# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 08 31_S178 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) nien einzutreten, das iſt ſchnurſtracks dem Worte Gottes, und damit auch dem chriſtlichen Gefühl und Gewiſſen zuwider, und wird auch wohl, ſo hoffe ich zu Gott, noch deinem Gewiſſen zu ſchwer werden, wenn du nur einmal ruhig und ernſt die Sache vor deinem HErrn überlegſt. Doch du ſprachſt von dem großarti⸗ gen herrlichen Zwecke, den dieſe Geſellſchaften haben, welcher iſt denn der, oder iſt der auch geheimꝰ C. Ich denke, den wirſt du kennen, da wir ihn deutlich genug ausgeſprochen haben und ihn auch wirklich bethätigen. P. Ich habe Einiges davon in den Zeitungen geleſen, ich möchte ihn aber gern aus deinem eige⸗ nen Munde hören. C. Des brauche ich mich wenigſtens nicht zu ſchämen. Unſer Zweck iſt, das wirklich in der That auszuüben, welches das Chriſtenthum als die heiligſte Pflicht auflegt, ja als den eigentlichen vernünftigen Gottesdienſt erklärt. Jae. 1, 27. Nemlich Liebe zu üben gegen arme hilfsbedürftige Brüder, namentlich gegen Kranke, Wittwen und Waiſen. Und ſollten auch kleine Unregelmäßig⸗ keiten vorkommen für ein ſcrupulöſes Gewiſſen profeſſionirter Heiliger, ſo muß doch der Zweck als ein lobenswerther, echt chriſtlicher, von aller Welt anerkannt werden. P. Ich danke Gott, daß ich ein ſolch ſerupu⸗ löſes Gewiſſen habe, daß ich das, was klar in Gottes Wort verboten iſt, nicht „kleine Unregel⸗ mäßigkeiten“ nennen und verſchlucken kann, und überlaſſe ſolch Heldenthum gern andern ſtarken Geiſtern, die dennoch am Ende wohl werden ler⸗ nen müſſen, daß Gottes Wort ihnen zu ſtark ſein wird. Doch, um wieder auf die Hauptſache zu kommen: alſo das iſt euer Zweck, armen hilfsbe⸗ dürftigen Leuten zu helfen, namentlich Kranken, Wittwen und Waiſen? C. Ja! und kannſt du dir einen heiligeren und chriſtlicheren Zweck denken? Wahrlich in die⸗ ſer kalten und liebeleeren Welt, wo die Chriſten noch wohl von Liebe ſchwatzen, aber Niemand Liebe übt, Jeder das Seine ſucht, um ſeinen Nächſten ſich aber nicht bekümmert, wo der kranke Arbeiter, weil ſein täglicher Erwerb aufhört, auf ſeinem Krankenlager ohne Hülfeleiſtung verſchmachten, und außer den körperlichen Schmerzen noch den Jammer einer hungernden Familie auf ſeinem Herzen laſten haben muß, oder wo die weinende Wittwe mit ihren wimmernden Würmlein über die Leiche ihres Mannes in eine troſtloſe Zukunft hinausſtarrt, und ihren Blicken nichts, als ab⸗ ſtoßende Kälte hartherziger Menſchen, Noth, Hun⸗ ger und Kummer begegnet, da tritt der Bruder wie ein Engel von Oben dem Trauernden ent⸗ gegen, und tröſtet den Kranken, die Wittwen und Waiſen mit ſeiner herzlichen Theilnahme, nimmt den Kummer von ihrem Herzen, trocknet ihre Thränen, und was das Herrlichſte iſt, bringt in das erſtarrte Menſchenherz wieder den Glauben an die Menſchheit! Ja — P. Ich bitte dich, haſt du noch ein Fünklein von Liebe in dir, ſo verſchone mich mit dem höchſt⸗ widerlichen Liebesgeſchwätz. Das kommt auch 178 gar nicht aus deinem ſonſt ſo einfältigen wahr⸗ haftigen Herzen heraus, ſondern iſt dir nur ſo von einem lobhudelnden Zeitungsartikel auf der Zunge kleben geblieben. Eben, weil ihr euch mit eurer „Liebe und Wohlthätigkeit“ ſo breit macht, und ſo gewaltig damit einherſtolzirt, ſo bin ich von Anfang an ſehr mißtrauiſch dagegen geweſen, und bin recht froh, mich einmal recht gründlich über eure „Liebe und Wohlthätigkeit“ unterrichten zu können. C. Und mir iſt es lieb, endlich einmal Ge⸗ legenheit zu haben, deine Vorurtheile und dein ſtrenges Richten der Brüder gründlich zu be— ſchämen. P. Wollen ſehen, ob dir's gelingt. Vergiß nur nicht, daß du bisher meine Gründe aus der Schrift noch nicht widerlegt haſt, und ich fürchte, hier wirſt du auch nicht ſattelfeſt ſein. C. Hier iſt mir nicht bange! Hier ſitz ich feſt in Gottes Wort! P. Welchem Gottes Wort? C. Wie kannſt du noch fragen! Iſt nicht Liebe die Hauptſumma des Gebots? Iſt das Chriſtenvolk denn nach dem Willen JEſu Chriſti etwas anderes als Ein Brudervolk, Eine einige heilige Gemeinſchaft von Kindern Gottes, aus Gott, der die Liebe iſt, geboren, und eben deß⸗ wegen auch in der Liebe zu einander und zu aller Welt ſich thätig erweiſend als die Kinder des himmliſchen Vaters? P. Iſt mir wunderlich, daß in „dieſes hei⸗ lige Brudervolk“ — aus Gott geboren — auch Juden und Türken, Ungetaufte und Chriſtus⸗ läſterer aufgenommen werden können, die doch wohl nach 1 Joh. 2, 22. und 23. und 4, 2. 