# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 03 22_S60 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 60 Herz gesprochen, der die Sünder aufgeweckt, der ihnen den überschwänglichen Reichthum der Gnade Gottes in Christo gezeigt hätte; wir hörten keinen, der auf die Wiedergeburt drang als unerläßlich nothwendig, um in den Himmel zu kommen. Wir hörten nur immer von Tugend und Sittlichkeit predigen, wir wurden nur auf uns selbst, nur auf unser Thun und Werk gewiesen. Das fortwährende Tugendgeschwätz ward uns zum Ekel, wir wurden gegen dasselbe ganz taub und fühllos. Da fügte es sich, daß wir einmal in eine Methodisten- (oder eine andere) Kirche kamen und siehe, hier hörten wir, was uns noth; hier fühlten wir unser Herz getroffen, und wurden überzeugt von unserm Verderben; hier ward uns das Evangelium von JEsu, dem Heiland der Sünder, eine angenehme, süße Botschaft; hier fanden wir Ruhe und Friede in Christo; hier empfingen wir ein neues Leben. Sollten wir uns denn nicht an eine solche Kirche anschließen, wo wir so wichtige Erfahrungen an unserer Seele machten? Euer Grund, liebe Brüder, scheint gerecht; eure Klagen über die lutherische Kirche sind zum Theil wahr; allein höret auf uns. Ob es gleich unter den Predigern in der luther. Kirche viele Diebe und Mörder gibt, die nicht zur Thüre hereingegangen sind; so sind doch auch noch viele rechtschaffene Lehrer in derselben, die Christum rein und lauter predigen. Hättet ihr solche gehört, so würdet ihr bei gehöriger Treue gewiß eine rechtschaffene Bekehrung erfahren haben; und daß ihr sie nicht hörtet, wer weiß, ob ihr nicht selbst Schuld waret! Nun gefiel es Gott, sein Wort aus dem Munde eines sectirischen Predigers an eurem Herzen zu segnen; denn daß Gott sein Werk auch in andern Kirchen und Secten habe, das zu leugnen, sei ferne von uns, denn seine Macht, Gnade und Weisheit ist unendlich. Allein nichts destoweniger soll man die falschen Propheten fliehen, wenn gleich Gott oftmals durch sie Gutes wirkt. Das ist nicht der Dank, den ihr Gott für eure Bekehrung schuldig seid, daß ihr nun die Gemeinschaft der wahren Kirche verlasset und euch an die Secten hänget; daß ihr die offenbar göttliche Wahrheit verleugnet, und dagegen offenbare Irrthümer annehmet und sogar eifrig vertheidigt. Wie viele solche kirchliche Ueberläufer sehen wir wider ihre ehemaligen Glaubensverwandten streiten! Weil die Secten mehrentheils das Abendmahl des HErrn auf gut calvinisch vergeistigen, d. h. verflüchtigen und vernichten, so findet dies bei jenen Parteigängern bald Nachahmung; sie freuen sich selbstklug der neuen Entdeckung, wollen nun auch mit an der lutherischen Kirche zum Ritter werden und wissen sich sehr viel, wenn sie auf das steife Festhalten der Lutheraner am Buchstaben getrost mit schimpfen helfen. Allein es ist eine schlechte Ehre, die sie einlegen, indem sie die allertheuersten Güter der Kirche, die gnadenvollen Sacramente unseres HErrn JEsu Christi verkleinern und schmähen, indem sie den redlichen Glaubenseifer ihrer Väter, die unter unsäglichen Kämpfen uns, ihren Nachkommen, das Kleinod der Wahrheit errangen, noch im Grabe verhöhnen. Sie beweisen damit, wie weit sie schon der falsche Sectengeist von der Einfalt des göttlichen Wortes abgeführt hat. Seid ihr aber, liebe Brüder, noch nicht so tief gefallen, so seid ihr doch in großer Gefahr; je länger ihr mit dem Sectenwesen Gemeinschaft habt, desto tiefer wird der Irrthum in euch Wurzel schlagen; desto mehr werdet ihr die Liebe zur Wahrheit verlieren; und ist einmal die Liebe zur Wahrheit verloren, dann ist auch der Glaube verloren. Darum kehret schnell um von dem gefährlichen Wege, ziehet eure Seele aus den Stricken, ehe euch das Herauskommen unmöglich wird. Und kommet ihr durch Gottes Gnade zu dem heilsamen Entschlusse, die sectirische Gemeinschaft zu verlassen, so versäumet nicht, ein Zeugniß der Wahrheit abzulegen, denn dieses seid ihr jenen schuldig. So beweist ihr ihnen wahre Liebe; hören sie euch nicht, so habt ihr doch eure Seelen gerettet. Freuet euch, durch eure selige Rückkehr zur Wahrheit die luther. Kirche, eure Mutter, wieder versöhnen zu können, da ihr sie zweifach geärgert hattet, einmal durch eure vorige Unbußfertigkeit und dann durch eure Untreue. Freuet euch, nun die lutherische Kirche als lebendige Glieder zieren zu können, da ihr sie zuvor als todte Glieder verunehrtet. Freuet euch, durch euer Beispiel manchen Verirrten wieder zurecht bringen und also manche theuer erlöste Seelen retten zu können; ja freuet euch endlich, der seligen Hoffnung leben zu können, daß euch der vor seinem himmlischen Vater dermaleinst bekennen wird, den ihr hier trotz aller Schmach vor den Menschen bekannt habt. Amen. Der bekehrte Jesuit. Jacob Reihing ist ein merkwürdiges Beispiel, wie oft gerade die, welche für ihren Irrthum am heftigsten eifern, wenn sie es wie ein Saulus unwissend thun (1 Tim. 1, 13.), endlich durch Gottes Gnade herumgeholt