# Der Junge Lutheraner_Frankfurt am Main_Januar 1950_S3 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Nummer 1 Januar 1950 Seite 3 Das Urteil eines Mediziners Unsere augenblickliche Zeit ist so reich an Wundern, daß der Gedanke nahe liegt, in der Häufung dieser wundersamen Heilungen und Erscheinungen, eine besondere Fürsorge Gottes um unser geschlagenes Europa zu erblicken: Auf der anderen Seite aber — und gerade diesen Erwägungen fehlt es nicht an recht deutlichen Hinweisen — ist daran zu denken, daß die Entstehung dieser „Wunder“ nicht einer göttlichen Offenbarung zuzuschreiben ist, sondern auf den Wunsch der Menschen danach zurückzuführen ist. Die legendäre Entstehungsgeschichte, die den wundersamen Heilungen in Lourdes zu Grunde liegt, dürfte durch F. Werfels Roman und den entsprechenden Film genügend bekannt sein. Die Historie besagt, daß seit dem Jahre 1858, seit 90 Jahren also, eine ununterbrochene Kette von Heilungen übernatürlicher Art stattfand. Unter einer Wunderheilung müssen wir, medizinisch betrachtet, eine Heilung verstehen, welche ihrem Wesen nach nicht durch Naturkraft zu erklären ist. Um nun diese Wunder als übernatürliches Geschehen sicherzustellen, müssen Ärzte hinzugezogen werden, die als Kenner der Naturkräfte zu einer Wunderkonstatierung am ehesten befähigt sein dürften. Die Entwicklungsgeschichte Lourdes zeigt nun, daß bis zum Jahre 1892 die Wunder ohne ärztliche Konstatierung vonstatten gingen, bis im selben Jahre ein von zwei Ärzten besetztes „Bureau de Constatations“ eingerichtet wurde, welches dem oben erwähnten Zwecke einer medizinisch-kritischen Stellungnahme diente. Doch hören wir, was eine Autorität auf dem Gebiete der Nervenerkrankungen in seinen Vorlesungen über „Psychoneurosen und ihre psychische Behandlung“ (Verlag von A. Franke, Bern 1905) zu berichten weiß. Professor DuBois, a.o. Professor an der Universität Bern, schreibt (17. Vorlesung, Seite 203): „Die dort (Lourdes) erzielten Heilungen sind im ganzen selten; viele betreffen Neuropathen, die ganz ebensogut und schnell durch jeden anderen suggestiven Einfluß geheilt worden wären. Andere Kranke mit körperlichen Leiden erklären sich darum als geheilt, weil sie in Lourdes nervöse Störungen, welche das organische Leiden begleiten, verloren oder eine Abnahme der schmerzhaften Erscheinungen konstatiert (festgestellt) haben, die ja — vergessen wir das nicht — im wesentlichen stets psychischer Natur sind. Aber vor allem habe ich bei den Ärzten des Konstatierungsbureaus trotz ihres unbestreitbar guten Glaubens eine solche Geistesverfassung angetroffen, daß ihre Beobachtungen in meinen Augen jeden Wert verlieren. Von vornherein schon überzeugt, haben diese Ärzte auch nicht einen Anflug von kritischem Geist; ihr Vertrauen in das Zeugnis nicht nur der Ärzte, sondern ganz beliebiger Personen übersteigt alle Grenzen, und ich konnte ihren Berichten entnehmen, daß viele von den sogenannten Wunderkuren ihr Zustandekommen nur dieser durch und durch mangelhaften Konstatierung verdanken.“ Soweit Prof. Dr. DuBois im Jahre 1905 über Lourdes und seine Wunderheilungen. Die Hoffnung aber, daß der Fortschritt der Wissenschaften die zweiten 50 Jahre Lourdes-Wunderheilungen in einem kritischen Licht erscheinen läßt, wird zunichte, wenn wir ein im Jahr 1933 erschienenes Buch: „Wunderbare Heilungen von Lourdes“ lesen. Die Verfasser dieses Buches sind die führenden Mitglieder des „Bureau de Constatations“ in Lourdes. Es handelt sich um Dr. August Valles (Präsident des ärztlichen Feststellungsbureaus) und Dr. Robert Dubuser (Mitglied unserer lieben Frau v. Lourdes), die sich nun durch sehr instruktive medizinische Zeichnungen und in einem gefühlvollen Erzählerstil bemühen, medizinischen Laien in scheinbar wissenschaftlicher Berichterstattung eine größere Anzahl Wunderheilungen anschaulich zu machen. Das Täuschende dieser Wissenschaftlichkeit können wir am besten am geschilderten Fall Peter de Rübber