# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 03 22_S58 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 58 ich auch gemerkt, daß aller Irrthum, Ketzerei, Abgötterei, Aergerniß, Mißbrauch und Bosheit in der Kirche daher gekommen sind ursprünglich, daß dieser Artikel, oder Stück des Glaubens von JEsu Christo verachtet, oder verloren worden ist. Und wenn man's bei dem Licht und recht ansieht, so fechten alle Ketzereien wider den lieben Artikel von JEsu Christo, wie Simeon von ihm sagt, daß er sei gesetzt zum Fall und Auferstehen Vieler in Israel, und zum Zeichen, dem widersprochen wird, und Jesaias lange zuvor ihn einen Fels der Aergerniß und des Anlaufens verkündigt hat.“ Dieser Artikel von unserm HErrn JEsu Christo war es denn auch, an welchem Arius sich freventlich vergriff und zu einem hartnäckigen und verderblichen Irrlehrer wurde. Der Ort, von welchem die Arianische Pest ausging, war die große und im christl. Alterthum weit berühmte Stadt Alexandrien in Egypten. Hier war Arius Presbyter und Pfarrer an der Baukaliskirche und zeichnete sich ebenso durch hohe Verstandesgaben, als durch einen streng moralischen Wandel aus. Allein es war ein unruhiger und hoffärtiger Geist in ihm, daher er schon einmal als Diakonus, weil er sich gegen christl. Kirchenzucht aufgelehnt hatte, von der Kirche ausgeschlossen worden war. Er hatte aber hernach seine Schuld bekannt, und so war er wieder aufgenommen und in das genannte Pfarramt befördert worden. Es dauerte jedoch nicht lange, so gerieth er auf neue, nur noch gefährlichere Abwege in der Lehre. Hierzu mochte er allerdings äußerlich veranlaßt worden sein durch den Vorgang mancher Alexandrinischen Kirchenlehrer, welche, den buchstäblichen Verstand des göttl. Schriftworts verlassend, die christlichen Glaubenswahrheiten mehr und mehr zu vergeistigen und nach menschlicher Vernunftweisheit auf eine eigenthümliche Weise zu entwickeln suchten. Wenn aber diese Lehrer doch meistentheils noch den eigentlichen Grund des Glaubens mit Ehrfurcht gegen das geoffenbarte Wort Gottes festzuhalten suchten, so ging Arius noch einen bedeutenden Schritt weiter, und erhob seine Vernunft zur Richterin über die Glaubenswahrheiten, indem er das, was er als göttliches Geheimniß nur demüthig hätte glauben sollen, ungläubig bezweifelte und nach eitlen Menschengedanken sich und andern offenbar wider Gottes Wort auslegte. Weil er nämlich nicht begreifen konnte, wie der Sohn Gottes von Ewigkeit her aus dem Wesen des Vaters solle gezeugt worden und also, der Person nach, von dem Vater unterschieden, aber dem Wesen nach mit dem Vater gleicher, ewiger und allmächtiger Gott sein, so meinte er, es habe eine Zeit gegeben, wo der Sohn Gottes mannigfach abgewichen sind. Es werden hier nämlich ihre Verirrungen nicht geläugnet, noch weniger gut geheißen, solche Lehrer selbst aber auch nicht als Irrlehrer verworfen, wenn sie auf die Frage, wie der in Sünden verderbte und verdammte Mensch gerecht und selig werden könne, im Wort und reinen Sakrament auf nichts Andres, als auf den für uns gestorbenen und auferstandenen Gottes- und Menschensohn hinweisen, an welchen der an sich verzagende Sünder nur festiglich glauben müsse, um Vergebung der Sünden, und somit neues Leben und Seligkeit zu finden. noch gar nicht existirt habe und Gott noch nicht Vater gewesen sei; erst zu einer gewissen Zeit, obwohl vor allen Creaturen, sei der Sohn von dem Vater geschaffen worden; es sei also der Sohn nicht gleiches Wesens mit dem Vater, nicht ewiger, allmächtiger Gott, sondern ein bloßes Geschöpf und nur ein adoptirter Sohn Gottes, der sonst vor andern Kindern Gottes keinen Vorzug habe, als daß durch ihn alle Dinge gemacht worden seien. Unter mehreren anderen lästerlichen Behauptungen, welche alle wider den Artikel von Christo und der heil. Dreieinigkeit stritten, lehrte Arius auch von dem heil. Geist grundfalsch, daß derselbe von dem Sohne geschaffen und darum geringer, als der Sohn, und also noch viel geringer, denn der Vater sei ꝛc. — Die christlichen Leser dieses Blattes werden selbst bald merken, welche Stellen der heil. Schrift der verblendete Arius zu Vertheidigung seiner Irrthümer gemißbraucht habe, und was darauf zu antworten sei. Uns aber würde es hier zu weit führen, weiter darauf einzugehen. Ein jeder Christ, der sich vor Gottes Wort fürchtet, (Jes. 66, 2.) und in demüthiger Unterwerfung Gott die Ehre gibt, daß Niemand den Sohn kenne, denn nur der Vater, und Niemand den Vater kenne, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren (Matth. 