# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 10 26_S202 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Hand einer wahrlich nicht geringen Gefahr ent⸗ gangen, ſetzten aber doch unſern Weg nach dem nächſten Hauſe, wo der Gottesdienſt gehalten wer⸗ den ſollte, mit ganz eigenthümlichen Gefühlen fort. Ich mußte des Wortes unſeres HErrn geden⸗ ken: „Ich ſende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe!“ Und wenn nun viele ſolcher Leute hier, oder gar alle von der Art jenes Mannes wären! Doch der HErr erquickte bald wieder unſere erſchrockenen Herzen, indem wir noch an demſelben Abend einige Familien kennen lernten, deren Verlangen nach Predigt und Sacrament, ſo wie der Grad ihrer chriſtlichen Erkenntniß uns nur aufs Innigſte freuen konnte. Am nächſten Tage predigte Herr Stubnatzy vor einer mäßigen Verſammlung über Pſ. 119, 92.: „Wo dein Ge⸗ ſetz nicht mein Troſt geweſen wäre, ſo wäre ich vergangen in meinem Elende“, und man ſah aus manchem Auge die Freude leuchten, wieder einmal Gottes liebes Wort hören zu können. Darauf ſuchte ich einige Bedenken der Leute, namentlich betreffs der Erhaltung eines Paſtors, zu beſeiti⸗ gen, was mir denn auch mit Gottes Hülfe gar bald gelang. Nur der ordentliche Beruf des Pre⸗ digers, gegen welchen von einigen der lieben Leute, aber ohne alle Böswilligkeit, die gewöhnlichen falſchen Gründe angeführt wurden, machte es einige Stunden lang zweifelhaft, ob ſich unſerer Arbeit hier wirklich ein Feld öffnen werde. Allein zuletzt bekannten eben die Schwächſten hierin aus freien Stücken, daß ſie ſelbſt ſich nicht wie Men⸗ ſchenknechte auf gewiſſe Zeit dingen laſſen könn⸗ ten, wenn ſie tüchtig wären zum heiligen Amte. Und ſo wurde denn ein rechtmäßiger Beruf von 12 Familienvätern unterzsichnet. Da ſchon längere Zeit großes Verlangen nach dem heiligen Abend⸗ mahl ſtattfand und eine Anzahl Kinder zu taufen waren, ſo mußte ich Herrn Stubnatzy ſogleich or⸗ diniren, ſo ungerne ich dies auch allein that. Herzlich wohl that es mir, von einzelnen Leuten zu hören: „Et hett uns hier noch nicht gefallen, aber nu wöllt wir gern in Amerika ſien, dat wi Gottes Word hem köht. Dat dagligt Brod hem wi all lang.“ Möge der HERnR ſich denn auch dort zu Seinem Wort bekennen, zur Verherr⸗ lichung Seines heiligen Namens. Die Süd⸗ deutſchen ſcheinen aus purem Nationalſtolz bis jetzt ſich ganz fern gehalten zu haben; doch wird der HERR wohl auch noch die Redlicheren unter ihnen herbeiziehen. Den Auftrag der Synode, die Anſiedelungen im nördlichen Wisconſin, wohin Herr Candidat Volkert beſtimmt wurde, zu beſuchen, konnie ich nicht ſo ſchnell ausführen, da ich nach meiner Rückkehr von Fort Wayne die nächſte Gemeinde⸗ verſammlung abwarten und auch erſt einmal in die Landgemeinde hinaus mußte. Herr Volkert ſtand mir treulich bei in der arbeitsreichen Zeit mit Predigen, Schulehalten ꝛc. und verſah na⸗ mentlich meine Stelle in meiner Abweſenheit während der Reiſe nach Wisconſin. Am Montag nach Dom. VI. p. Trin. trat ich dieſelbe, begün⸗ ſtigt vom berrlichſten Wetter, auf einem der pracht⸗ vollen Dampfboote der obern See'n an, verweilte die