# Der Junge Lutheraner_Frankfurt am Main_September 1950_S34 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Seite 34 September 1950 Nummer 9 Unsere Bibelarbeit Matthäus 3, 7—12 „Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste.“ So hatte Johannes der Täufer unter Berufung auf den Propheten Jesajas seine Sendung gekennzeichnet. Bei Jesajas lesen wir, wie der Prediger in der Wüste fragt: „Was soll ich predigen?“ und dann vom HErrn selbst auch den Inhalt seiner Predigt empfängt, Jes. 40. 6—8. Unser Textabschnitt zeigt uns, wie auch das von Johannes erfüllt wurde und was er nach der Weisung des HErrn gepredigt hat. Das Thema seiner Predigt wird schon in Vers 2 dieses Kapitels genannt, und deutlich treten darin schon die zwei Hauptgedanken seiner Predigt hervor. Achtest du beim Hören einer Predigt immer auf Thema und Teile und verfolgst du andächtig und aufmerksam, wie das Thema in den verschiedenen Teilen der Predigt behandelt und durchgeführt wird? Die Predigt des Johannes enthält 1. einen Bußruf und 2. die Ankündigung des sich nahenden Himmelreiches , und sehr klar wird hier beides, Gesetz und Evangelium, Sünde und Gnade verkündigt ... Auch der HErr Jesus hat kurz danach seine Predigttätigkeit mit denselben Worten begonnen (Matth. 4, 17; Mark. 1, 14.15). Ebenso hat er auch seinen Aposteln und damit der Kirche für alle Zeiten diese Botschaft aufgetragen: Matth. 10, 7; Luk. 24, 47. Jede rechte Predigt soll darum auch darauf dringen, daß wir Buße tun, und uns die Gewißheit schenken, daß das Himmelreich zu uns gekommen ist. Die Zuhörer Vers 7a. Ein Vergleich mit Luk. 3, 7 zeigt uns, daß Johannes dieselbe Predigt allem Volk hielt, das zu ihm kam. Daß hier die Pharisäer und Sadduzäer besonders genannt werden, hat seine besondere Bedeutung . Diese Männer galten im Volk als ein Vorbild untadeliger Frömmigkeit, genossen in kirchlichen Kreisen höchstes Ansehen, mochten sich von niemandem belehren lassen und waren — kurz gesagt — die Leute, auf die das Wort Hiob 12, 2 zutraf. Was wir von den Pharisäern zu halten haben, lesen wir Matth. 23, 2—7 und Luk. 18, 9—12. Und wie wir die Sadduzäer zu beurteilen haben, zu deren Sekte die Hohenpriester jener Zeit gehörten, lehrt uns Matth. 22, 23—29; Apg. 4, 1.2; Apg. 23, 1—9. Es gibt auch heute und zu allen Zeiten solche Menschen. Der Apostel Paulus kennzeichnet sie kurz und treffend: 2. Tim. 3, 5. Es scheint, als sei der Bußruf des Wortes Gottes gar nicht für sie bestimmt. Aber die Haltung, die Johannes der Täufer bei seiner Predigt zu den Pharisäern und Sadduzäern einnahm, belehrt uns eines anderen und erinnert uns an die Feststellung : Röm. 2, 11. Wir aber dürfen nun nicht denken, die Predigt Johannes des Täufers habe nur den Pharisäern und Sadduzäern gegolten, sondern die Tatsache, daß er nach Luk. 3, 7 dasselbe allem Volk sagte, das zu ihm kam, nötigt uns alle zu demütiger Selbstprüfung und Beugung unter das Urteil: Röm. 3, 23. Darum wollen wir bei diesem Bußruf des Täufers wie bei jeder Predigt, die wir hören und in der die Sünde gestraft wird, das Wort Nathans an David beherzigen: 2. Sam. 12, 7. Der Bußruf Vers 7b. Warum nennt Johannes seine Zuhörer „Otterngezüchte“? Vergleiche Matth. 23, 33 und 1. Mol. 3, 15. Unter Otterngezüchte und Schlangensamen sind also Kinder des Teufels gemeint, wie es der HErr Jesus auch deutlich Joh. 8, 44 den Juden sagt. Das gilt von allen, die ungläubig und darum nicht Gottes Kinder sind. Auch wir müssen uns sagen lassen, daß wir das von Natur waren, ehe wir zum Glauben kamen (Eph. 2, 1—3). Stehen wir nun im Glauben, so wollen wir darüber nicht stolz werden, sondern vielmehr Röm. 11, 20—22 und 2, 4 beherzigen . Wir können als gläubige Christen nur demütig einstimmen in den Dank, der uns Kol. 1, 12.13 ans Herz gelegt wird. Wovor will Johannes seine Zuhörer mit der Frage: „Wer hat denn euch gewiesen ...?