten deutſchen Vaterlande geben, der heute ſein kümmerliches Stücklein Brodes mit den Sei⸗ nen unter Thränen ißt, ohne zu wiſſen, woher in dieſen noch übrigen Wintermonaten für ihn und ſeine hungernden und halbnackten Kleinen Speiſe und Decke kommen ſolle! Wie gern opferte wohl mancher unter dieſen leiblich Aermſten für ſeine an der Seele noch ärmeren Brüder und Schwe⸗ ſtern etwas, aber hat nichts, als ein für ſie ſeuf⸗ zendes Herz. Mit uns ſteht es hier anders. Gott hat uns hier in ein gutes Land, in ein Land großen irdiſchen Segens geführt. Alle haben hier, was ſie bedürfen; die meiſten haben hier auch noch etwas mehr; und einige ſehen ſich mit Segen an zeitlichen Gütern wie überſchüttet. O laßt uns bedenken, wozu uns dieſer Segen gegeben iſt! Laßt uns nicht vergeſſen: dieſen Segen ha⸗ ben wir nicht dazu bekommen, ihn todt im Kaſten liegen zu laſſen; oder ihn auf Wucher auszuthun und davon Zinſen auf Zinſen zu ziehen; oder uns ein gutes, bequemes, weichliches, üppiges Leben zu verſchaffen; oder unſeren Leib mit elen⸗ dem Flitterſtaat zu behängen, und prächtige Pa⸗ läſte zu bauen und unſere Zimmer mit prunken⸗ 8⁴ den Geräthſchaften zu füllen und zu ſchmücken; oder unſer Geſchäft endlos zu erweitern; oder eine Landſtrecke nach der andern uns anzukaufen, und dergleichen. Nein, was wir haben, iſt nicht unſer Eigenthum, womit wir nach Belieben ſchal⸗ ten und walten könnten. Unſere Güter ſind Gottes Güter, unſere Kaſſe Gottes Kaſſe; wir ſollen nur Haushalter darüber ſein und Gottes Wort iſt das Buch, darin Gott aufgezeichnet hat, an wen wir aus Gottes Kaſſe Zahlungen zu lei⸗ ſten haben. Vor allem iſt es das JEſus-Kind⸗ lein, das noch immer arm, in elende Windeln gewickelt, in der Krippe liegt, welchem wir mit den Weiſen aus dem Morgenland unſere Schätze aufthun und vor dem wir nicht nur die Myrrhen unſerer Buße und den Weihrauch unſeres Gebe⸗ tes, ſondern auch etwas von dem Gold unſerer zeitlichen Habe niederlegen ſollen. Das Kindlein IEſus kommt nemlich zu uns in einzelnen ſeiner armen Glieder, in ſeiner armen Kirche und in ſeinen armen verlorenen Schafen aus der Heerde des Heidenthums, und begehrt von uns eine Spende aus der Almoſenkaſſe Gottes, die uns die kurze Zeit unſeres irdiſchen Lebens zu treuer Verwaltung anvertraut iſt. Wie? ſollte das Chriſtkindlein von uns ein Almoſen begehren und wir wollten es abweiſen? Was thäten wir denn anderes, als die Bethlehemiten, die es hinaus⸗ wieſen in den kalten finſteren Stall, während ſie ſich in lichten warmen Zimmern ergötzten? — Doch noch Einen Grund muß ich euch nennen, warum wir das heilige Miſſionswerk als eine Schuld inſonderheit für uns hier zu erkennen ha⸗ ben. Wir bewohnen nemlich hier ein Land, aus welchem die noch übrigen heidniſchen Urbewohner theils einſt verdrängt worden ſind, theils immer weiter verdrängt werden. Wir wohnen hier un⸗ ter Heiden, an deren Vätern einſt kurz nach Ent⸗ deckung dieſes Erdtheils vor etwas mehr als 350 Jahren Menſchen, welche ſich Chriſten nannten, die empörendſten Grauſamkeiten, die je die Sonne beſchienen, verübt haben. Unter andern ſind in jener Zeit von den römiſch⸗katholiſchen Spaniern binnen zehen Jahren gegen 15 Millionen India⸗ ner wie Wild des Waldes grauſam hingemordet worden. Daß ich nicht erwähne die furchtbaren Aergerniſſe, welche Namenchriſten dieſen Heiden zu allen Zeiten bis dieſe Stunde gegeben haben und noch geben und dadurch ſie zu einem großen Theil die Verſtockung derſelben gegen den chriſt— lichen Glauben verſchuldet haben. Haben nicht hiernach wir chriſtliche Bewohner dieſes Landes eine