# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_Juni 1948_S44 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Seite 44 Juni 1948 Nummer 6 Lutherisches Gemeindeleben in Nordamerika. Im vergangenen Jahr weilte Herr Professor Dr. Martin Graebner als Vertreter der Ev.⸗Luth. Missourisynode in Deutschland, um die allgemeine wie auch die kirchliche Lage zu prüfen und kennenzulernen. Doch hat er die Zeit seines Aufenthalts auch dazu benutzt, um in zahlreichen Vorträgen vor Gemeinden und Pfarrkonferenzen über das kirchliche Leben in Amerika und besonders über die Wirksamkeit der lutherischen Kirche drüben zu berichten. So hat er auch kurz vor seiner Rückkehr nach Amerika im Januar dieses Jahres vor unsern beiden freikirchlichen lutherischen Gemeinden in Frankfurt am Main einen Vortrag über das Gemeindeleben in der Missourisynode gehalten, den wir in seinen wesentlichen Ausführungen nachstehend wiedergeben. Husbener. Wenn ich einen Vortrag über unser Gemeindewesen in Amerika beginne und dabei zu einer landeskirchlichen Gemeinde rede, muß ich gewöhnlich zunächst näher erklären, was überhaupt eine lutherische Gemeinde ist. Es ist mir eine umso größere Freude, daß ich das hier vor diesen freikirchlichen lutherischen Gemeinden nicht tun muß; denn eine Gemeinde unserer Synode in Amerika und eine freikirchlich lutherische Gemeinde in Deutschland stehen auf demselben Grunde und weisen in ihrem inneren Leben und Aufbau die gleiche Gestaltung auf. Doch hat sich das kirchliche Leben drüben in unserm Land in mancher Beziehung vielleicht etwas anders entfaltet, als es hier in Deutschland der Fall ist. Amerika ist ein Land der Sekten und ein Land des Unglaubens. Die Kirche wird allerdings von vielen, die gewöhnlich nicht zur Kirche gehen, unterstützt, da sie einen guten Zweck erfüllt. Aber nur die Hälfte aller unserer Einwohner gehören gliedlich einer Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft an. Von den 140 Millionen Menschen sind ungefähr 70 Millionen vollständig kirchlos, lesen keine Bibel, lassen ihre Kinder weder taufen noch konfirmieren und ziehen sie nicht auf in der Zucht und Vermahnung zum HErrn. Von den andern 70 Millionen gehören die meisten den Sekten an, sind also Reformierte oder Kalvinisten . Lutheraner sind in Amerika nur 5 Millionen Menschen, also etwa 3 bis 4% unserer Einwohner, und hiervon umfaßt die Missourisynode annähernd den dritten Teil, also etwas mehr als 1½ Millionen Glieder. In einem solchen Land entfaltet sich auch die kirchliche Arbeit auf eine mannigfaltige und oft ganz verschiedene Weise. Es gibt wohl Gegenden auf dem flachen Lande, wo die Einwohner eines Ortes lauter Lutheraner oder auch lauter Katholiken sind. Aber in der Stadt weiß man oft nicht, wer im nächsten Hause wohnt und zu welcher Kirche er gehört. Lassen Sie mich Ihnen zeigen, wie es dort auch jetzt noch zur Bildung einer lutherischen Gemeinde kommt, um Ihnen an einem solchen Beispiel die Entfaltung der kirchlichen Arbeit und des Gemeindelebens anschaulich zu machen. Eine Gemeinde kommt auch heute noch meist auf solche Weise zustande, daß ein lutherisches Glied sich in einer Stadt ansiedelt, in der es bis dahin noch keine lutherische Gemeinde gibt. Ist es ein treues Glied der Kirche, dann stellt es auch bald fest, ob vielleicht in der Nachbarstadt eine lutherische Gemeinde besteht, und fährt dann sonntags oft viele Meilen weit, um den Gottesdienst zu besuchen. Nach und nach wird es auch in seiner Stadt näher bekannt und findet zu seiner Freude, daß auch noch andere Lutheraner dort wohnen. Sie kommen vielleicht zusammen in ihren Häusern , um Gottes Wort gemeinsam zu betrachten , und laden dann auch einen Pfarrer aus einer benachbarten Gemeinde ein, daß er ihnen eine Predigt halte, ihre Kinder taufe und mit ihnen das heilige Abendmahl feiere. Die Gliederzahl vermehrt sich nach und nach