# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 02 22_S51 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 51 berüchtigte Bilderstürmer, Carlstadt, schon vor Zwingli die Lehre der allgemeinen christlichen Kirche vom heil. Abendmahle in öffentlichen Schriften angriff, so hätte doch dieser unglückselige Schwarmgeist keine Trennung bewirken können, hätte sich nicht später der hochangesehene Zwingli der Sache angenommen. Selbst der reformirte Lavater schreibt in seiner Geschichte des Sacramentsstreites, daß der Rath zu Zürich, wo Zwingli war, erschrocken über die neue Lehre, Anfangs Carlstadts Bücher zu verkaufen verboten habe. In den ersten sieben Jahren nehmlich, von 1517 — 1524, in welchen Luther und Zwingli wider die Greuel der Pabstthums zeugten und durch die Verkündigung der reinen evangelischen Lehre eine wahre Reform der Kirche stifteten, in dieser Zeit waren Luther und Zwingli ganz in der Lehre einig. Dieß haben selbst die aufrichtigeren Reformirten immer zugegeben. So spricht u. a. F. A. Lampe, reformirter Professor zu Utrecht, in seiner Kirchengeschichte (Ed. Ultraj. p. 332.): „Was Zwingli's Lehre vom Abendmahle betrifft, so gesteht er, daß er anfänglich Luthers Meinung zugethan gewesen sei.“ Dies finden wir auch in Zwingli's eigenen Schriften bestätigt. Derselbe schreibt noch im Jahre 1523 den 9. October an Geroldseggen: „Christus hat nach dem Abendmahle seinen Leib und sein Blut dargereicht;“ und in demselben Jahre schreibt Zwingli in der deutschen Auslegung seiner Artikel noch folgendermaßen von den Worten der Einsetzung des heil. Sacraments: „Diese Worte sind klar und allen Menschen bekannt: Das ist mein Leichnam. Ist das nicht ein lauter, kurz, gewiß Wort Gottes? Wie könnte Gott kürzer und eigentlicher geredet haben?“ Auf den Einwurf, man werde ihn einen Lutheraner nennen, entgegnete Zwingli hierauf dieses: „Luther ist ein so trefflicher Streiter Gottes als in tausend Jahren auf Erden nimmer gewesen ist, und mit dem mannlichen unbewegten Gemüth, damit er den Pabst von Rom angegriffen hat, ist ihm keiner nie gleich worden, als lang das Pabstthum gewähret hat. Gott sei Lob! durch ihn wird eine unzahlbarliche Welt mehr, denn durch mich und andere, zu Gott geführt. Daß ich keinen Buchstaben alle meine Tage je zu ihm geschrieben habe, damit habe ich wollen allen Menschen öffnen, wie einhellig der Geist Gottes sei, daß wir so weit von einander doch so einhelliglich die Lehre Christi lehren ohne allen Anschlag.“ So schrieb Zwingli noch im Jahre 1523. Zu Ende des folgenden Jahres finden wir ihn aber plötzlich in seiner Ueberzeugung vom h. Abendmahle wesentlich verändert. Er war auf die Meinung gekommen, die Worte: „Das ist mein Leib,“ hießen so viel als: „Das bedeutet meinen Leib.“ Diese Meinung finden wir von ihm zuerst in einem Briefe an den Prediger Alberus in Reutlingen vom 16. Novbr. 1524 ausgesprochen, worin aber Zwingli diese Meinung noch geheim gehalten wissen wollte, denn er setzte hinzu: Ich beschwöre Dich bei JEsu Christo, daß du diesen Brief niemanden weisest als dem, von dem man gewiß weiß, daß er rechtschaffen sei im Glauben eben desselben unseres HErrn.