# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_September 1950_S70 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Seite 70 September 1950 Nummer 9 mutter, sieh, eine Raupe!“ rief er plötzlich. „Gut, töte sie.“ „Schwiegermutter, schon wieder eine Raupe !“ „Was ist da Sonderliches daran?“ „Schwiegermutter , noch eine — o Schwiegermutter, hier wieder eine!“ und so ging es fort. Das war denn der guten Frau doch zu viel, und zornig und verstimmt ging sie in das Haus — sie lasse kein Gespött mit sich treiben, meinte sie. Aber da sagte Oberlin mit ernster Miene zu ihr: „Aber, liebe Mutter, machst du es nicht ebenso Gott gegenüber, wenn du so oft seinen Namen aussprichst, ohne im Ernst an ihn zu denken? Kann er sich das wohl gefallen lassen?“ Da reichte sie ihm die Hand und sagte: „Du hast recht, lieber Fritz; ich will mir diese Unart abgewöhnen.“ [Bild: Stadtansicht mit Kirchtürmen] Nachrichten aus unseren Kirchen Das Sommersemester an der Lutherischen Theologischen Hochschule wurde am Freitag, 28. Juli, mit einer Matutin und einer Ansprache des derzeitigen Vorsitzenden der Aufsichtsbehörde , Präses Heinrich Stallmann, zum Abschluß gebracht. Wie er hervorhob, haben wir gerade in dieser bösen und unruhigen Zeit besonderen Anlaß, dankbar zu sein, daß Gott uns die Arbeit dieses Semesters hat gelingen lassen und daß keine ernsthaften Schwierigkeiten sie haben stören können. Das Semester begann im Mai mit 38 Studenten, von denen einige allerdings nur zeitweilig zugegen waren. Leider ist auch einer unserer Studenten, als er gerade daheim weilte, schwer erkrankt und mußte auf den Rest des Semesters verzichten. Wir hoffen aber, daß er sich am Wintersemester wieder beteiligen kann. Unsere beiden Amerikaner aus der Wisconsinsynode wollen nach einjährigem Studium uns wieder verlassen. Sie nehmen sogar nunmehr zwei unserer Studenten mit, die nun ihrerseits ein Jahr an dem Theologischen Seminar der Wisconsinsynode in Thiensville, Wis. zu studieren gedenken und später in der Flüchtlingsmissionskirche dienen wollen. Vier Studenten bereiten sich auf ihr erstes Examen vor, das sie im September vor der Prüfungskommission unserer Kirchen abzulegen gedenken . Ein Kandidat will eine Ergänzungsprüfung ablegen, ein anderer kommt zum zweiten Examen . Im Frühjahr wird, so Gott will, eine noch größere Kandidatenzahl folgen. Von besonderen Ereignissen des Sommers sind zunächst als für das akademische Leben der Anstalt wichtigste eine Reihe von Gastvorlesungen und Vorträgen hervorzuheben. So sprach Pfarrer Hopf mehrstündig über die Heidenmission, einer der Ärzte der nahegelegenen Heilanstalt „Hohemark“ über die Neurosenforschung als ein Mittel zur Kenntnis des Menschen. Wir haben auch sonst mancherlei Besuch gehabt. Wir erwähnen die Professoren A. Gübert aus Edmonton , Canada, und Gehrke aus Watertown, Wis. Die Amerikanische Bad⸗Boll⸗Kommission weilte soeben unter uns (der erste Vizepräses der Missourisynode , Dr. Hermann Harms, die Professoren Dr. J. T. Mueller und Dr. Spitz aus St. Louis, Prof. M. J. Naumann aus Springfield, Prof. Theo. Nickel von der Valparaiso⸗Universität, Präses Roschke vom Westlichen Distrikt). Es waren schöne Stunden, die wir mit unseren lieben Gästen bei herrlichem Wetter verbringen durften. Die Fakultät hofft, die Herren der Kommission während ihres Aufenthaltes in Deutschland, wiederzutreffen zu ausführlicher Rücksprache. Eine große Freude ungewöhnlicher Art war ein Gemeindebesuch aus Norddeutschland, aus der Gemeinde Brunsbrock bei Verden/Aller, der einen ganzen Autobus voller Gemeindeglieder mit ihrem Posaunenchor auf der Durchreise nach Frankfurt zu uns führte und uns bewies, daß unsere Anstalt einen Platz im Herzen unserer Gemeinden hat. Ein Höhepunkt festlicher Art war das Missionsfest der Hochschule am Sonntag, 25. Juni, zu dem wir die umliegenden Gemeinden aller unserer Kirchen eingeladen hatten und das einen wider Erwarten starken Besuch aufzuweisen hatte. Es mögen an 500 Besucher zugegen gewesen sein, die zum Teil von weit her gekommen waren, bis von Stuttgart sogar, und die sich auch