erkennen. Es handelt sich um einen Holzarbeiter, dem im Jahre 1867 der linke Unterschenkel zertrümmert wurde. Nach 8-jähriger erfolgloser ärztlicher Bemühung wurde sein Bein, aus dem zwei völlig vereiterte Knochenstümpfe herausragten, innerhalb von Sekunden in Lourdes-Dastacker geheilt. Die Einmaligkeit dieses Wunders hätte es nun erforderlich gemacht, daß dieses übernatürliche Ereignis in einer Veröffentlichung der Welt — und besonders der medizinischen — zur kritischen Stellungnahme bekanntgemacht worden wäre. Statt dessen geschah zunächst gar nichts. Peter de Rübber lebte noch 23 Jahre und seine Sektion, die einen normalen Unterschenkelknochen zeigte, nahmen drei belgische Ärzte zum Anlaß, diese Geschichte aufzugreifen und sie als großes Wunder zu veröffentlichen (1900). Dies alles 25 Jahre nach seiner „wunderbaren Heilung“. Diese drei Ärzte schufen also kraft ihrer ärztlichen Autorität aus einer unbewiesenen Erzählung ein medizinisch erwiesenes Wunder, zumindest für die Laienwelt. Die Leiter des „Bureau de Constatations“ Lourdes, Dr. Valles und Dr. Dubuser, griffen im Jahre 1933 diese alte Geschichte wieder auf, steuern einprägsame Bilder hinzu, und präsentieren sie wieder in derselben oberflächlichen Kritiklosigkeit als aufgewärmtes Wunder der staunenden Mitwelt. Wenn wir bedenken, daß dieselben Ärzte täglich die Entscheidung über natürliches Geschehen und Wunder zu fällen haben, so glaube ich, daß wir für die Entstehung weiterer Wunder keine Sorge zu haben brauchen, und daß wir uns, was Lourdes betrifft, auch heute noch der Meinung Prof. DuBois' anschließen können, daß der Aberglaube an der Schwelle des 20. Jahrhunderts noch ebenso lebenskräftig sei, wie im Mittelalter. (Dr. med. G. Munder) Müssen wir kritisieren? Als mir die Notiz über „Was sagen wir zu Lourdes?“ ins Auge fiel, berührte mich diese sehr eigenartig. Den Film „Das Lied von Bernadette“ habe ich auch gesehen und ich beurteile den Film und die Wallfahrten nach Lourdes nicht als eine Propaganda. Denn wer mit gläubigem Herzen an diesen Wallfahrten teilnimmt, dem wird es gewiß auch zum Segen gereichen. Wir können nicht immer die Sitten und Gebräuche der kath. Kirche verstehen. Als ich im vergangenen Jahr einmal einer Marien-Andacht beiwohnte, befremdete es mich sehr, daß immer die Mutter Maria um Hilfe angerufen wurde. Dies äußerte ich bei einer Katholikin und sagte ihr auch, daß wir doch nur bei Gott und Jesu Hilfe suchen könnten. Sie antwortete mir, daß sie dies ja auch nur täten; doch riefen sie die Heiligen als ihre Fürsprecher zu Gott und Jesu an. Auch möchte ich an dieser Stelle ein Wort nicht unberücksichtigt lassen, was mir sehr zu denken gegeben hat. Als ich mich einmal mit Bekannten über Kirche und Luther unterhielt, sagte mir ein 17-jähr. Lehrling (sudetendeutscher Katholik): „Auch die katholische Kirche hat Luther sehr viel zu danken!“ Ich glaube, daß es nicht unsere Aufgabe ist, an anderen Konfessionen herumzukritisieren, sondern daß es besser ist, wir achten und ehren jeden gläubigen Menschen, ganz gleich welcher Konfession er angehört. Und wir wollen lieber danach streben, so eine Gemeinde zu werden wie die in Philadelphia, auf daß wir vor Gott getreu erfunden werden. (Siehe Offenbarung 3, 7—13). J. St., Kassel. Unsere Meinung Wird durch die Frage: „Was sagen wir zu Lourdes?“ die persönliche Achtung, die wir anderen Menschen entgegenbringen sollen, irgendwie berührt? „Tut Ehre jedemann!“ mahnt Gottes Wort und fordert doch zugleich: „Prüfet alles!“ Die Schrift warnt sogar, daß sein werden „falsche Lehrer, die nebeneinführen werden verderbliche Sekten und verleugnen den HErrn, der sie erkauft hat.“ (2. Petr. 2, 1) Und der HErr Jesus ruft uns zu: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe“ (Matth. 7, 15). Darum kann eine Stellungnahme zu Lourdes nicht abgewiesen werden mit dem Hinweis, daß es nicht unsere Aufgabe sei, an anderen Konfessionen herumzukritisieren. Es ist nicht ein Herumkritisieren, wenn wir vor dem Wunderglauben an Lourdes und der Propaganda, die mit Lourdes getrieben wird, warnen, sondern die Schrift selbst macht uns das zur Pflicht. