# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_Mai 1949_S57 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Nummer 5 Mai 1949 Seite 57 Der Junge Lutheraner LUTHER: AUF NICHTS SOLLEN WIR UNS VERLASSEN NOCH TROTZEN + OHNE AUF DEN HERREN + Keine Illusionen! Die meisten von uns empfinden es als eine Selbstver⸗ständlichkeit, daß sie zur Kirche gehen dürfen. Ich meine nicht die, die gar nicht zur Kirche gehen wollen, sondern ich meine diejenigen, die lebendige junge Christen sind. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht mehr, und es wird immer weniger selbstverständlich werden. Warum? Wir müssen einmal gründlich mit der Illusion aufräumen, als lebten wir noch in einem christlichen Volk. Die Entchristlichung unseres deutschen Volkes ist unter der Oberfläche seit vielen Jahren im Gange; und sie tritt täglich stärker hervor. Was heißt das für uns junge Christen? Das heißt nichts anderes für uns, als daß man mit jedem Jahr mehr auf uns mit Fingern zeigen wird, weil wir zur Kirche gehen. Das heißt, daß man uns immer verständnisloser gegenüberstehen wird; das heißt, daß wir um unseres Glaubens willen immer mehr Spott, Haß und Feindschaft erfahren werden. Das heißt schließlich in der letzten Konsequenz, daß die Kirche immer mehr in die Lage geraten wird, in der sie in den ersten drei Jahrhunderten ihres Bestehens gewesen ist, wo sie auf Tod und Leben gelitten und gekämpft hat. Betrachten wir zunächst einmal in großen Zügen diese Entwicklung bis hin zum letzten Kriege. Wir alle haben im Religionsunterricht gelernt, daß Luther von der Frage gequält wurde: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Das war auch die Frage seines ganzen Zeitalters. Es bestand eine Sehnsucht nach dem Heil. Deswegen konnte sich damals die evangelische Kirche mit solcher unglaublichen Schnelligkeit ausbreiten. Betrachten wir die Dokumente der damaligen Zeit, es mögen politische oder andere sein, so können wir feststellen, daß sich sehr viele von ihnen auf Gott berufen. Erstaunlich? Das war kein Zufall: jene Zeit war christlich eingestellt. Aber heute? Heißt es auch heute noch: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Ich habe — außer in der Kirche — noch niemanden so fragen gehört. Aber was man heute überall hören kann, das ist: „Gibt es denn überhaupt einen Gott?“ Das ist die Frage unserer Zeit, soweit ist es gekommen. Eine Entwicklung zum Unglauben hin, wie konnte sie geschehen? Nun, es kann uns das nicht verwundern, wenn wir aufmerksam unser Neues Testament gelesen haben. Schlag einmal folgende Stellen nach, die wir aus Platzmangel nicht am vollen Wortlaut abdrucken können: 2. Petr. 3, 3—5; 2. Tim. 3, 1—5; 1. Tim. 4, 1; 2. Thess. 2,3. Wir sehen hieraus: wir befinden uns mitten im großen Abfall der Endzeit; die Menschheit verhärtet sich gegen Gott und gegeneinander. Fragen wir uns nun, wie dieser Abfall in der Wirklichkeit aussieht. Ein Schlagwort möchte ich hier nennen, das jeder kennt: der Materialismus. Man ist heute fast versucht, den Materialismus als etwas hinzunehmen, was eben sein muß und was sich von selbst versteht. Aber an dem ist es nicht. Den Materialismus gibt es erst seit etwa hundert Jahren; und mögen ihn auch heute manche Parteien auf ihre Fahnen geschrieben haben, mögen sie ihn wissenschaftlich unterbaut haben und als das einzig richtige verkünden, so bleibt demgegenüber festzustellen: der Materialismus ist ein untrügliches Zeichen des inneren Zerfalls der Menschheit und ihrer seelischen Zerrüttung, ein Zeichen der letzten, betrübten Zeit. Mögen sich der Materialismus und seine Vertreter noch so fortschrittlich und modern vorkommen, Gottes Wort weiß es besser und ist allezeit das Modernste, was es gibt. Hierbei sei ausdrücklich betont, daß der Materialismus nicht nur im Osten zu finden ist, er besteht nicht minder im Westen, nur in anderer Gestalt. Nun lösten sich in unserm Vaterland in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zwei große Gruppen