# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 02 16_S101 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſie nichts beſſeres haben könne, bisweilen in den Gottesdienſt der Methodiſten. Da ich von ihr zugleich hörte, daß erſt vor kurzem ihre Tochter den Methodiſten ſich angeſchloſſen hatte, bloß darum, weil kein lutheriſcher Prediger da ſei, ſo nahm ich Gelegenheit, ihr den Beſuch methodiſtiſcher Pre⸗ digt abzurathen und ſie auf das Segensreiche der Privaterbauung in ſolchem Nothfalle hinzuweiſen. Sie ließ mich hierauf zu etlichen lutheriſchen Fa⸗ milien führen, die zwar alle ein Predigtamt unter ſich zu haben wünſchten, aber nun ganz muthlos geworden waren, da in der letzten Zeit ſo Viele zu den Methodiſten übergingen und die Zahl der Lutheraner bis auf wenige Familien zuſammen⸗ geſchmolzen wäre. Ich gab ihnen die nöthigen Weiſungen, verkaufte ihnen meine ſämmtlichen Katechismen und beſtellte auf den zweitnächſten Abend Gottesdienſt, zu welchem mir ſogleich ein Haus angeboten wurde. Den andern Tag hatte ich für einen Beſuch in einer Niederlaſſung beſtimmt, die ſieben Meilen von der Stadt entfernt liegt. Ein Schweizer nahm mich auf ſeinem Ochſenwagen mit und bat mich, bei ihm zu übernachten, und am andern Morgen in ſeinem Hauſe Gottesdienſt zu halten und ſein Kind zu taufen. Ich predigte vor einer kleinen Verſammlung, verrichtete die Taufe, ver⸗ theilte Schriften, beſprach mich mit den Leuten über ihre kirchliche Verſorgung und vernahm leider auch die traurige Nachricht, daß nur noch ein paar lutheriſche Familien da ſeien, alle übrigen aber, die in dieſer Niederlaſſung wohnen, ſich zu den Methodiſten geſchlagen hätten. Nachmittags ging ich denn wieder zu Fuße in die Stadt zurück und, nachdem ich ein Stündchen ausgeruht hatte, be⸗ gann ich den Gottesdienſt, bei dem ſich eine kleine Anzahl Lutheraner und etliche Reformirte einfan⸗ den. Ich hatte mir vorgenommen, nach Pſalm 27, 4. die Herrlichkeit und Seligkeit der öffent⸗ lichen Gottesdienſte, in denen Gottes Wort rein und lauter gepredigt und die Sacramente nach des HErrn Einſetzung verwaltet werden, meinen Zuhörern anzupreiſen. Bei dem Anblick dieſer armen verlaſſenen Schafe war mein Herz auf das tiefſte bewegt und der HErr gab Gnade, daß ich eindringlich zu den Seelen reden konnte. Man⸗ ches Auge ſchwamm in Thränen, mancher Seuf⸗ zer wurde lautbar, als ich meinen Zuhörern ihr geiſtliches Elend zu Gemüthe führte und ſie ernſt— lich bat, doch alles mögliche zu thun, um einen Prediger der rechtgläubigen Kirche zu erhalten. Aber leider, ich ſehe es wohl ſelbſt ein, daß vor der Hand an kirchliche Verſorgung dieſer Armen nicht zu denken iſt — und ach, wenn jetzt nicht, dann für die Zukunft wohl gar nicht mehr. Die Methodiſten ſind hier gleichſam Herr im Hauſe. Erſt vor kurzem ſollen ſie ein Häuflein von unſern ehemaligen Glaubensgenoſſen in ihre Gemein⸗ ſchaft aufgenommen haben, ſo daß etwa nur noch zehn lutheriſche Familien in der Stadt und noch wenige auf dem Lande vorhanden ſind, und wie lange werden ſich