# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 03 08_S54 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 54 großer Treue und Selbstverleugnung verwaltet; aber nicht wenig Bischöfe fingen doch auch an, nach eitler Ehre zu trachten, dem Hofe zu dienen und sich unter einander um des Ranges willen neidisch zu hassen und zu entzweien. Dabei fand sich zwar immer noch ein guter Theil des großen Kirchenackers, der bessre Früchte trug, und sind in der damaligen Christenheit noch so überaus viele Exempel von Ausübung aller christl. Tugenden zu sehen, daß wir heutigen Christen uns schämen müssen; aber je weiter sich viele von dem wahren Bußweg und der alleinigen Rechtfertigung, die aus dem Glauben kommt, verirrten und verloren, desto mehr verfielen sie auf selbsterwählte Werke einer mönchischen Heiligkeit, wodurch sie eine eigne Gerechtigkeit vor Gott zu haben meinten. Die Kirchenzucht wurde zwar noch ausgeübt, so daß man namentlich, wie wir bald sehen werden, ganz anders, als bei der heutigen Christenheit, gegen einreißende falsche Lehre sorgfältig wachte; aber dennoch wuchs vieles Unkraut öffentlicher Aergernisse und Spaltungen mächtig empor, welches der Feind bei solchem verfallenden Zustande der Kirche immer unaufhaltsamer mitten unter den guten Weizen säen konnte. — So war die Christenheit zu einer schweren Sichtung reif geworden, welche Gott dadurch über sie verfügte, daß er in derselben kräftige Irrthümer einreißen ließ, wodurch viele Spreu von dem Weizen gesondert und eine große Anzahl leichtverführter unlauterer Seelen offenbar, aber freilich auch eine Menge Schwachgläubiger geärgert und aufgehalten und der Name Christi selbst unter den Heiden nicht wenig geschändet und verlästert wurde. So wollte es eben Satan haben; und wie er in den ersten drei Jahrhunderten (um mit Luthern zu reden,) als ein „schwarzer“ Teufel durchs Schwert nicht genug hatte würgen und schaden können, so kam er jetzt vom vierten Jahrhundert an in einer weit gefährlicheren Gestalt als ein „weißer“ Teufel, der die Christen durch verführerische falsche Lehre zu sichten, und wie zuvor an ihren Leibern, so jetzt noch schrecklicher an ihren Seelen zu morden und bis in die Hölle hinunter zu verderben suchte. — Gleichwie aber allezeit bei entstehenden Rotten die noch übrigen Rechtschaffnen sollen offenbar werden, so werden wir nun auch bei der traurigen Geschichte von der Arianischen Ketzerei wahrnehmen, daß es auch damals nicht an rechtschaffnen Gliedern und Streitern Christi fehlte, welche die geistlichen Waffen ihrer Ritterschaft gar wohl noch zu führen wußten und im Streite am Tage des HErrn vor die Lücke traten. Ezech. 13, 5. (Fortsetzung folgt.) Zur Beherzigung Für die Leser des Lutheraners und des sogenannten Wahrheitsfreunds. Daß die Stellung, welche wir gegen Herrn Oertel, als hiesigen öffentlichen Vertheidiger des Papismus unter den Deutschen, von Anfang an eingenommen haben, keine andere war, als diese, aus den eignen Bekenntnissen und Zugeständnissen der römischen Kirche und ihrer Vertreter zu zeigen, daß der Papismus wider Gottes Wort oder unbiblisch sei: dieß wird hoffentlich keinem unpartheiischen oder auch partheiischen Leser entgangen sein. Wir erklären nun hiermit öffentlich, daß wir diese Stellung aufzugeben uns durch keinerlei Creuz- und Querzüge unseres Herrn Opponenten verlocken lassen werden. Anstatt daß nehmlich Herr O. die angegriffene papistische Lehre hätte aus der h. Schrift zu begründen suchen, oder vielmehr (da dies nicht möglich war) als Pfaffen-Lug und Trug widerrufen sollen; anstatt daß derselbe ferner die von ihm öffentlich verleugnete evangelisch-lutherische Lehre aus Gottes Wort hätte widerlegen, oder vielmehr (da dies nicht möglich war) mit bußfertigem Herzen wieder annehmen sollen: anstatt dessen redet Hr. O. bald von dem Kampfe und den Spaltungen, welche die Behauptung der reinen Lehre unter den Protestanten hervorgerufen hat, und sucht wunderlich genug damit zu beweisen, daß die Wahrheit niemand gehabt haben könne, weil immer eine Parthei mit der anderen nicht einig gewesen sei; bald stellt Hr. O. einige Splitter zur Schau aus, welche er in Luthers Leben gefunden zu haben meint; bald eröffnet er eine Entscheidung Luthers in einem höchst intricaten, verfänglichen und verworrenen Gewissensfalle, eine Entscheidung, die, da man nicht alle dabei obwaltenden Umstände kennt, leicht zu Luthers Ungunsten ausgelegt werden kann; bald