# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 09 18_S9 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) VBelligirt von C. K. àv. Walther. Der Cutheraner. „Gotles Mlort und Luthers Eehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Synode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten. Zahrgang 6. St. Louis, Mo., den 18. September 1849. No. 2. ö Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den jährlichen Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche denſelben en und das Poſtgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. ENur die Briefe, welche Mittheilungen für das Blatt enthalten, ſind an den Redacteur, alle anderen aber, welche Geſchäftliches, Beſtellungen, Abbeſtellungen, Gelder ꝛc. enthalten, unter der Adreſſe: Mr. F. W. Barthel, care of CO. F. W. Walther, St. Louis, Mo., anher zu ſenden. Verwort des Redacteurs zum ſechsten Jahr⸗ gang des „Lutheraner“. (Fortſetzung.) Nachdem wir in voriger Nummer den lieben Leſern vorgelegt haben, in welchen Beziehungen wir Lutheraner den Vorwurf eines exeluſiven Cha⸗ rakters von uns ablehnen müſſen, ſo werden uns nun vielleicht manche Folgendes vorhalten: Zu⸗ geſtanden, daß ihr Altlutheraner in jenen genann⸗ ten Beziehungen nicht falſch ereluſiv ſeid, habt ihr es aber nicht zu vielen wiederholten Malen aus⸗ geſprochen, daß eure lutheriſche Kirche nicht nur eine, ſondern die Kirche, nemlich die allein wahre, die Eine heilige allgemeine chriſtliche Kirche ſei und daß hingegen alle nicht lutheriſchen Ge⸗ meinſchaften falſche irrgläubige Kirchen oder Sec⸗ ten ſeien? Habt ihr Lutherthum und Chriſtenthum nicht häufig für gleichbedeutend erklärt? Nehmt ihr nicht alle die hohen Namen und alle die herr⸗ lichen Verheißungen, welche allein der ganzen Chriſtenheit, dem Reiche JEſu Chriſti auf Erden gegeben ſind, für euer Lutherskirchlein in An⸗ ſpruch? Nennt ihr nicht eure Kirche die Braut und den Leib Chriſti; die Eine, die ſeine Taube allein iſt (Hohel. 6, 8.); das rechte Zion des Neuen Teſtaments; das Jeruſalem, das droben, die Freie, die unſer aller Mutter iſt (Gal. 4, 26.); das Himmelreich auf Erden; die Stadt, das Haus und die Gemeinde des lebendigen Gottes, einen Pfeiler und Grundveſte der Wahrheit (1 Tim. 3, 15.); den Weinberg des HErrn u. ſ. w.? Sagt ihr nicht, eure Kirche könne nicht unter⸗ gehen, kraft der theuren Verheißungen Chriſti: „Die Pforten der Hölle ſollen meine Gemeinde nicht überwältigen. Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“? — Hierauf antworten wir: Es iſt wahr, das haben wir bisher allerdings immer behauptet; und wir ſetzen getroſt hinzu: das wollen wir auch durch Gottes Gnade noch ferner behaupten, ſo lange unſer Herz noch ſchlagen, unſer Mund noch reden und unſere Hand und Feder noch ſchreiben kann. Ja, wir ſagen, wehe uns, wenn wir dieſen Ruhm und Troſt uns je nehmen laſſen ſollten! Wie? werden nun vielleicht viele ausrufen, kann es alſo einen unerträglicheren ereluſiven Charakter geben, als ihr Altlutheraner habt? Sind das nicht offenbar römiſche Grundſätze? Macht ihr hiernach nicht aus einem Zweig den ganzen Baum, aus einem Glied den ganzen Leib, aus einem Theile das Ganze? Wir geben zu, daß die Sache verdächtig klinge. Aber wir bitten den lieben Leſer, daß er nicht etwa hier abbreche, das Blatt entrüſtet weglege und nun in die Welt hinein rufe: Sehet da, ſo haben es denn die Altlutheraner ſelbſt bekannt, daß ſie allein die Kirche, ſie allein die wahren Chriſten, ſie allein die auserwählten Kinder Gottes, und daß alle Nicht⸗Lutheraner verdammt und verloren ſeien! Der Leſer höre uns vielmehr ruhig weiter, ſo wird er hoffentlich anders urtheilen, und einſehen, daß wir