nächſte Nacht beim lieben Bruder Keyl in — 20— Milwaukee, und ſchiffte mich am Tage darauf nach Sheboygan ein. Dieſes ſchnell auf blühende Städtchen liegt ſehr angenehm am nordweſtlichen Ende des Michigan See's. Ein regſames Volk dort, das ſich die guten Verdienſte einer neu an⸗ geſiedelten Gegend zu Nutze zu machen weiß. Wie traurig und öde ſteht es aber dort um das Ringen nach dem Einen, das da Noth iſt! Nicht einmal eine Spur von Hunger und Burſt nach der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, iſt wahrnehm⸗ bar: ich habe in der ganzen, doch wohl über 3000 Seelen zählenden Stadt auch nicht Ein Kirchengebäude entdecken können. Unter den zahlreichen Deutſchen lernte ich nur Indifferen⸗ tiſten und Rationaliſten kennen. Die deutſchen Methodiſten-⸗Miſſionen haben zwar einen Verſuch gemacht, ihr Werk dort zu treiben; allein ſie ſchei⸗ nen ziemlich entmuthigt. Gott wolle ſich der armen Leute erbarmen und Sein Werk bald un⸗ ter ihnen beginnen! — Mittwochs trat ich den Weg ins Innere Wisconſins an, nachdem ich vorher der Sheboygan zunächſt gelegenen Anſiede⸗ lung theils mündlich durch einen Mann aus der Gegend, theils durch einen Brief, den ich der Be⸗ ſorgung des Wirthes übertrug, Nachricht über— ſandt hatte, daß ich am nächſten Montag⸗Abend auf dem Rückwege bei ihnen vorzuſprechen und Gottesdienſt zu halten gedenke. Bon Sheboygan nach Calumet, dem eigentlichen Ziel meiner Reiſe, ſind gerade durch wohl kaum 30 Meilen; da es aber noch an Wegen fehlt, ſo mußte ich über Fond du Lac fahren, ſo daß reichlich 54 Meilen zurück⸗ zulegen waren. Auch auf dieſer Route ſind die Wege noch ſo beſäet mit Baumwurzeln und Stei⸗ nen, daß ich mit meinem Reiſegefährten erſt gegen Abend des folgenden Tages, wacker gequetſcht und zerſchlagen, in Calumet bei meinen lieben Verwandten anlangte. Mein Vetter, der Vor⸗ ſtand des dortigen Kirchenrathes, war Kränklich⸗ keit wegen zu einem Arzte nach Neu-Holſtein, 12 Meilen von dort entfernt, gegangen. Da ich von ihm vorläufig den beſten Aufſchluß über die Gemeinde hoffte, ſo wartete ich bis Sonnabend⸗ Morgen, jedoch vergeblich, auf ſeine Rückkehr. Während dieſer Zeit betrachtete ich mir die wahr⸗ haft paradieſiſche Gegend: eine Prairie, etwa drei Meilen lang und eine Meile breit, ſtrotzend vom Segen Gottes, mit goldenen Aehren; gerade Bäume genug darauf, um der traurigen Nacktheit größerer Prairien zu begegnen; im Weſten be⸗ grenzt von dem klaren Winnebago⸗See mit ſeinen herrlichen Ufern, im Oſten vom herrlichſten Wald mit ſeinen einzelnen Oeffnungen der Bauernhöfe; am nödlichen Ende das nette Dörfchen Calumet. Selten habe ich eine Gegend geſehen, die an Schönheit dieſer gleich kommt. — Auch hatte ich Gelegenheit, drei Wigwams zu beſuchen, in und um welche etwa dreißig Indianer, die überhaupt noch ſeyr zahlreich im nördlichen Wisconſin ſind, in ihrer ſtumpfen Trägheit lagerten. Ach, welch elende Menſchen! Wie traurig ihr Leben, wie ſchrecklich einſt ihr Tod ohne Chriſtum! Gott er— barme ſich ihrer! — Am Sonnabend beſuchte ich einige der entfernter wohnenden Gemeindeglieder, meiſtens Rheinbayern, die mir recht einfältig⸗ — gläubige Leute zu ſein ſchienen. Sie erſuchten mich, am nächſten Tage in einem Wohnhauſe zu predigen, da ihre Kirche noch nicht zur Aufnahme der Leute bereit ſei. Mit großer Freude erzähl⸗ ten ſie mir, daß das ſaubere Kleeblatt dreier Stu⸗ denten, die, drei verſchiedenen Confeſſionen ange⸗ hörend, eine Allerweltsvereinigung, oder vielmehr eine „Lichtfreundliche“ Gemeinde wollten, und die unſerm lieben Beſucher vor zwei Jahren ſeinen Aufenthalt dort ſo verbittert hatten, zerriſſen und wenigſtens in drei Winde der Welt zerſtreut ſei. Zugleich nahm ich mir das nette Kirchlein in Augenſchein. Es iſt ein Gebäude von Frame, 30 bei 40, hell und freundlich, mit dem ebenfalls be⸗ gonnenen geräumigen Pfarrhauſe zur Seite. Am nächſten Vormittage predigte ich einer unerwartet ſtarken Verſammlung über das Sonntags⸗Evan⸗ gelium. Während der darauf folgenden Taufe von ſechs Kindern entfernten ſich manche der Leute, doch, wie man mir ſagte, nicht aus Bös⸗ willigkeit. Ich ſetzte nun den Zweck meines Hier⸗ ſeins und die alleinigen Bedingungen, unter wel⸗ chen wir ihrer Bitte um Zuſendung eines Predi⸗ gers willfahren könnten, auseinander, worauf mir erwidert wurde, daß die Gemeinde auf Grund der ungeänderten Augsburgiſchen Confeſſion zu⸗ ſammen getreten ſei; daß ſie nur eine lutheriſche Gemeinde ſein wollten, und mit den Grundſätzen unſerer Synode, die ihnen aus dem lieben „Lu⸗ theraner“ ſchon längere Zeit bekannt, völlig ein⸗ verſtanden ſeien. Man wunderte ſich ſonderlich darüber, daß es lutheriſch ſein wollende Gemeinden geben könne, die ihren Paſtor zeitweilig miethen wollten. Nur ein Mann erhob einige Bedenken über das ſtreng⸗lutheriſche Bekenntniß der Ge⸗ meinde, nicht ſeinetwegen, wie er ſagte, ſondern weil ſo viele bisher Unirte in der Gegend ſeien; allein er ließ ſich gerne weiſen aus Gottes Wort und ſtellte ſammt andern acht, denen ſpäter noch mein Vetter zutrat, einen ordentlichen Beruf zur Uebernahme des heiligen Predigtamts daſelbſt an Herrn Volkert aus. Beim Weggange baten die Leute mich, zur Vermeidung größerer Unkoſten, da ſie doch vor der Hand nicht mit Gewißheit auf eine größere Zahl Theilnehmer rechnen könnien, die Ordination des Herrn Volkert in meiner G⸗ meinde zu beſorgen. Nachmittags fuhr ich nach Neu⸗Holſtein, einer ganz neuen, aber bereits aus vierzig Familien beſtehenden Anſiedelung mitten im dickſten Walde. Leider! traf ich nur mit einer Perſon zuſammen, die wahrhaft ſchmerzlich die Segnungen des heiligen Predigtamts entbehrte, aber zugleich ihre Befürchtung ausſprach, daß dort nicht ſo viel Sinn für Gottes Wort herrſche, um dasſelbe aufzurichten. Doch was nicht iſt, mag ja wohl mit Gottes Hülfe werden, wenn unſer lieber junger Bruder in die daſige Gegend kommt. Kann etwas geſchehen, ſo iſt es aber auch die höchſte Zeit, indem die allzeit fertigen Methodiſten bereits einen Tag für den Beginn ihrer Wirkſan⸗ keit feſtgeſetzt hatten. — Am nächſten Abend langte ich ſpät in der hannöveriſchen Anſiedelung an. Der Mann, dein ich Nachricht geſandt, erwartete mich längſtens; ſonſt aber Niemand: Der Beſtel⸗ ler hatte vergeſſen zu ſagen, daß ich noch an dem⸗