# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 03 08_S55 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 55 baut, denn diese haben nichts zu thun mit den neuen Verräthern der lautern Wahrheit, mögen sie sich nun nennen, wie es sie lüstet: Lutheraner, Protestanten, u. s. f. Wenn Herr O. endlich Luthern citirt, so citirt er gewöhnlich aus seinen sogenannten Tischreden, ja er nennt sogar das darin Enthaltene die rechte „Quintessenz“ des Evangeliums oder der Lehre Luthers. Redet Herr O. hiermit nach seinem Gewissen, so gibt er damit vor aller Welt den Beweis, daß er Luthers Lehre nie gekannt und daher auch vielleicht aus Unwissenheit die Gemeinschaft derjenigen verlassen hat, die sich zu Luthers Lehre bekennen. Wir glauben jedoch, daß er so redet wider sein Gewissen, da wir wissen, daß er, wenn auch nicht vieles, doch manches Andere aus Luthers ächten Schriften gelesen hat. Dem sei jedoch, wie ihm wolle, so thun wir ihm hierdurch zu wissen, daß wir zwar nicht verleugnen, viele Goldkörner der evangelischen Wahrheit in den Tischreden gefunden zu haben, daß wir aber gerade diesen Theil der Lutherschen Werke für denjenigen ansehen, aus welchem unter allen am wenigsten Luthers Lehre und Meinung geschöpft werden kann, indem dieses Buch erst nach Luthers Tode herausgekommen, mitunter ohne die gehörige Scheidung des Wahren und Falschen, des Aechten und Unächten zusammengerafft und von Luthern selbst natürlich nie als sein Product anerkannt oder approbirt worden ist. Herr O. wundere sich daher nicht, wenn wir nicht alles, was er daraus herausklaubt, vertreten werden. Wir leugnen keineswegs, daß es Lutheraner gegeben hat und vielleicht noch gibt, die aus übermäßiger Verehrung der Person Luthers selbst in den Tischreden, weil sie seinen Namen tragen, alles als unantastbar vertheidigen wollen; aber wir haben es bereits in diesem Blatte ausgesprochen: obwohl wir Luthern für das auserwählte und geheiligte Werkzeug Gottes erkennen, durch welches die alte apostolische Lehre und Kirche in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hergestellt worden ist, so haben wir nichts mit Vergötterung Luther's zu thun, prüfen auch seine Worte nach Gottes Wort und nehmen daher natürlich am wenigsten die Tischreden unbedingt an; insonderheit da vieles darin, wie bemerkt, offenbar nicht oder doch nicht so von Luthern abstammt, welchergestalt es uns darin überliefert wird. Wir sind übrigens nicht die ersten Lutheraner, die also urtheilen; wir folgen hier den rechtgläubigen und erleuchtetsten Theologen unserer Kirche. Erstlich sagt Luther selbst: „In St. Augustini Büchern findet man viel Sprüche, welche Fleisch und Blut geredet hat; und ich muß auch von mir bekennen, daß ich viel Worte rede, welche nicht Gottes Worte sind, wenn ich rede außerhalb dem Predigtamt, daheim über Tisch, oder sonst.“ *) [Siehe Hauspostille, *) Dies behaupten die Papisten ebenfalls, wenn sie es zu ihrer Vertheidigung für gut finden. Der Franziscaner Johannes von Deventer verantwortet sich auf den ihm vorgehaltenen Ausspruch des Pabstes Pius II.: „Daß den Priestern aus wichtigen Ursachen die Ehe genommen, aber aus noch wichtigtren wiedergegeben sei.“ mit diesen Worten: „Die Worte des Pius schlagen wir nicht so hoch an, denn große und Sonntag Jubilate.] Johann Gerhard schreibt: „Das Buch der Tischreden ist von Luthern weder gesehen, noch gelesen, noch approbirt, ja vielfach nach dem Privatgutdünken gewisser Leute verändert, verstümmelt und vermehrt worden, was demselben die Glaubwürdigkeit eines ächten Buches allerdings benimmt.“ [Exeges. de S. S. § 133.] Dasselbe schreibt Hutter, welcher hinzusetzt: „Die Tischreden sind erst nach Luthers Tode ziemlich verwirrt, ohne gehöriges Urtheil und ohne Umsicht von verschiedenen Persouen zusammengerafft worden, welche wohl nicht immer Luthers Sinn genug gefaßt haben. Daher ist auf dieses Buch kein Gewicht zu legen bei Entscheidung von Fragen oder in zweifelhaften streitigen Fällen, wenn Luther nicht in seinen übrigen Schriften dieselbe Meinung vertheidigt.“ [Loc. th. pag. 634.] Scherzerus schreibt: „Die Tischreden hat Luther weder selbst gesehen noch gebilligt; daß uns daher aus diesem Buche nichts entgegengesetzt werden könne, hat selbst Pistorius erkannt, nachdem derselbe der erbittertste Feind Luthers und ein wüthender Papist (!) geworden ist.