auch wohl die noch feſt erhal⸗ ten, wenn ihnen nicht bald Hilfe gereicht werden kann! Gute Poſtillen, das Leſen des Lutheraners und Gedet und Flehen um einen Prediger ernſt⸗ é 10¹ lich zu empfehlen, war alles, was ich beim Ab⸗ ſchiede hinterlaſſen konnte. Ein Mann jedoch, der mit der Schrift nicht ganz unbekannt war und ſich überhaupt ſehr gut ausſprach, verlangte, als ich gehen wollte, meine und Deine Adreſſe, wie auch ein Exemplar der Synodalconſtitution, und verſprach, ſein Möglichſtes zu thun, daß ein Ge⸗ meinlein mit der Zeit noch zu Stande komme. Wie nothwendig wäre es, daß dieſe wenigen Leute durch einen reiſenden Prediger unſerer Synode von Zeit zu Zeit beſucht würden, damit ſie nich; ganz entfallen „von des rechten Glaubens Troſt“, und ſo endlich mit dem Städtchen ein lutheriſches Gemeinlein erblühte, das gewiß mit der Zeit wach⸗ ſen würde, da Jowa City ſeiner Lage nach ſich in kurzem wohl bedeutend vergrößern wird. Wäre das nicht von Jowa City zu hoffen, ſo würden Römiſche, Methodiſten u. A. hier nicht ſo thätig ſein. O, lieber Bruder, wenn wir doch nur öfter und fleißiger an des HErrn Wort gedächten: „Die Ernte iſt groß, aber wenig ſind der Arbeiter; dar um bittet den HErrn, daß er Arbeiter in ſeine Ernte ſende.“ ö Daß ich nun ein paar Tage wieder in Blo o⸗ mington mich aufhalte, geſchieht aus Noth, wie ich Anfangs erwähnte. Ich hätte nach mei⸗ ner Zurückkunft von Jowa City gerne gleich wei⸗ ter eilen mögen, da es hier für mich nichts weiter zu thun gibt. Außer den Methodiſten und etlichen Albrechtsleuten gehören die übrigen pro⸗ teſtantiſchen Deutſchen einer evangeliſchen Ge⸗ meinde an, die von einem Bruder des evangeli⸗ ſchen Predigers Ries in St. Louis dermalen be⸗ dient wird. Winkelſchleicheriſch wollen wir ja nicht verfahren und ſo enthielt ich mich denn in Bloomington alles weiteren Miſſionirens. Dieſen Nachmittag erwartet man noch ein Boot. Ich ſehe demſelben um ſo ſehnlicher entgegen, da der mir von meinen Gemeinden gegebene vier⸗ wöchentliche Urlaub bereits ſchon um ein ziemliches abgelaufen iſt. Der HErr ſei mit Dir und verleihe Glauben und Freudigkeit, Liebe und Weisheit Deinem Lochner. Burlington, Jowa, den 28. Nov. Lieber W.! Ich mochte wohl kaum eine halbe Stunde mei⸗ nen Brief an Dich beendet und aufs Neue zum HErrn geſeufzt haben, mir zu einer baldigen Weiterreiſe zu verhelfen, als ich aus der Ferne aufſteigende Dampfwolken bemerkte und bald ein kleines Dampfboot den Fluß herabkommen ſah. Nach ſo langem Warten war mir dieſes Boot ein fröhlicher Anblick, obgleich ſein ſchmutziges, lüder⸗ liches Ausſehen im Aeußeren und noch mehr im Innern keineswegs etwas anlockendes hatte, und ich eilte ihmm daher mit Sack und Pack zu, ſobald es anlandete. Ich will Dir hier nicht weiter er⸗ zählen von der großen Unreinlichkeit, die in jeder Beziehung auf dieſem Schiffe herrſchte, und von der außerordentlichen Grobheit des Capitains und ſeines Clerks und von der lieblichen Nacht, die ich mit einer Anzahl Paſſagiere auf einem Stuhle ſitzend zubringen mußte, da