durch den starken Regenguß am Nachmittag in ihrer Festfreude nicht beeinträchtigen ließen. Über die Einzelheiten dieses Festes sind unsere Leser ja schon in der letzten Nummer unterrichtet worden. Doch wenn Feste auch Höhepunkte sind, so sind sie doch nicht Mittelpunkte des Semesters. In der Mitte steht die Arbeit, die Vorbereitung auf das hohe Ziel, die Rüste auf das heilige Amt der Kirche. Und dazu hat es auch in diesem Semester aller Kraft bedurft, über die Dozenten und Studenten nur verfügten, um so mehr, als unsere Arbeit ja noch in der einen oder anderen Hinsicht gewisse Anfangsschwierigkeiten zu überwinden hat. Aber gerade darum haben wir es herzlich begrüßt, daß nicht zuletzt durch den tatkräftigen Einsatz unseres juristischen Beraters Dr. Eisenberg in Hanau, der auch Mitglied des Verwaltungsausschusses der Hochschule ist, unsere Lutherische Theologische Hochschule nun auch offiziell ihre Anerkennung als Hochschule durch den hessischen Staat unter den üblichen Bedingungen erhalten hat. Wenn das auch in seiner Bedeutung zumal für unser kirchliches Werk nach innen nicht überschätzt werden soll, so sind damit doch eine ganze Reihe Vorteile rechtlicher Art verbunden , die unserer Arbeit und unseren Studenten auf diese Weise zugute kommen. Nun haben unsere Semesterferien begonnen. Ein Teil der Studenten ist abgereist. Ein anderer Teil ist hiergeblieben , um bei den noch immer nötigen Arbeiten auf dem Grundstück sich die Mittel für die Fortsetzung ihrer Studien zu erwerben. Andere bereiten sich in Ruhe auf ihre Examina vor. Unser Blick richtet sich jetzt auf das bevorstehende Wintersemester, für das die Vorlesungspläne bereits festliegen und auf das wir uns nun mit aller Kraft wieder rüsten müssen. Möchte Gottes Schutz und Segen auch weiterhin auf allem unserem Vorhaben ruhen! Kirsten. Ein Missionsfest der luth. Freikirche in Bayern Die Gemeinden unserer freien lutherischen Kirchen durften im Lauf dieses Sommers eine so große Zahl von kirchlichen Festen erleben, daß es unmöglich ist, über jede Feier im „Lutheraner“ zu berichten. Umso dankbarer bin ich dafür, daß ich den Glaubensgenossen ein wenig erzählen darf von einem Tag großer Freude, der uns am 9. Juli 1950 geschenkt wurde: das Missionsfest in Claffheim bei Ansbach. Dort trafen sich zu gemeinsamer Feier die Ansbacher St. Lukasgemeinde der ev.⸗luth. Freikirche, die durch Renitenz gegen den Anschluß an die EKidD neuentstandene Mühlhäuser Gemeinde der selbständigen ev.⸗luth. Kirche , sieben z. Zt. in Erlangen studierende junge Theologen aus verschiedenen luth. Freikirchen und außerdem eine Anzahl von Gliedern der ev.⸗luth. Kirche Altpreußens , die in Bayern als Heimatvertriebene in großer Zerstreuung wohnen und z. T. sehr weite Reisewege zurückgelegt hatten, um an unserem Fest teilnehmen zu können, — alles in allem eine Festgemeinde von knapp hundert Menschen, die sämtlich erleben und erleiden, was es heißt, auf „einsamen Wegen“ der lutherischen Kirche unverbrüchliche Treue zu bewahren und dem Unionismus ihrer Umgebung zu widerstehen. Wir waren Gäste eines Bauernhofes, auf dem die einzige freikirchliche Familie der Ortschaft uns alle mit herzlicher Liebe aufnahm. Unterstützt von Gemeindegliedern aus den Nachbardörfern, hatten unsere Gastgeber für alles aufs beste gesorgt. Im Grasgarten hinter dem Hause war ein schöner Festplatz mit Kanzel und Altar hergerichtet worden, der unmittelbar an Wiesen und reiche Erntefelder angrenzte. Von herrlichem Wetter begünstigt, von feiertäglicher Stille umgeben, beglückt durch die Gemeinschaft der Glaubensgenossen , durften wir an dieser schönen Stätte feiern — auf dem Boden der alten „Süddeutschen ev.⸗ luth. Freikirche“, die bereits vor 79 Jahren entstand, als in der Nähe von Ansbach der junge Pfarrvikar Andreas Hörger durch das damalige bayerische Kirchenregiment abgesetzt worden war, weil er Kirchenzucht nach Gottes Wort geübt hatte. Die Festpredigt hielt uns Oberkirchenrat Dr. Günther (Wuppertal⸗Elberfeld ), der Präsident des Oberkirchenkollegiums der ev.