“ [Breviar. th. pag. 576.] So urtheilen auch Dannhauer, Möller, Mayer, Buddeus und andere. Uebrigens sind auch die Reformirten so billig, daß sie das Bedenkliche in den Tischreden nicht Luthern zuschreiben lassen wollen; so schreibt der reformirte Voetius: „Die Beweisführung des papistischen Serrarius aus Luthers Tischreden ist nichtig, weil es kein Buch Luthers und von ihm nie gesehen worden ist.“ (Sel. disp. th. I, 997.) Der g. Leser wird uns verzeihen, daß wir über den berührten Gegenstand ausführlicher gewesen sind, als es nöthig und ersprießlich zu sein scheint. Man bedenke aber, daß es die Tischreden gewöhnlich sind, woraus die Papisten ihre schärfsten Pfeile gegen das Lutherthum holen; die vorstehende Aufklärung schien uns daher insonderheit um derer willen dringend nothwendig, welche vielleicht wenig oder nichts von Luthers unvergleichlichen Schriften zu lesen bekommen, als Auszüge, die die Papisten aus jenem Buche machen. Schließlich bemerken wir, will Herr O. fortfahren, aus den Tischreden oder sonst heraus, wie eine Spinne auch aus Blumen, Gift zu saugen, nehmlich hie und da einen Flecken heraus zu zwacken, und dann seinen armen Lesern zu sagen: Sehet, das ist Luthers wahres Bild in Lehre und Leben! — so mag er dies auf sein Gewissen thun. Wir hingegen wollen fortfahren, aus Luthers herrlichen geistreichen Schriften wie Bienen köstlichen Honig zu sammeln, nehmlich lutherische Zeugnisse von der Wahrheit zur Gottseligkeit unsern Lesern mittheilen zur Erweckung und Stärkung ihrer Herzen. Wir wollen unsere Leser auf den eigentlichen süßen Kern der lutherischen Lehre hinweisen; das wird, meinen wir, die beste Widerlegung aller Oertelschen Angriffe auf unsern theuren Luther sein, und Herrn O. als einen Mückenseiger gegen das Lutherthum und als einen Kameelverschlucker im Papismus kluge Männer reden zuweilen etwas obenhin, was man lieber hätte begraben sollen.“ (Harm. A. C.) (Matth. 23, 23.24.) der verdienten Verachtung aller unterrichteten und redlichen Leser preis geben. Wir bedanken uns auch übrigens gar sehr für den wiederholt nicht undeutlich gemachten Antrag, uns mit Herrn Oerteln und Consorten im Kampfe gegen diejenigen zusammenspannen zu lassen, welche auch wir unter den Protestanten für irrgläubig halten; wir haben mit Herrn Oertels gemeinen, geist-, herz-, lieb- und gewissenlosen Schimpfereien gegen Methodisten, Neu-Lutheraner ꝛc. durchaus nichts zu thun. Wir wissen wohl noch einen Unterschied zu machen zwischen denen, die, ohne es zu wissen, von ihrem Herzen verführt werden, und zwischen denen, die (Gott weiß! aus welchen Gründen) das arme Volk wissentlich und muthwillig in Aberglauben, Abgötterei und Verleugnung des einig gültigen Verdienstes IEsu Christi, des einigen Mittlers zwischen Gott und den Menschen, zu erhalten und zu bestärken suchen. Irdischer Sinn. Als einmal der alte löbliche Churfürst von Sachsen, dem das Gesetz Gottes lieber war, denn viel tausend Stück Gold und Silber (Ps. 119, 72.), mit einem Adeligen, der dem Wucher und Geldmachen ganz ergeben war, über Gottes Wort und Religionssachen reden wollte: so war dem Junker ein solches Gespräch dermaßen zuwider, daß er dem Churfürsten seine Meinung ganz offen darlegte. Er sagte nehmlich: Gnädigster Herr, solche Sachen gehen E. G. nichts an; E. Churfürstl. G. haben sich wohl um wichtigere Sachen zu bekümmern und nöthigere Dinge zu bestellen. — Luther erfuhr diese Zurechtweisung des gottseligen Churfürsten von einem Weltkinde, das freilich immer wichtigere Sachen zu thun hat, als sich um Gottes Wort und sein Seelenheil zu bekümmern, und fragte alsbald: Waren auch Kleien da? Hierauf erzählte er folgende Fabel. Der Löwe, als der König, lud alle Thiere zu Gaste. Da er nun ihnen ein köstliches Mahl zugerichtet hatte, ihnen gütlich that und herrlich auftragen ließ, so kommt die Sau und fragt: Sind denn auch Kleien da? —Von dieser Fabel machte nun der selige Luther folgende treffende Anwendung. Also sind unsere Epicurer auch. Wir tragen ihnen in der christlichen Kirche durch Gottes Wort auf und setzen ihnen vor köstliche Gerichte oder Speisen von Gottes Gnade, Vergebung der Sünden und vom ewigen Leben und Seligkeit, so werfen unsere Epicurer den Rüssel auf und scharren nach Joachimsthalern, Goldgülden, und sprechen: „Sind auch Kleien da?“ Was soll man viel sagen? In eine Sau gehören Trebern, und was soll einer Sau Muscate? B. Getroste Antwort. Als der vom Christenthum abtrünnig gewordene höchst feindselige Kaiser Julian sich mitten auf seiner glänzenden Siegeslaufbahn befand und viele Christen mit großer Bangigkeit den ferneren Unternehmungen dieses mächtigen Mannes wider die Christen entgegensahen, da