# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 05 17_S74 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 74 möglichen Schonung behandelte, verhielt sich nun einige Jahre äußerlich ruhig, ob er gleich in der Stille einen bittern Groll gegen Luthern hegte. Solche falsche Brüder thaten dem Evangelio noch weit mehr Schaden, als die offenbaren Feinde desselben. Von dieser Zeit an blieb L. in Wittenberg, und Niemand wagte es, ihn anzutasten. Er schrieb in diesem Jahre (1522) unter Andern sehr scharf gegen das gottlose Wesen der ungeistlichen Geistlichen, er strafte sie sowohl wegen ihrer falschen Lehre, als wegen ihres ärgerlichen Lebens und ermahnte sie zur Buße; er schonte aber auch die Könige und Gewaltigen nicht; denn da der König von England, Heinrich VIII., gegen die Schrift Luthers „von der babylonischen Gefangenschaft“ eine andere, sehr gehässige hatte ausgehen lassen, so fertigte L. diesen stolzen und unwissenden Vertheidiger der päbstlichen Greuel mit so derben Worten ab, wie ers verdiente. Wahrscheinlich hatte jene Schrift ein gelehrterer Mann, als der König, und zwar nach L. Vermuthung der berühmte Erasmus, verfaßt. Bei allen Arbeiten Luthers für die Kirche Gottes, worin er alle seine Mitarbeiter weit übertraf, suchte er doch keinen zeitlichen Lohn. Seine jährliche Besoldung betrug im J. 1523 im Ganzen nach unserm Gelde nicht mehr als fünf Dollars, und dennoch wollte er nicht mehr fordern, und wenn er bat, so that er dies nur um Unterstützung für Andere, ja er war bei aller seiner Armuth selbst so mitleidig, daß er von dem, was ihm etwa geschenkt wurde, wieder reichlich unter die Dürftigen austheilte. Auch für seine zahlreichen Schriften nahm er nicht die geringste Bezahlung und that dies, wie er selbst erklärte, um seines lieben HErrn JEsu Christi willen, der auch umsonst sein Blut für ihn vergossen habe. Desto reichlicher segnete Gott ihn selbst und durch seine Arbeiten viele Tausende mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christum. An solchem Segen war auch das Jahr 1523 sehr reich; allein der Raum gestattet nicht einmal alle in diesem Jahre erschienenen Schriften anzuführen, es sollen daher nur drei sehr wichtige namhaft gemacht werden. Diese sind: „Grund und Ursach aus der Schrift, daß eine christliche Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urtheilen, Lehrer zu berufen, auch ein- und abzusetzen;“ ferner: „Sendschreiben an den Rath und die Gemeinde zu Prag, wie man Kirchendiener erwählen und einsetzen soll.“ Endlich: „Von Ordnung des Gottesdienstes in der Gemeinde,“ welche Schrift Luther drei Jahre später erweiterte und wonach der Gottesdienst zu Wittenberg und dann an vielen andern Orten eingerichtet worden ist, so, daß diese Schrift als die Grundlage aller lutherischen Agenden anzusehen ist. Auch legte Luther durch seine unübertrefflichen Kirchenlieder den Grund zu dem reichen Liederschatz, welcher die lutherische Kirche so merkwürdig auszeichnet. Im Jahre 1524 machten die sogenannten himmlischen Propheten, auch Wiedertäufer genannt, Luther viel Sorge und Mühe. Sie rühmten sich unmittelbarer göttlicher Offenbarungen, redeten nur immer von dem Geist der Schrift, den sie allein zu haben meinten, und verachteten das geschriebene und gepredigte Wort Gottes als einen todten Buchstaben; sie verwarfen die Kindertaufe und allerlei christliche Ordnung, und mißbrauchten überhaupt die Freiheit zum Deckel der Bosheit; dies alles aber unter dem blendenden Vorgeben, die schwach begonnene Reformation kräftiger und vollständiger durchführen zu wollen. Durch ihre fanatische Begeisterung erregten sie die leicht verführbare Volksmenge; nicht wenige fielen ganz vom Worte Gottes ab; Andere hielten wenigstens Luthers Lehre für verdächtig. Dies Unwesen hatte sich schon im Jahre 1521 von Zwickau nach Wittenberg verbreitet. Vor allen andern predigte Thomas Münzer diese heillose Lehre und später, vom Jahre 1524 an, that dies von Neuem Carlstadt, welcher noch überdies den seelenverderblichen Irrthum wieder zuerst auf die Bahn brachte, daß im heiligen Abendmahle Christi Leib und Blut nicht wesentlich gegenwärtig wäre und folglich auch nicht mit dem Munde genossen würde. Luther suchte nun diesem höllischen Unwesen der himmlischen Propheten durch das Wort Gottes zu steuern; er predigte dem Volke an mehreren Orten und ließ sich mit den Verführten in Unterredungen ein; allein dies alles war nicht nur ganz vergeblich, sondern in Orlamünde war die Wuth des Volkes gegen Luther so groß, daß er aus der Stadt eilen mußte, und