# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 10 13_S27 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) luachweiſen, daß ſie irriger Meinung ſind. Er nuß ſie darüber näher berichten, wie jene von ihnen verworfenen Bräuche und Weiſen älter als das Pabſtthum ſeien und aus der beſten Zeit der Kirche herſtammten; wie ferner das Crucifix eine ſtumme, aber doch mächtige Predigt von dem Ge⸗ kreuzigten und das Zeichen des Kreuzes nicht minder eine liebliche Erinnerung an denſelben und ein Zeichen des Bekenn tniſſes zu ihm ſei, und deshalb für den einfältigen, gläubigen Chriſten bedeutſam und erbaulich ſei. Daß aber bei den Römiſch⸗Katholiſchen ſich Irrthum und Miß⸗ brauch daran geheftet habe, als ſei es keine Sünde, dem Crueifir und Heiligenbildern eine Art beſon⸗ derer Verehrung zu beweiſen, um der dargeſtellten Perſonen willen, und als ſei das Kreuzeszeichen und andere Ceremonien gleich weſentlich mit der reinen Predigt des göttlichen Wortes, — das be⸗ nehme ihnen nichts von ihrer Erbaulichkeit und ihrer lieblichen, die Andacht erweckenden und ſtär⸗ kenden Kraft und Bedeutſamkeit, falls nur die nine evangeliſche Lehre über dieſe Mitteldinge im Schwang gehe; der Mißbrauch derſelben hebe ja nirgends und niemals den rechten Gebrauch auf; und da zwiſchen der papiſtiſchen und lutheriſchen Lehre der Kirche eine weit größere Kluft befeſtigt ſei, als zwiſchen der letztern und der reformirten, ſo ſei viel wen iger Gefahr vorhanden, durch die Annahme jener Bräuche in den Schein des Rö⸗ miſchen, als durch die Nachahmung reformirter Ceremonien in den Verdacht zu gerathen, die re⸗ formirte Lehre zu billigen; und dieſer letzte Ver⸗ dacht liege um ſo näher, da hüben und drüben die falſche ſchriftwidrige Union zwiſchen Lutheranern und Reformirten ſo eifrig betrieben würde. Blei⸗ ben nun aber trotz all' dieſer Berichtigung jene Lutheraner bei ihrer alten Behauptung, jene und ähnliche gottesdienſtliche Bräuche ſeien nun ein⸗ mal und blieben auch „ſchriftwidrig und papiſtiſch“ und es ſei deshalb Sünde, ſie ein⸗ zuführen, und beharren ſie — jetzt nun nicht mehr in Unwiſſenheit,“) ſondern in Bosheit — bei dieſem Satz: ſo ſoll und darf ihr Prediger und der ihm gleichgeſinnte Theil der Gemeinde ihnen nicht weichen und müſſen ſich lieber gefallen laſſen, daß jene ſich ſcheiden; denn weichen ſie ihnen, ſo würden ſie auf folgende Weiſe ſündigen: Zum Erſten gäben ſie den Schein, als billigten ſie doch jene falſche Behauptung, obige Ceremo⸗ nien ſeien „ſchrift widrig und papiſtiſch, und es ſei Sünde, ſie anzunehmen“. Damit aber beſtätigten ſie eine falſche Lehre, indem weſentlich nur das Sünde iſt, was wider Gottes Gebote iſt. Ceremonien aber, ſofern ſie nicht wider die Schrift ſind (wie z. B. das römiſche Meßopfer), ſind Mitteldinge, die Gott der chriſtlichen Kirche weder geboten noch verboten hat und ohne Beſchädigung des Gewiſſens nach Umſtänden gehalten oder ge⸗ laſſen werden können. Wer aber das Halten oder Laſſen derſelben an ſich entweder zum Geſetz, *) Natürlich aber muß der. Unterricht hierüber nicht blos einmal, ſondern mehrmal geſchehen und der Paſtor muß ſich durch Fragen und Antworten von dem Erkenntnißſtande der Einzelnen, falls dieſe es leiden, möglichſt ſorgfältig zu über⸗ zeugen ſuchen. 