# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 10 26_S203 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſelben Abend Gottesdienſt halten wollte, und mein Brief kam erſt an, nachdem ich bereits über eine Stunde dort geweſen war. Mein Wirth, eine treue, aufrichtige Seele, erzählte mir, wie die Methodiſten ſchon längere Zeit regelmäßige Ver⸗ ſammlungen veranſtalteten, und daß ihre Predigt allen, die überhaupt noch nach Gottes Wort frag⸗ ten (alſo auch ihm), ſehr gefalle; doch ſei noch Niemand völlig zu ihnen übergetreten. Dies führte uns natürlich auf die falſchen Lehren der Methodiſten, die er denn auch durch Gottes Gnade bald erkannte. „Aber“, meinte er, „was ſollen wir machen? Wir ſind noch zu arm, und unſerer zu wenig, um einen lutheriſchen Paſtor berufen zu können.“ Schnell legte ich meinen Löffel, mit dem ich eben mit großem Appetit eine Milchſuppe einſchlürfte, zur Seite. Beſtürzt fragte mich der Mann, was mir ſei? worauf ich entgegnete, ich fürchte, ihn mit ſeiner Familie an den Bettelſtab zu bringen, wenn ſie nicht ſo viel hätten, daß ein Prediger göttlichen Wortes mit ihnen eſſen könnte. So ſchlimm, ſagte er, ſei es denn doch, Gott ſei Dank! nicht; ich ſolle nur ruhig weiter eſſen. Sie hätten aber immer gemeint, unter 500 bis 600 Dollars jährlichen Gehaltes könnten ſie kei⸗ nen lutheriſchen Paſtor bekommen (1) und ihrer ſeien wohl nur zwölf bis vierzehn, denen es ein rechter Ernſt ſei um Gottes Wort. Natürlich er⸗ widerte ich ihm hierauf, wie es zwar eine ſchwere Sünde wider den HErrn ſei, wenn die Leute nicht zur leiblichen Erhaltung ihres Seelſorgers ihr Möglichſtes thäten; daß aber Gott auch das Wenige reichlich ſegnen könne und werde, und rechtſchaffene Diener am Wort ſich noch immer hätten begnügen laſſen, wenn ſie Nahrung und Kleider hatten. froh und bat mich, das nothwendig den Leuten Mitzutheilende zu Papier zu bringen, und wollte er dann zu den von ihm als aufrichtig Erkannten herumgehen, ihnen die Sache ans Herz legen und gemeinſchaftlich mit ihnen ein Geſuch um einen lutheriſchen Paſtor einſenden. Aber das ſolle ich mir geſagt ſein laſſen, wenn wir ihnen einen un⸗ gläubigen Prediger zuwieſen, der würde die Reiſe umſonſt machen, und ein gläubiger bekäme dort auch mit den Rationaliſten einen ſchweren Kampf zu beſtehen. Ueber erſteres beruhigte ich ihn zur Genüge und was den Kampf beträfe, ſo wüßten wir ja, daß ihn der HERR mit und für uns zu Ende führe. — Erſt um 2 Uhr Nachts begaben wir uns zur Ruhe, deren ich nicht wenig bedürf⸗ tig war. Gerne hätte ich den Bitten meines lie⸗ ben Hauswirthes nachgegeben, noch einige Tage dort zu bleiben, um ſelbſt mit mehren Andern zu ſprechen, wenn nicht die in Chicago herrſchende Cholera mich zur größten Eile angetrieben hätte. So mußte ich mich damit begnügen, ihn auf einen Beſuch des Herrn Volkerts bei Gelegenheit ſeiner Vorbeireiſe zu vertröſten. Früh Morgens machte ich mich wieder auf die Füße, noch einige Meilen begleitet von jenem lieben Manne, der mir noch zum