unermeßliche Schuld an jene Elenden abzu⸗ tragen? Ach, wehe allen Bürgern dieſer Staa⸗ ten, die nichts thun wollen, daß den unglückſeligen heidniſchen Eingebornen dieſes Abendlandes der Troſt des Evangeliums und ſeine ewigen Güter gebracht werden! Wir wohnen auf ihren Bergen und in ihren Gründen, wir weiden unſere Heerden auf ihren Prairien, wir ſchlagen unſer Holz in ihren Wäldern, wir fahren auf ihren Strömen: wie müßten wir nun einſt erſchrecken, wenn ſie uns an jenem Tage bei Gott verklagen und wir, vor Gottes Richterſtuhl ihnen gegenübergeſtellt, aus ihrem Munde hören würden: „Hier ſiehen ſie, unſere Feinde; aus dem irdiſchen Vaterland, das wir beſaßen, haben ſie uns vertrieben, aber den Weg zu Deinem Vaterhaus, o Gott, den ſie wußten, haben ſie uns nicht gezeigt. Unſere zeit⸗ liche Habe haben ſie uns genommen, unſer Blut haben ſie vergoſſen und unſere Seelen haben ſie ge⸗ ärgert, und die ewigen Güter, die Du ihnen anver⸗ traut hatteſt, haben ſie nicht nur ſelbſt mit Füßen getreten, ſondern auch uns nicht gegönnt. HEn, räche, räche, was ſie an uns verſchuldet haben!“ O, meine Theuren, ſo laßt uns denn, ob auch noch ſo viele ihre Schuld vergeſſen, derſelben ein⸗ gedenk ſein und Sorge tragen, daß unſeren armen indianiſchen Brüdern der helle Stern des Wortes Gottes angezündet werde, der uns jetzt leuchtet. Laßt uns nicht härter ſein, als ſelbſt ein blutgie⸗ riger Herodes, der die heidniſchen Weiſen aus dem x Morgenlande nach Bethlehem zu dem Chriſtkind⸗ lein wies. Laßt uns bedenken, ſchon Eine Seele iſt mehr werth, als die ganze Welt; denn die Welt wird vergehen mit aller ihrer Herrlichkeit, aber die Seelen der Menſchen ſind unvergänglich und eine zu Chriſto bekehrte Seele iſt ewig ſelig im Anſchauen Gottes. Geſetzt darum, daß durch alle Opfer, die wir der heiligen Miſſionsſache bringen, nur Eine Seele gewonnen würde, wel⸗ chen reichen Lohn hätten wir dann dafür einge⸗ erntet! Ja, was wäre es, wenn wir auch alle all' unſer Hab und Gut, ja, alle unſer Blut und Leben zur Rettung auch nur Einer Seele hinge⸗ geben hätten? Es wäre nichts, nichts dagegen, daß Gott ſelbſt eine jede durch ſein eigenes Blut erworben hat. Apoſt. 20, 28. Drum wohlan! Gott wird nicht müde, uns Gutes zu thun, auch wir wollen nun nicht müde werden, unſeren Brü⸗ dern Gutes zu thun. Mögen wir immerhin nicht zu den Reichen von dieſer Welt, ſondern mehr zu den Armen gehören, ſo gehören wir doch zu den Armen, denen das Evangelium gepredigt wird, denen alſo Gott mehr gegeben hat, als allen Rei⸗ chen dieſer Welt; darum laßt uns gern auch von unſerer begnadigten und geſegneten Armuth ein Scherflein darlegen. Laßt uns aber auch unſere geringe Gabe, welche wie ein Tröpflein erſcheint, damit man eine im Feuer ſtehende Welt löſchen will, nicht verachten; es gilt Gott gleich, durch wenig oder viel helfen; je kleiner unſere irdiſche Gabe iſt, deſto mehr und deſto inbrünſtigere Ge⸗ bete laßt uns zu ihr hinzuthun, und Gottes Se⸗ gen wird überſchwänglich ſein. Gelobt ſei des HErrn herrlicher Name von den Zungen aller Völker imwer und ewiglich. Amen. * Warum bekennen wir uns zur cvangeliſch⸗ lutheriſchen Kirche?“) Dieſe Frage klingt engherzig, und mancher, der ſie hört, ahnt eine Antwort, mit welcher er nicht einverſtanden ſein kann. Von einer „lutheriſchen Kirche“ reden, und das in einer Zeit, wo man von nichts als von Fortſchritt, vom Verlaſſen des Alten, vom Anbahnen neuer kirchlicher Zuſtände *) Es iſt dies der bereits verſprochene Trackat der Straß⸗ burger ev.-lutheriſchen Tractatgeſellſchaft, welche Hem Paſtor Horning geſtiftet hat. D. R.