27 oder zur Sünde machte, der verdunkelte und ent⸗ ſtellte zunächſt die evangeliſche Lehre von der chriſtlichen Freiheit und verunreinigte damit den ganzen Lehrbegriff. Zum Andern aber beſtätigten ſie auch durch jenes Weichen nicht nur die erwähnte falſche Lehre und ſündigten ſomit wider Gottes Wort und die reine Lehre, ſondern ſie verkauften zugleich that⸗ ſächlich um Menſchengefälligkeit den edeln theuern Schatz ihrer evangeliſchen Freiheit und würden zu Menſchenknechten. Denn dieſes geſchähe un⸗ leugbar in That und Wahrheit, wenn ſie das Annehmen jener Ceremonien, die doch nicht Sünde, ſondern der evangeliſchen Freiheit unter⸗ worfen ſind, ſich zur Sünde machen ließen. Zum Dritten ſtärkten ſie ihre Gegner in ihrem Muthwillen und ihrer Bosheit und ſchnitten ihnen ſelbſt die Gelegenheit ab, auch von dieſer Seite her zur Erkenntniß ihrer Sünde und zu wahrer evangeliſcher Erleuchtung zu gelangen. Zum Vierten gäben ſie den bekenntnißtreuen und evangeliſch⸗klaren Lutheranern ihrer und an⸗ drer Gemeinden durch ſolche ſündhafte Schwäche und Menſchelei kein geringes Aergerniß. Endlich aber könnte es auch leichtlich geſchehen, daß ſie durch ihr Schweigen und Weichen den Widerſachern dazu förderlich wären, den Artikel von der Rechtfertigung zu verletzen; denn wer z. B. wider die heilige Schrift das Annehmen jener Bräuche für Sünde hält, der hält eben ſo leicht das Laſſen derſelben für etwas Verdienſt⸗ liches und richtet, wenn auch vorläufig ſtillſchwei⸗ gend und im Geheimen, eine Art Eigenverdienſte neben Chriſti Verdienſt auf. Haben nun jene Lutheraner in Detroit, die ſich um des Crueifixes, der brennenden Lichter und dergleichen willen von der Gemeinde trennten, auf die letzterwähnte Art widerſprochen und ſind ſie darin geblieben trotz genugſamer Belehrung: ſo iſt's ihrem böſen Willen recht geſchehen, daß ihnen nicht gewichen wurde; und mögen ſie nun einzeln verdorren oder zu dieſer oder jener Secte fallen oder eine neue bilden, der Prediger und die Ge⸗ meinde — ſei dieſe die Mehr⸗ oder Minderzahl — ſind entſchuldigt; jener Blut komme über ihr Haupt. Fände aber der erſte obige Fall ſtatt, daß die Mißvergnügten ſich mehr aus Unwiſſenheit und Ungewöhnung gegen die ſofortige Annahme jener Bräuche geweigert hätten, ohne die Beſchul⸗ digung zu erheben und feſtzuhalten, letztere ſeien „ſchriftwidrig und papiſtiſch“: — ſo hät— ten der Prediger und die Gleichgeſinnten ſich ſchwer an ihnen verſündigt und ihr ſchwaches Gewiſſen geſchlagen, gröblich wider die Liebe ge⸗ fehlt, auf fleiſchliche Weiſe die eigne Freiheit gel⸗ tend gemacht, muthwillig Spaltung und Zer⸗ trennung angerichtet, den Leib Chriſti zerriſſen und die wahren und treuen Lutheraner, die ſolches ſehen und hören, bitter geärgert und gekränkt. Und auch wir ſogenannten Altlutheraner von der Miſſonri⸗Ohio⸗Synode wollen alles Ernſtes unſer Zeugniß darüber erhoben haben, indem wir jene Handlungsweiſe als durchaus unchriſtlich, unevangeliſch