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Timotheusbrief (Kap. 4, 1 ff.): „Der Geist saget deutlich, daß in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhängen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleisnerei Lügenredner sind.“ Und Paulus macht es dem Timotheus und damit jedem Diener am Wort, ja jedem Christen zur Pflicht, die Brüder im Glauben davor zu warnen: „Wenn du solches den Brüdern vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein.“ Lourdes im Lichte der Schrift Die Gemeinde zu Philadelphia wird doch gerade darum gelobt, daß sie Gottes Wort behalten und den Namen des HErrn nicht verleugnet hat, und ihr wird die Mahnung zugerufen: „Halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme.“ (Offb. 3, 8. 11) Wir müssen uns fragen, ob dazu auch ein nüchternes Urteil und eine klare Stellungnahme zu Lourdes gehört, daß wir halten, was wir haben. Es ist für unsere Beurteilung unerheblich, wieviele Wunderheilungen im Laufe der Jahre in Lourdes vorgekommen sind. Viel wichtiger ist für uns die Frage, ob ein solcher Wunderglaube im Licht der Heiligen Schrift bestehen kann. Und entscheidend ist da für uns als lutherische Christen, wie wir uns zu der Heiligenverehrung, insbesondere der Marienverehrung stellen, die in der römisch-katholischen Kirche durch die Wunderquelle von Lourdes einen starken Auftrieb erfährt und bewußt genährt wird. Diese Tendenz liegt auch dem Film: „Das Lied von Bernadette“ zu Grunde und ist, weil die Regie des Films so meisterhaft geführt ist, nur umso bedenklicher. Denn die Heiligenverehrung und insbesondere die Marienverehrung der römisch-katholischen Kirche ist wider die Schrift und eine Schändung und Verleugnung des Namens Gottes und unseres Heilandes. Als ich in der Kriegsgefangenschaft Gelegenheit hatte, mich mit einem katholischen Geistlichen viel über Fragen des Glaubens auszusprechen, versuchte dieser einmal, mich mit dem Hinweis auf Lourdes und die dort erzielten Heilerfolge davon zu überzeugen, daß der katholische Glaube und die katholische Kirche allein wahr und allein seligmachend seien. Wir kamen dabei auch auf die Marienverehrung zu sprechen, und er forderte mich auf, ihm eine Stelle der Bibel zu nennen, wodurch die Heiligenverehrung als nicht schriftgemäß nachgewiesen würde. Ich nannte ihm das bekannte Wort aus dem Propheten Jesajas: „Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nicht, und Israel kennet uns nicht. Du aber, HErr, bist unser Vater und unser Erlöser, von Alters her ist das dein Name“ (Jes. 63, 16). Da schwieg er betroffen und hat dieses Thema nie wieder berührt. Wir müssen aber die römische Heiligenverehrung ebenso in das Licht des anderen Gotteswortes stellen: „Ich, der HErr, das ist mein Name, und will meine Ehre keinem andern geben noch meinen Ruhm den Götzen“ (Jes. 42, 8). Darum müssen wir es auch heute noch als eine Verleugnung seines Namens ansehen, wenn die Maria oder andere Heilige als Fürsprecher angerufen werden. „Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist“ (1. Joh. 2, 1), und wer andere Fürsprecher anruft, tastet die Ehre des Namens Jesu Christi an. Die Gemeinde zu Philadelphia (Offb. 3, 7 f) wird gewarnt „vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über der ganzen Welt Kreis, zu versuchen, die da wohnen auf Erden.“ Was in Lourdes vor sich geht und was darüber durch Presse und Film über die ganze Welt hin berichtet wird, ist mehr als Propaganda. Es ist eine große Versuchung für alle, „die da wohnen auf Erden“ und ganz besonders für uns Christen. Wie können wir vor dieser Versuchung bewahrt werden? Gott sagt es der Gemeinde zu Philadelphia mit den Worten: „Dieweil du hast behalten das Wort meiner Geduld, will ich auch dich bewahren vor der Stunde der Versuchung“.