# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 05 17_S73 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 1. St. Louis, Mo., den 17. Mai 1845. No. 19. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft. (Eingesandt von Pastor Keyl.) Lebensgeschichte Dr. Luthers. (Fortsetzung von Nr. 11.) Der Churfürst von Sachsen hatte bei Luthers Abreise von Worms beschlossen, ihn vor seinen Feinden in Sicherheit zu bringen, und L. willigte endlich in diesen weisen Rath, obgleich er lieber sein Blut zum Zeugniß der Wahrheit vergossen hätte. So wurde L. auf seiner Rückreise bei Eisenach seinen Begleitern gewaltsam entrissen und auf das Schloß Wartburg gebracht, wo er sich unter dem Namen Junker Georg, als Ritter gekleidet, zehn Monate lang aufhielt. Dies wußten Anfangs nur seine vertrautesten Freunde, seine Feinde hingegen verbreiteten mit Frohlocken das Gerücht, er sei gestorben. Er selbst schrieb an einen Freund: „Ich bin ein wunderlicher Gefangener, der nicht allein mit Willen, sondern auch mit Widerwillen hier sitzt. Mit Willen, weil es der HErr also will; mit Widerwillen, weil ich gern unter den Leuten für das Wort Gottes stehen möchte.“ Dieser kurze Aufenthalt in seinem Patmos (denn so nannte er die Wartburg nach Offenb. Joh. 1, 9.) war für Luthern reich an wichtigen Erfahrungen; denn er litt hier nicht nur wiederholt an äußerst schmerzlichen Krankheitszufällen, sondern auch an schweren Bekümmernissen seines Gemüths; er klagte über seine geistliche Unempfindlichkeit, über Mangel an Gebetseifer, über Trägheit, Schlafsucht und über vieles andere Elend so, daß er fast auf den Gedanken kam, Gott habe sich ganz von ihm gewendet. Dazu kamen auch noch äußerliche Schrecknisse, durch welche ihn der Satan verzagt zu machen suchte, die aber L. durch Verachtung überwand. Merkwürdig ist dabei sein Bekenntniß, daß solches und ähnliches Creuz weit schwerer in der Einsamkeit, als unter Freunden zu ertragen sei, die uns mit Gottes Wort aufrichten und trösten könnten. Man sollte nun glauben, daß dieser so vielfach geplagte Mann nur selten zu anstrengenden Beschäftigungen geneigt gewesen wäre; allein wie wird man erstaunen, wenn man nur mit einem Blick seine beispiellose Thätigkeit überschauet! Er übte sich nicht nur sehr eifrig in der hebräischen und griechischen Sprache, er predigte nicht nur fleißig — Einige sagen sogar, an jedem Tage zweimal — seinen Hausgenossen, er schrieb nicht nur eine Menge geistreicher Briefe an seine Freunde, sondern er hat auch zu keiner Zeit seines Lebens in so wenigen Monaten so viele und treffliche Schriften für die Kirche Gottes verfertigt, als gerade während seines Aufenthalts auf der Wartburg. Namentlich übersetzte er das ganze Neue Testament aus der griechischen in die deutsche Sprache, welches im folgenden Jahre im Drucke erschien und sich mit reißender Schnelligkeit durch ganz Deutschland verbreitete, so daß, wie der päbstliche Schriftsteller Cochläus zu seinem großen Aerger meldet, selbst Handwerker und Weiber es so begierig und wiederholt lasen, daß sie es nach und nach auswendig lernten und schon binnen wenigen Monaten mit Priestern und Andern aus der h. Schrift disputiren und sie daraus widerlegen können. Ferner fertigte L. den ersten Theil seiner Kirchenpostille, welcher die Predigten über die gewöhnlichen Evangelien und Episteln vom ersten Advent bis zum Feste der Erscheinung in sich begreift, und half auf diese Weise einem dringenden Bedürfnisse ab, indem es ganz an guten Predigtbüchern fehlte, woraus