# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 11 13_S46 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) müdeter Eifer und ſeine Treue erregten den bit⸗ terſten Haß ſowohl der Heiden als der Juden ge⸗ gen ihn, und als unter den beiden Kaiſern Mar⸗ cus Aurelius Antoninus und Lucius Verus eine heftige Verfolgung gegen die Chriſten ausbrach, ſäumte der ungläubige Pöbel zu Smyrna nicht, den Tod des Polykarpus zu begehren. Der dor⸗ tige römiſche Proconſul gab dieſem Verlangen nach und der Biſchof war in der äußerſten Le⸗ bensgefahr. Dennoch wollte er in der Stadt bleiben, und nur durch die Vorſtellungen ſeiner Freunde ließ er ſich bewegen, auf dem Lande ein entlegenes Haus zu beziehen. Drei Tage vor ſeiner Gefangennehmung hatte er. einen Traum, in welchem er ſein Hauptkiſſen brennen ſah. Er erkannte darin eine Vorbeden⸗ tung ſeines Märtyrertodes und ſprach zu den ihn Umgebenden: „Ich werde zum Feuer verdammt werden.“ Auf die Nachricht, daß man ihn aller Orten aufſuche, um ſeiner habhaft zu werden, begab er ſich in ein anderes Landhaus. Doch ſein Aufenthalt wurde verrathen. Es war ſchon ſpät in der Nacht, als die Häſcher in ſeine Woh⸗ nung eindrangen. Polykarp, der ſich in einer oberen Kammer zur Ruhe begeben hatte, ging, als er von der Anknunft derſelben Nachricht erhielt, ſo⸗ gleich zu ihnen herab, unterredete ſich mit ihnen und erquickte ſie mit Speiſe und Trank. Die Gerichtsdiener erſtaunten über das hohe Alter und den unerſchrockenen Muth des ehrwürdigen Greiſes. Er bat ſich noch eine Stunde zum freien und öffentlichen Gebet aus und betete mit ſolch brünſtiger Andacht und heiligem Eifer, daß zwei Stunden darüber verſtrichen, und die Zuhören⸗ den dadurch mit hoher Rührung erfüllt, ſowie durch die Gegenwart ſeines Geiſtes in großes Erſtaunen geſetzt wurden. Viele von den Scher— gen bereueten es, daß ſie ſich dazu hatten brauchen laſſen, einen ſo verehrungswürdigen Greis auf— zuſuchen. Als Polykarp abgeführt wurde, ſetzten ihn die Gerichtsdiener auf einen Eſel, und führten ihn „der Stadt zu. Dieß geſchah, wie man insgemein glaubt, am Sonnabend vor dem heiligen Oſter⸗ feſt. Der damalige Friedensrichter, Herodes, und ſein Vater Nicetes, fuhren ihm entgegen und ließen ihn zu ſich in den Wagen ſteigen. Sie fingen ein Geſpräch mit ihm an, und frag⸗ ten ihn, was er denn Böſes dabei finde, wenn man dem Kaiſer opfere und ſich hierdurch ſein Leben erhalte. Polykarp ſchwieg anfänglich. Als ſie aber auf eine Antwort drangen, bezeugte er ihnen, daß er ſich nicht entſchließen könne, dieß zu thun. Der Erfolg davon war, daß ſie ihn heftig zu ſchimpfen begannen und ihn mit ſol⸗ chem Ungeſtüm vom Wagen herunterſtießen, daß er einen harten Fall that und am Beine ſehr ver⸗ wundet wurde. Allein Polykarp ſtand von ſei⸗ nem Fall bald wieder auf und lief gelaſſenen Sinnes ſo hurtig neben dem Wagen her, als ob ihm nichts Uebels widerfahren ſei. Nach ſeiner Ankunft in Smyrna wurde er in die Renn⸗ bahn geführt. Kaum war er in dieſelbe ein— getreten, ſo hörte man eine Stimme vom Him⸗ mel: „Sei getroſt, Polykarpe, und halte dich 46 männlich!