# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 09 18_S15 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) drängte, ließen auch noch eine authentiſche Er⸗ flärung und Erläuterung derſelben folgen. Jene 29 Regierungen, bis auf Würtemberg, das feſt an der Frankfurter Verfaſſung zu halten wieder⸗ holt verſichert, neigen ſich ſchon der preußiſchen Verfaſſung zu, einige haben ihren Beitritt bereits offen erklärt. Die Partei Gagerns ſchrieb auch ſchon einen Tag nach Gotha aus, um privatim zu berathen, wie der Uebergang von jener zu dieſer Verfaſſung am beſten anzubahnen und zu ver⸗ mitteln ſei. Der bayeriſche Miniſter von der Pfordten iſt nach Wien, um wo möglich eine er⸗ wünſchte Einigung zwiſchen Oeſterreich und dem übrigen Deutſchland zu Stande zu bringen, nach⸗ dem der bayeriſche Landtag wegen hartnäckigen Beharrens der Majorität auf unbedingte Annahme der Frankfurter Verfaſſung, wovon unter jetzigen Umſtänden vernünftiger Weiſe gar keine Rede mehr ſein kann, aufgelöſ't worden war. Wir ſtehen alſo jetzt an einem neuen Abſchnitt. Gebe Gott den Fürſten weiſe und redliche Herzen, daß ſie ihr eigenes und ihrer Völker Wohl auf neuen Grundlagen feſt, friſch und freiſinnig auf⸗ bauen, und doch ja nicht überſehen, daß es nur Einen Felſengrund gibt, worauf jene Grundlagen geſtützt werden können und müſſen, damit ſie die Gnade deſſen nicht verläßt, von deſſen Gnaden ſie ſich ſo gerne, will's Gott, jetzt im rechten Sinn und Verſtand und mit gläubigen und redlichen Herzen — nennen. Gewichen iſt dieſe Gnade bis jetzt noch nicht, weder von den Fürſten noch von den Völkern. Denn die ernſten Züchtigungen, die über beide Theile gekommen ſind, ſo wie die Bewahrung vor äußern Feinden, und die immer wieder neugewährten Haltpunkte, die zum ruhigern Bedenken, zur Mäßigung und bußfertigen Um⸗ kehr von verkehrten Wegen auffordern, ſind unver⸗ kennbare Beweiſe davon. — Meine nächſte Mit⸗ theilung hoffe ich in bei weitem kürzerer Friſt geben zu können. (Eingeſandt.) Politiſches. Der unter dieſer Ueberſchrift in voriger Num⸗ mer erſchienene Aufſatz bedarf in hiſtoriſcher Hin⸗ ſicht einer Berichtigung, welche hiermit aus Liebe zur Wahrheit freundlichſt geboten wird. Der Grundſatz, welcher die römiſche Republik in unſern Tagen ins Leben rief, iſt ſo wenig neu im römiſchen Volke, daß wir vielmehr ſchon in den älteſten Zeiten der Pabſtherrſchaft dieſen Grundſatz unter dem römiſchen Volke zur Gel⸗ tung gebracht ſehen. So war z. B. die um die Mitte des 12ten Jahrhunderts entſtandene Repu⸗ blik in Rom aus keinem andern Grundſatz hervor⸗ gegangen; denn als die Römer im Jahre 1143 dem Pabſte Innocenz II. den weltlichen Gehor⸗ ſam aufkündigten, einen „Senat des römiſchen Volkes“ erwählten und alle öffentlichen Urkunden mit dem alten S. P. Q. R. (der Senat und das Volk der Römer) ausfertigten, hatten ſie folgenden Wahlſpruch: „Die Päbſte ſind Geiſtliche und ſollen von ihren geiſtlichen Geſchäften ohne welt⸗ liche Herrſchaft leben.“ Und daß dieſe „Idee“ 15 ſelbſt nicht blos von Einzelnen gehegt und zur Geltung gebracht wurde, ſondern öffentliche Mei⸗ nung war, dafür ſcheint einerſeits zu ſprechen, daß man den kühnen Herold derſelben, den Prieſter Arnold von Brescia, in ganz Ober⸗ und Mittel⸗ Italien faſt vergötterte; andererſeits, daß vier Päbſte hintereinander vergeblich gegen die junge Republik anſtürmten, Bann auf Bann wirkungs⸗ los an ihr herabgleitete und es erſt dem Schwerte des deutſchen Kaiſers Friedrich I. gelingen konnte, ſie zu zertrümmern. Das römiſche Volk aber rächte noch die Hinrichtung jenes Prieſters durch furchtbar blutigen Aufſtand. „Es geſchieht nichts Neues unter der Sonne.“ Pred. 1, 9. (Eingeſandt.) Todesnachricht. — Es hat Gott nach ſeinem unerforſchlichen Rath⸗ ſchluß gefallen, am 31. Auguſt, Morgens, gegen 10 Uhr nach kaum zehnſtündiger Krankheit, an der Cholera, meinen geliebten Amts⸗ und Glau⸗ bens⸗Bruder, Paſtor A. Wolter, Lehrer am hieſi⸗ gen Seminar, heimzurufen und aus der käm⸗ pfenden in die triumphirende Kirche zu verſetzen, nachdem er wenige Tage zuvor ſein 31ſtes Jahr erreicht, und der Kirche nahe an drei Jahre in ſeinem hieſigen Lehramt gedient hatte. So herzlich wir uns nun auch im Geiſte freuen, daß der HErr ihn nach ſo kurzem Leiden aus dieſem Jammerthal erlöſet, und aus der Ge⸗ meinde der Heiligen auf Erden in die im Him⸗ mel verpflanzt hat: ſo tief iſt doch zugleich unſere Trauer und Betrübniß, daß