“ warnen? Sie konnten, wenn sie auf diese Frage Antwort geben wollten, sich auf niemand berufen; denn sie bildeten sich das nur selbst ein in ihrer unglaublichen Selbstgerechtigkeit . Sie beriefen sich dabei auf die Werke ihrer äußeren Frömmigkeit. Das werden auch am Tage des zukünftigen Zornes noch viele versuchen nach der Ankündigung Christi: Matth. 7, 22 und Luk. 13. 26. Auch wir stehen in dieser Gefahr des Selbstbetruges und haben, wenn wir ihr verfallen, nichts anderes zu erwarten als das Verwerfungsurteil: Matth. 7, 23 und Luk. 13, 27. Darum gilt auch uns die Warnung, die in der Frage des Täufers liegt, und die der Apostel Paulus in die Worte faßt: 1. Kor. 10, 12. Es wird furchtbar sein, wenn ein Mensch am Tage des Gerichtes dem Zorn Gottes nicht entrinnen kann. Lies Hebr. 10, 27.31; Luk. 23, 30. Vers 8 legt uns die Frage nahe, welche Frucht der Buße wir tun müssen. Und wir müssen dazu erkennen , was rechte Buße ist. Suchen wir die Bedeutung des hier gebrauchten Bildes recht zu verstehen und vergleichen wir zu diesem Zweck, was der HErr Jesus von guten und argen Früchten sagt: Matth. 7, 17—19. Was ist danach die Voraussetzung dafür, daß ein Baum gute Frucht bringt? Dasselbe gilt von uns Menschen. Psalm 1, 2.3; Jerem. 17, 7.8. Was müssen wir also zuerst werden, ehe wir gute Frucht bringen können? Nun verstehen wir auch die folgende Warnung: Vers 9. Die Juden vertrauten auf ihre leibliche Abstammung von Abraham und beriefen sich auch selbstsicher darauf: Joh. 8, 33 und 39. Neigen nicht auch wir dazu, uns darauf zu verlassen, daß wir von frommen Eltern abstammen und äußerlich Glieder einer rechtgläubigen Kirche sind? Die Worte: „Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kindern zu erwecken“ sind wie damals für die Juden, so auch heute noch für uns eine ernste Drohung, die — nur mit andern Worten — Apg. 13, 46 wiederholt und wahr gemacht wird. Wenn wir, denen heute vor andern das Wort Gottes rein und lauter verkündigt wird, die Predigt des Evangeliums verachten und dabei doch meinen, gute Glieder der Kirche zu sein, dann stehen wir in der Gefahr, daß wir die Gnade Gottes vergeblich empfangen, und das Evangelium kann einmal sehr schnell von uns genommen werden. Die Zeichen deuten immer ernster darauf hin, daß — vielleicht schon in kurzer Zeit — die freie Verkündigung des Evangeliums auch bei uns nicht mehr möglich sein und damit das Gericht Gottes über uns kommen wird, das Amos 8, 11—13 angekündigt ist. Darum ist die Drohung in Vers 10 sehr zeitgemäß . Die Axt an der Wurzel des Baumes ist das Bild der Gerichte Gottes, die schon hier in der Zeit über uns hingehen. Vergleiche Luk. 13, 6—9 und beachte den Zusammenhang mit Vers 1—5. Wenden wir das auf unsere Zeit an. Was wir heute über Verfolgungen der Kirche hören, sollte uns weniger zu entrüsteten Schmähungen gegen die „gottlosen und kirchenfeindlichen “ Machthaber der Welt bewegen, wie das heute in kirchlichen Kreisen üblich ist, sondern vielmehr in die Buße treiben. In den Maßnahmen gottloser Gewalthaber gegen die Kirche wollen wir bußfertig die Axt Gottes erkennen, die uns an die Wurzel gelegt wird, und das drohende Gericht fürchten , von dem 1. Petr. 4, 17 die Rede ist. Der Zweck der Bußpredigt Welchen Zweck hat nun ein solcher Bußruf, wie ihn Johannes an das Volk richtete? Vers 11 gibt uns Aufschluß. Hier hebt der 2. Teil der Predigt an, zu dem der 1. Teil hinführen sollte. Hier verkündigt Johannes nun, daß und wie das Himmelreich nahe herbeigekommen ist. Und darauf sollte der Bußruf die Menschen vorbereiten, sie für das Reich Gottes geschickt machen. Vergegenwärtigen wir uns auch noch einmal den Zweck der Sendung des Johannes (Vers 3). Er sollte dem HErrn Christus den Weg bereiten zu den Herzen der Menschen. Darum redet er hier auch noch einmal kurz von seiner Aufgabe (Vers 11a). „...zur Buße“. Wir erkennen nun deutlich, worauf er mit seinen Mahnungen und Warnungen hinauswollte. Seine Zuhörer sollten über sich selbst und ihre verkehrte Sinnesart erschrecken und erkennen: Wir müssen anderen Sinnes werden; wir müssen uns von Grund auf ändern, wir müssen gute Bäume werden , wenn die Axt Gottes uns nicht niederschlagen soll. Die wörtliche Übersetzung des Wortes „Buße“ im Neuen Testament bedeutet: „Sinnesänderung“. Siehe Matth. 