# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 09 14_S189 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) hier wörtlich mitgetheilt wird; ſie lautet alſo: „Für alle Deſtructionen, welche die deutſchen lutheriſchen Kirchen in ſpäteren Zeiten erfahren haben, muß man die hiſtoriſchen Anfänge und die Erklärung in der, von dieſer Seite noch lange nicht genug gewürdigten und erkannten Reſtau⸗ tationsperiode ſuchen, welche nach dem Schluſſe des 30jährigen Krieges eintrat und ſich bis in die eiſten Jahrzehnde des 18. Jahrhunderts fort⸗ zog. Es iſt für die lutheriſche Kirche Deutſch⸗ lands ein unerſetzlicher Schaden geweſen, daß, nachdem ſie kaum Zeit gehabt hatte, ihre Prin⸗ zipien nach allen Seiten des Lebens hin zu ent⸗ wickeln, und ſich vollſtändig einzurichten, ihre Länder für zahlloſe Conflicte der ganzen hiſtori⸗ ſchen Welt der Ort eines Zuſammenſtoßes wur⸗ den, welcher, wie ihre bürgerliche, ſo auch ihre kaum gegründete kirchliche Ordnung mit roher Gewalt durcheinander warf. Es war natürlich, daß man, als die Waſſer des Krieges ſich ver⸗ laufen hatten, den Schaden beſah. Es galt, den vielfach beſchädigten Bau der Reformation wieder aufzubauen, aber wie verſchieden war die Auf⸗ gabe des Wiederaufbaues von der des erſten Baues! Die Reformation fand kirchlich Nichts vor, ſie mußte den Kirchenbau vom Grundriſſe bis zur Thurmſpitze hindurch führen, denn es verſchlägt nichts, daß ſie dazu auch manchen alten Quaderſtein aus den alten Kirchengebäuden ver⸗ wenden konnte, weil jeder derſelben doch einer Einfügung an anderer Stelle bedurfte. Aber ſie fand ein weit hungrigeres, darum ihre Dargebote mit Freude entgegennehmendes Volk vor; und aus ſolcher Freude wuchſen ihr, wie die Kräfte, mit welchen, ſo die Herzen, aus welchen als aus iebendigen Steinen ſie ſich baute, reichlich zu. Sie brauchte dem Glauben und der Liebe, welche ihre Predigt in die Seelen pflanzte, nur einen Leib zu ſchaffen. — Dagegen fand die Reſtaura⸗ tion den Riß, die Form, das Gehäuſe der Kirche fertig vor; ſie brauchte nur die alten Kirchen⸗ ordnungen aufzuſchlagen. Aber ſie fand ein Volk vor, aufgewachſen unter der Drangſal, Unruhe und Verwilderung des Kriegs, und jedem Ver⸗ tiefen in ſich ſelber, jeder innerlichen Richtung und Beſtrebung entwöhnt, welches viel mehr ge⸗ neigt ſein mußte, ſich den nie gekannten Genüſſen des Friedens zu ergeben, als Werke des Friedens zu ſchaffen. So wurde es die Aufgabe der Re⸗ ſtauration, dem fertigen Leibe der Kirche wieder die Seele des Glaubens und der Liebe zu ſchaf⸗ fen; und dieſe Aufgabe ſollte ſie mit Kräften löſen, welche doch nur jenem geſunkenen Volke enmommen ſein konnten. Dieſe ſtete Bezogen⸗ heit auf ein der Form nach Fertiges, aber dem Gemüthe des Volkes Zurückgetretenes, gab allen kirchlichen Bemühungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts den von einer Reformation weſentlich verſchiedenen Charakter einer Reſtau⸗ ration; und jener Mangel an regſamen Kräften ließ dieſe Reſtauration mit der Deſtruction enden.