Einige ihm fluchend nachschrieen: Fahr hin in tausend Teufel Namen, daß du den Hals brächst, ehe du zur Stadt hinaus kommst! Ach, mit welcher tiefen Bekümmerniß mag Luther solche und ähnliche Früchte von dem Unkraute wahrgenommen haben, das der Feind gesäet hatte, während doch von Luther nur der gute Same heilsamer Lehre gesäet worden war! Dennoch fuhr er auch dann noch getrost, ja noch weit eifriger in seinem Ackerwerk fort und Gott gab zu seinem Pflanzen und Begießen an vielen Orten, selbst in entlegenen Ländern, sein Gedeihen, worüber er in verschiedenen Briefen seine herzliche Freude bezeugte, und die neuen Bekenner ebensowohl zur Beständigkeit bei dem Evangelio treulich ermunterte, als auch in allem, was sie darüber leiden würden, kräftig tröstete. In diesem Jahre (1524) war es auch, in welchem Luther das Kloster ganz verließ, nachdem bereits alle Mönche dasselbe vor ihm gethan hatten. Er legte nun auch seine Mönchskutte, die er 18 Jahre lang getragen hatte, ab und betrat am 20.Sonntage n. Trinit. zum erstenmale die Kanzel in einem schwarzen Priesterrocke (wie ihn jetzt noch die luth. Prediger zu tragen pflegen), wozu ihm der Churfürst das Tuch geschenkt hatte. Allein der Satan sann auf neue Mittel, wodurch der Name Luthers beschimpft und seine Lehre unterdrückt oder doch wenigstens geschändet würde; wie daher die himmlischen Propheten die christliche Freiheit zum Schanddeckel kirchlicher Zügellosigkeit gemißbraucht hatten, so mißbrauchten nun die aufrührerischen Bauern dieselbe zu bürgerlicher Ungebundenheit, ja dies Letztere war nur eine Frucht des Ersteren, denn das Haupt der himmlischen Propheten, Thomas Münzer, der sich den Knecht Gottes mit dem Schwert Gideons nannte, war es, welcher die Gemüther wegen Bedrückungen durch allerdings fast unerschwingliche Abgaben so aufzuregen wußte, daß der Bauernaufruhr schon im Jahre 1524 in Schwaben ausbrach und sich im folgenden Jahre wie ein schnell um sich greifendes Feuer durch Franken längs des Rheins bis Thüringen und so fast über alle Gegenden Deutschlands verbreitete. Anfangs wendeten sich die Bauern an Luther und erwählten ihn zum Schiedsrichter. Luther bewies sich hierbei weder als ein Bauern- noch als ein Fürstenknecht, sondern als ein Knecht Gottes. Er erklärte zwar viele Forderungen der Bauern für gerecht und billig; der erste Beschwerde-Artikel derselben war: „Es ist unser Begehr, daß wir hinfort Gewalt und Macht haben wollen, eine ganze Gemeinde solle einen Pfarrherrn selbst erwählen und kiesen, auch Gewalt haben, denselben wieder zu entsetzen, wenn er sich ungebührlich hielte;“ darüber ließ Luther unter anderem folgendes Urtheil ausgehen: „Dieser Artikel ist recht. Das Recht, einen Pfarrherrn zu erwählen, könnt ihr nicht abschlagen mit einigem Schein. — Dawider kann und soll keine Obrigkeit. Ja, Obrigkeit soll nicht wehren, was jedermann lehren und gläuben will, es sei Evangelium oder Lügen; ist genug, daß sie Aufruhr und Unfried zu lehren wehren.“ (L. Werke. Hall. XVI. 64. 84). Jedoch zeigte Luther den Bauern auch, wie unrecht sie mit ihren Gewaltthätigkeiten handelten; er schreibt ihnen: „Wenn euer Vornehmen sollte recht sein, so würde ein jeglicher wider den andern Richter werden, und keine Gewalt noch Obrigkeit, Ordnung noch Recht blieben in der Welt, sondern eitel Mord und Blutvergießen. Dann so bald er sähe, daß ihm jemand unrecht thäte, würde er zufahren und selbst ihn richten und strafen. Ist nun das unbillig und nicht zu leiden von einer einzelnen Person, so ist es auch von keiner Rotte noch Haufen zu leiden. — Das sage ich alles, meine lieben Freunde, euch treulich zu warnen, daß ihr euch in dieser Sache äußert des christlichen Namens und Rühmens des christlichen Rechts. Denn, habt Recht wie hoch ihr wollt, so gebühret keinem Christen, zu rechten noch zu fechten, sondern Unrecht zu leiden und das Uebel zu dulden; da wird nichts anders aus (1 Cor. 6. 7.). — Weil ihr eure Sache selbst wollt vertheidigen und nicht Gewalt noch Unrecht leiden, mögt ihr thun und lassen, was euch Gott nicht wehret. Aber den christlichen Namen, den christlichen Namen sage ich, den laßt stehen, und macht den nicht zum Schanddeckel eures ungeduldigen, unfriedlichen, unchristlichen Vornehmens. — Christen streiten nicht selbst mit dem Schwerte, noch mit Büchsen, sondern mit dem Kreuz und Leiden; gleichwie ihr Herzog, Christus, nicht das Schwert führet, sondern am Kreuze hanget. Darum stehet auch ihr Sieg nicht im Obliegen und Herrschen und Gewalt, sondern im Unterliegen und Unkraft (2 Cor. 10, 4.).“