dem Volke auch nöthigenfalls in der Kirche vorgelesen werden konnte. Endlich verfaßte er eine Schrift über „geistliche und Kloster-Gelübde,“ welche er seinem lieben Vater widmete; darin beweist er gründlich aus Gottes Wort, daß alle die Gelübde, welche ohne, ja wider Gottes Gebot gethan werden und an sich zu halten unmöglich sind, eines Christen Gewissen nicht umstricken oder gefangen halten können. Er zeigt auch, daß kein getaufter Christ, welcher der Dreieinigkeit bei der Taufe ein Gelübde gethan und sich der allgemeinen apostolischen Kirche zugeschworen habe, ohne Nachtheil und Auflösung des Glaubens und Gelübdes in Religions- und Gewissenssachen einem Andern etwas schwören oder geloben dürfe; hätte aber Jemand aus Unwissenheit oder durch Verführung Anderer ein solches unmögliches oder unchristliches Gelübde (wie z. B. das der freiwilligen Armuth, des Gehorsams gegen päbstliche Vorgesetzte, im ehelosen Stande zu bleiben) gethan, so befreie ihn davon der ewige Sohn Gottes und nehme aus Gnaden den mit Freuden an, der sich wieder zu ihm wende und dem ersten Gelübde in der Taufe anhange. Da nun Luther selbst nach diesen biblischen Grundsätzen sich nicht mehr an seine frühern unchristlichen Eide und Gelübde gebunden hat, so kann ihm nur derjenige den Vorwurf des Meineides machen, der selbst sein heiliges Taufgelübde gegen den dreieinigen Gott auf irgend eine Weise meineidig gebrochen hat. Während nun Viele Luthern wegen dieser Schrift von Klostergelübden verlästerten, so priesen viele Andere Gott mit fröhlichem Munde, daß er sie dadurch auf einmal von langgefühlter Gewissensmarter befreit habe. Man kann leicht denken, daß Luthern bei diesen vielen Arbeiten nur wenig Zeit zu Erholungen übrig blieb; doch unterließ er auch diese nicht ganz, um neugestärkt zu neuen Arbeiten zurückzukehren. An dem Vergnügen großer Herren und müßiger Leute, wie er das Jagen nennt, fand er nur Mißvergnügen und nahm daher selten daran Theil; hingegen besuchte er zuweilen gute Freunde in der Umgegend, denen er oft, als Ritter gekleidet, mit langem Bart und einem Schwert an der Seite, ganz unkenntlich war; ja er reiste sogar einmal insgeheim nach Wittenberg, ehe er noch ganz dahin zurückkehrte. Letzteres geschah bei folgender Veranlassung. Nachdem alle Versuche des Satans, das hervorbrechende Evangelium zu unterdrücken, bis dahin nur im Gegentheil dessen weitere Verbreitung bewirkt hatten, so versuchte es nun der Satan auf andere Weise und erregte unter Luthers eigner Gemeinde Zerrüttung und Aergerniß. Es hatten nämlich während Luthers Abwesenheit, aber mit seiner Zustimmung, die Augustinermönche die päbstliche Messe abgeschafft und die rechte christliche Messe oder das heil. Abendmahl des HErrn wieder eingeführt. Da begann Dr. Carlstadt, dem es mit dem Reformiren zu langsam ging, eine ärgerliche Freiheit einzuführen, indem er mit seinem Anhange, gerade während des Weihnachtsfestes, die Bilder und Crucifixe aus den Kirchen warf, den Leuten gestattete, das heil. Abendmahl selbst vom Altar zu nehmen, und mancherlei ähnlichen Unfug trieb. Da nun alle Mittel, demselben Einhalt zu thun, vergeblich waren, so rief Luthers Gemeinde ihn unter dringenden Bitten zurück, und er eilte sogleich Anfangs März des Jahres 1522, trotz aller Lebensgefahr als ein vom Pabst Gebannter und vom Kaiser Geächteter, nach Wittenberg und stellte in acht Predigten, die er eine Woche lang Tag für Tag hielt, den gestörten Kirchenfrieden wieder her. Selbst Carlstadt, den L. mit aller