# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1859_S329 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Wird Röm. 11, 25. 26. 27. eine noch zu erwartende solenne ꝛc. 329 Aber, wirft man gewöhnlich ein, redet der Apostel, wie ihr wollt, in unserer Stelle nur von einer successiven Bekehrung der Juden durch alle Jahrhunderte hindurch, so ist es unbegreiflich, wie er davon als von einem großen Geheimniß reden könne. Dieser Einwurf hat jedoch nicht viel auf sich. Man bedenke nur Folgendes: Nachdem die Juden zwei Jahrtausende hindurch als das Volk Gottes dagestanden und es das Ansehen gehabt hatte, als habe Gott die Heiden gänzlich verworfen, so hatte es nun, nachdem die Juden ihren Messias gekreuzigt hatten und als sie die Bekenner des Messias überall verfolgten, aber zahllose Heiden in das Reich des Messias eingegangen waren, im Gegentheil das Ansehen, als habe von jetzt an Gott die Juden gänzlich verworfen und die Heiden zu seinem ausschließlichen Bundesvolke gemacht. Wie daher zuvor die Juden, auf ihr Bundesvolksrecht pochend, mit Selbstüberhebung und Verachtung auf jeden Heiden herab gesehen hatten, so zeigte sich hernach schon in der apostolischen Zeit gleicher Weise unter den Heidenchristen die Neigung, stolz sich allein als die Auserwählten anzusehen und die Juden als die nun Verworfenen zu betrachten. Dieser Neigung begegnet denn der hl. Apostel in unserem Textcapitel. Er zeigt erstlich, daß Gott sein Volk keineswegs verstoßen habe, obgleich sich dasselbe verstockt erweise; ein schlagender Beweis dafür, daß dem nicht so sei, sei seine (des Apostels) eigene Bekehrung. (Röm. 10, 21. 11, 1.) Schon zu Elias Zeiten habe es geschienen, als ob es mit Israel aus sei, aber nichtsdestoweniger habe Gott sich auch damals 7000 seiner Gläubigen unter demselben übrig gelassen (V. 2—4.). Gerade so sei es auch jetzt. Gott habe auch jetzt mitten in der großen Masse der Verstockten ein Ueberbleibsel von Auserwählten, die er aus lauter Gnade, ohne ihr Verdienst bekehre und selig mache (V. 5.). Weil aber seine Wahl eine Gnadenwahl sei, so müßten freilich alle selbstgerechten Juden verloren gehen, wie dies von ihnen auch schon geweissagt sei (V. 6—10.). Sie seien aber nicht etwa auf Gottes Veranstaltung gefallen, damit Gott die Heiden annehmen könnte; sondern ihr Fall sei nur ein Anlaß geworden zur Aufnahme der Heiden*), wobei Gott vielmehr den Zweck gehabt habe, daß die Juden, wenn sie das Herzuströmen der Heiden in das Reich ihres Messias sähen, zur Nacheiferung gereizt würden (V. 11.). Denn wenn ihr Abfall der Heiden Berufung und so ihre Seligkeit veranlaßt habe, wie viel mehr Heiden würden sich bekehrt haben, wenn ganz Israel Christum angenommen hätte (V. 12.)? Eben darum preise er (Paulus) auch sein Predigtamt unter den Heiden billig, weil er dadurch seine Volksgenossen den Heiden nachzueifern reizen und sie so selig machen wolle (V. 13. 14.) Denn so ihre Wegwerfung dazu gedient habe, daß die Heiden zur Versöhnung gelangt seien, was würde wohl ihre Annahme anders mit sich bringen, als das Leben aus dem Tode (V. 15.)? Wie einst der ganze Teig heilig gewesen sei, wenn der Anbruch, das Erst⸗ *) Vgl. Apostg. 13, 46. „Euch mußte zuerst das Wort Gottes gesagt werden; nun ihr es aber von euch stoßet und achtet euch (ihr Juden) selbst nicht werth des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden.“