und in die gesegnetsten Werkzeuge zur Verbreitung der Wahrheit verwandelt werden. Reihing war den 6. Jan. 1579 zu Augsburg von römisch-katholischen Eltern geboren, studirte auf der Universität zu Ingolstadt, trat hierauf in den Jesuitenorden und ward an der genannten Universität Doctor und Professor der Theologie, und endlich Pfalzgräflich-Neuburgischer Hofprediger. Bis dahin war Reihing ein überaus eifriger Verfechter des Pabstthums, schrieb nicht nur mehrere Schriften zur Vertheidigung desselben und zu angeblicher Widerlegung der evangelisch-lutherischen Lehre, sondern überredete auch wirklich im J. 1614 den vormals lutherischen Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm, zu der römischen Kirche überzutreten. Auch war Reihing der hauptsächlichste Anstifter davon, daß der genannte Pfalzgraf nicht nur seinen vormaligen lutherischen Hofprediger Heilbrunner, sondern sonst auch viele seiner lutherisch bleibenden Unterthanen aus der Neuburgischen Pfalz verjagte. Die Gründe, welche Wolfgang Wilhelm bewogen haben sollten, sich zur päbstlichen Religion zu bekennen, legte Reihing der Welt in einer eignen Schrift dar, welche den Titel hatte, „die Mauern der heiligen Stadt“ d. i. der römischen Kirche. Kurz, Reihing zeigte sich als einen ächten Jesuiten, das heißt, als einen rechten Leibgardisten des Pabstes. Gott hatte jedoch beschlossen, diesen Mann zu einem ermunternden Beispiel des Reichthums seiner Erbarmung und der Kraft seiner erleuchtenden Gnade zu machen. So geschah es denn, daß Reihing im Jahre 1621 (durch fleißiges Lesen in der heil. Schrift, zu dem er genöthigt worden war, überzeugt) wider alles Erwarten um Aufnahme in den Schooß der ev.-lutherischen Kirche bat. Groß war das Aufsehen, welches dieser Uebertritt in ganz Deutschland erregte; selbst J. Gerhard schrieb in dem genannten Jahre an einen Freund in Copenhagen: „Daß der berüchtigte Jesuit Reihing auf unsere Seite getreten, ist Dir ohne Zweifel bekannt worden; es ist in der That als ein Wunder anzusehen, daß aus einem solchen Saulus ein Paulus geworden ist.“ Reihing wandte sich nach Würtemberg, hielt den 23. Novbr. ged. Jahres in Gegenwart dreier Würtembergischer Fürsten in Tübingen eine Widerrufspredigt und acht Tage darauf einen Sermon wider das römische Meßopfer in der Hofcapelle zu Stuttgart. Im J. 1628 entschlief er endlich als lutherischer Professor der Theologie und Superintendent zu Tübingen sanft und selig im wahren Glauben an seinen einigen Mittler, unseren l. HErrn JEsum Christum. Noch haben wir mehrere vortreffliche Schriften, die Reihing nach seiner Bekehrung herausgegeben, und worin er seine vorigen in päbstlicher Verblendung geschriebenen Schriften ebenso aufrichtig und demüthig, als gründlich widerlegte; eine der vorzüglichsten darunter trägt den Titel: „Die zerrissenen päbstlichen Banden.“ In diesem Buche erzählt Reihing selbst, wie er zur Erkenntniß gekommen sei, folgendermaßen: „Meine Zuhörer (in der Neuburgischen Pfalz), welche zum großen Theile Evangelische oder erst seit Kurzem zum Pabstthum verlockte waren, verlangten Beweis aus der Schrift, und meine Widersacher, gegen die ich schrieb und redete, trieben mich ebenfalls in die Schrift und forderten mich heraus, mit ihnen allein aus der Schrift zu kämpfen. Was sollte ich thun? Ich war genöthigt, für alles Schriftbeweise zu suchen, damit es in den noch unbefestigten, aber an der Schrift so festhaltenden Gemüthern meiner Zuhörer nicht den Anschein gewinnen möchte, als habe ich selbst zu meiner Sache kein Vertrauen, ja als sei ich gezwungen, sie selbst verloren zu geben. Ich bemühte mich daher dahin, das Pabstthum aus den Büchern der göttlichen Schrift zu begründen und die Augsburgische Confession damit umzustoßen. Dahin ging der Zweck aller meiner Predigten, Unterredungen und Schriften. Es schien auch vielen und mir selbst, als kämpfte ich mit Glück; ich ging wie ein hochgefeierter Sieger schon einher, und galt auch hie und da dafür. Doch die Rechnung des HErrn im Himmel war eine andere; nach seinem Rathschluß sollte mein Kampf einen ganz andern Ausgang gewinnen. Wie durch einen göttlichen Lichtstrahl wurde nämlich endlich die Blindheit und Finsterniß meines stolzen Geistes vertrieben; ich fing seit etwas länger als einem Jahre an, mit einem von Tage zu Tage immer helleren Blicke meines vom Himmel herab erleuchteten Geistes einzusehen, daß die h. Schrift in allen wichtigsten Streitpuncten auf das deutlichste wider die Päbstler und für die Evangelischen sei. Und so wurde denn endlich nicht nur den päbstlichen Irrthümern die ihnen vorgehängte lügnerische Wahrheitslarve abgezogen, sondern auch von der evangelischen Wahrheit die über dieselbe gezogene Schminke des Irrthums in meiner Seele abgewischt. Der als Wahrheit von mir vormals vertheidigte Irrthum fiel, und die als Irrthum von mir bekämpfte lauterste Wahrheit wachte endlich in mir auf, und siegte, und triumphirte. Gedruckt bei Weber und Olshausen.