# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 03 02_S94 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Freunde mag es darum höchſt unpraktiſch erſchei⸗ nen, zu einer ſolchen Jahreszeit eine Miſſions⸗ reiſe in den Norden unternehmen zu wollen; aber Du weißt ja, wir meinten, es ſei beſſer, in dieſem Jahre geſchehe hinſichtlich des Beſuches unſerer zerſtreuten Glaubensbrüder lieber noch etwas, als gar nichts. Was ich nun bisher ausgerichtet habe? Wohl nur ſo viel, daß ich Dir und den Brüdern ſagen kann, in Galena, von dem unter uns ſchon ſo oft die Rede war, iſt uns vom HErrn keine Thüre aufgethan. Und hierüber wollten wir uns ja auch nur durch meinen Beſuch Gewißheit verſchaffen. Meine Reiſe nach Galena war ziemlich lang⸗ weilig. Als ich am Mittwoch den 7. November mit dem Dampfboote Falcon St. Louis verließ, hoffte ich, am Samstag dort einzurreffen, der Sonntag kam, und das Boot zog erſt an Bur⸗ lington vorüber. Meine ganze Miſſionsthätig⸗ keit konnte ſich daher nur auf Erkundigungen er⸗ ſtrecken, die ich von den Schiffspaſſagieren über deutſche Anſiedelungen in dieſen Gegenden einzog, und wäre ich der engliſchen Sprache völlig mäch⸗ tig geweſen, ſo hätte ich doch auch hier, wo ich der einzige Deutſche war, ein Zeugniß von Chriſto ablegen können. Es that mir in der Seele wehe, als am Sonntag zu wiederholten Malen mich mehrere Paſſagiere mit Bitten beſtürmten, ihnen eine Predigt zu halten, und, da ich ihnen meine Unfähigkeit erklärte, meinten, ſie wollten zufrieden ſein, wenn ich auch ganz gebrochen ſpräche und nur eine Viertelſtunde lang reden könute. Ein wichtiger Wink für die jungen Leute, die ſich in unſern beiden Seminarien vorbereiten, wie nöthig ihnen ſei, daß ſie auch der engliſchen Sprache ſo weit mächtig werden, um in derſelben predigen zu können! Am Dienstag endlich erreichte ich nach ſieben⸗ tägiger Fahrt Galena. Ein Bild, das ich von dieſer Stadt auf dem Dampfboote geſehen hatte, machte mich nach ihrem Anblick lüſtern. Und in der That, Galena liegt äußerſt maleriſch. Da erhoben ſich ſteile Berge auf beiden Seiten des Flüßchens, auf dem das Boot, den Miſſiſſippi verlaſſend, einlief, und an ihnen hinan lagerten ſich Häuſer und Kirchen, von welchen beſonders die katholiſche Kirche und die im gothiſchen Styl erbaute Kirche der Episcopalen, deren Thurm⸗ ſpitze ein Kreuz zierte, meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Meine erſte Frage war nach dem Tiſchlermeiſter Neefe aus Altenburg, an den Du mich empfohlen hatteſt; aber zu meinem Bedauern vernahm ich, „daß derſelbe vor etlichen Wochen erſt Galena ver⸗ laſſen habe und nach Wisconſin gezogen ſei. An wen ſollte ich mich nun wenden? Etliche Deutſche, mit denen ich ein Geſpräch anzuknüpfen ſuchte, bezeugten keine ſonderliche Luſt, mich anzuhören, ſondern ſagten mir nur ſo viel, daß ein deutſcher Prediger ſeit kurzem da ſei, ohne mir Namen, Be⸗ kenntniß ꝛc. desſelben angeben zu können. Ich entſchloß mich, denſelben aufzuſuchen. Herrn Behrendts, ſo hieß der mir bezeichnete deutſche Prediger, traf ich gerade überm Schul⸗ halten an. Er nahm mich freundlich auf und 9⁴ bat mich, bei ihm zu übernachten. Gleich nach unſerer erſten Begrüßung ſtellte ſich's heraus, daß ein „ſtrenger“ Lutheraner zu einem Reformirten gekommen ſei, und es entſpann ſich ſogleich eine von meinem freundlichen lieben Wirthe, einem offenen Manne, ſelbſt angeregte Disputation über das heilige Abendmahl und etliche andere Diffe— renzpunkte, die aber bei aller Lebhaftigkeit und Offenheit doch von perſönlicher Gereiztheit fern war. Die Schilderungen, die mir Herr B. auf Begehren über ſeine amtliche Lage und den Zu⸗ ſtand der Deutſchen Galena's machte, ſtimmten mit den Berichten, die ich auf mein anderweitiges Befragen erhielt, und überzeugten mich, daß der HErr mich an dieſem Orte ſtille ſchweigen heiße. Methodiſten und Albrechtsleute treiben hier ihr Weſen, jede für ihre Secte mit mancherlei An⸗ ſtrengungen werbend. Was noch von Luthera— nern und Reformirten ſowohl in der Stadt, als in der Umgegend auf Kirche etwas gibt, hält ſich zu Herrn Behrendts, der übrigens ſich hier gar nicht halten könnte, wenn er nicht von der „ame⸗ rikaniſchen einheimiſchen Miſſionsgeſellſchaft“ un⸗ terſtützt würde; die übrigen Deutſchen aber, durch frühere ſchlechte Subjecte vielfach übel betrogen, ſind entweder gegen das Predigtamt ganz gleich⸗ gültig, oder total Ungläubige, Leſer der berüch— tigten New Rorker „Fackel“. Auf Anrathen des Herrn B. begab ich mich heute morgen