Abſchiede ſagte, wie er bei ſeiner Auswande⸗ rung von Deutſchland gefragt worden ſei, ob er des Weltlichen oder des Geiſtlichen wegen nach Amerika ginge? worauf er nur habe erwidern Da wurde der Mann herzlich 203 können, daß er ſein Vaterland gewiß nicht ver⸗ laſſe, um Schätze dieſer Welt zu ſammeln; um des Geiſtlichen willen könne er auch nicht ſagen, daß er auswandere: allein es dränge ihn mit Gewalt fort zur Ueberſiedelung. „Sollte es mir jetzt mit Gottes Hülfe gelingen“, ſetzte er hinzu, „eine rechtgläubig lutheriſche Gemeinde zu Stande zu bringen, in der wir und unſere Kinder Gottes Wort hätten, ſo wäre ich denn doch nicht verge⸗ bens nach Amerika gekommen.“ Mit frohem Herzen, unter Lob und Preis Gottes, meines Heilandes, und heißem Flehen um Sein Ge⸗ deihen, eilte ich rüſtigen Schrittes Sheboygan wieder zu, wo auch alsbald ein Dampfer mich aufnahm, der am nächſten Morgen mich nach Chicago brachte. Es war die höchſte Zeit, daß ich wieder zu meiner lieben Gemeinde kam, weil auch in ihr jetzt die ſchreckliche Seuche wüthete. — Am nächſten Sonntag⸗Abend, Dom. VIII. p. Trin., fand in meiner Gemeinde, unter Aſſiſtenz der PP. Brauer und Hoffmann, die Ordination des Herrn Volkert ſtatt, der am Dienstag darauf die Reiſe nach Calumet antrat. Gott ſchütze und ſegne ihn und ſein Werk! Amen. Die Adreſſen dieſer beiden neuen Arbeiter im Wein berge des HERRN ſind: Rev'd. W. Stubnatzy, Coopers Grove P. O., Cook Co., III. Rev'd. N. Volkert, Calumet Village P. O., Fond du Lac Co., Wisc. (Eingeſandt.) Von dem amerikaniſch⸗lutheriſchen und refor⸗ mirten Geſangbuch. Vierter Brief. Lieber Jakob! Wie ich das vorige Mal geendet habe, könnte ich gleich wieder anfangen und fortſetzen; aber ich will machen, daß ich zu Ende komme, Du könn⸗ teſt ſonſt verdrießlich werden und es gar nicht mehr leſen und ich hätte mich umſonſt bemüht. Faß aber Deine Seele noch ein wenig in Geduld, es wird bald werden. Mit den „Sittenlehren“ will ichs fertig machen, daß wir zum letzten großen Schubfach kommen, um die Sachen auch da ein wenig zu beſehen; ſonſt könnteſt Du denken, aufs Letzte käme erſt das Beſte und das wollte ich Dir nicht zeigen. Wir hätten freilich noch einige kleine Fächlein aufziehen ſollen, um ſie Dir mit ihrem Inhalt bekannt zu machen. Denn in dem gro⸗ ßen Schubfach „von den Sittenlehren“ befinden ſich wunderbarer Weiſe auch die Lieder „von den letzten Dingen“, die doch nach meinem dummen Verſtande nicht unter die „Sittenlehren“ zu rech⸗ nen ſind. Doch kehrte ich mich nicht daran, in welchem Fach ſie wären, wenn nur etwas Lauteres und Kräftiges dahinter wäre, aber das iſt leider auch nicht. Da ſingt man hie und da eben auch wieder von der Tugend, vom Verdienſt und ſolchen Dingen, wie Du's nun oft genug gehört haſt. Und inſofern ſcheints allerdings richtig zu ſein, daß dieſe Lieder auch ins Schubfach der „Sittenlehren“ gehören. — Im letzten Fache nun findeſt Du die Lieder für „beſondere Zeiten und Umſtände“. Es zeigt ſich aber, daß auch das Letzte nicht das Beſte