wir, und zudem ſo plötzlich, ſeiner beraubet ſind. Denn unſre An⸗ ſtalt, und mittelbar die Kirche, hat an ihm einen ebenſo treuen als tüchtigen Lehrer, unſere jungen Brüder einen väterlichen Freund und ein leuch⸗ tendes Vorbild edler chriſtlicher Tugenden und ich ſelber einen Amtsbruder verloren, der mit mir auch für und in unſerer gemeinſamen Arbeit von demſelben Grunde aus und nach demſelben Ziele hin Ein Herz und Eine Seele war; denn auch nicht auf Minuten iſt je zwiſchen uns der leiſeſte Schatten eines Mißverſtändniſſes, geſchweige etwas Fremdes und Geſpanntes oder ein blos todtes Nebeneinander geweſen; für, mit, und in einander haben wir allezeit dem HErrn und ſeiner Kirche gedient. Beſonders eigenthümlich war ihm: 1. Eine ſeltene ungeheuchelte Demuth, ſo recht von Herzen, kraft deren er ſich nicht nur gegen Gott und ältere Brüder, ſondern auch gegen an⸗ dere Leute, ja ſelbſt gegen ſeine Schüler mit Luſt und Liebe erniedrigte und ſich ſtets für den Ge⸗ ringſten hielt, ohne deshalb jedoch die Gnade und Gabe von Gott, die er hatte, zu verkennen oder zu unterſchätzen. 2. Eine ausnehmende Lauterkeit der ganzen Geſinnung, durch die all ſein Denken, Reden und Thun, ſein amtliches und ſonſtiges Wirken ein⸗ fältiglich auf Gottes Ehre und des Nächſten Nutz und Frommen hinauslief. Etwas Eigenes zu⸗ gleich darin zu ſuchen, ſeine Perſon in die Sache des HErrn fleiſchlich mit hineinzumiſchen — dieſe pietiſtiſch-methodiſtiſche Unlauterkeit war ihm durchaus fremd; ſein Herz, Sinn und Muth war durchaus in dem HErrn und deſſen heiliger Sache auf- und auch die feinere Eigenſucht und Eigenliebe darin wir untergegangen; im wei⸗ teſten Sinn wußte bei ihm die linke Hand nicht, was die rechte that. 3. Eine ſeltene ſelbſtverleugnende und dienende Liebe, nicht nur in ſeinen nächſten amtlichen Ver⸗ hältniſſen, ſondern auch gegen mich und alle Leute, die ſeiner bedurften. Und aus dieſer Liebe kam es denn auch in dieſer letzten betrübten Zeit, daß er mit den Studenten unter den Freiwilligen der Gemeinde war, um Cholerakranke aus der Gemeinde zu pflegen, die keine Angehörigen oder keine guten Freunde und getreue Nachbarn hat⸗ ten, oder wo beide Eheleute zugleich ſchwer er⸗ krankten u. ſ. f. Und auf dieſe Weiſe hat er denn auch ſein Leben gelaſſen für die Brüder in dem lebendigen Thatbekenntniß heiliger chriſtlicher Liebe. 4. Ein ungemeiner Eifer für die Ausrichtung ſeines Lehramtes; denn obwohl er gar keine be⸗ ſtimmte Beſoldung begehrte, die ihm jedoch wurde, ſo that er weit mehr, als ſeine eigentliche Berufs⸗ pflicht erforderte, trieb mit einzelnen Zöglingen beſonders Lateiniſch, Griechiſch und Hebräiſch und half auf der andern Seite wieder einzelnen Schwächeren nach, wie es gerade ihre Nothdurft erforderte, und war der Haus⸗ und Pflegevater von Allen. Auf ſein Stehpult hatte er einen Zettel geklebt, darauf ſtand: „Verflucht ſei, wer des HErrn Werk läſſig thut!“ Jer. 48, 10. „Warum? Weil Gottes lieber Sohn, ſein eini⸗ ges Kind, mein HErr IEſus, mich mit ſchwerer, ſaurer Arbeit durch ſein theures Blut erworben und erſtritten hat.“ 5. Eine beſondere Freundlichkeit und Lieblich⸗ keit im Umgange, die, obwohl in einem gewiſſen Zuſammenhange mit der natürlichen Gemüths⸗ art, doch weſentlich von der Gnade Gottes ge⸗ heiligt und von der Liebe Chriſti beſeelt war. Im Predigen war er überaus einfach, kräftig und er⸗ baulich, im Lehren ſehr verſtändlich und faßlich, ſo daß auch die mittleren Köpfe ihm leicht folgen konnten. Wie er nun durch Gottes Gnade dem HErrn und im HErrn gelebt hat, ſo iſt er auch in dem⸗ ſelben fein und ſeliglich geſtorben. In der Nacht nemlich vom 30. zum 31. Auguſt wurde er von der Cholera befallen; und ob er zwar einige vor⸗ räthige Mittel ſogleich anwandte und ſo ſchnell als möglich darauf die Hülfe eines tüchtigen Arz⸗ tes erlangt wurde, dem bald darauf ſein College zum Beiſtand erſchien, ſo waren doch Beider ver⸗ einte Bemühungen durchaus fruchtlos, das da⸗ hineilende Leben aufzuhalten. In der Frühe zwiſchen 5 und 6 Uhr, ſobald ich die Nachricht erhielt, eilte ich zu Pferde hinaus, fand aber ſchon beim Eintritt in die Thüre zu meiner herzlichen Betrübniß auf ſeinem Geſichte den bedenklichen Ausdruck vor, der dem Kundigen den baldigen Hintritt des Geliebten anzeigt. Er empfing mich mit dem Verslein: „Ein Arzt iſt uns gegeben, er ſelber iſt das Leben; Chriſtus, für uns geſtorden, Hat uns das Heil erworben.“