# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 11 14_S43 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) weilig an Gliederzahl gering erſcheinen, aber die Kirche bleibt darum in ihrem Weſen und Be⸗ eenntniß doch ewig ein und dieſelbe; ſie hat Thrä⸗ nen des Schmerzes für Alle, welche von ihr ab⸗ gefallen ſind, und heiliges, brünſtiges Gebet für Alle, welche die Wahrheit nicht erkennen, aber ſie geſteht Niemandem die Gliedſchaft an ihrem Leibe w, der ihr Bekenntniß verwirft oder gar anfein⸗ det. Hätte demnach ſelbſt Dr. Luther je ſolche . Ausſprüche gethan, welche der Wahrheit des Evangeliums zuwider laufen, ſo wären ſie von der lutheriſchen Kirche von vorn herein verworfen, henn auch ein Engel vom Himmel käme und ſie billigte. — Die katholiſche Kirchenzeitung verſpricht nun, dergleichen, wie ſie meint, dem Evangelium wider⸗ ſprechende Reden Luthers als Dankerſtattung für etwaige Bloßſtellung der Jeſuiten im „Luthe⸗ raner“ mitzutheilen, und hat dazu bereits in der No. 23 d. J. den Anfang gemacht. Ein jeder nag ſelbſt urtheilen, ob dies ein geeignetes Ver⸗ fahren iſt, auf gemachte Vorwürfe zu antworten, oder ob es nicht vielmehr die gänzliche Unfähigkeit zu einer ordentlichen und gründlichen Verantwortung deutlich genug verräth. — Wir übrigens wären mit dieſer Art Dankerweiſung gerne zufrieden, und dürften hoffen, daß die Leſer der katholiſchen Kir⸗ chenzeitung nur Gewinn davon haben würden, wenn wirklich von Dr. Luther ausgeſprochene Sätze unverſtümmelt und ohne Zuſätze mitgetheilt würden, aber aus der erſten Probe ſehen wir, daß dies nicht zu erwarten ſteht, und daß die katholiſche Kirchenzeitung das achte Gebot: „Du ſollſt nicht falſches Zeugniß reden“ (viel weniger drucken laſſen) „wider deinen Nächſten“, entweder aus der Zahl der zehn Gebote Gottes geſtrichen, oder auf echt Jeſuitiſch umgekehrt hat, was einem jeden einleuchten wird, wenn er uns noch einige Minuten folgen will. Folgendermaßen nämlich lautet der erſte aus Luthers Tiſchreden angezogene Satz in der katholiſchen Kirchenzeitung: „Wir haben keinen freien Willen als nur „die Kuh zu melken.“ „Ich bekenne und ſage auch, ſprach Dr. Mar⸗ „tinus, daß du einen freien Willen habeſt, die „Kuh zu melken, ein Haus zu bauen ꝛc. Aber „nicht weiter. (Tiſchr. Leipz. Ausg. Förſtemann II. 54.) „Statt deſſen lautet der Satz genau abgeſchrie⸗ ben alſo: „Ich bekenne und ſage auch, ſprach Dr. Luther, „daß du einen freien Willen haſt, die Kühe zu „melken, ein Haus zu bauen ꝛc., aber nicht weiter, „als ſo lange du in Sicherheit und Freiheit ſitzeſt, „ohne Gefahr biſt und in keinen Nöthen ſteckeſt; „da läßt du dich wohl bedünken, du habeſt einen „freien Willen, der etwas vermöge, wenn aber die „Noth vorhanden, daß weder zu eſſen noch zu „trinken, weder Vorrath noch Geld mehr da iſt, „wo bleibt hier dein freier Wille? Er verliert ſich „und kann nicht beſtehen, wenn es an's Treffen „geht. Der Glaube aber allein ſtehet und ſuchet „Chriſtum.