3. und 15. nicht aus Gott geboren ſind, alſo auch wohl die rechte göttliche Liebe weder haben noch ausüben können. Aber angenommen, doch nicht zugegeben, es wäre ſo mit der Liebe, ſo kann ich doch noch nicht begreifen, daß man erſt zu einer geheimen Geſellſchaft gehen, ein „ſonderbarer Bruder“, oder gar ein „rother Mann“ mit werden, und ſeine wunderliche Sprache und Sitten in den Verſammlungen nachäffen muß, um „chriſtliche Liebe“ zu üben. Mich deucht, das ließe ſich doch auch wohl als ein ſimpler Chriſt üben! Haben vielleicht die Namen der Män⸗ ner, oder der Indianerſtämme, unter welchen die verſchiedenen Logen aufgerichtet werden, ſolche Zauberkraft, diejenigen mit der Liebe anzu— füllen, die früher keine gehabt haben? Oder ſind's die Schürzen, Bänder, Fahnen, Muſik, und der Lärmen, der ſich namentlich Sonntags bei Be⸗ gräbniſſen durch die Straßen zieht, die der Seele den gehörigen Aufſchwung geben „chriſtliche Liebe“ zu üben? C. In der Vereinigung liegt die Macht! Was Einzelne für ſich nicht können, wird ihnen leicht, wenn ſie ihre Kräfte zuſammen werfen; daß aber eine zu gleichem Zweck vereinigte Geſell⸗ ſchaft unſchuldige Ceremonien und Zeichen hat, durch welche ſie eben als eine Gemeinſchaft ſich kund thut nach Innen und Außen, wirſt du natür⸗ lich und in der Ordnung finden. P. Mag ſein, mein lieber Carl, obgleich du — doch wahrlich geſtehen mußt, daß dieſchriſtliche Liebe in der heiligen Schrift eben nicht mit Pau⸗ ken und Trompeten und Fahnen abgebildet wird (Matth. 6, 2.), wohl aber züchtig und beſcheiden, und ſehr im Verborgenen wirkend. Das bringt aber vielleicht die Aufklärung des neunzehnten Jahrhunderts ſo mit ſich, und die tiefere theolo⸗ giſche Einſicht in die Worte der Schrift, „daß die linke Hand bei Almoſengeben nicht wiſſen ſoll, was die Rechte thut“. C. Nun, man ſoll doch auch ſein Licht leuh⸗ ten laſſen! P. Das muß ein wunderliches Licht ſein, wenn man die Leute erſt mit der Naſe darauf ſioßen muß, damit ſie es ſehen! — Doch wir wollen das gut ſein laſſen. Du ſagſt mit Recht, daß in der Vereinigung die Macht liegt. Biſt du denn aber nicht ſchon durch die heilige Tauft in ſolche heilige, und durch Gott und vor Gott mächtige Gemeinſchaft eingeführt, der du unter Gott alles verdankſt, was dich zum geiſtigen Le⸗ ben, alſo auch zur rechten chriſtlichen Liebesthä⸗ tigkeit tüchtig macht? Biſt du nicht ein Glied der chriſtlichen Kirche? Haſt du nicht durch die heilige Taufe, als das Bad der Wiedergebum, die Gnade von Gott gekriegt, lieben zu können, und zugleich das Gelübde gethan, ein Nachfolger Gottes zu ſein, wie ſein liebes Kind, und in der Liebe zu wandeln, und Liebe zu üben, gleich wie Gott die Liebe iſt? C. Ja gewiß! Und ich freue mich, daß ich nun in den Stand geſetzt bin, in Gemeinſchaft mit gleichgeſinnten Brüdern auf eine großanige Weiſe Liebe und Wohlthätigkeit üben und ſo meinem Taufgelübde beſſer, als bisher, nachkom⸗ men zu können! P. Wie? wenn du auch hierin aufs Schänd⸗ lichſte gegen dein Taufgelübde ſündigteſt? C. Gott bewahre mich! Wie willſt du das beweiſen? P. Ich denke, ganz einfach! Erinnerſt du dich noch unſers alten Bekannten, Wilhelm H..2 C. Ganz gut, was iſt's mit dem? P. Du weißt doch, daß ihn der Kaufmann H. als ein Findelkind in ſein Haus aufgenom⸗ men, als er in Schmutz und Dreck umkommen wollte, er hat ihn, wie du weißt, wohl erzogen, ihn wie ſein eigen Kind gehalten, ihm ſeinen eig⸗ nen Familiennamen beigelegt, und ihn mit ſo reichlichem Vermögen und Credit ausgeſtattet, daß er ein eignes großes Handelsgeſchäft anfangen konnte. Ich habe nun eben Briefe aus der Hei⸗ math erhalten, daß der alte Kaufmann H. in die bitterſte Armuth verſunken iſt, und das haupt⸗ ſächlich durch das Handelshaus Br.. C. Wie iſt das möglich? Das alte Haus ſtand ja nach der öffentlichen Meinung ſo feſt, daß ſein Fall unmöglich ſchien, und das Haus Br., trieb ja zu unſerer Zeit ſo kleinliche Geſchäfte, daß es kaum der Rede werth war. P. Ja ſo war es; indeſſen durch treuloſe Die⸗ ner und betrügeriſche Schuldner fing endlich das