in den Schlafſtellen der Cajüte nichts als die blanken Bretter waren — genug, ich ſehnte mich ebenſo ſehr wieder von dieſem Boote zu kommen, als ich zuvor wünſchte, mit ihm von Bloomington ab⸗ gehen zu können. Nachdem ich am andern Morgen in Bur⸗ lington angekommen war und mein Gepäck in dem nächſten beſten Gaſthof niedergelegt hatte, verfügte ich mich zu einem deuiſchen Uhrmacher aus Gera, an den mich ſein ſchon erwähnter Landsmann in Bloomington empfohlen hatte. Leider war ich ohne mein Wiſſen zu einem Frei⸗ geiſt gerathen, dennoch aber enthielt ſich der Mann des Spottens über religiöſe Dinge und bot mir endlich ſogar an, mich zu etlichen Lutheranern zu führen, die ſich für kirchliche Angelegenheiten in⸗ tereſſirten. Durch ihn wurde ich hauptſächlich mit einem Mann aus der Gegend von Nürunberg bekannt, der hier einen Store hält, mit den übri⸗ gen Lutheranern in B. vermöge ſeines Geſchäfts in ſtetem Verkehr ſteht und von jeher ſich mit Gemeindeangelegenheiten befaßt hat. Er freute ſich nicht wenig, als er hörte, daß ich aus Nürn⸗ berg, und noch mehr, daß ich Diener der lutheri⸗ ſchen Kirche ſei. Auf mein Befragen vernahm ich von ihm, daß hier eine „evangeliſche Ge⸗ meinde“ beſtehe, die früher von einem Paſtor Rieger bedient wurde und nun einen Zögling des Hamburger rauhen Hauſes Namens Eppens zum Prediger hat; derſelbe aber habe nur ein kleines Häuflein, da viele Lutheraner und Refor⸗ mirte nichts mehr mit ihm zu thun haben woll⸗ ten. Als ich nach der Urſache fragte, wurde mir von ihm theils herrſchſüchtiges Benehmen des Herrn E., theils methodiſtiſches Weſen desſelben in Lehre und Praxis genannt, wodurch er bereits ſchon mehrere Glieder ſeiner Gemeinde den Me⸗ thodiſten in die Hände geliefert habe. Indem ich mich mit dieſem Manne unterhielt, kamen noch mehrere Leute herbei, die alle ſeine Ausſagen über Herrn E. beſtätigten und mich einſtimmig zu einer Predigt aufforderten. Ein Prediger, der da wohl weiß, wie über Niemanden ärger gelogen wird, als über die Träger des heiligen Amtes, nimmt nicht alles für baare Münze an, was er nachtheiliges auch über diejenigen Prediger ſagen hört, die mit ihm nicht eins ſind im Glauben, und ſo hielt ich es für das Beſte, mit Herrn E. frei und offen zu ſprechen, um ſo mehr, da mich einer ſeiner Vorſieher, der auch noch herbei ge⸗ kommen war, hierzu aufforderte. Leider ſtellte ſichs mir als Wahrheit heraus, was ich über das heftige, rückſichtsloſe Weſen des Herrn E. vernom⸗ men hatte. Als ich ihm das mir von der Synode mitgegebene Empfehlungsſchreiben zeigte, äußerte er, daß ein jeder Landläufer ſich ſelbſt ein ſolches ausſtellen könne, und ohne von mir auch nur mit einem Worte um den Gebrauch ſeiner Kirche er⸗ ſucht worden zu ſein, verbat er ſich das Predigen in derſelben und bemerkte ſpöttiſch, den andern, die nicht zu ſeiner Gemeinde gehörten, könnte ich ja nach der Freihein dieſes Landes predigen, wann und wo ich Luſt hätte. Ich war nicht ge⸗ kommen, mit dem Manne mich herum zu zanken, ſondern mich von der Wahrheit oder Unwahrheit