“ Die katholiſche Kirchenzeitung hat alſo nicht allein eine durchaus unrichtige Ueberſchrift hinzu⸗ gefügt, ohne anzudeuten, daß ſie nicht von Dr. Luther herrühre, ſondern hat ſich auch nicht ge⸗ 43 ſcheut, mitten in einem Satze abzubrechen, nach den Worten: „aber nicht weiter“ ein Punktum zu ſetzen, den dazu gehörigen Nachſatz wegzulaſſen und ſo den Leſer zu zwingen, die genannten Worte, welche offenbar zu dem Nachfolgenden gehören, auf das Vorhergehende zu beziehen, wodurch ſich ein ganz anderer Sinn ergeben mußte, als in Dr. Luthers Abſicht und Ausdruck liegt. Das iſt die Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe der katholiſchen Kirchenzeitung. Wahrlich! man iſt ſtark verſucht, auch hier wieder an den berüchtigten Jeſuitiſchen Lehrſatz zu denken: der Zweck heiligt die Mittel; denn unabſichtlich kann eine ſolche grobe offenbare Fälſchung von einem Menſchen, der geſunde Sinne hat, nicht vorgenommen werden. Wie nach unſerer genauen Angabe die Worte Luthers lauten, wird ſie jeder aufrichtige Chriſt für recht erkennen, zumal wenn er ſich die Mühe geben will, in Luthers Tiſchreden ſelbſt nachzu⸗ leſen; denn da wird er finden, daß Luther im un⸗ mittelbar Vorhergehenden von der gänzlichen Un⸗ freiheit des menſchlichen Willens in geiſtlichen Dingen redet, und im Gegenſatz dazu in den oben angeführten Worien dem freien Willen einräumt, daß er in äußerlichen, weltlichen Dingen, als z. B. Kühe melken, Häuſer bauen u. ſ. w., einige Frei⸗ heit habe, wiewohl auch dieſe noch ſehr einge⸗ ſchränkt ſei. Luther fährt nämlich nach den an⸗ geführten Worten folgendermaßen fort: Darum iſt der freie Wille viel ein ander Ding als der Glaube; ja der freie Wille iſt nichts und der Glaube iſt Alles. Lieber, verſuche es, wenn du keck biſt, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Peſtilenz, Krieg, theure Zeit vor⸗ fallen. Zur Peſtilenzzeit kannſt du vor Furcht nichts beginnen, da gedenkſt du: Ach HErr Gott, wäre ich da oder dort. Könnteſt du dich hundert Meilen Weges davon wünſchen, ſo fehlte es am Willen nicht. In theurer Zeit gedenkſt du: Wo ſoll ich das Eſſen hernehmen? Das ſind die großen Thaten, die unſer freier Wille ausrichtet, daß er das Herz nicht tröſtet, fondern macht, daß es je länger je mehr verzagt, daß es ſich auch vor einem rauſchenden Blatt fürchtet. (Luth. Tiſchred. Stuttgart und Leipzig 1836. Thl. I. S. 349.) Wer die Augsburger Confeſſion nur einiger⸗ maßen kennt, wird ſich hierbei des 19ten Artikels derſelben augenblicklich erinnern, welcher wörtlich alſo lautet: „Vom freien Willen wird gelehrt, daß der Menſch etlichermaßen einen freien Willen hat äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, ſo die Vernunft begreift; aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geiſtes vermag der Menſch nicht Gott gefällig werden, Gott herz⸗ lich zu fürchten oder die angeborne böſe Luſt aus dem Herzen zu werfen; ſondern ſolches geſchieht durch den Heiligen Geiſt, welcher durch Gottes Wort gegeben wird. Denn Paulus ſpricht 1 Kor. 2, 14.: der natürliche Menſch vernimmt nichts vom Geiſt Gottes.