⸗ luth. Kirche Altpreußens, dessen Dienst in unserer Mitte eindeutig bekundete, daß sich die älteste und größte der deutschen luth. Freikirchen mit Nachdruck auch in Bayern zu den vielfach angefochtenen freikirchlichen Vorposten bekennt. Er zeigte uns auf Grund des Sonntagsevangeliums von Petri Fischzug (Luk. 5), auf welche Weise wir fähig werden zur Mission. Anschließend gab ich nach einem kurzen Grußwort der Festgemeinde einen Bericht über das Missionswerk in Südafrika, das 1892 von der Hannov. ev.⸗luth. Freikirche begonnen wurde und nun auch für andere luth. Freikirchen die Mission sein wird, an der wir in gemeinsamer Verantwortung zusammenarbeiten wollen. Im Nachmittagsgottesdienst sprach zuerst Diakon Junker (Veitsbronn), der unermüdliche Betreuer der in Bayern hin und her zerstreuten Glieder der ev.⸗ luth. Kirche in Preußen. Er legte einen Satz des Evangeliums vom Einzug Jesu in Jerusalem aus als Gleichnis und Wegweisung für das missionarische Handeln der Kirche, „Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt ...!“ Dann grüßten uns drei junge Männer der Ansbacher Gemeinde mit Gedichten, in denen ein starker Ruf zu männlicher Festigkeit und dankbarer Treue auf dem Weg der luth. Bekenntniskirche erklang . Oberkirchenrat Dr. Günther erzählte aus der Geschichte der luth. Kirche in Preußen, besonders von den erschütternden und doch so tröstlichen Erfahrungen der letzten fünf Jahre. In der Schlußpredigt über Röm. 5, 20 wies ich hin auf die beiden Worte, in denen alles liegt, was die Welt bewegt und was uns zu erkennen nottut: Sünde und Gnade. Hier liegt auch der Maßstab zum rechten Urteil inmitten aller Verwirrung der Christenheit sowie zur Selbstprüfung unserer luth. Freikirchen; hier finden wir das Zeugnis, das wir der Welt schuldig sind in dieser letztbetrübten Zeit. Unser Fest schloß — wie früher unsere großen Mühlhäuser Missionsfeste — mit einem besonderen Höhepunkt. Vormittags hatten wir als Kirchengebet das Te Deum angestimmt. Nun wurden wir noch einmal einig als Betgemeinde: Wir sangen „Allein Gott in der Höh' sei Ehr“ (V. 1—4) und brachten dann in drei Gebeten, jeweils eingeleitet durch Versikel und geschlossen mit gesungenem „Amen“, alles vor unseren Herrn: Danksagung für den Lauf des Evangeliums — Fürbitte für Kirche, Mission, Volk, Vaterland — zuletzt die Emmausbitte der Christenheit: Herr, bleibe bei uns — am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt! F. W. Hopf, Nackendorf Aus den Gemeinden der Ev.⸗Luth. Kirche Altpreußens Pastoralkonferenz der Thür.⸗Sächs. Diözese In Gotha hielten wir vom 13.—15. Juni unsere diesjährige Pastoralkonferenz. Am Abend des ersten Konferenztages feierten wir unseren Konferenzgottesdienst , in welchem Pastor Gasde uns die Beichtrede über Luk. 12, 49 und Pastor Kersten aus Weißenfels die Predigt über Matth. 9, 35—38 hielt. Der Kirchenchor schmückte unseren Gottesdienst mit drei Gesängen aufs beste aus. Für alle Amtsbrüder war es eine herzliche Freude, diesen Gottesdienst in unserer schönen, neuen Kreuzkirche zu erleben. Wie dankbar darf die Gemeinde sein, daß Gott der Herr ihr in dieser schweren Zeit den Bau eines so herrlichen Kirchleins gelingen ließ! Am Mittwoch⸗Nachmittag traten wir in die eigentlichen Verhandlungen unserer Konferenz ein. Der Superintendent eröffnete mit einer Andacht über Apg. 9, 15 und 16. Er gab einen Überblick und begrüßte aufs herzlichste Pastor Kersten, Weißenfels, der zum ersten Mal an einer Konferenz als Glied unserer Diözese teilnahm. Danach bot Pastor Martin Nagel aus Arnstadt eine Exegese von I. Petri 4, 12—19 mit praktischer Abzielung auf die Frage: „Was sagt diese Perikope insonderheit uns Amtsträgern?“ Eine rege Aussprache brachte Pastor Biehlers Referat über das Thema: „Welche Wünsche haben wir an das neue Gesangbuch unserer Kirchen?“ Da hier Entscheidungen getroffen werden müssen, die für Jahrzehnte Geltung haben, so muß sorgfältige Vorarbeit geleistet werden. Vor allem liegt uns sehr daran, daß der Zusammenhang zwischen Ost und West gewahrt wird. Darum erwarten wir, daß die Gesangbuch⸗Kommission nicht nur im Westen tagt und im Westen Beschlüsse faßt,