# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_Juni 1948_S41 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner ZEITBLATT FÜR EVANGELISCH-LUTHERISCHE GEMEINDEN IN DEUTSCHLAND „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Joh. 8, 31. 32. Nummer 6 Frankfurt am Main, Juni 1948 Jahrgang 2 Heilige Tränen 1. Mose 46, 29. Da spannte Josef seinen Wagen an und zog hinauf seinem Vater Israel (Jakob) entgegen gen Gosen. Und da er ihn sah, fiel er ihm um seinen Hals und weinte lange an seinem Halse. Das war ein ergreifender Augenblick, als Josef seinen geliebten Vater nach 22 Jahren der Trennung wiedersehen durfte. Er fiel ihm um den Hals und weinte lange an seinem Halse. Ergreifende Tränen! — Es gibt mancherlei Tränen, edle, heilige, aber auch unheilige. Wem aus Aerger oder gekränktem Ehrgefühl die Tränen kommen, der weint unheilige Tränen. Aber es gibt auch heilige Tränen, Tränen der Buße, wie Petrus sie in der Gründonnerstagnacht weinte, oder Tränen der Freude oder Tränen des Mitleids. Jedoch die heiligsten Tränen sind wohl solche, wie Josef sie hier am Halse seines Vaters weinte. Er sah zurück auf seinen Lebensweg. Welch dunkle Pfade hatte er gehen müssen! 22 Jahre waren es her, da hatten ihn seine Brüder als Sklaven nach Aegypten verkauft. Wie hatte er sie damals unter Tränen angefleht, aber es half nichts. Mit kaltem Herzen, mit Haß in den Augen hatten sie ihn hingegeben. Dann kam der Verkauf auf dem Sklavenmarkt und das harte Knechtlos in Potiphars Hause, die verführerischen Lockungen seiner Herrin und ihr Haß, als er ihr nicht zu Willen war, dann die lange Zeit im Gefängnis, ach, welche dunklen Stunden! Immer tiefer führte der Weg, immer dunkler wurde es in seiner Seele. Wie hatte er zu seinem Gott geschrien, in wieviel schlaflosen Nächten hatte er durchs Gitterfenster seines Kerkers gen Himmel geschaut! Hatte sein Gott ihn vergessen, verstoßen? Eine schwere, schwere Glaubensprobe jahrelang , die manchmal fast über seine Kräfte ging! — Da, mit einem Mal brach das Licht der göttlichen Gnade und Freundlichkeit mitten in die Finsternis seiner übergroßen Not. Er wurde unerwartet aus dem Gefängnis vor Pharaos Thron geholt, er durfte dem Des HErrn Rat ist wunderbarlich, und führet es herrlich hinaus. (Jes. 28, 29) Lasset uns die Ordnung, so Gott in Regierung seiner heiligen pflegt zu halten, lernen. Ich habe mich auch oftmals unterstanden, unserm HErrn Gott gewisse Weise vorzuschreiben , deren er sich bedienen sollte in Regierung entweder seiner Kirche oder anderer Dinge. „Ach HErr, ich wollte gern, daß dies nach der Ordnung möchte geschehn, und daß es einen solchen Ausgang möchte gewinnen!“ Aber Gott tat dem, was ich gebeten hatte, gerade zuwider. Da gedachte ich zum selben Mal: „Nu, es ist ja gleichwohl mein Rat nicht wider Gottes Ehre, sondern wird sehr nütz sein, daß dadurch der Name Gottes geheiliget, sein Reich gesammlet und gemehret werde usw., in Summa: es ist ja ein schöner Rat und wohl bedacht.“ Aber Gott hat ohn Zweifel solcher Weisheit gelacht und gesagt: „Wohlan, ich weiß wohl, daß du ein verständiger, gelehrter Mann bist, aber ich habe den Brauch nie gehabt, daß mich Petrus oder Doktor Martinus oder wer's auch sein möchte, unterrichten, regieren oder führen müsse. Ich bin nicht ein solcher Gott, der sich will lehren oder regieren lassen, sondern der da pfleget andere zu führen, regieren und lehren.“ Luther mächtigen König Aegyptens dessen Traum deuten, er wurde mit königlichen Ehren überhäuft , er, der arme, ehrlose Sklave, durfte neben Pharao auf königlichem Sitze thronen. Ihm war wie einem Träumenden zumute! Unfaßbar war Gottes Güte und Freundlichkeit ! Aber das Gnadenwunder wurde noch größer. Eines Tages erscheinen seine Brüder vor ihm. Bei der großen Hungersnot, welche auch über Kanaan lag, waren sie bis nach Aegypten gekommen, um Getreide zu kaufen. Staunend sieht Josef, wie die dunklen Schleier fallen, die Gott über seinen Lebensweg gebreitet hatte. Staunend und anbetend erkennt er die heiligen Wunderwege seines himmlischen Vaters, Gottes hohe, heilige Weisheit, sein unbegreifliches Erbarmen, seine ewige unwandelbare Treue. Da kommen ihm die Tränen heiliger Anbetung. Fünfmal wird uns davon erzählt. (1. Mose 42, 24; 43, 30; 45, 2; 45, 14; 46, 29) Besonders als er nach den langen Jahren der Trennung und Trübsal seinen jüngsten geliebten Bruder Benjamin und dann seinen alten, lieben Vater wiedersehen darf, und wie ihm dann zum Bewußtsein kommt, daß er selbst ein Segenswerkzeug für viele Völker hat werden dürfen, da weint er in Anbetung Gottes lange am Halse seines Bruders und seines Vaters. Ja, Gottes Gedanken führen hoch hinaus, weit über unsere kleinen menschlichen Gedanken . Auch in deinem Leben! Meinst du nicht? Du bist wohl auch schon schwere, dunkle Wege geführt worden, besonders wohl in den letzten Jahren. Du bist vielleicht heimatlos geworden , wohl getrennt von den Deinen, wohnst fern von deiner Gemeinde oder in einem kümmerlichen , elenden Raum, bist arm geworden an Hab und Gut, oder du hast deinen liebsten Menschen dahin geben müssen oder weißt überhaupt nichts von ihm. Immer dunkler ist es in deinem Leben geworden. Aber meinst du nicht, daß du auch noch einmal Tränen heiliger Anbetung weinen wirst? Gott wird einmal auch die Schleier wegnehmen,