# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 02 22_S52 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 52 so ist nicht derjenige, der auf der Wahrheit besteht, die Ursache der Trennung, sondern allemal derjenige, der auf seinem Irrthum beharrt. So lange man daher nicht beweist, daß nicht die Reformirten, sondern die Lutheraner in den streitigen Punkten in Irrthum sind, so lange sind und bleiben die Reformirten die Friedens- und Ruhestörer, von denen Gott das Blut aller der Seelen fordern wird, welche sich an der großen ungeschlichteten Zwietracht ärgern, und verloren gehen. Aber warum wollt ihr nicht die Liebe walten lassen? Wir antworten: Wir wollen gern den Reformirten alle Liebe erweisen, wie wir sie denn auch alle von Herzen lieben; wir beurtheilen sie auch nicht jetzt so streng, wie einst Luther einen Zwingli beurtheilen mußte; wir wollen uns ferner nicht zänkisch, nicht bitter, nicht verdammungssüchtig gegen sie zeigen, aber kirchlich können wir uns nicht mit ihnen vereinigen und in ihrer Gemeinschaft das heilige Abendmahl genießen, noch weniger können wir ihren Hirten unsere Schafe anvertrauen, so lange sie auf ihren Abweichungen von dem klaren Buchstaben des Wortes Gottes bestehen, mögen sie nun dabei der Verführung eines plumpen Zwingli oder eines feinen, polirten, geschmeidigen Calvin folgen. Durch eine solche Union würden wir die Wahrheit verleugnen, uns zu falscher Lehre bekennen, die Irrenden in ihrem Irrthum stärken, die rechtgläubigen Christen irre machen, die Schwachen ärgern, unsere Kirche verrathen und der Religionsgleichgültigkeit und somit dem Unglauben (Rationalismus, Naturalismus und Atheismus) Thür und Thor öffnen. Wohl sollen wir als Christen uns der Liebe befleißigen, aber die Schrift sagt auch, wie die rechte gottgefällige Liebe beschaffen sein müsse; sie sagt: „Lasset uns rechtschaffen sein in der Liebe“ (Ephes. 4, 15.); die Liebe „freut sich aber der Wahrheit“ (1 Cor. 13, 6). Die Schrift sagt ferner: „Liebet Wahrheit und Frieden (Sach. 8, 19.): „wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit.“ (2 Cor. 13, 8.) Was hilft daher alles Reden von Liebe, von Frieden, von Einigkeit, wenn man die rechte Liebe und den rechten Frieden nicht meint? Eine Liebe, die man der Wahrheit vorzieht, ist eine geistliche Hurerei, vor welcher Gottes Wort an so vielen Stellen warnt, und ein Friede, der sich nicht auf die Wahrheit gründet, ist ein falscher Friede, da man, wie der HErr durch Hesekiel spricht, sein Volk verführt und sagt: Friede: so doch „kein Friede ist.“ Solche Unionsmacher sind gleich den falschen Baumeistern, die den Rissen an einem grundlosen Hause dadurch abzuhelfen trachten, daß sie sie mit einer losen Tünche überziehen! was aber Gottes Wort von solchen Baumeistern und ihrem Bau weissagt, das finden wir Hesekiel 13, 10—16., was der g. Leser daselbst nachlesen wolle. Es ist sonach kein anderer Weg, eine wahre Union zu stiften, als daß man die Wahrheit predige! was sich mit diesem Bande nicht verbinden lassen will, das bleibt doch unvereinigt, man kleistere, kitte und flicke, wie man wolle. Deutlich sagt St. Paulus: „Es müssen Rotten unter euch sein, auf daß die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden.“ (1 Cor. 11, 19.) Christus spricht ferner: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ (Matth. 10, 34.) Damit will Christus und seine Apostel freilich nicht sagen, daß er Lust habe an Unfrieden, aber daß da unmöglich Friede bleiben könne unter den Menschen, wo die Wahrheit seines Evangeliums geprediget und von einigen festgehalten wird. Daher spricht Luther: „Es fahen wohl itzt etliche Klüglinge an, zu flicken, wollen der Sachen rathen und den Hader schlichten, geben für, man sollte auf beiden Seiten weichen und nachgeben. Die lassen wir zwar machen und versuchen, was sie können, gönnen ihnen der Mühe wohl; werden sie aber den Teufel fromm und mit Christo eins machen, so sind sie die ersten. Ich halte es aber, es sei mit solchem Flickwerk eben wie Sirach 22. sagt, als man Scherben wollte zusammen flicken. Und sind zwar bereits derer Schuster viel gewesen, so sichs unterstanden, aber auch umsonst gearbeitet und beide Draht und Stich verloren.