führt der genannte Herr Privatansichten Luthers an, die die lutherische Kirche nie angenommen hat; bald citirt er (offenbar wider sein eignes Gewissen) Aussprüche Luthers, welche Ironien enthalten, d. h., in welchen Luther nur spottweise redet, so, als redete derselbe in vollem Ernste; bald entstellt er Thatsachen zum Unglimpf der Bekenner der reinen evangelischen Lehre; bald sucht er unter den Protestanten eine gegenseitige Erbitterung zu erwecken; bald legt er auch dem Herausgeber des Lutheraners Meinungen unter, die demselben nie in den Sinn gekommen sind, und dergl. Kurz, Herr O. kämpft nicht ehrlich und redlich und geht um die Hauptsache herum, wie um etwas, was nicht recht geheuer sei. Wollten wir nun auf alles, was Hr. O. vorbringt, immer sogleich antworten, das Verschobene immer wieder gerade machen, das Entstellte immer wieder in's rechte Licht setzen, das fälschlich Zusammengezogene immer wieder gehörig distinguiren (unterscheiden), den Splittern und Mücken Luthers, wenn es solche waren, die Balken und Kameele des Herrn Censors selbst und die Unzahl von Verbrechen und Unfläthereien vieler Päbste und ihrer Helfershelfer vergleichend entgegensetzen; wollten wir ferner wenigstens immer Anzeige machen, daß die nach unserer Kirche geschossenen Pfeile nicht getroffen haben; kurz wollten wir immer den ganzen Wald der Irrthümer lichten, den wir als katholische Wahrheit in die Felder aller Blätter seines Wahrheitsfreundes gepflanzt finden: wo wollten wir enden? und was würden damit unsere Leser gewinnen? — Der beste Erfolg würde sein, daß sie zum Mitleiden mit dem armen Herrn O. bewogen werden und zu ihrer Warnung einsehen würden, wie tief doch ein Mensch in Aberglauben, Blindheit und Unredlichkeit verfallen könne, wenn er einmal die Bahn der Wahrheit verlassen und der Gnadenleitung des heil. Geistes sich entzogen hat. Wir haben aber mit unserem kleinen Blättlein einen ganz anderen Zweck. Uns ist es lediglich zu thun, unsere Leser zur heil. Schrift zu leiten, und zur Treue gegen jedes Wort derselben in dieser Zeit des Unglaubens, des Aberglaubens und der Schwärmerei zu erwecken und daher den im Schwange gehenden leicht betrügenden Irrthümern ihren falschen Schein zu benehmen. Wird daher Hr. O. fortfahren, die unter uns streitigen Gegenstände zu verrücken, hauptsächlich Luthern persönlich anzugreifen, bald die Protestanten in Bausch und Bogen vorzunehmen und die Lutheraner dabei dessen zu beschuldigen, woran sie keinen Theil haben, bald über Verzehntung von Minze, Till und Kümmel (Matth. 23, 23.) einen Streit zu eröffnen, und an den Lehren vorüberzugehen, von welchen der Seelen Heil und Seligkeit abhängt, so gedenken wir unsere Zeit mit unwichtigen Auseinandersetzungen nicht zu verschwenden, und unsere Leser durch unsere eigne Schuld von der Hauptsache nicht abzulenken. Die Lehre der lutherischen Kirche ist in den symbolischen Büchern derselben enthalten; darnach wollen wir gerichtet sein und ob diesem Kleinode wollen wir halten! Herr O. hat freilich nöthig, auch nicht den mindesten Schein auf seinen Päbsten ruhen zu lassen, als hätten sie sich einmal, wenn sie auf ihrem Stuhle saßen, geirrt, denn dann fiele freilich Herrn Oertels Kirche über seinem Haupte zusammen, seine Leuchte in der Finsterniß dieser Welt wäre verloschen, sein Hirte wäre todt und sein Christus dahin. Wir Lutheraner hingegen stecken in dieser verzweifelten Lage nicht; hat Luther einmal geirrt, so hat er sich geirrt und ist in diesem Puncte, so zu sagen, selbst nicht lutherisch; trotz dem bleibt unser Grund fest stehen, der Grund der Apostel und Propheten, da JEsus Christus der Eckstein ist. Können wir daher Luthern ja einmal gegen seine splitterrichtenden Feinde nicht vertreten, so haben wir nichts verloren oder verspielt, so behält doch GOTT Recht in seinem Worte und bleibt rein, wenn er von denen gerichtet wird, die sich zu Richtern über sein heil. Wort freventlich aufwerfen. Ps. 51, 6. Ehe wir beschließen, müssen wir noch Zweierlei erwähnen: Wenn Hr. O. in der Schrift eines neueren Protestanten entweder etwas gegen die lutherische oder für die römische Kirche findet, dann meint er immer ein ihm vortrefflich zu statten kommendes Zugeständniß gefunden zu haben, auf dem er nun in seinen Beweisführungen gegen uns festen Fuß fassen könne. Wir gönnen Herrn O. dieses Vergnügen, müssen ihm aber doch hiermit sagen, daß er auf diese Weise gegen die Lutheraner nur Luftschlösser