hierher, um den daſelbſt ſtationirten Miſſionar, Herrn Flury, früher Pfarrer in der Schweiz, aufzuſuchen, um von ihm einiges über den Zuſtand deutſcher Lutheraner in der Umge⸗ gend von Dubuque zu erfahren. Es thut mir leid, daß ich das gethan. Herrn Pfr. F.'s Frau lag gerade am Sterben und dieſer Umſtand möchte wohl den ſehr unfreundlichen Empfang, der mir von ihm zu theil wurde, und die Heftigkeit ſeiner Aeußerungen über unſere ganze Richtung einiger⸗ maßen entſchuldigen. Ich hielt mich darum nur wenige Augenblicke bei ihm auf. Das, was ich jedoch beim Abſchiede von demſelben über die Lutheraner in dieſer Gegend erfuhr, konnte mich nicht ermuthigen, weiter in den Norden zu gehen, und ſein (ſoll ich ſagen, ſpöttiſches?) Anerbieten, in Dubuque einen Verſuch zur Sammlung der zu ihm ſich haltenden Lutheraner durch eine Pre⸗ digt in ſeiner Kirche zu machen, ſchlug ich natür— lich aus. Ich werde nun morgen eine Reiſe nach Daven⸗ port machen, wo viele Deutſche wohnen ſollen, und Dir von da aus wieder Nachricht geben. Gott gebe, daß ich Dir alsdann Erfreulicheres berichten kann. Dein treuer Lochner. Davenport, Jowa, 18. Nov. 1848. Lieber W.! Meine Reiſe war ziemlich beſchwerlich. Ohne ein Frühſtück zu mir nehmen zu können, fuhr ich in einem offenen Wagen mit zwei andern Paſſa⸗ gieren früh morgens vier Uhr von Dubuque ab. Die Kälte war ſehr empfindlich, daß ich und der neben mir ſitzende leicht gekleidete Paſſagier ſchon nach einer Fahrt von etlichen Meilen abſteigen und hinter dem raſch dahinfahrenden Wagen her⸗ laufen mußte, ein Umſtand, der ſich im Laufe des Tages gar oft wiederholte. Nach vier Stunden wurde Halt gemacht und ein Frühſtück eingenom⸗ men; dann ging's raſch weiter über Berg und Thal. Der grimmigen Kälte wegen hielt ſich die ganze Reiſegeſellſchaft anfangs mäuschenſtill; als aber die Sonne etwas höher heraufkam und der Mund von ſeiner Hülle etwas befreit werden konnte, entſpann ſich ein lebhaftes Geſpräch, das bald auf religiöſe Dinge überging. Mein Ne⸗ benmann, ein iriſcher Katholik, pries die Heu⸗ lichkeit ſeiner Kirche und ihres Oberhauptes, und der andere Reiſende, ein gebildeter Amerikaner, verwarf alle göttliche Offenbarung und behauptete, Sünde ſei nicht Sünde, indem das göttliche We⸗ ſen Urſache aller Bewegung und alles Handelns iſt. Eine wunderliche Reiſegeſellſchaft, wie ſie in Amerika auf Reiſen ſich oft zuſammenfindet. Der Irländer eiferte immer heftiger, je weniger ich ſeine Lobpreiſungen gelten ließ; der Amerikaner ließ nichts von allem gelten, weder Lobpreiſung noch Widerlegung. Ich war froh, als endlich das Geſpräch hierüber abgebrochen und auf die herrlichen Gegenden gelenkt wurde, die wir den Mittag und Nachmittag paſſirten. Was ich früher über die ſchöne, liebliche und fruchtbare ⸗ Lage Jowa's hörte, ſahe ich hier theilweiſe mit eigenen Augen. Meiſt waren es Prairieen, über welche wir zogen, aber nicht jene ebenen, lang⸗ weiligen Grasfluren, wie ich ſie in Illinois an⸗ traf. Sanft ablaufende Hügel wechſelten mit kurzen Ebenen ab; kleine Waldparthieen unter⸗ brachen lieblich die Gegend, die ſich oft weit vor uns ausbreitete, wenn wir eine Anhöhe erreicht hatten, und mehrere Niederlaſſungen, die wir dann mit Einem Blicke überſchauen konnten, er⸗ innerten mich an ſo manche Gegend der Heimath. Ueberhaupt, Jowa ſcheint für die deutſche An⸗ ſiedlung vorzüglich geeignet zu ſein und das nicht nur wegen ſeiner Fruchtbarkeit und ſeiner ge⸗ ſunden Lage, ſondern auch wegen der Aehnlichkeit des Charakters ſeiner Gegenden mit manchen unſeres lieben Deutſchlands. Denn, wie man mir verſicherte, ſo wie hier ſoll es in andern Theilen des Staates auch ſein. Die Nacht brach ein und ich hatte Gelegenheit, eine von mir noch nie ſo geſehene Erſcheinung zu beobachten. Der ganze Horizont, oft die nächſten Hügel ſtanden in vollem Feuer und machten die Nacht hell und licht. Es war dies das bekannte Prairiefeuer. Da wir ſolchen brennenden Strecken oft ganz nahe kamen, ſo waren wir nicht ganz ohne Gefahr; aber um ſo lebendiger trat mir die Verheiß ung Jeſ. 43, 2. vor die Seele: „So du durch's Feuer geheſt, ſollſt du nicht brennen und die Flamme ſoll dich nicht anzünden.“ Der eiſigt x Nachtwind, der ſich erhob, nöthigte mich, den Mantel dichter anzuziehen. Ich ſang meinem JEſu eine gute Nacht mit Serivers ſchönem Liede: „Der lieben Sonne Licht und Pracht“, und ſchlief dann vor Mattigkeit und Kälte etwas ein. Ich mochte nicht lange geſchlummert haben. Das Herabfallen meines Hutes, den der Wind herun⸗