12, 41 und lies Jona 3, 4—10 nach. Die Leute von Ninive erkannten ihre bösen Wege und glaubten an Gott. In diesem Glauben hofften sie auch auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Dasselbe lehrt uns auch das Beispiel des bußfertigen Zöllners (Luk. 19, 13) und des Schächers am Kreuz (Luk. 23, 40— 42). Wahre Buße ist demnach reuevolle Erkenntnis der Sünde und das gläubige Vertrauen auf die vergebende Gnade Gottes. Durch solche Buße wird dem Heiland der Weg in die Herzen bereitet. Der HErr selbst wirkt dadurch die Sinnesänderung und reinigt durch den Glauben an seine Gnade die Herzen (Apg. 15, 9). So läßt Johannes auch auf seinen Bußruf die Predigt von Christo folgen. Die Predigt des Gesetzes führt zur Predigt des Evangeliums; denn das Gesetz ist nur der Zuchtmeister auf Christum (Gal. 3, 24). Die Predigt des Evangeliums aber ist das Wort des Lebens, wodurch wir Gottes Kinder werden. „Der aber ... ist stärker denn ich ...“ Welche Kraft meint hier Johannes, da er den kommenden Heiland mit sich vergleicht? In den Stellen Joh. 1, 6—9; 3, 27—31 und 5, 33—36 wird ebenfalls der Vergleich zwischen beiden gezogen, und daraus lernen wir, warum und worin Jesus Christus stärker ist als Johannes der Täufer. Der Prophet hatte die Kraft des Wortes, war aber in sich selbst nur ein sündiger und schwacher Mensch. Jesus Christus aber, der ewige und wahrhaftige Gott, ist das wahrhaftige und seligmachende Licht der Welt. Johannes konnte nur die Sünde strafen und vor ihrem Verderben warnen. Aber von Christo konnte er sagen: Joh. 1, 29. Johannes konnte nur weitergeben, was er selbst zuvor empfangen hatte. Von Christo aber gilt: Joh. 1, 16, und ihm verdanken wir, was Joh. 1, 12.13 von den Kindern Gottes gesagt ist. Auf dieses Werk des Heilandes deutet auch der Täufer hin mit der Ankündigung: Vers 11b. Die Erfüllung dieser Verheißung wird besonders deutlich in der Pfingstgeschichte, und jeder von uns hat sie mit seiner Bekehrung zum Glauben an sich selbst erfahren. Damit daß wir im Glauben stehen, dürfen wir ja von uns bekennen: 2. Kor. 4, 6 und Röm. 8, 15.16 Das Ziel der Predigt Vers 12 bringt den Abschluß der Predigt des Johannes und nennt das letzte und höchste Ziel aller Predigt des Evangeliums. Dem Heiland soll der Weg in unsere Herzen ja nur darum bereitet werden, weil er zugleich der höchste Weltenrichter ist. Vergleiche den Schluß des 2. Artikels und den des 3. Artikels miteinander . Ist dir die Übereinstimmung schon aufgefallen ? Vergleiche auch, was Johannes der Täufer von Christo Joh. 3, 35.36 sagt, mit dem, was Christus selbst von sich Joh. 5, 20—24 sagt. Darauf zielt alle Predigt des Evangeliums ab, uns für dieses Gericht zu bereiten, daß wir als guter Weizen in die himmlischen Scheunen gesammelt werden. (Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, Matth. 13, 24—30 und 37—43). Wir aber wollen uns prüfen, ob wir uns nun auch die Predigt des Wortes dazu dienen und uns für den Tag des großen Gerichtes recht bereiten lassen. Das Evangelium ist nicht eine gute Morallehre für dieses irdische Leben, auch nicht ein Rezept, wie das Leben hier auf Erden friedlich und lebenswert gestaltet werden kann — dazu wird es heute allerdings von vielen umgefälscht und mißbraucht —, sondern „es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben“ (Röm. 1, 16) und diese Seligkeit des ewigen Lebens wollen wir auch in jeder Predigt, die wir hören, suchen und aus ihr mitnehmen in der gläubigen Gewißheit: 2. Tim. 1, 12b und 4, 18. Heinrich Hübener