“ Dürfte ich dieſer meiſterhaften Darſtellung noch eine Bemerkung hinzufügen, ſo wäre es dieſe: Wären die Lehrer der lutheriſchen Kirche nach 189 und Lehrweiſe Dr. Luthers und ſeiner echten Schüler mit aller Treue zurückgekehrt, ſo würden ſie auch, wie im Reformationszeitalter geſchah, „durch ihre Predigt Glauben und Liebe in den Seelen haben pflanzen können“, ſie würden ver⸗ mittelſt des gepredigten Wortes, um des willen doch vorzugsweiſe jene urſprüngliche Gottesdienſt⸗ Ordnung aufgerichtet worden war, auch bei ihrer Wiederherſtellung, zumal unter den dortigen Ver⸗ hältniſſen leichtere und erfolgreichere Arbeit ge⸗ habt und ſie würden endlich die Richtungen, welche zu einer völligen Verwüſtung jener Ord⸗ nung führten, bei Zeiten erkannt und gemieden haben. Das Erſte, als man aus jener wilden Zeit in einen geſichertern Zuſtand eintrat, war natürlich die Wiederherſtellung der kirchlichen Ordnung. Wir ſehen daher um das Jahr 1650, daß faſt jede lutheriſche Landeskirche ihre Kirchenordnung aufs Neue durchſehen und bekannt machen läßt. Allenthalben beginnt eine bis gegen das Ende des Jahrhunderts fortdauernde Thätigkeit der Kirchenviſitationen, deren Hauptaugenmerk das Kirchenvermögen, die Parochialverbände, die Be⸗ ſetzung der Pfarren, die Wirkſamkeit der Con⸗ ſiſtorien, die Einſchärfung früherer kirchlicher Vor⸗ ſchriften und die Gleichförmigkeit der Ceremonien war. Allein, wie es immer geſchieht, wenn einer bereits geſetzlich beſtehenden, aber erſchütterten Ordnung Geltung und Gehorſam verſchafft wer⸗ den ſoll, daß nämlich damit eine gewiſſe herbe und ſpröde Geſetzlichkeit verbunden iſt, ſo geſchah es auch in jener Zeit; faſt alle Verordnungen beziehen ſich meiſt auf äußerliche Dinge, Sab⸗ bathsfeier, Kirchenzucht und dergleichen, ſie reden nur im ſtrengen Tone obrigkeitlicher Befehle, ſie dringen nur auf den äußerlichen Gehorſam und wiſſen für vorkommende Uebertretungen kein an⸗ deres Mittel, als äußerliche Beſtrafung, mit einem Worte: es iſt das kirchenpolizeiliche Gepräge, welches jene wiederherſtellende Thätigkeit an ſich trägt. Dies kam aber daher und führte immer⸗ mehr dahin, daß die Kirche nur als eine äußer⸗ liche Anſtalt gleich der Schule angeſehen wurde, mit welcher man ſich durch Leiſtung gewiſſer Pflichten abfinden könne; ſie wurde nicht als der Inbegriff der Gemeinden mit ihren Predigern be⸗ trachtet, ſondern bloß als der Inbegriff der Pre⸗ diger mit den kirchlichen Ordnungen und Beſitz⸗ thümern im Gegenſatz gegen die Gemeinden, und ſo geſchah es, daß ſich eine gewiſſe Prieſterherr— ſchaft ausbildete, welche die Rechte des geiſtlichen Prieſterthums, die allen Gliedern der Kirche zu⸗ kommen, je länger, deſto mehr unterdrückte. Da nun die Geiſtlichkeit zur Aufrechthaltung ihrer angemaßten Rechte ſich gar bald genöthigt ſah, ihre Zuflucht zu dem Arm der weltlichen Obrig⸗ keit zu nehmen, ſo mußte ſie für dieſe Dienſt⸗ leiſtung nicht nur immer mehr die ihr zukommen⸗ den Rechte daran geben, ſondern die Gemeinden verloren auch damit vollends den ihnen ſchon ver⸗ kümmerten Gebrauch ihrer Rechte, ſo daß von da an die weltliche Obrigkeit nicht bloß die Ober⸗ aufſicht über Parochialverhältniſſe, Kirchenbau⸗ dem 30jährigen Kriege zu dem Vorbilde der Lehre ſachen und ähnliche, äußerliche