von der Kirche: die Gebildeten und die Arbeiter. Das ist einfach eine Tatsache. Wie weit dies die Schuld der Kirche selbst war, soll hier nicht untersucht werden. In unsern lutherischen Freikirchen finden wir ja dennoch Gebildete und Arbeiter (wie sich dies für eine rechte christliche Gemeinde auch geziemt), aber unsere lutherischen Freikirchen standen damals noch in ihren ersten Anfängen. Mit den großen Umwälzungen der Jahre nach dem ersten Weltkrieg zeigte sich die zunehmende Entchristlichung unseres Volkes, die bis dahin noch nicht so klar bemerkt worden war, deutlicher. Es folgte die bewußt christentumsfeindliche Schulungsarbeit der Hitlerjugend. Auf diesem Gebiet hatten ihr andere schon gut vorgearbeitet; sie hatte es nicht allzu schwer damit. Keine Illusion! Noch merken wir nicht die Auswirkungen dieser H.⸗J.⸗Erziehung, denn Kirche ist wegen der christlichen Hilfswerke jetzt aktuell. Aber wenn einmal der leiseste Hauch einer Gottlosenbewegung kommen sollte, dann finden wir den allergrößten Teil dieser Generation, die von der H.⸗J. geschult wurde, im anderen Lager. Wie sieht es nun jetzt nach dem Kriege aus? Das ist für uns junge Menschen ganz besonders wichtig; denn diese Generation, in der wir jetzt aufwachsen, unsere Generation, wird für die ganze Dauer unseres Lebens unsere Umwelt sein. Ist sie jetzt gegen das Christentum eingestellt, so wird sie es später nicht minder sein. Wie steht es nun mit dem Verhältnis unserer Generation zum Christentum? Zwei Beispiele mögen uns zur Erläuterung dienen: Die Dresdener evangelische Zeitung „Der Sonntag“ berichtete: „Bei einer Umfrage unter 700 Kindern beiderlei Geschlechts zwischen 9 und 12 Jahren konnten auf die Frage, wer Jesus Christus sei, 45% der Landkinder, 7% der Stadtkinder und nur 1% der in der Bannmeile lebenden Kinder eine befriedigende Antwort geben. Von den 7% der Stadtkinder, die etwas von Gott wußten, hatten nur zwei Prozent etwas von ihrer Mutter über Jesus erfahren. Von 179 Stadtkindern beteten nur 8 täglich.“ Ein Pfarrer im Berliner Osten stellte unter seinen Konfirmanden eine Rundfrage an, wer an Gott glaube. Das waren etwa 90%. Die zweite Frage war, wer an Jesus Christus als an seinen Heiland glaube. Das waren keine 10%. Flüchtlingselend, Schulreform und das Fehlen der Väter haben das ihre getan, um die Entchristlichung unserer Jugend noch weiter voranzutragen. Galt es bisher noch bei manchen Teilen unseres Volkes für richtig, wenigstens ab und zu einmal zur Kirche zu gehen, besonders zu Weihnachten, so hört auch das langsam auf. Es gibt schon eine große Anzahl von Menschen in Deutschland, die nicht getauft sind, und es werden deren immer mehr. Unsere Jugend hat in ihrer Gesamtheit keine Bindung mehr an das Christentum. Keine Illusionen! Der Weg der Kirche wird immer beschwerlicher werden. Die ruhigen Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Das heißt, daß auch dein Weg ein schwerer werden wird, wenn du mit Ernst ein Christ sein willst. Sei dir darüber klar! Hans⸗Joachim Walter Zur Geschichte der Apologie der Augsburgischen Konfession In der Oktobernummer unseres „Jungen Lutheraners“ hörten wir etwas von dem Grundbekenntnis unserer lieben lutherischen Kirche, der Augustana. Vielleicht haben viele von euch sie durchgelesen und darüber nachgedacht, vielleicht sich auch darüber ausgesprochen. Neben diesem Bekenntnis stehen noch andere Bekenntnisse der Väter der Reformation, die zum Teil nicht so bekannt sein werden, und doch sollen wir sie kennen. Sie sind in dem sogenannten Konkordienbuch enthalten. Darin hat man alle Bekenntnisse gesammelt, die in der lutherischen Kirche Gültigkeit haben. Wir werden bald über eins hören, das euch allen sehr gut bekannt sein wird. Heute sollt ihr aber etwas erfahren über eine Schrift, die unmittelbar auf die Augsburgische Konfession folgte, nämlich ihre Apologie. Das Wort „Apologie“ kommt aus dem Lateinischen und heißt zu deutsch: „Verteidigung“. Gegen was verteidigt sich