11, 27.); ja, ein jeder Christ, der diese, aus unendlicher Erbarmung uns blinden, thörichten Menschen geschenkte Offenbarung des dreieinigen Gottes dankbar und im Glauben annimmt, der darf, nächst unzähligen andern Stellen des alten und des neuen Testaments nur das Evang. Johannis aufschlagen, wo gleich in den ersten Versen auf eine ebenso klare, als erhebende Weise gesagt wird, daß „das Wort (d. i. nach Vers 14. der wahrhaftige Sohn Gottes) im Anfang war, und bei Gott und Gott selbst und von Anfang bei Gott war.“ Schon aus diesem einzigen herrlichen Zeugniß ist ja genugsam offenbar, daß Vater und Sohn dem ewigen göttl. Wesen nach Eins, aber der Person nach verschieden seien, sowie der heil. Geist, der da ausgeht vom Vater und vom Sohn, nach andern klaren Aussprüchen der Schrift, als die dritte Person in der Gottheit, mit dem Vater und dem Sohn gleichfalls Eins und gleicher, ewiger und allmächtiger Gott ist. (Vergl. 2 Sam. 23, 2—3. mit Luther's unvergleichlicher Auslegung dieser letzten Worte David's; dazu Joh. 15, 26. Apostelg. 5, 3—4, 1 Cor. 2, 10. 1 Joh. 5, 7. u. a. m.) Solches Alles bezeugte dem Arius auch sein ehrwürdiger und besorgter Bischof Alexander, und ermahnte ihn mit Ernst und Liebe, von seinem Wahne abzustehen. Allein vergeblich! — Der Bischof rief noch andere Zeugen der Wahrheit und endlich seine ganze Geistlichkeit herzu, um in deren Gegenwart den Verirrten zu warnen und auf den Grund des wahren Glaubens zurückzuführen. Als aber Arius nur immer eifriger auf seinem Irrthum beharrte, und schon eine bedeutende Anzahl anderer Seelen dazu verführt und mit fortgerissen hatte, so wurde er im Jahr 321 in einer Synode von vielen benachbarten Bischöfen, welche in Alexandrien zusammengekommen waren, mit neun seiner Anhänger förmlich aus der Kirche ausgeschlossen. — „Es ist sehr leicht, zu sagen (bemerkt hierbei ein christlicher Schriftsteller*), daß Stillschweigen und Duldung bei dieser Sache das beste Mittel gewesen sein würde, um auf allen Seiten den Frieden in der Kirche zu erhalten,“ (wie denn selbst der Kaiser Constantin Anfangs in seiner Unerfahrenheit auch nichts weiter zu rathen wußte, und noch viel mehr die blinde Welt noch heute in solchen Fällen keine andere Sprache zu führen weiß, als daß man doch einen Jeden bei seinem Glauben lassen solle—); „allein kein wahrer Christ kann es für unwichtig halten, ob sein Heiland als der Schöpfer, oder als ein Geschöpf angesehen werde. Es hat mit unserer Seele zuviel zu bedeuten, als daß wir ihre Seligkeit auf etwas hin, man weiß nicht, was, wagen sollten, und allen demüthigen Christen war es damals klar, daß das Beharren in einer Gotteslästerung zum wenigsten ein ebenso praktisches Uebel sei, als das Beharren in der Trunkenheit, oder beim Diebstahl.“ — Darum möchte man sich vielmehr wundern, wie ein Arius, auch nachdem er als ein abtrünniger und unbußfertiger Verführer ausgeschlossen worden war, selbst noch in seiner Verbannung so viele Seelen anstecken und für sich gewinnen konnte. Denn nicht nur, daß er bei dem angesehenen Bischof Eusebius von Nicomedien und vielen andern Bischöfen, Presbytern und Diakonen offene Ohren und freundschaftliche Aufnahme fand, sondern auch eine große Menge Volks in allen Theilen des römischen Reichs, darunter allein viele Hundert Frauenzimmer, welche um gewisser Gelübde willen in dem Rufe einer besonderen Frömmigkeit standen, ja sogar viele Magistratspersonen und späterhin der kaiserliche Hof selbst, ließen sich mehr und mehr von dem trügerischen Irrlichte der neuen Arianischen Vernunftweisheit blenden und hinreißen. Allein, dasjenige abgerechnet, was wir bereits im ersten Abschnitt über die damalige Zeit gesagt haben, so hat man sich auch noch aus drei andern Gründen über solches Umsichgreifen des Arianismus nicht zu wundern. Denn 1. alle Menschen, also auch die Frommen, wenn sie nicht wachen und beten, sind nach ihrem verderbten Herzen leicht bethört und überwunden, wenn der Versucher durch ein neues aufblähendes Wissen ihnen vorgespiegelt, wie sie dadurch zu höherer Erkenntniß gelangen, ja sogar „sein würden, wie Gott.“ (1 Mos. 3, 5.) 2. Fast alle Irrlehrer und Verführer haben einen großen Schein von Verläugnung ihrer selbst, von Verstandesklugheit und göttlichem Liebeseifer, wodurch die Schwachen leicht getäuscht werden. So sagt uns auch ein Zeitgenosse des Arius, daß derselbe ebenfalls nicht nur eine große Schärfe des Verstandes, eine ungemeine Gewandtheit im Disputiren und etwas sehr Einnehmendes im Umgang besessen, sondern auch dabei in seiner hagern Gestalt mit blassem, be- *) Millner, Kirchengesch. Th. II, pag. 64.