“ Zwingli zitterte also noch davor, mit seiner Meinung öffentlich auch gegen die hervorzutreten, deren Zustimmung er noch nicht hoffte; er wußte wohl, was für eine unheilvolle entsetzliche Bewegung dadurch in allen den Gemeinden entstehen würde, welche bis dahin durch eine und dieselbe Lehre theils von ihm, theils von Luther geweidet und erbaut worden waren und in der herrlichsten lieblichsten Einigkeit des Geistes und Bekenntnisses gegen das antichristische Pabstthum gestanden hatten. Doch bald wurde Zwingli kühner. Noch hatte Luther ihn auch nicht mit einem Worte beleidigt, so trat Zwingli im J. 1525 mit seinem Buche „von der wahren und falschen Religion“ heraus, in welchem er alle, die die wesentliche Gegenwart des Leibes und Blutes Christi glaubten, „Fleischfresser, und eine stupide (dummköpfige) Classe von Menschen und ihre Lehre gottlos, närrisch und ungeheuer nannte, die unter die Cannibalen (Menschenfresser) gehöre.“ (Siehe: Comment. de vera et f. rel. p. 238. 246. 256.) Als Zwingli kurz darauf ein anderes Buch herausgab, genannt subsidium s. coronis de euchar., nannte er nun darin den lutherischen Glauben geradezu einen Götzendienst und die Lutheraner geradezu Menschenfresser.*) Ja als sich hierauf Luther vertheidigte, so schrieb Zwingli in seiner Exegesis ad Lutherum, p. 59.: „Bucer hat um Friedens willen gesagt, man könne ohne Verlust des Glaubens in dieser Sache so und auch anders denken. Ich pflichte ihm nicht bei. Glauben, daß das Essen des Fleisches Christi die Gewissen stärke, ist mit Verlust des Glaubens verknüpft.“ — *) Was Zwingli in seinem Irrthum so plötzlich fest gemacht habe, erzählt er selbst in dem angeführten „Subsidium.“ Lit. Diii. Nachdem er nehmlich darin gemeldet hatte, daß er am 11. April zu Zürich mit einem gewissen Stadtschreiber öffentlich über die Messe disputirt habe, so fährt er fort: „Als aber der 13. April kam (ich erzähle, was wahr ist und zwar so wahr, daß, wenn ich es verschweigen wollte, das Gewissen mich zwingen würde, zu offenbaren, was der HErr mir verliehen hat, ob ich wohl weiß, welchem Hohn und Gelächter ich mich damit aussetze) als, sage ich, der 13te Tag des Aprils anbrach, da war mir's im Traume, als disputirte ich wieder mit großem Verdruß mit jenem Gegner, dem Stadtschreiber, und als wäre ich dabei so verstummt, daß ich das, was ich doch recht wohl wußte, nicht aussprechen konnte, weil mir die Zunge ihren Dienst versagte. Diese Beklommenheit schien mich ganz außer aller Fassung zu setzen, wie bisweilen Träume in trügerischer Nacht mit uns zu spielen pflegen (denn wir erzählen, was uns betrifft, nichts weiter als einen Traum, obgleich es nichts geringes ist, was wir durch den Traum gelernt haben aus Gottes Gnade, zu dessen Ehre allein wir dieses melden). Da schien mir auf einmal ein Anmahner da zu sein (ob er schwarz oder weiß gewesen sei, kann ich mich nicht erinnern, denn ich berichte einen Traum; dieser sagte: Was antwortest du, Verzagter, ihm nicht, was 2 Mos. 12. geschrieben steht: „Denn es ist Passah,“ das bedeutet den Durchgang des HErrn? Sobald ich diese Erscheinung gehabt hatte, wachte ich auf und sprang aus dem Bette. Nun betrachtete ich die Stelle zuerst nach der griechischen Uebersetzung von allen Seiten und sprach hierauf darüber so gut ich konnte, vor der ganzen Versammlung, welche Rede, wo man sie annahm, bei allen denen jeden Nebel zerstreute, die bisher noch deswegen ungewiß gewesen waren, weil sie dachten, daß nur in Gleichnissen so geredet (nehmlich „ist“ für „bedeutet“ genommen) werde.