# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 10 13_S26 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) den Taufgeräths iſt genugſam angezeigt, welchen geringen Werth die heiligen Sacramente in den Augen ſolcher Gemeinden haben, da ſchon in der kirchlichen Einrichtung des Gotteshauſes nichts an ihre Wichtigkeit erinnert; und ſchon beim Ein⸗ tritt z. B. eines entſchiedenen und verſtändigen Lutheraners von drüben in ſolche Kirchen muß es ihm faſt ſcheinen, als ob ſchon in dieſer reformir⸗ ten Anordnung ihres Kirchhauſes die lutheriſche Gemeinde der Lehre der Reformirten von den hei⸗ ligen Sacramenten beipflichte, daß ſie bloß äußer⸗ liche inhaltsleere Zeichen und Sinnbilder, aber keine weſentlichen Gnadenmittel ſeien. Wie wird ihm aber erſt zu Muthe, wenn er in ſolcher Kirche dem Gottesdienſte beiwohnt? Da tritt ihm nirgends der Diener der Kirche in lieb⸗ licher Wechſelwirkung und Vereinigung mit der Gemeinde entgegen, um z. B. in geſalbten Ge⸗ beten, Bitten, Fürbitten und Dankſagungen ꝛe., welche den Geſammtglauben der Kirche aus— drücken, dem HErrn geiſtliche Opfer darzubringen, oder am Altar die Segnungen des HErrn im ver⸗ leſenen Wort Gottes, im geſprochenen Segen, in der Austheilung der heiligen Abſolution und des heiligen Abendmahls der Gemeinde zu ſpenden, ſondern ein Mann in ſeinem ſchwarzen Frack hält auf gut reformirt auf der Kanzel vor und nach Geſang und langer Predigt mehrmalige lange ſo⸗ genannte freie Herzensgebete, die im beſten Falle Gebetsgeiſt haben, aber doch ſchwerlich das Ge⸗ ſammtbedürfniß der Gemeinde überall treffen und den Glauben der Kirche ausdrücken, ſondern mehr ſeine perſönliche Stimmung und Empfindung ausdrücken, im ſchlimmſten Falle aber unge⸗ ſalzne und ungeſalbte Betrachtungen ſind, die nur in die Gebetsform gekleidet werden und herzlichen CEkel und Langeweile erregen. Desgleichen findet beim heiligen Abendmahl faſt lberall Brechen des Brotes und die unirte Spendungsformel: „Chri⸗ ſtus ſpricht“ und andere reformirte Formen ſtatt. Wie ſollen ſich nun bekenntnißtreue und verſtän⸗ dige Lutheraner halten, die Angeſichts dieſer Ueber⸗ macht der reformirten Form in dem Gottesdienſte der ältern hieſigen lutheriſchen Gemeinden zu einer Gemeinde zuſammentreten und das heilige Pre⸗ digtamt aufrichten wollen? Wie ſollen ſie ſich in der Anordnung des öffentlichen Gottesdienſtes weislich ihrer Freiheit bedienen? Werden ſie es etwa den umgebenden lutheriſchen Gemeinden nachmachen dürfen, ſei es auch, daß dieſe aus Un⸗ wiſſenheit, und nicht aus böſem Willen, in jene reformirten Formen hineingerathen ſind? Nicht alſo; denn jedenfalls wäre es ein Miß⸗ brauch der chriſtlichen Freiheit, ſolche Ceremonien feſtzuſetzen, welche entweder den Abfall von der reinen Sacramentslehre der lutheriſchen Kirche und die Annahme der reformirten Irrlehre bezeu⸗ gen und ausdrücken, wie dies thatſächlich bei der ſogenannten lutheriſchen Generalſynode der Fall iſt, oder die doch den böſen Schein haben, als ſei man gleichgültig um die reine Lehre, ja neige ſich eigentlich doch der falſchen der Reformirten zu und ſtrebe an, die gottloſe, ſchriftwidrige