“ Niemand ſah die redende Perſon, die Chriſten aber, die hier zugegen waren, hörten die Stimme. Er wurde hierauf vor den Pro⸗ conſul geſtellt, der ihm zuredete, daß er doch wider— rufen und ſein hohes Alter bedenken möchte. Ja er drang endlich noch weiter in ihn und ſagte: „Schwöre und ſchmähe Chriſtum, ſo ſollſt du in völlige Freiheit geſetzt werden.“ Polykarp aber antwortete mit Ruhe und Faſſung: „Ich habe Chriſto ſechs und achtzig Jahre ununterbrochen gedient*), und er hat mir niemals das geringſte zu Leid gethan; wie ſollt ich denn meinen König ſchmähen und läſtern können, der mich erlöſet und mir das Heil erworben hat?“ Der Pro⸗ conſul drohte ihm: „Ich habe wilde Thiere bei der Hand, denen will ich dich vorwerfen laſſen, wenn du deinen Entſchluß nicht änderſt.“ Po⸗ lykarp antwortete: „Laß ſie herkommen! Mir iſt's gut, durch Leiden des Todes zur Vollendung zu gelangen.“ Der Proconſul fuhr fort: „Ich werde dich lebendig verbrennen laſſen, wenn die reißenden Thiere dir etwas Verächtliches ſind, und du dich nicht anders erklärſt.“ Hierauf brach der fromme Märtyrer in dieſe Worte aus: „Du droheſt mir mit einem Feuer, das eine kurze Zeit brennt, und bald wieder verlöſcht; aber du kenneſt das Feuer des künftigen Gerichts und der ewigen Strafen nicht, das den Gottloſen in jener Welt zubereitet iſt.“ Nach dieſen und mehrern andern denkwürdigen Worten, die der greiſe Mär⸗ yrer mit unerſchrockenem und frendigem Muthe ausſprach, gab endlich der Proconſul den Befehl, auf der Rennbahn dreimal nacheinander auszu⸗ rufen: „Polykarp hat bekannt, daß er ein Chriſt ſci.“ Kaum war dieß geſchehen, ſo erhob die Menge der Heiden und Juden darüber ein ſchreck— liches Geſchrei, und hielt bei dem anweſenden heidniſchen Prieſter Philippus dringend an, auf Polykarp einen Löwen loszulaſſen. Da aber Philippus ſeine Einwilligung hierzu nicht geben konnte oder wollie, ſo beſtand das Volk darauf, Polykarp ſolle lebendig verbrannt werden, und machte ſelbſt die nöthigen Vorbereitun gen dazu; beſonders die Juden waren hierbei am thätigſten. Nachdem alles zurecht gemacht war, legte Polykarp ſeinen Gürtel und ſeine Kleider bei Seite, zog ſeine Schuhe aus, und bereitete ſich zu ſeinem herannahenden Martertode. Man legte nunmehr alles, was zum Scheiterhaufen gehörte, um ihn herum, und wollte ihn nach gewöhnlichem Brauch an einen Brandpfahl befeſtigen. Allein Polykarp verbat ſich das, und ſagte zu den Umſtehenden: „Laſſet mich alſo ſtehen, denn Derjenige, der mir die nöthigen Kräfte gibt, die Wuth der Flammen auszuſtehen, der wird mir auch Stärke verleihen, auf dieſem Scheiterhaufen Stand zu halten.