“ — Zwingli's Lehre ist sonach auf einen Traum gebaut. Sollten hiernach nicht alle diejenigen sich in das Herz hinein schämen, welche jetzt in den Tag hinein schreiben, Luther trage die Schuld der Spaltung der protestantischen Kirche? Ist es hiernach nicht ganz unwidersprechlich, daß Zwingli sich nicht nur zuerst durch eine neue Lehre, welche seit der Zeit der Apostel in der Christenheit unerhört war, von den altgläubigen evangelischen Christen selbst geschieden, sondern sie auch wie ein Rasender sogleich angefallen und ihnen, wenn sie seine neue Lehre nicht annehmen würden, den Glauben, also die Seligkeit abgesprochen hat? Doch jener Kunstgriff der Schwärmer, was sie selbst angerichtet haben und noch täglich anrichten, auf andere zu schieben, ist schon alt. Schon Luther mußte in seiner Schrift: „Daß diese Worte, das ist mein Leib, noch fest stehen,“ also klagen: „Es gehet uns wie dem Schaf, das mit dem Wolfe zur Tränke ans Wasser kam. Der Wolf trat oben, das Schaf trat unten ins Wasser. Da schalt der Wolf das Schaf, es machte ihm das Wasser trübe. Das Schaf sprach: Wie sollte ich dir's trübe machen; stehst du doch über mir, und du machst mir's trübe? Kurz, das Schaf mußte herhalten, es mußte dem Wolfe das Wasser trübe gemacht haben. Also meine Schwärmer auch. Die haben das Feuer angezündet, wie sie selbst gar herrlich rühmen als eine Wohlthat, und wollen nun die Schuld der Uneinigkeit von sich schieben auf uns. Wer hieß Dr. Carlstadt anfahen? Wer hieß Zwingel und Oekolampad schreiben? Haben sie es nicht von ihnen selbst gethan? Wir hätten gern Frieden gehabt und noch; sie wollten es aber nicht zugeben; nun ist die Schuld unser; das ist recht!“ — Hier werden aber vielleicht manche Evangelische sagen, wir müssen es sonach freilich zugeben, daß Zwingli der Urheber der unseligen Trennung gewesen ist, und nicht Luther: aber hätte Luther nicht den Frieden wieder herstellen können, wenn er nicht so steif und starr auf den Worten: „Das ist mein Leib,“ stehen geblieben wäre? Hat Zwingli nicht später, 1529 zu Marburg, Luthern vergeblich mit Thränen um die Bruderhand gebeten und gesagt: „Es sind keine Leute auf Erden, mit denen ich lieber wollte einig sein, als mit den Wittenbergern?“ (L. Werke Hall. XVI, 2825) War es nicht lieblos, daß Luther diese und alle spätern Anerbietungen zur Union mit den sogenannten Reformirten mit eiserner Beharrlichkeit bis zu seinem letztem Athemzuge ausschlug? Die Evangelischen werden ferner sagen: Haben nicht meist gerade die Reformirten seit 300 Jahren immer neue Vorschläge zur Wiedervereinigung mit den Lutheranern gemacht, deren Ausführung aber gewöhnlich an der Härte zanksüchtiger lutherischer Theologen scheiterte? Ist es also nicht klar, daß die Reformirten die Spaltung zwar angefangen, die Lutheraner aber sie fortgesetzt haben? Werden wir nicht in der ganzen heiligen Schrift auf das ernstlichste und dringendste zu Liebe, Frieden und Einigkeit ermahnt? Wie wollet ihr Lutheraner es daher bei Gott verantworten, daß ihr die 300jährige Uneinigkeit unter den Protestanten noch immer zum Aergerniß und zur Verstockung der Papisten unterhaltet und in den Sünden eurer lieblosen Väter beharret? — Hierauf entgegnen wir: Wenn eine Spaltung durch Verschiedenheit der Lehre entsteht,