Lutheraner obige Behauptungen aufſtellen können, ohne darum nothwendig uns ſelbſt in ſchändlichem Hochmuthe allein für gute Chriſten zu halten und alle anderen Chriſten neben uns, über das Herz derſelben richtend, zu vervammen. Unſere eigentliche Meinung iſt dieſe: 1. Unter der Kirche verſtehen wir nichts ande⸗ res, als die Gemeinſchaft aller wahrhaft an Chri⸗ ſtum Gläubigen, und da der Glaube nichts Sicht⸗ bares iſt, ſo halten wir dafür, daß auch die Kirche nicht eine ſichtbare Anſtalt, ſondern das unſichtbare Reich JEſu Chriſti auf Erden ſei; ſie iſt nicht ein Gegenſtand der Sinne, ſondern des Glaubens. Daher ſchreibt Luther: „Alle Chriſten in der Welt beten alſo: „„Ich glaube in den Heiligen Geiſt, Eine heilige chriſtliche Kirche, Gemeinſchaft der Heiligen.““ Iſt der Artikel wahr, ſo folgt daraus, daß die heilige chriſtliche Kirche niemand ſehen kann noch fühlen; mag auch nicht ſagen, ſiehe hier oder da iſt ſie. Denn was man gläubet, das ſiehet oder empfindet man nicht. Wie St. Paulus Ebr. 11, 1. lehret. Wiederum, was man aber ſiehet oder empfindet, das gläubet man nicht.“ (Luthers Schrift wider Emſer und Murnar. XVIII, 1654.) Wenn wir jedoch behaupten, daß die Kirche unſichthar ſei, ſo wollen wir damit nicht ſagen, daß ſie ein leeres Gedankending ſei, welches nirgends als in den Köpfen der Chriſten eriſtire; wir ſagen vielmehr, daß es wirklich eine ſolche heilige Gemeine, deren Glieder über die ganze Welt zerſtreut ſind, gebe und ſo gewiß immer geben müſſe, ſo gewiß die Verheißungen des gött⸗ lichen Wortes Wahrheit ſind und nimmer trügen können, daß die von Chriſto auf ihn ſelbſt, den ewigen Felſen, gebaute Gemeinde ſelbſt die Pfor⸗ ten der Hölle nicht überwältigen ſollen. Wir glauben zugleich, daß dieſe in ihrem Weſen un⸗ ſichtbare Gemeinde zwar hier nie ſichtbar, aber doch (definitiv) erkenibar werde durch das reine Wort Gottes, welches in einer Gemeinſchaft geprediget, und durch die heiligen Sacramente, welche in derſelben nach Chriſti Einſetzung ver⸗ waltet werden. (Siehe: Augsb. Conf. Art. 7.) 2. Wir glauben ferner nach Gottes Wort, daß die wahre Kirche nur Eine ſei, die Eine Braut (Epheſ. 5, 23. ff.), der Eine Leib (1 Cor. 12, 13.), die Eine Heerde (Joh. 10, 16.) JEſu Chriſti. Am vollſtändigſten wird dieſe Einheit der Kirche von Paulus dargelegt, wenn er ſchreibt: „Seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geiſt, durch das Band des Friedens. Ein Leib und Ein Geiſt, wie ihr auch berufen ſeid auf einerlei Hoffnung eures Berufs, Ein HErr, Ein Glaube“), Eine Taufe, Ein Gott und Vater unſer aller.“ Hiervon macht Gerhard die ſchöne Umſchrei⸗ bung: „Die Kirche wird alſo Eine genannt, weil ſie, von Einem HErrn durch Eine Taufe zu Einem myſtiſchen (geheimen geiſilichen) Leibe unter Einem Haupte gebracht, von Einem Geiſte regiert und durch die Einigkeit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung verbunden wird, Einen Glauben *) Wir können nicht unterlaſſen, hier die ſchöne Ausein⸗ anderſetzung Gerhards mitzutheilen, in wiefern der Glaube Einer ſti. Er ſchreibt in ſeinen Locis: „Wir ſagen, der Glaube ſei nur Einer: 1. nach ſeinem Object (nach dem Gegenſtand, woran man glaubt), weil ein und dieſelbe Lehre des Glaubens allen zu glauben vorgelegi iſt; 2. nach ſeiner Art und ſeinem Weſen, weil der kleine und ſchwache Glaube nicht weniger mii Beifall und Zuverſicht verbunden iſt, als der feſte und ſtarke Glaube. Petrus ſagt von allen Gläubigen, daß ſie „„eben denſelbigen theuren Glauben überkommen haben““, nemlich ſeinem Weſen und Gegen⸗ ſtande nach. Denn der ſchwache Glaube ergreift Chriſtum ebenſowohl wie der ſtarke, obgleich nicht in demſelben Grade.“ (De justif. § 113.)