Union unſter Tage zwiſchen Lutheranern und Reformirten auf⸗ zurichten, wie dies faſt in allen andern Synoden 26 alſo ausſieht. Und welche von ihnen könnte die⸗ ſem böſen Schein entrinnen, wenn ſie reformirte Ceremonien angenommen hat und beibehält? Hieſige Lutheraner alſo, die da wiſſen, was ſie. ſind und was ſie ſollen, und die erkennen, wie die gottesdienſtlichen Formen und Bräuche der reinen Lehre entſprechen, nicht aber den böſen Schein haben ſollen, die falſche zu begünſtigen — ſolche Lutheraner würden nun freilich in dem Zuſam⸗ mentritt zu einer Gemeinde und in der Aufrich⸗ tung des heiligen Predigtamtes unter ſich auch für die Anordnung der gottesdienſtlichen Ceremonien gar bald eins ſein, nur ſolche einzuführen, die der reinen Lehre gemäß ſind; und ſo lange der wieder erwachende Geiſt des Bekenntniſſes ſich hier zu Lande noch keine beſonderen amerikaniſch-lutheri⸗ ſchen Formen in der Ausrichtung des öffentlichen Gottesdienſtes gebildet hat, würden ſie natürlich ſolche annehmen, welche die lutheriſche Kirche in Deutſchland in ihrer beſſern Zeit als Ausdruck der reinen Lehre zur Erbauung der Gemeinde und zur kirchlichen Zucht und Gewöhnung des heran⸗ wachſenden Geſchlechts gehandhabt hat. Aber freilich ſolche Lutheraner möchten ſich hier ſchwerlich irgendwo auf einem Haufen zuſammen⸗ finden, es ſei denn, daß ſie als zuſammentretende Gemeinlein vielleicht aus denſelben Gauen des deutſchen Vaterlandes auswandern. Wo aber dies nicht der Fall iſt, da geſchieht es meiſt alſo, daß z. B. in einer mittelmäßigen Stadt, wie etwa Chieago und Detroit, Lutheraner von allerlei Stufen der Erkenntniß und aus allerlei Ländern zuſammenfließen, Süddeutſche, Mittel⸗ deutſche, Norddeutſche — Lutheraner, welche außer dem verſchiedenſten Herzensſtande, der verſchieden⸗ ſten Erkenntniß und der verſchiedenſten gottes⸗ dienſtlichen Gewöhnung dennoch eine Gemeinde bilden und das heilige Predigtamt unter ſich auf⸗ richten wollen. Wo nun ein lutheriſcher Prediger wirklich von ihnen berufen wird, wie wird ſich dieſer in Hinſicht auf die Einrichtung des öffentlichen Gottesdien⸗ ſtes zu halten haben? Wird er ihn etwa kraft amtlicher Machtwollkommenheit nach ſeinem Be⸗ lieben anordnen dürfen? Nicht alſo; denn in dieſem Stück des Kirchenregiments hat auch die Gemeinde ihren Antheil. Oder wird er ſich hier allein ſeiner chriſtlichen Freiheit bedienen und je nach ſeiner Abſtammung, Auferziehung und Gewöhnung, oder nach irgend ſeinem beſondern Geſchmack und Vorliebe die Gottesdienſte einrich⸗ ten dürfen? Das ſei ferne. Wir Prediger ſollen auch darin Vorbilder der Gemeinde ſein, durch die Liebe unſre Freiheit zu binden, unſern Kirch⸗ kindern zu gefallen, wo es Mitteldinge berrifft und wir nicht dadurch auch nur mittelbar das Be⸗ kenntniß verletzen. Wie ſoll es nun alſo geſche⸗ hen? Dergeſtalt, daß der Prediger, nachdem er ordentlich (d. i. nicht zeit⸗ und miethweiſe) und auf Grund der kirchlichen Bekenntnißſchriften be⸗ rufen wurde, zweierlei thut. Das Eine nämlich iſt, daß er ſeine Heerde über den Zuſammenhang zwiſchen der reinen Lehre und ihrem erbaulichen Ausdruck in den Formen