“ (Erkl. des 110 Ps.) Wir fürchten jedoch freilich, daß trotz aller dieser klaren Darlegungen viele sagen werden, wir sehen wohl, ihr wollt Israel nur verwirren (1 Kön. 18, 17.), ihr eifert fleischlich, ihr setzt das Christenthum nur in das Bekennen, ja in Disputiren und Zanken; wir mögen nichts weiter hören, bekehrt euch und eure Gemeinden, das ist die Hauptsache, die ihr über eurem Streiten vergesset. Solche, die durch dergleichen richtende Urtheile die Liebe in der That schlecht beweisen, die sie doch immer im Munde führen, erinnern wir an einen Arnd, Paul Gerhard und Spener. Diese werden sie doch schwerlich zu denen rechnen, welche fleischlich für Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) auf Kosten eines thätigen Christenthums geeifert hätten! Wie aber diese Männer gesinnt waren, sehen wir daraus, daß sich erstlich Arnd, um der Wahrheit nichts zu vergeben, im J. 1590 lieber absetzen ließ, ehe er zu Gunsten derjenigen, die der reformirten Lehre hold waren, auch nur die Ceremonie des Exorcismus (der Beschwörung) bei der Taufe fahren lassen wollte, obgleich es sein Herzog, Georg von Anhalt, ihm geboten hatte. Arnd wußte recht wohl, daß der Exorcismus eine freie Ceremonie sei, aber er fürchtete, wenn er hier nachgäbe, dadurch die lutherische Wahrheit zu verleugnen und zu gefährden. Von dem gesalbten Liederdichter Paul Gerhard ist bekannt, daß auch er sich im Jahre 1666 lieber seines Amtes als Archidiakonus zu Berlin entsetzen ließ, als daß er dem königlichen Befehl hätte gehorchen wollen, bei Widerlegung der calvinistischen Irrthümer die Reformirten wenigstens nicht mehr auf der Canzel mit Namen zu nennen. Er wollte also auch nicht das geringste thun, wodurch er den Verdacht erregen könnte, als halte er es mit falschen Lehrern, oder als sei er doch ihnen zu gefallen etwas gewichen. (Gal. 2, 5). Sein getrostes Herz hierbei sehen wir aus seinem herrlichen Liede: „Befiehl du deine Wege“ ꝛc., was er auf der Reise nach seiner Verjagung seinem Weibe zum Troste gedichtet hat. Selbst ein Spener endlich, welcher bisher gewiß von keiner Partei für einen Mann angesehen worden ist, der weniger auf christliches Leben, als auf reine Lehre gedrungen habe, selbst dieser sonst nur zu nachgiebige Mann schreibt von christlichgesinnten Reformirten folgendermaßen: „Ob ich schon mit solchen Menschen keine kirchliche Gemeinschaft in Communion, öffentlichem Gottesdienst und dergleichen halte — denn wie ich in dieser und jener Person mich des Glaubens versehen (ihn hoffen), bei einigen gar versichern kann, so kann ich ihre Gemeinde durchaus nicht billigen oder in völliger Gemeinschaft derselben stehen — so kann ich doch das Gute eines solchen Menschen rühmen.“ (Bedenken III, 203.) An einem andern Orte sagte derselbe: „So erkenne ich auch gerne, daß wir die Einigung auf alle ergebliche Art zu suchen haben. . . . Wo auch mit meinem Leben solche Vereinigung (ich will nur sagen zwischen uns und den Reformirten, sovielmehr, wo es noch mehrere mit treffen sollte) erkauft werden könnte, ich ja dasselbe nicht besser angewandt zu werden wüßte; aber ich meine, wir haben bei der Einigkeit und Friedfertigkeit wohl Acht zu geben, daß solche der Wahrheit keinen Eintrag auf einigerlei Weise thue, und wir also alle Liebe und Sanftmuth an in der Religion Irrenden von Grund unserer Seele erzeigen, aber wohl dabei Acht geben, daß dadurch weder bei den Unsrigen eine gegen Gott undankbare Geringhaltung der uns geschenkten Wahrheit oder wohl gar Gefahr, von derselben abzuweichen, noch bei den andern eine Bestärkung in ihrem Irrthum, als welches beides wider das Gewissen streiten würde, verursacht werde. Sodann daß wir in Verhütung des Aergernisses derer, die einigerleimaßen draußen sind, nicht diejenigen, welche in unserer Gemeinde stehen, und deren wir desto mehr zu schonen haben, noch gefährlicher ärgern, und da wir gleichsam den Riß unter uns und den Reformirten vermeinten zu heilen, unter uns selbst . . . noch mehr und weitere Risse verursachen.“ (Letzte Bdk. I, 434.) So zeugte ein Spener, den selbst die Evangelischen für einen Mann ihrer Partei ansehen. Nennen jetzt viele Evangelische und mit ihnen gleichgesinnte Neulutheraner diejenigen sogleich todte unbekehrte Wortzänker, die noch jetzt auf ungekränktes Bekenntniß der reinen Lehre bestehen, so fragen wir sie, müssen die genannten Theologen wegen ihrer Gewissenhaftigkeit im Bekenntniß auch für solche Leute angesehen werden? (Schluß folgt.) Der „Lutheraner“ ist stets zu haben in der Wohnung des Herumträgers, Hrn. Gräbers (südliche fünfte Straße, der Oelmühle gegenüber), ferner bei Hrn. Quast (Olive-Straße, zwischen der zweiten und dritten, unterhalb des Theaters) und bei dem Herausgeber. Gedruckt bei Weber und Olshausen.