diese Schrift? Wir hatten schon gehört, daß Kaiser Karl V. nach der Verlesung des Augsburgischen Bekenntnisses eine Gegenschrift von namhaften römischen Theologen verfassen ließ: die „Konfutation“ (= Widerlegung). An ihr hatten die schärfsten Gegner Luthers gearbeitet, zum Beispiel Eck, Wimpina, Cochläus und andere. Sie haben aber die Augsburgische Konfession nicht widerlegt, sondern nur in Schmähungen ihrem Haß gegen Luther und seine Anhänger Ausdruck verliehen. Am 3. August 1530, also etwa einen Monat nach jenem denkwürdigen 25. Juni, kam die Konfutation zur Verlesung. Der Kaiser erklärte, darin sei die Meinung enthalten, bei der er stehen wolle. Wenn die Fürsten sich ihm nicht gleichstellen wollten, würde er als Schutzherr der Kirche eine Spaltung mit Macht verhindern. Dadurch sahen sich die Protestanten gezwungen, für ihre Überzeugung einzutreten und sich zu verteidigen. Um die Konfutation genauer prüfen zu können, forderten sie eine Abschrift. Die aber wollte man ihnen auf der Gegenseite nur ungern geben und stellte daher die Bedingung, daß die Lutherischen die Konfutation weder beantworten noch drucken oder sonst verbreiten dürften. Das war für die Anhänger Luthers unannehmbar. Ausgleichsverhandlungen in dieser Angelegenheit blieben erfolglos. So entschlossen sie sich, eine Verteidigungsschrift nach Aufzeichnungen zu machen, die der Vertreter der Stadt Nürnberg auf dem Reichstag, Joachim Camerarius, bei der Verlesung der Konfutation gemacht hatte. Diese Aufgabe wurde Melanchthon übertragen. Unter Beratung mit anderen trieb er diese Arbeit Mitte September schnell voran. Er stellte die Apologie in großen Zügen soweit fertig, daß der sächsische Kanzler Brück sie am 22. September überreichen konnte. Denn in einer Schlußerklärung der Konfutation fand sich die Bemerkung, daß das evangelische Bekenntnis mit gutem Grunde widerlegt sei. Doch der Kaiser verweigerte schließlich die Annahme der Apologie. Inzwischen bekam Melanchthon eine Abschrift der Konfutation zu Gesicht und konnte nun daran gehen, seine Apologie zu überarbeiten und zum Teil beträchtlich zu erweitern. In der Einteilung schloß er sich eng an die Artikel der Augustana an, faßte allerdings zusammengehörende Artikel zusammen. Die von den Gegnern anerkannten Punkte brauchte er natürlich nicht so ausführlich zu behandeln wie die strittigen. Daneben ergänzte er manche Artikel, die in der Augsburgischen Konfession nur kurz ausgeführt worden waren. Im Mittelpunkt stand ihm die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden um Christi willen. Ende April oder Anfang Mai 1531 konnten die Apologie und die Augustana endlich im Druck fertiggestellt werden, die Apologie kam zuerst nur in lateinischer Sprache heraus. Die deutsche Übersetzung besorgte dann Justus Jonas. Er schrieb allerdings nicht so scharf im Ton, wie Melanchthon sich im lateinischen Text ausgedrückt hatte. Die Übersetzung wurde im Herbst 1531 veröffentlicht. Zunächst gab Melanchthon seine Apologie als seine Privatarbeit heraus. Im Lager der Katholischen war man völlig überrascht. Weil die Konfutation nicht gedruckt werden durfte, hatte sie in der Öffentlichkeit kaum irgendeine Bedeutung erlangt gegenüber der Apologie. Bei den Protestanten fand diese überall freudige Aufnahme. Lazarus Spengler, Luthers Freund in Nürnberg, schrieb nach Empfang eines Exemplars in einem Brief: „Wir haben die Apologiam mit höchsten Freuden empfangen, guter Hoffnung, die werde noch bei unsern Nachkommen viel Nutz und Gutes schaffen.“ So erlangte die Apologie sehr bald allgemeine Anerkennung, und auf dem Tag zu Schmalkalden 1537 wurde sie von den dort anwesenden Theologen unterschrieben. Seitdem hat sie ihre Stellung unter den Bekenntnissen der lutherischen Kirche behauptet. Hellmut Fiediger „Wir hoffen, es sollen alle Gottesfürchtige in dieser unsrer Schrift genugsam sehen, daß unsere Lehre christlich und allen Frommen tröstlich und heilsam sei.“ (Aus dem Schlußwort der Apologie)