des öffentlichen Gottes⸗ dienſtes näher unterweiſe und darnach auf jene reformirte Mißgeſtalt in der gemeinſamen Gottes⸗ verehrung der meiſten hieſigen lutheriſchen Ge— meinden aufmerkſam mache und nachweiſe, wie dadurch ſo leicht der böſe Schein entſtehe, durch Annahme reformirter Bräuche auch der reformir⸗ ten Lehre zu huldigen, und wie hier die chriſtlice Freiheit nicht anwendbar ſei, ſondern die Noth⸗ wendigkeit und die Gewiſſenspflicht entſtehe, um des reinen und folgerichtigen Bekenntniſſes we⸗ gen nicht bloß die reformirten Ceremonien zu meiden, ſondern auch durch Aufrichtung lutheriſch⸗ kirchlicher Ceremonien ein Thatbekenntniß für die reine und wider die falſche Lehre abzulegen. Das Andere, was einem treuen und beſonnenen Diener der lutheriſchen Kirche ferner obliegt, iſt dieſes, daß er der Gemeinde eine geſunde, erbau⸗ liche Form eines lutheriſch-kirchlichen Gottesdien⸗ ſtes vorſchlage und ſie zugleich über die Bedeutung der einzelnen Stücke und deren Zuſammenhang näher unterweiſe. Bei dieſem Vorſchlage nun wird er natürlich ſehr Rückſicht zu nehmen haben auf Willigkeit, Verſtand und bisherige gottes⸗ dienſtliche Gewöhnung der Mehrzahl ſeiner Kirch⸗- kinder und es wäre z. B. nicht weislich und ſach⸗ dienlich gehandelt, wenn etwa der größte Theil der Gemeinde aus Schwaben herſtammte, er ſel⸗ ber aber aus Sachſen oder Norddeutſchland, daß er alsbald z. B. die reichen und vollſtändigen Altardienſte der ſächſiſch-lutheriſchen Kirche zur ſofortigen Annahme vorſchlüge. Angenommen aber, der Paſtor wäre, wenn gleich nicht mit Abſicht und Vorbedacht, ſo doch aus Leidenſchaftlichkeit und Uebereilung, in ſolchen etwas unweislichen Vorſchlag gerathen — wie hat er ſich zu verhalten, wenn z. B. die Süddeut⸗ ſchen wider ſeine Annahme ſich erklären und auch bei dieſem Widerſtande beharren? Meines Er⸗ achtens hängt ſein darauf folgendes Verfahren ganz davon ab, wie der Widerſpruch beſchaffen ſei? Iſt dieſer nämlich der Art, daß die Gegner nichts weiter ſagen, als daß ihnen jene vorgeſchla⸗ gene Weiſe des Gottesdienſtes noch zu fremd und neu ſei, um ſie zu erbauen, da ſie in Deutſchland nicht daran gewöhnt ſeien und deshalb wünſchten, daß man ſie noch nicht einführe: ſo, achte ich, muß der Prediger und der andere Theil ihnen zu Liebe weichen, ſelbſt wenn die Proteſtirenden die Minderzahl wären; dann gilt es nach Römer 14. und 1 Cor. 8, 9. die Freiheit zu binden um der Liebe willen, vorausgeſetzt, daß die Leute keine reformirten, oder unioniſtiſche Ceremonien be⸗ gehren. Iſt der Widerſpruch aber der Art, daß die Gemeindeglieder behaupten, dieſer oder jener Theil der vorgeſchlagenen Ceremonien, wie z. B. das Crueifir auf dem Altar und das Zeichen des Kreuzes beim Segen, bei der Conſecration des Brodes und Weines im heiligen Abendmahl, bei der heiligen Taufe und desgleichen ſei „ſch rift⸗ widrig und papiſtiſch“, wie der Einſender jenes Reiſeberichts und Herr Dr. Kurz und mehr oder minder wohl alle die ganze ſogenannte luthe⸗ riſche Generalſynode derſelben Anſicht ſind, ſo muß der lutheriſche Prediger ſie darüber zunächſt gründlich und ſanftmüthig belehren und ihnen