und unlutheriſch verwerfen müßten; ja wir könnten die Schuldigen nicht eher als echte und ungefälſchte Brüder wieder anerkennen, bis ſie nicht die Beleidigten herzlich um Verzeihung gebeten und, was an ihnen iſt, den Frieden wie⸗ derhergeſtellt und zur brüderlichen Verſöhnung und Heilung des Bruchs das Ihre beigetragen hätten. Ja, wir müßten dann dem Herrn Dr. Kurtz beipflichten (obſchon wir ihn faſt ſummariſch als Stimmführer der „falſchen Brüder“ d. i. der von der reinen lutheriſchen Lehre ab⸗ und der falſchen reformirten zugefallnen ſogenannten lutheriſchen Gen eralſynode verwerfen müſſen), daß durch jene ungerechte Handlungsweiſe die Gekränkten um ſo leichter den geiſtlichen Parteigängern und Frei⸗ beutern und ſonderlich den deutſchen Methodiſten in ihre Netze und Schlingen gerathen und die lutheriſche Kirche in Detroit durch unweislichen, fleiſchlichen Eifer ſich alſo ſelbſt zerſtöre. Wir unſrerſeits hoffen nun, durch dieſen Auf⸗ ſatz uns theils von dem möglichen Verdachte ge⸗ reinigt zu haben, als billigten und befolgten wir (als ſogenannte Altlutheraner) gleichfalls jene gerügte Handlungsweiſe und ſetzten das Weſen der lutheriſchen Kirche in die miöglichſt ſchnelle, ſei es auch unevangeliſcherweiſe geſchehene, Auf⸗ richtung altlutheriſcher kirchlicher Ceremonien; theils hoffen wir die Unſern und andere aufrichtige und wahrheitsliebende Leſer von dem hochwichti⸗ gen Artikel der chriſtlichen Freiheit und dem grundſätzlichen Verfahren bei ſeiner praktiſchen Anwendung für kirchliche Ceremonien etwas näher berichtet zu haben. Was übrigens inſonderheit das arme unſchul⸗ dige Crucifix oder ein Chriſtusbild am Kreuz und dergleichen betrifft, das in Dr. Kurtz' Munde ſo ungerecht die Miſſethat des Pabſtthums tragen muß, ſo iſt daraus erſichtlich, wie Herr Dr. Kurtz und die Seinen der falſchen Geiſtlichkeit der Re⸗ formirten auch in dieſem Stücke zur Beute ge⸗ worden ſind und den geſunden evangeliſchen Blick der echten Lutheraner verloren haben. Uebrigens wollten wir ihnen und uns von Herzen wünſchen, daß wir dieſe höchſte Liebesthat Gottes durch die Kreuzigung ſeines Sohnes im Wort (wenngleich in einem Nacheinander) ebenſo möchten unſern Gemeinden vor die Augen malen und zu leben⸗ diger Anſchauung bringen, als es im Crucifix die bildende Kunſt mit Einem Mal thut. Wollte Gott, der Schreiber dieſes hätte mit ſeinem leiblichen und geiſtigen Auge auf einem vorhandenen Crucifir einen Ruhe⸗ und Er⸗ quickungspunkt finden können, wenn ſeine Seele auch in engliſch- und deutſch-lutheriſchen Kirchen durch den langen Wortſchwall dieſes und jenes redefertigen geiſtlichenspeechmaker's, deſſen Aus⸗ gang und Ziel keinesweges der Gekreuzigte war, bis zunn Tode ermüdet und matt wurde! — Schließlich möchten wir aber dem Doctor der Gottesgelahrtheit Herrn B. Kurtz den Artikel von der chriſtlichen Freiheit und deren richtigen An⸗ wendung in Mitteldingen und ſonderlich in kirch⸗ lichen Ceremonien zu etwas genauerem Studium und zur Vervollſtändigung ſeiner theologiſchen Gelehrſamkeit, wie nicht minder zu ehrlicher Beherzigung, dringend empfehlen. Denn im