“ „Und damit man erkennen möge, daß hierin keine Neuigkeit gelehrt werde, ſo ſind dies die kla⸗ ren Worte Auguſtini vom freien Willen, wie jetzund hiebei geſchrieben aus dem dritten Buch Hypognoſticon: „„Wir bekennen, daß in allen „Menſchen ein freier Wille iſt, denn ſie haben ja „alle natürlichen, angebornen Verſtand und Ver⸗ „nunft, nicht daß ſie etwas vermögen mit Gott „zu handeln, als: Gott von Herzen zu lieben, zu „fürchten, ſondern allein in äußerlichen Werken „dieſes Lebens haben ſie Freiheit guts oder böſes „zu wählen. Gut mein ich, das die Natur ver⸗ „mag, als auf dem Acker zu arbeiten oder nicht, „zu eſſen, zu trinken, zu einem Freunde zu gehen „oder nicht, ein Kleid an oder auszuthun, zu „bauen, ein Weib zu nehmen, ein Handwerk zu „treiben und dergleichen etwas nützlichs und guts „zu thun. Welches alles doch ohne Gott nicht iſt „noch beſteht, ſondern alles aus ihm und durch „ihn iſt. Dagegen kann der Menſch auch Böſes „aus eigner Wahl vornehmen, als für einem Ab⸗ „gott niederzuknien, einen Todtſchlag zu thun „u. . w. 7 1½ 1i Die Uebereinſtimmung dieſes Artikels mit den oben angeführten Worten Luthers und mit der heiligen Schrift iſt ſo klar, daß ſie keines weiteren Nachweiſes bedarf. An dieſem einen Nachweiſe von der Lügenhaf⸗ tigkeit der katholiſchen Kirchenzeitung könnten wir uns genügen laſſen, indem jetzt ein jeder genug⸗ ſam erkennen kann, wie viel Glauben man in ihre Worte ſetzen darf, und wie groß ihre Redlich⸗ keit iſt, da ſie abſichtlich „falſch Zeugniß“ gibt. Wir wollen aber zum Ueberfluß auch noch ein gutes Beiſpiel beibringen. Als dritten Satz aus Luthers Tiſchreden führt die katholiſche Kirchenzeitung (Ro. 23. d. J.) un⸗ ter der von ihr gemachten gottloſen Ueberſchrift: „Gott ſündigt in uns“ folgende Worte an: „Gott wirkt auch böſe Werke in uns, denn nicht wie wir, ſondern wie er will, alſo reden, thun und leiden wir alle Dinge.“ Jenaer Ausg. I. S. 311. Wir haben leider die angezogene Jenaer Ausgabe der Tiſchreden nicht zur Hand, und haben zwei andere Ausgaben vergeblich nach jenen Worten durch⸗ ſucht, ſind daher nicht im Stande anzugeben, ob ſie richtig ausgeſchrieben ſind. Es thut aber die⸗ ſes hier nichts zur Sache, denn ſelbſt wenn die Worte alſo von Luther ausgeſprochen ſind, iſt die Ueberſchrift eine durchaus boshafte und offenbar in der Abſicht geſetzt, um den Leſer von vorn herein zu einem falſchen Verſtändniſſe der darun⸗ terſtehenden Worte zu verleiten. An und für ſich beſagt nämlich der Satz nichts Unrichtiges, denn Gott wirkt ja allerdings böſe Werke in uns, nur aber ſündigt er nicht, noch auch wirkt er die Sünde. Mit andern Worten: Weil Gott es iſt, in dem wir leben, weben und ſind, Apoſt. Geſch. 17, 28., und auch kein Mörder ſeine Hand zum Morde, kein Dieb zum Diebſtahle u. ſ. w. aufheben kann, ohne daß Gott dazu das Vermö⸗ gen gibt, ſo wirket Gott in allen Werken der Menſchen mit, wie böſe ſie immer ſeien, aber das, was Er darin wirket, iſt nicht Sünde. Ja noch mehr, Gott wirket und verſchaffet durch ſeine All⸗ macht und Vorſehung, daß die Bosheit der Men⸗ ſchen eben in der Weiſe ſich auslaſſe, wie Gott es will, aber die Bosheit ſelber wirket nicht Gott, ſondern der Teufel und der verkehrte Wille des Menſchen. (Augsb. Conf. Art. 19.) Ein Beiſpiel dafür in der Bibel iſt Simei, von dem es 2 Sa⸗ muel 16, 10. heißt, als er nach dem König David mit Steinen geworfen und ihm auf das Schänd⸗ lichſte geflucht hatte: „Der HErr hat es ihn