“ Hierauf richtete er ſeine Augen gen Himmel und betete: „HErr, allmächtiger Gott! du Vater IEſu Chriſti, deines hochgelobten und geliebten Sohnes, durch den wir die Gnade empfangen haben, dich recht zu erkennen! Du Gott der Engel *) Viele Geſchichtſchreiber zählen dieſe Jahre von der Zeit an, da Polykarp, der von Geburt ein Heide war, zum Chriſtenthum bekehrt worden, und halten dafür, er ſei über hundert Jahre alt geweſen, da er den Märtyrertod erlitten. und himmliſchen Kräfte! Du Gott aller Crea⸗ turen und des ganzen Geſchlechts der Gerechten, die vor deinem Angeſicht leben! Ich preiſe dich, daß du mich dieſen Tag und dieſe Stunde haſt erleben laſſen, da ich unter die Zahl deiner Blul⸗- zeugen kommen, und von dem Leidenskelch JEſu Chriſti trinken ſoll, in der Hoffnung des ewigen Lebens, beides nach Seele und Leib, und in der Gemeinſchaft des Heiligen Geiſtes. Ach, daß ich dir heute als ein angenehmes Opfer möge dar⸗ gebracht werden, wie du, o Gott, der du wahr⸗ haftig biſt, und nicht lügen kannſt, es vorher be⸗ reitet, und vorher gezeiget und nunmehr erfüllet haſt. Darum lobe ich dich, und danke dir, und verherrliche deinen Namen mit dem ewigen und himmliſchen Hohenprieſter IEſu Chriſto, dei⸗ nem geliebten Sohn, welchem ſammt dir und dem Heiligen Geiſt, ſei Ehre und Preis jetzt und in alle Ewigkeit, Amen!“ Nach Vollendung dieſes Gebets wurde das Holz, das rings um den Märtyrer aufgehäuft war, an verſchiedenen Stellen angezündet. Dit Flamme loderte in die Höhe und machte gleich⸗ ſam ein Gewölbe oder Bogen um Polykarp her⸗ um, der mitten in dieſem Gewölbe ſtand, ohne von den Flammen verzehrt zu werden; welches die anweſenden Chriſten für ein Wunderzeichen erkannten. Ein lieblicher Geruch verbreitete ſich vom Scheiterhaufen aus, als ob wohlriechendes Rauchwerk in die Flamme geworfen worden wäte. Als die Verfolger merkten, daß die Flamme den Polykarp nicht völlig verzehrt habe, wurden ſie ungeduldig, und riefen dem Scharfrichter, ihm den Todesſloß zu verſetzen. Dieſer durchſtach ihn mit einem Dolch. Man erzählt, daß, nach⸗ dem der Märtyrer durchbohrt worden, das Blut ſo häufig aus ſeinem Körper gefloſſen, daß das Feuer daran verloſchen ſei. Auf inſtändiges An⸗ halten der Jnden, die dem Leichnam des Polykarp kein Begräbniß geſtatten wollten, wurde endlich derſelbe ganz verbrannt. Nichts blieb davon übrig, als einige Gebeine, welche die Chriſten ſorgfältig geſammelt und zur Erde beſtattet haben. Rath für Chriſten, denen der Teufel ihre Sünden vorhült und die er dadurch zur Verzweiflung zu bringen ſucht. Hierüber ſchreibt Luther: „Der Teufel iſt ein Lügner, das iſt wahr, aber beſſer kann er lügen, denn ſonſt ein ſchlechter Lügner, und künſtlicher, weder ein Menſch verſtehen kann; denn er nimmt vor ſich eine Wahrheit, die man nicht leugnen kann, und ſchärft damit ſeine Lügen, daß man ſich nicht wehren kann. Es war die lautere Wahrheit, da er Juda ins Herz ſtieß, er hätte unſchuldig Blut verrathen; das konnte Judas nicht leugnen, es war die Wahrheit: aber das war erlogen, daß er ihn verzweifeln hieß an Gott. Noch ſchärfte er ſolch Verzweifeln durch die Wahr⸗ heit ſo gewaltig, daß Judas mußt darüber dahin und ſich henken. Matth. 27, 5. Ap. Geſch. 1, 18. Nein, lieber Bruder, da leugt der Teufel nicht, wenn er unſere öffentlichen böſen Werke und Leben uns vorhält; da hat er