Dinge in die Hände nahm, ſondern ſich auch anmaßte, Beſtim⸗ mungen in Sachen der Lehre zu treffen und Agen⸗ den, Geſangbücher, Katechismen und dergleichen „auf allerhöchſten Befehl“ ausgehen zu laſſen. Die Folgen jener kirchenpolizeilichen Thätig⸗ keit waren zwar auf der einen Seite ein fleißigerer Kirchenbeſuch und überhaupt eine größere Ord⸗ nungsmäßigkeit, auf der andern Seite aber eine Ueberſchätzung beider und eine an papiſtiſche Auf⸗ faſſung grenzende Anſicht von der Verdienſtlichkeit des bloßen äußerlichen Werks, des Predigthörens, des Gebrauchs der Sacramente u. ſ. w. ö Das Unheilvolle einer ſolchen Richtung auf das bloß Aeußerliche im Gottesdienſt konnte nicht lange verborgen bleiben, und daher entſtand gleich⸗ zeitig mit dem eben geſchilderten Bemühen, die kirchliche Ordnung wieder herzuſtellen, das Stre⸗ ben, dieſen Ordnungen und Formen neues Leben einzuhauchen; dieſe Richtung beginnt mit Va⸗ lentin Andreä, erreicht ihren Höhepunkt in Spener, und pflanzt ſich auf die nächſte Zeit nach ihm, ja bis auf die Gegenwart fort. Die Thä⸗ tigkeit dieſer Richtung aber hat man, wie Herr Dr. Kliefoth treffend bemerkt, keineswegs nur als eine wiederherſtellenve zu betrachten, ſondern viel⸗ mehr als eine ſolche, welche je länger, deſto ent⸗ ſchiedener einen auflöſenden Charakter bewieſen hat; denn obgleich anfänglich das kirchliche Be⸗ kenntniß und die kirchlichen Ordnungen über⸗ haupt unangetaſtet blieben, ſo hat doch der Erfolg gezeigt, daß endlich auch hierin ſtarke Abweichun⸗ gen eintraten. Dieſe Richtung ſtellte je und je den Grundſatz des Praktiſchen d. h., nach ihrer Auslegung, des ihrer Eigenthümlichkeit Zuſagen⸗ den, des Erwecklichen und Erbaulichen, auf Koſten alles Lehrhaften und Hiſtoriſchen auf; ſo drang ſie z. B. ſehr auf Katechiſation, allein ſie verließ dabei das alte weisliche Verfahren, indem ſie nicht nur die Jungen, ſondern auch die Alten verhören ließ und endlich die vorhergehenden Ka⸗ techismuspredigten ganz in Wegfall brachte. Die Seelſorge brachte ſie, wie Herr Dr. Kliefoth ſagt, von vornherein in ein ſolches Verhältniß zu dem eigentlichen amtlichen Thun des Predigers, bei welchem letzteres mißachtet wurde; ihre Anſichten über Seelſorge faßten nicht mehr die ganze Ge⸗ meinde ins Auge, ſtellten den Prediger nicht mehr gleich zu jedem Gemeindegliede, ſondern kamen, ausgehend von der Nothwendigkeit der ecolesiolae in ecclesia (Kirchlein in der Kirche) je länger je mehr dahin, den Prediger in einen Stundenhalter pietiſtiſcher Kreiſe zu verwandeln. Auf ähnliche Weiſe zeigt ſich der Einfluß dieſer Richtung auf den öffentlichen Gottesdienſt. Sie hat eine große Menge ſolcher Lieder hervorge⸗ bracht, welche ſich mehr auf die beſonderen Em⸗ pfindungen einzelner Chriſten beziehen, wodurch der Gebrauch der älteren Lehr- und Bekenntniß⸗ Lieder immer mehr verdrängt wurde; ſie hat in der Predigt den Lehrton mit dem erwecklichen ver⸗ tauſcht, ſie hat das, was die Gemeinde Gott dar⸗ bringt, erſt neben und endlich über das geſteͤllt, was ihr von Gott durch ſein Wort und die hei⸗ ligen Sacramente dargereicht wird: Ja, dieſe Richtung hat bekanntlich angefangen, einen Un⸗