iſt. Das kannſt Du gleich an den Gewitterliedern ſehen. Da braucht blos der „Sünder“ ängſt⸗ lich zu werden, aber nicht der den „Schöpfer ehrt“, ſondern dem gießt Donner und Blitz eine ſtille ſanfte Ruhe in die Bruſt. — Man meint faſt, der Fabrikant dieſes Liedes will ſelber an⸗ fangen zu donnern und zu blitzen und alle Leute treffen, nur ihn und ſeines Gleichen nicht, weil er den „Schöpfer ehrt“. Von einem demüthigen Sündenbekenntniß iſt da gar keine Rede. Da lies einmal die alten Wetterlieder, da klingts anders; wie demüthig und doch wie Glaubens⸗ voll auf das Verdienſt Chriſti lauten die alten Geſänge! So iſt's mit dem Liede „in theurer Zeit“, Nro. 433; da iſt kein Wort von wohlver⸗ dienter Strafe um der Sünde willen. Als käme eine theure Zeit ganz unverdienter Weiſe. Welch ein Hochmuth! — In den Liedern von Krank⸗ heit ſagt Dir Nro. 449 gerade heraus, daß Du Deinen Lohn nach Deinen Leiden abmeſſen kannſt. Damit aber die Selbſtgerechtigkeit, die Tugend und das eigene Verdienſt doch ja auch auf die Kinder übergepflanzt werde, ſo iſt treulich dafür geſorgt, da in Nro. 466 die Eltern unterwieſen ſind über die Pflichten für ihre Kinder. Da iſt alles drin, nur das Kinderſprüchlein nicht: „Chriſti Blut und Gerechtigkeit, das iſt mein Schmuck und Ehrenkleid; damit will ich vor Gott beſtehn, wenn ich zum Himmel werd ein⸗ gehn“; und ſonſt auch nichts Aehnliches. So iſt's auch mit den Schulgeſängen. — Nun hätten wir's ſo kurz als möglich durchgegangen; aber ich bin doch noch nicht ganz fertig. Ich hab noch zwei Dinge daran zu tadeln, die ich bis jetzt noch gar nicht oder doch nur im Vorbeigehen berührt habe. Und dieſe ſind 1., daß die alten Lieder, welche ſich noch vorfinden und eigentlich den beſ⸗ ſern Theil des Geſangbuchs ausmachen, bis auf ſehr wenige, gänzlich entſtellt und verändert ſind, ſo daß faſt alle Kraft und alles Leben ausgemerzt iſt und ich mich nur wundern muß, daß die Lie⸗ derverbeſſerer, oder Verböſerer, ſo unverſchämt ſein konnten, und die Namen der lieben Alten dazu ſetzen. Hätten ſie doch viel beſſer ihre eigenen Namen dazu geſetzt. Man ergrimmt manchmal im Geiſt, wenn man eine Vergleichung anſtellt mit dieſen und den alten. Und das ſchlimmſte iſt, daß die Leute noch meinen, es ſei nicht viel Unterſchied. — Der Unterſchied iſt aber in den Liedern gerade ſo, wie er in den Verfaſſern iſt. Die Alten haben gedichtet und geſungen, wie ſie geglaubt haben, und geglaubt haben ſie einfältig an Gottes Wort. Das iſt aber bei den neumo⸗ diſchen Pfuſchern ganz anders, die haben einen neumodiſchen Glauben oder vielmehr Unglauben, darum mußten ſie auch die Lieder nach der neuen Mode umſchaffen und ſo verderben. Da mußte der Teufel aus ſolchen tugendhaften Geſellſchaften weichen und alle Ausdrücke, die der „Tugend, der hohen Würde und dem Verdienſte“ zu nahe kommen konnten, die durften natürlich nicht ge⸗ duldet werden. Willſt Du mir's aber nicht glau⸗ ben, daß es ſo iſt, ſo ſchlage nur nach die Num⸗ mern: 36. 59. 83. 87. 88. 125. 276. 289. 371.